Dienstag, 3. Oktober 2017

Verfolgung - David Lagercrantz

2013 wurde bekannt, dass Stieg Larssons schwedischer Verlag den Schriftsteller David Lagercrantz beauftragt hat, die Reihe fortzuführen. Larsson Vater und Bruder setzten sich für eine Fortsetzung ein. Viele Kritiker und Leser sprechen von einer „Grabschändung“, einem Sakrileg und es wäre nicht im Sinne des verstorbenen Autors. Man kann und darf debattieren, aber es ändert nun mal nichts an der Veröffentlichung.

Zwölf Jahre nach Veröffentlichung des ersten Bandes der „Millenium“ Reihe um den Journalisten Mikael Blomkvist  und der geheimnisvollen Hackerin Lisbeth Salander, geht nun die welterfolgreiche Reihe, mit dem aktuellen Titel „Verfolgung“ weiter. Autor ist ebenfalls der schwedische Autor und Journalist David Lagercrantz, der schon mit dem vierten Teil, der weltberühmten Reihe – Verschwörung – die Fangemeinde größtenteils überzeugen konnte.

Die Handlung setzt nur wenige Monate nach den Ereignissen in dem Titel: „Verschwörung“ ein. Lisbeth Salander muss dank eines übereifrigen Staatsanwaltes einige Monate in einem Frauengefängnis verbringen und Mikael „Fucking“ Blomkvist konnte seine Zeitung „Millenium“ erfolgreich reanimieren. Salander nimmt die „Auszeit“ im Gefängnis sehr locker und widmet sich ihren eigenen Studien über die Quantenphysik. Konfrontationen und systematischer und provozierender Gewalt durch einzelne Gruppierungen der kriminellen, inhaftierten Frauen, versucht sie aus dem Weg zu gehen. Als ihr Vormund einige Informationen über ihre Familie und Kindheit bereithält, bittet Lisbeth Mikael um Unterstützung bei der Recherche. Der investigative Journalist ermittelt und stößt dabei auf ein medizinisches Forschungsprojekt, dass noch immer konsequent geheim gehalten werden soll....

„Verfolgung“ von David Lagercrantz kann der Trilogie von Stieg Larssons bei weitem nicht das Wasser reichen. Bei dem Vorgängerband „Verschwörung“ hatte der Autor David Lagercrantz noch den Vorteil, teilweise auf die Originalmanuskripte des berühmten Autors zurückgreifen zu können. In dem aktuellen Titel „Verfolgung“ bewegt sich der Schriftsteller auf neuem Terrain und muss den Figuren Salanders und Blomkvist seinen eigenen Stil aufzwingen. Das wird einem schnell bewusst, denn man merkt, dass der Autor mit der Handlung einen wahren Orientierungslauf unternimmt. Es dauert zu lange, bis die Story einen konsequenten, roten Faden folgt.
Der eigene Stil des Autors drückt den beiden Hauptfiguren charakterlich eine völlig neue Entwicklung auf, dass sehr zum Nachteil, denn die Komplexität dieser Figuren geht einfach sang- und klanglos unter.

Die Story ist in zwei Handlungsstränge unterteilt, einer davon befasst sich mit gesellschaftskritischen Akzenten um die Muslimin Faria, die Lisbeth im Frauengefängnis schützt. Interessant allemal – aber wenig tiefgründig und bietet keine neue Perspektive auf dieses doch kritische Thema, einer gänzlich anderen Kultur. Der zweite Handlungspart ist dagegen faszinierend beschrieben und wissenschaftlich sehr interessant. Es wäre für das Buch insgesamt positiv gewesen, wenn sich der Autor auf diesen einen Handlungsstrang konzentriert hätte.

Es gibt spannende Momente innerhalb der Handlung, doch wirkt diese oftmals sehr hölzern, so dass die faszinierende Atmosphäre der ersten drei Bände bei Weitem nicht erreicht wird. Die Dialoge und das Zusammenspiel der beiden Charaktere sind desgleichen einfach schwach. Interessant auch der Aspekt, dass die Handlung die Schwester Lisbeth Salanders überhaupt nicht einbezieht. Der vorherige Teil ließ das doch vermuten.

Fazit

„Verfolgung“ ist eine schwache Fortsetzung der ehemals erfolgreichen Reihe. Hölzerne Handlungsstränge, die nicht ausgefeilt genug sind. Die starken Charaktere wirken wenig ausgeprägt und eine erzählerisch begeisternde Atmosphäre findet faktisch nicht statt.

Schade – mehr als ein schwacher, solider Thriller ist es nicht. Ich bin gespannt auf eine Fortsetzung – insgesamt sollte diese Reihe hoffentlich bald abgeschlossen sein.

Die Millennium-Reihe:
1. Verblendung – Stieg Larsson
2. Verdammnis – Stieg Larsson
3. Vergebung – Stieg Larsson
4. Verschwörung – David Lagercrantz
5. Verfolgung – David Lagercrantz

Michael Sterzik




Samstag, 30. September 2017

Durst - Jo Nesbo

Mitte Oktober wird „Der Schneemann“ auf den Kinoleinwänden erscheinen. Die Buchvorlage, bzw. der Roman stammt aus der Feder des norwegischen Autors und Musikers Jo Nesbo.

Michael Fassbender wird den inzwischen zur Kultfigur avancierten, fiktiven Kommissar Harry Hole spielen. Es bleibt abzuwarten, ob der Film, den Ansprüchen eines so brillanten Romans gerecht werden wird.

Jo Nesbo lässt seinen, einzelgängerischen und verschrobenen Ermittler Harry Hole in seinen 11. Fall ermitteln. „Durst“ lautet der Titel und die Handlung wird der Titel absolut gerecht.  

Die Handlung spielt fast ausschließlich in Oslo. Das Bild dieser Großstadt beschreibt der Bestsellerautor als sehr dunkel, melancholisch und schwermütig. Nach zwei Morden, bei denen den Opfern in den Hals gebissen und das Blut ausgesaugt wurde, gerät der Polizeipräsident unter erheblichen Druck. Der mutmaßliche Serienmörder hinterlässt keine Spuren an den Tatorten. Ein kaltblütiger Killer, intelligent, unberechenbar, nicht wirklich einen Muster folgend. Der Polizeipräsident setzt seinen Erzfeind, aber erfolgreichsten Ermittler Harry Hole unter Druck und reaktiviert ihn unter Zwang, den Serienmörder zu finden und auszuschalten.

Wer die Romane aus dieser Reihe gelesen hat, wird schnell feststellen, dass der Autor seine Figuren allesamt konsequent weiterentwickelt. Die Handlung fokussiert sich nicht ausschließlich auf dem Charakter Harry Hole. Seine Frau Rakel und sein Stiefsohn Oleg, vor allem letzterer sind obwohl in Nebenhandlung gesetzt, großartig aufgestellt. Die Dialoge, die sich nicht nur auf den Fall beziehen, sondern auch die Vergangenheit und ggf. die Zukunft Holes betreffen, sind sehr sensibel und feinfühlig erzählt. Spannend sind diese auch, wenn man den „alten“ Harry Hole und seine Entwicklung verfolgt hat. Sein Privatleben ist ebenso ein wichtiger Bestandteil des Romans, denn dies lässt den Charakter des Hauptkommissars menscheln. Harry Hole ist ein harter Hund, aber in diesem Roman zeigt er Angst, Mitgefühl und ist etwas nahe am Wasser gebaut. Doch Harry Hole ist und bleibt ein alter Fuchs und seinen Kollegen mindestens immer einen Schritt weiter voraus.

„Durst“ ist an Spannung kaum zu überbieten. Jo Nesbo schleift die Handlung des Romans so detailliert und passgenau, dass er zu einem Diamanten unter den Thrillern wird. Die Kombination, aus Haupt-und Nebenhandlungen, privaten- und actiongeladenen Szenen ist auf meisterklassigem Niveau erzählt. Jo Nesbos Stil hat sich mit Harry Hole folgerichtig und positiv weiterentwickelt.

In einer atmosphärischen Spannung gefesselt, gibt es keine ruhige Minute für den Leser. Jo Nesbo hat an alles gedacht und nichts Kommissar Zufall überlassen.
Harry Hole ist wie ein guter Wein – je älter, desto besser das Ergebnis, der Geschmack. Kommen wir zum Realismus der Geschichte. Jo Nesbo ist auch hier nicht in Klischees abgedriftet, oder erzählt eine Handlung, die so gar nicht stattfinden kann. Logisch, nachvollziehbar lässt er das Grauen auf die Leser los.

Fazit

Auch wenn die Reihe nun beim 11. Band angelangt ist, so ist es absehbar, dass Harry Hole noch nicht müde ist, oder in den Ruhestand geht. Zu „Durstig“ ist der ehemalige Ermittler, der zwar aktiv nicht mehr ermittelt, aber sein Wissen und seine Erfahrungen, als Dozent an der Fachhochschule, an Polizeischüler weitergibt.
„Durst“ von Jo Nesbo ist einfach Meisterklasse. Tolle Charakterzeichnungen, packende Spannung, interessante Nebenhandlungen. Ein perfekter Thriller und schon jetzt einer der stärksten Romane des Autors.

Für alle neuen Leser, die wissen möchten, wie die Romanreihe aufgebaut ist und „durstig“ geworden sind nach mehr spannenden hochklassigen Romanen, hier die Reihenfolge der Harry Hole –Romane.

1. Der Fledermausmann
2. Kakerlaken
3. Rotkehlchen
4. Die Fährte
5. Das fünfte Zeichen
6. Der Erlöser
7. Schneemann
8. Der Leopard
9. Die Larve
10. Koma
11. Durst
  

Michael Sterzik

Samstag, 23. September 2017

Thors Hammer - Herrscher des Nordens - Ulf Schiewe

Der in München lebende Autor Ulf Schiewe hat nun mit „Thors Hammer – Herrscher des Nordens“ einen neuen, historischen Roman veröffentlicht.

Diesmal transportiert der erfahrene Schriftsteller seine Leser nicht in eine mittelalterliche Epoche, oder lädt diese in Südsee zu Schmugglern und Piraten ein. Sein neuestes Werk spielt um 1027 im kalten Skandinavien – Dänen, Norweger, Schweden erobern als Wikinger – die wir frühestens seit der Kinderserie „Wickie“ kennen, die Küsten Englands, Frankreich und reisen und rauben sich sehr erfolgreich kreuz und quer durch die Meere.

Doch die rauen und starken Männer verstehen sich nicht nur im blutigen Handwerk der brachialen Kriegsführung. Sie besitzen eine Menge an Talenten; Sie gehen Handelsbeziehungen zu weit entfernten Nationen ein, sie lassen sich als Handwerker und Bauern nieder, gründen Familien und werden auch in der Fremde sesshaft. Einige von ihnen verlangt es nach deutlich mehr, sie gehen waghalsige Expeditionen, werden Entdecker, Forscher und gründen, glaubt man der aktuellen Forschung kleinere Kolonien, allerdings nicht besonders erfolgreich.

Ulf Schiewe lässt in seinem neuesten Roman, seine Wikinger regional agieren. Machtkämpfe der norwegischen und dänischen Königshäuser lassen die langjährigen mal leiseren und lauteren Krisen, in Schlachten eskalieren. Der kleine Bruder des amtierenden Königs von Norwegen, muss nach einer verlorenen Schlacht, schwer verletzt bis nach Russland fliehen. Sein Bruder und König, sowie sein Bruder sind in der Schlacht gefallen. Der Kampf um den Thron geht weiter.

Die nordische Saga um das Leben des norwegischen Königs Harald Hardrada, wird drei Bände umfassen. Der erste Teil der Trilogie beschreibt- die Kinder und Jugendjahre der Hauptperson. Spannend und gut erzählt, doch manchmal wenig realistisch, und überzogen positiv charakterisiert. Ein junger Kriegsherr, nach einer verlorenen Schlacht, wenig an Erfahrung vorzuweisen, wird charismatischer und starker Anführer einer Gruppe von rauen, erfahrenen nordischen Kriegern, und das mit nicht mal 18 Jahren!? Unterhaltung hin, oder her – Skepsis überwiegt. Sicherlich gab es vor knappen 1000 Jahren, ganze andere soziale Strukturen in einer kriegerischen Gesellschaft, die man mit der unseren überhaupt nicht vergleichen mag – doch rein logisch gesehen – der „junge“ Anführer kann den Herausforderungen nicht gewachsen sein.

Die große Schwäche in dem vorliegenden Roman, sind die manchmal schwachen, recht eindimensionalen Figuren. Eine klassische Liebe zu einer Sklavin, dramatische Tode, Erzfeindschaften, deren Konzeption schablonenhaft folgen. Hier fehlen deutlich: Ecken und Kanten der Figuren - zu positiv sind die Handlungen erzählt, zu wenige Schwachpunkte der Figuren offensichtlich.

Trotz dieser starken Schwäche, ist „Thors Hammer“ ein guter, historischer Roman, der mit der Handlung wachsen wird. Teil 2 und 3 – so kann man den Ausgang des ersten Romans interpretieren, werden deutlich stärker werden. Sehr, sehr lobenswert und grandios sind die detaillierten Beschreibungen, der Lebensumstände der alten Norweger und Dänen. Soziale- und machtstrukturelle Grenzen werden ausführlich beschrieben, die Etablierung des angenagelten Gottes – der christlichen Religion werden faktisch sauber erzählt, alte Rituale rund um die nordischen Götter, finden ebenfalls eine hohe Gewichtung. Alltagsgegenstände werden gründlich dem Leser erklärt. Sehr gute Mixtur aus spannenden und informativen Elementen.

Die historischen Quellen über König Harald sind außerordentlich schwach. Kaum Aufzeichnungen, kaum Erwähnungen in Chroniken usw. Primär musste sich Ulf Schiewe der mündlichen Überlieferungen aus Dichtungen usw. bedienen, dass hier also die künstlerische Freiheit der Interpretationen viel Raum gegeben wurde, ist schlüssig nachzuvollziehen. Es ist und bleibt ein sehr spannender historischer Abenteuerroman.

Fazit

„Thors Hammer – Herrscher des Nordes“ ist ein klassischer, Abenteurerroman der Spannung garantiert und einfach gut zu unterhalten weiß.

Es gibt sicherlich viel zu erzählen und ich freue mich auf die beiden nächsten Bände.

Michael Sterzik




Sonntag, 10. September 2017

Der Herr der Bogenschützen - Mac P. Lorne

Der Autor des erfolgreichen, historischen Romans – „Der Pirat“  Mac P. Lorne hat im Droemer Knaur Verlag nun seinen neuesten Titel: „Der Herr der Bogenschützen“ veröffentlicht.

In „Der Pirat“ wurde die Lebensgeschichte des Freibeuters unter englischer Flagge, Sir Francis Drake erzählt. Nun widmet sich der Autor einer weiteren, historischen Person, dem Earl of Huntington und späteren Duke of Exeter – John Holland. John Holland kämpft nicht auf See gegen die Feinde des britischen Königsreiches. Auf den Boden der englischen und französischen Tatsachen konzentriert sich dieser auf die traditionelle Erzfeindschaft dieser beiden Königreiche.

„Der Herr der Bogenschützen“ ist ein ungemeiner reichhaltiger, spannender und actionreicher, historischer Roman. Mac P. Lorne erzählt pfeilschnell vom Untergang des alten Grafengeschlechts, bis hin zur Rückkehr in Amt und Würden von John Hollands Familie. Die Bühne für die blutige Geschichte ist der 100jährige Krieg zwischen Englands Löwen und den französischen Lilien.

Der Protagonist John Holland erlernt den professionellen Umgang mit dem Langbogen. In den Händen eines Kriegers eine höchst effektive Waffe, nicht wahrlich ritterlich, aber dennoch tödlich. Die Schlacht bei Azincourt am 25. Oktober 1415 ging in die Militärgeschichte ein. Die englische Armee war in Unterzahl – die Franzosen hatten einige Vorteile mehr, und doch wurde dies ein schwarzer Tag – die Niederlage des französischen Rittertums und des Adels. Die walisischen Langbogenschützen Englands hatten an den Sieg den größten Anteil. Diese Schlacht wird in dem vorliegenden Roman ebenfalls thematisiert.

John Holland – der Cousin des amtierenden Königs wird zum Herrn der Bogenschützen und kämpft sich durch verschiedene Schlachten, wird schwer verletzter Kriegsgefangener und begegnet leider erst im Letzten drittel des Roman: der späteren, französischen, heiligen Nationalheldin der Jungfrau von Orléans – Jeanne D´Arc. 

„Der Herr der Bogenschützen“ ist ein Rebell, ein recht aufmüpfiger Charakter, mit manchmal schnellem Mundwerk, das diverse, persönliche Schwierigkeiten nach sich bringt. Manchmal etwas vorschnell, manchmal naiv erzählt Mac P. Lorne von politischem Kalkül der Monarchen und Thronanwärtern, die aus persönlicher Motivation heraus, nur eines bringen – Tod und Verderben für die Soldaten, für ganze Landstriche, Dörfer und Städten mit einfachen Bauern und Handwerkern.

Der Roman ist durchgehend spannend und packend geschildert. Der klassische Leidens- und Lebensweg des Protagonisten überrascht an dieser Stelle nicht, es gehört zur allzu bekannten Schablone eines historischen Romans. Trotz der Spannung gibt es allerdings auch ein paar Kritikpunkte. Der Autor lässt den Leser immer wieder wissen, dass der Protagonist: es nicht ahnen konnte, dass es ganz anders kommen wird usw. Total überflüssig in Szene gesetzt.

Großartig aber leider viel zu wenig erzählerischen Raum lässt der Autor Mac P. Lorne der historischen Gestalt Jeanne D´Arc. Als tragische Figur gezeichnet, entzaubert der Autor diese Nationalheldin, als Kriegstreiberin, schizophrene, verrückt anmutende Möchtegernbefreierin, die wie wir wissen, auf dem Scheiterhaufen endete. Als entzaubernde, politische Marionette, die sie dann letztlich war. Besonders dieser Part wurde hervorragend erzählt und ganz stark interpretiert.
Die Atmosphäre war so packend, dass ich mich noch immer frage, warum der Autor die Geschichte der Jungfrau von Orléans nicht vollumfänglich erzählt hat. Sehr schade.

Fazit

„Der Herr der Bogenschützen“ von Mac P. Lorne ist ein starker, pfeilschneller Roman mit einer durchschlagenden erzählerischen Wucht. Diese hätte etwas größer ausfallen können, aber nun gut. Perfekte Unterhaltung – geschichtlich sauber recherchiert. Der Autor weiß wovon er schreibt – lesen Sie den Roman – sie werden nicht enttäuscht sein.

Michael Sterzik



Freitag, 8. September 2017

Die Räuberbraut - Astrid Fritz

Die in Stuttgart lebende Autorin Astrid Fritz hat im Verlag Wunderlich ihren neuesten Roman: „Die Räuberbraut“ veröffentlicht.

Die Geschichte der Räuberbraut: Juliana Blasius spielt um 1800. Die junge Frau, war die Gefährtin und spätere Ehefrau des als bekannten Räuberhauptmannes „Schinderhannes“, bürgerlich Johannes Bückler. Es finden sich leider wenig Quellen über das schicksalshafte Leben der jungen Frau, die schon mit knappen 18 Jahren ihren späteren Ehemann kennengelernt hat. Aus ärmlichen Familienverhältnissen stammend, wusste Juliana Blasius offensichtlich sich durchzusetzen. Das Julchen wie sich auch genannt wurde, überlebte ihren Mann und starb im Alter von 70 Jahren an der Wassersucht. Das meiste, was man von historischen Quellen über Sie entnehmen kann, stammt wohl aus den Prozessakten – sie wurde selbst als Mittäterin, Komplizin auf zwei Jahre Haft rechtmäßig verurteilt.

Die Autorin Astrid Fritz befasst sich natürlich nicht nur mit Juliana (Julchen) Blasius, sondern schildert ihr Leben an der Seite der legendären Figur des Räubers Schinderhannes.

Doch wer war dieser Räuber überhaupt?! Schon zu Lebzeiten wurde der Schinderhannes eine Legende: ein Freiheitskämpfer, der gegen die französische Besatzungsmacht kämpfte, ein deutscher Robin Hood, der die Reichen bestahl und mit dem Diebesgut, die armen Menschen versorgte?! Ein Hallodri, ein charmanter Verführer? Glaubt man den Balladen, Theaterstücken und den Verfilmungen, so soll er das mit seiner schillernden Persönlichkeit wirklich gewesen sein.

Doch Dichtung und Wahrheit driften stark auseinander. Glaubt man der Autorin Astrid Fritz, so war der Schinderhannes nichts anderes, als ein rücksichtsloser Verbrecher. Er war feige, brutal, ein Verräter – er war ein Räuber und wahrscheinlich auch ein Mörder, er war gewalttätig und raubte, erpresste die jüdische Bevölkerung, die sowie unter den antisemitischen Hass der Bevölkerung, kaum Unterstützung fand.

Astrid Fritz erzählt allerdings auch eine ganz andere Perspektive. Sie erzählt von einem Familienvater, der stolz auf seinen Sohn war, von einem Mann, der ein Meister der Manipulation war, dass gleich in mehrerer Hinsicht. Charismatisch – eindrucksvolle Rhetorik, ein gutes Aussehen und brillante Überzeugungskraft.

Die wesentliche Stärke des Romans liegt in der Authentizität. Astrid Fritz katapultiert den Leser eine romantisch-/unromantische Räuberpartnerschaft mit all ihren Höhen und Tiefen, familiären Problemen. Es gibt keine klassische Lagerfeuerromantik, sondern sie beschreibt ein raues Leben. Immer wieder die Flucht vor den polizeilichen Behörden, immer wieder betteln um eine sichere Unterkunft, immer die Sorge, dass sie überführt, oder sogar getötet werden können. Ein Leben auf der Straße, im Wald, in Scheunen, unter Freunden, späteren Feinden und Verrätern.

Die gesamte Geschichte umkreist und konzentriert sich auf die Welt von Juliana und dem Schinderhannes. Es gibt viele, fast schon zu viele Nebencharaktere und eine Vielzahl von Schauplätzen. Die Spannung des Romans erklärt sich dadurch, dass man ja weiß, dass der Schinderhannes in Mainz hingerichtet wird, aber nicht wie ist es dazu gekommen!? Es ist eine kleine, sehr fein ausgearbeitete Persönlichkeitsanalyse eines Räuberhauptmannes, eines kriminellen – der nichts anders gewesen sein mag, als ein trauriger, nach Aufmerksamkeit strebender Versager.

Fazit

Astrid Fritz ist ein Profi, wenn es darum geht, historische Quellen spannend und unterhaltsam zu erzählen. Weder wird etwas beschönigt, oder offensiv mit Klischees durchsetzt. Im Anhang befindet sich neben dem Nachwort, auch ein Glossar mit den herkömmlichen Begrifflichkeiten und Erklärungen aus dieser Epoche.

„Die Räuberbraut“ ist eine spannende, authentische Räuberpistole mit Tiefgang.


Michael Sterzik