Ein Schatten liegt über dem berühmten „Sonderdezernat Q“, und dieses Mal ist es kein ungelöster Cold Case, sondern die Realität selbst. Jussi Adler-Olsen, der literarische Vater des chronisch mürrischen Carl Mørck und Schöpfer einer der erfolgreichsten dänischen Thriller-Reihen überhaupt, ist schwer erkrankt. Seine Krebserkrankung markiert einen bitteren Wendepunkt, doch sie bedeutet nicht das Ende. Was ursprünglich als zehnbändiges Epos geplant war, transformiert sich nun unter dramatischen Umständen: Das literarische Zepter wird weitergereicht.
Ein gewagtes Erbe Die Aufgabe, in die Fußstapfen eines Giganten wie Adler-Olsen zu treten, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Doch die Autorinnen Stine Bolther und Line Holm stellen sich dieser Herausforderung. Die Verlagsbranche und die weltweite Fangemeinde blicken mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung auf diesen Titel. Kann der spezielle „Sound“ des Sonderdezernats – diese einzigartige Melange aus skurrilen Charakteren, beklemmender Spannung und nordischer Melancholie – ohne seinen ursprünglichen Dirigenten fortbestehen?
Carl Mørck zieht den Stecker Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Carl Mørck ist raus. Der Mann, der das Sonderdezernat Q definierte, hat nach einer traumatischen Zeit unschuldiger Inhaftierung den Dienst quittiert. Er hat genug. Doch die Natur (und das Verbrechen) verabscheut ein Vakuum.
Krieg im Keller Die Dynamik der Kult-Truppe wird durch Helena komplett auf den Kopf gestellt. Rose, die Seele des Dezernats, reagiert mit offener Feindseligkeit auf die Eindringlingin. Assad, sonst der ruhende Pol, schwankt zwischen Verwirrung und Faszination. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände im Team verleihen der Geschichte eine psychologische Schärfe, die den bloßen Kriminalfall fast in den Schatten stellt. Doch das Verbrechen wartet nicht auf Teambuilding-Maßnahmen. Eine grausame Mordserie zwingt die ungleichen Ermittler zur Zusammenarbeit. Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit, in ein Internat für Sänger, wo vor Jahrzehnten Entsetzliches geschah.
Der Krimiautor wider Willen Und Carl? Der intelligente Sturkopf hat zwar den Dienst quittiert und versucht sich inzwischen – in einer fast ironischen Wendung des Schicksals – als Krimiautor, doch ganz kann er nicht loslassen. Er liefert seinem alten Team, nun geführt von Helena, die entscheidende heiße Spur. In dieser neuen Konstellation wird der ehemalige Protagonist zur Schlüsselfigur im Hintergrund, während Helena Henry das Rampenlicht für sich beansprucht. Sie erweist sich dabei als würdige Erbin: impulsiv, nachhaltig und genauso bockig, wie Carl es zu seinen besten Zeiten war.
Fazit: Ein gelungener Neuanfang „Tote Seelen singen nicht“ ist mehr als nur eine Fortsetzung; es ist eine Neuerfindung unter Bewahrung der Tradition. Das Autorentrio (bzw. die Nachfolgerinnen) schaffen es, die dichte Atmosphäre der Vorgängerromane zu konservieren. Besonders die wechselnden Erzählperspektiven tun dem Buch gut und verleihen der Handlung eine neue Tiefe, gerade in den Rückblenden.
Ohne Rose und Assad wäre ein Neuanfang undenkbar gewesen, doch die Einführung von Helena Henry injiziert der Reihe das notwendige frische Blut. Wer befürchtet hat, das Sonderdezernat Q würde ohne Adler-Olsens Alleinherrschaft untergehen, darf aufatmen: Der Keller lebt, und es ist dort unten ungemütlicher und spannender denn je.
Michael Sterzik






