Sonntag, 19. April 2026

Die Geheimen Archive des Vatikans - Hubert Wolf


Der Vatikan – eine Festung der Geheimnisse, umwoben von Mythen und Spekulationen. Hinter seinen jahrhundertealten Mauern lagern nicht nur Geschichte, sondern auch Sprengstoff. Der Heilige Stuhl hütet Dokumente, Korrespondenzen, Zeugnisse und päpstliche Briefwechsel, die das Potenzial haben, unser Verständnis der Weltgeschichte zu erschüttern. Es ist der Schatzsaal der Macht und der menschlichen Fehlbarkeit, denn auch jeder Kirchenfürst ist letztlich nur ein Mensch mit seinen Geheimnissen. Die Rede ist vom Apostolischen Archiv – jenem Ort, der oft fälschlicherweise noch als „Geheimarchiv“ bezeichnet wird, weil er viele Wahrheiten hinter verschlossenen Türen für sich behält.
85 Kilometer Akten und detektivischer Spürsinn

Achtzig Kilometer Akten aus über einem Jahrtausend – das Vatikanische Archiv ist das größte und älteste der Welt. Es ist kein Ort für freies Stöbern. Hier setzt man auf detektivischen Spürsinn, und genau diesen bringt Hubert Wolf, renommierter Professor für Kirchengeschichte in Münster, in seinem fesselnden Buch zum Einsatz. Wolf ist international bekannt für aufsehenerregende Funde, die schonungslos hinter die Kulissen von Tradition und dem Dogma der Unfehlbarkeit blicken lassen. Seine „Tiefenbohrungen“ in den Archiven enthüllen verstörende Skandale, die unser Bild der Kirche nachhaltig verändern:

Von vergessenen mächtigen Frauen bis zu verborgenen Missbrauchsfällen (wie im römischen Nonnenkloster Sant’Ambrogio).
Zu folgenschweren Entscheidungen bezüglich Bücherverboten, Inquisitionsverfahren, dem Zölibat und dem Unfehlbarkeitsdogma.

Der wohl brisanteste Teil befasst sich mit der Haltung des Vatikans zu Nationalsozialismus und Holocaust: Hat Papst Pius XII. geschwiegen, was wusste er? Die jüngst freigegebenen Akten aus seinem Pontifikat liefern Aufschluss: Wolf fand Tausende anrührender Bittbriefe jüdischer Verfolgter an den Papst. Der Weg dieser Briefe durch die vatikanischen Instanzen macht das Ausmaß der Informationen deutlich, die in Rom landeten, und wie darauf reagiert wurde.

Zwischen Fachwissen und Langeweile

Obwohl Wolfs Funde für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert sind, enttäuscht das Werk in seiner Gesamtheit. Der Leser spürt, dass es sich hier zu großen Teilen um Vorlesungsskripte handelt, was dem Stil eine extreme Nüchternheit und Überfrachtung mit überflüssigen Details verleiht. Dies ist keine packende Geschichtserzählung. Wolfs schriftstellerischer Stil ist träge und langweilig, und die historischen Themen sind für ein breites Publikum nicht zeitgemäß.
Man vermisst schmerzlich eine Behandlung aktuellerer Korrespondenzen, etwa von Papst Johannes Paul II., der doch oft in hochbrisante politische und gesellschaftliche Situationen involviert war. Zudem werden die wirklich großen Fragestellungen nicht abschließend beantwortet; die Thesen bleiben oft Andeutungen, da sich der Vatikan seine Karten nicht gänzlich in die Hand schauen lassen will.

Fazit

Der eigentliche Wert des Buches liegt in der nüchternen Bestätigung, dass der „Glaube“ in der Geschichte der Katholischen Kirche immer wieder als Instrument für eigene Machtansprüche missbraucht wurde – sei es durch harte Urteile gegen Andersgläubige oder das Brandmarken von Wissenschaftlern und Astrologen als Ketzer.

Für den spezialisierten Vatikan-Experten mag Wolfs detaillierte Recherche neues Material bieten. Für den allgemeinen Leser jedoch bleibt das größte Manko: der extrem nüchterne, träge Stil und die fehlende Aktualität, die es zu keinem Zeitpunkt schafft, die brisanten Inhalte spannend und originell zu vermitteln. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für Archivare und Theologen, aber kein fesselndes Werk für Geschichtsinteressierte.

Michael Sterzik

Donnerstag, 9. April 2026

Hörst Du den Schrei - Jørn Lier Horst & Jan-Erik Fjell


Der literarische und gesellschaftliche Reiz von ungelösten Kriminalfällen – den sogenannten Cold Cases – ist ein Phänomen, das die Spannungsliteratur seit jeher verlässlich befeuert. Es ist die zutiefst menschliche Neugier und vielleicht auch das philosophische Bedürfnis nach später Gerechtigkeit, die uns faszinieren: Was geschieht, wenn die unaufhaltsame Entwicklung von Wissenschaft und forensischer Technik auf Verbrechen trifft, die längst in den Archiven verstauben? Oft ist es nur ein winziges Detail, ein fataler Fehler des Täters in der Vergangenheit oder das späte, von Gewissensbissen getriebene Geständnis eines jahrelang schweigenden Zeugen, das das Kartenhaus der Lügen zum Einsturz bringt.

Manchmal bedarf es aber auch einfach eines völlig unbeteiligten Beobachters, der mit unvoreingenommenem Blick und obsessiver Neugier alte Pfade verlässt. Genau dieses reizvolle erzählerische Fundament nutzt ein norwegisches Autorenduo für den Auftakt seiner neuen Kriminalreihe. Unter dem Titel „Hörst Du den Schrei“ haben hier zwei namhafte Vertreter ihres Fachs ihre schriftstellerische Expertise gebündelt, was man dem routinierten und stilistisch sicheren Tonfall des Werkes ab der ersten Seite anmerkt.

Die Handlung entfaltet sich in der rauen, abgeschiedenen Kulisse des norwegischen Ortes Fagernes und bedient sich eines überaus zeitgemäßen erzählerischen Vehikels: des True-Crime-Podcasts. Im Zentrum steht der Podcaster Markus Heger, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Schicksal der vor fünfzehn Jahren spurlos verschwundenen Leah zu beleuchten. Die offizielle Aktenlage scheint eindeutig, denn obwohl Leahs Leichnam nie gefunden wurde, sitzt ihr Vater Tobias für den vermeintlichen Mord an seiner eigenen Tochter hinter Gittern. Die trügerische Ruhe der abgeschlossenen Akte wird jedoch jäh erschüttert, als eine Journalistin, die sich ebenfalls für die Ungereimtheiten des alten Falles zu interessieren begann, plötzlich und ohne jede Spur verschwindet. Dieses Ereignis fungiert als Katalysator für Heger, der die passive Rolle des Beobachters ablegt und selbst in die aktive Ermittlung einsteigt. Seine Recherchen führen ihn tief in ein Geflecht aus langen gehüteten Geheimnissen und dunklen Abgründen, bis sich in ihm eine erschütternde Gewissheit formt: Der wahre Täter von damals wurde nie gefasst, er bewegt sich noch immer frei in der Gesellschaft – und sein mörderisches Werk ist noch lange nicht vollendet.

Was diesen Roman aus der breiten Masse der skandinavischen Spannungsliteratur heraushebt, ist eine überaus unkonventionelle und clevere Figurenkonstellation, die dem Geschehen eine völlig eigene erzählerische Ebene verleiht. Der Protagonist Markus Heger ist keineswegs der klassische, strahlende Held, sondern ein vielschichtiger Charakter mit Brüchen. Er wirkt in seinem Auftreten ruhig und besonnen, wird aber von einem rastlosen inneren Antrieb gesteuert. Seine Vergangenheit als Soldat in einem Kriegseinsatz sowie seine Zeit als hochbegabter Polizeischüler, der den Dienst jedoch unter bisher ungeklärten Umständen vorzeitig quittieren musste, umgeben ihn mit einer Aura des Geheimnisvollen. Es ist stark anzunehmen, dass dieses persönliche Mysterium als erzählerischer roter Faden für kommende Bände der Reihe angelegt ist.

Der wahre Geniestreich der beiden Autoren offenbart sich jedoch in der Ausgestaltung von Hegers Vater, Frank Drage. Dieser ist kein fürsorglicher Ratgeber im klassischen Sinne, sondern ein inhaftierter Schwerverbrecher. Seine eigene kriminelle Vergangenheit bietet genügend Stoff für zukünftige Enthüllungen, doch im vorliegenden Fall wird er zur paradoxen moralischen und strategischen Stütze seines Sohnes. Frank Drage nutzt die hermetisch abgeriegelte Welt des Gefängnisses als hochgradig effizientes Informationsnetzwerk. Aus der Zelle heraus zieht er Fäden und nutzt seine Kontakte in die Unterwelt, um Markus bei dessen Ermittlungen draußen entscheidend voranzubringen. Diese ambivalente Symbiose zwischen dem wahrheitssuchenden Sohn und dem kriminellen Vater verleiht dem Thriller eine außergewöhnliche Tiefe und Originalität, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht.

Fazit

Trotz dieser starken erzählerischen Prämisse erfordert das Werk an einigen Stellen eine gewisse Nachsicht und Durchhaltevermögen des Lesers. Wer komplexe gesellschaftliche Panoramen schätzt, wird an der immensen Vielzahl von Haupt- und Nebenfiguren durchaus Gefallen finden, auch wenn dieses dichte Personennetz gerade zu Beginn eine hohe Konzentration fordert, um die stetig wechselnden Perspektiven und Allianzen sauber voneinander trennen zu können. Handwerklich muss sich das Autorenduo den Vorwurf gefallen lassen, dass die äußerst verstrickte Handlung gelegentlich an Tempo verliert. Ausufernde erzählerische Längen und die Präsentation detaillierter Informationen, die sich retrospektiv als narrative Sackgassen oder schlichtweg überflüssig für den eigentlichen Fortgang der Geschichte erweisen, trüben den ansonsten guten Lesefluss ein wenig. 

Auch die Prämisse, dass ein einzelner Podcaster im Alleingang komplexe polizeiliche Ermittlungsarbeit übernimmt und scheinbar mühelos Strukturen aufbricht, an denen die Behörden gescheitert sind, verlangt ein gewisses Maß an Zugeständnissen an die Realitätstreue des Genres. Lässt man sich jedoch auf diese literarische Freiheit ein, belohnt der Roman mit einer atmosphärisch dichten und packenden Geschichte, deren komplexe Entwicklungen eine durchweg fesselnde Unterhaltung garantieren.


Michael Sterzik 

Mittwoch, 1. April 2026

Premiere Lesung - Eva Almstädt - Ostseehölle - in der Marienkirche in Lübeck am 31.03.2026

Premierenlesung in der Lübecker Marienkirche: Ein literarischer Abend zwischen historischer Macht und neuem Nervenkitzel



Es war ein rundum gelungener literarischer Abend: Die Premierenlesung von „Ostseehölle“, dem neuesten Kriminalroman der erfolgreichen und sympathischen Autorin Eva Almstädt, fand in der imposanten Lübecker Marienkirche statt. Vor ausverkauftem Haus las die Autorin aus ihrem frisch erschienenen Werk. Durch das gemeinsame Engagement des Literaturforums Lübeck und des Pastors der Marienkirche wurde die mittelalterliche Mutterkirche der Backsteingotik zu einer beeindruckenden Bühne für die Literatur.

Ein architektonisches Statement als Tatort Dass die Wahl auf diesen Ort fiel, ist überaus passend, denn die Marienkirche ist weit mehr als nur ein beeindruckendes sakrales Bauwerk. Sie ist ein steinernes Zeugnis des Machtanspruchs, des Reichtums und des diplomatischen Geschicks des mittelalterlichen Bürgertums. Im 13. und 14. Jahrhundert von den wohlhabenden Kaufleuten der Hanse

ganz bewusst in unmittelbarer Nähe zum Rathaus gebaut, war sie eine klare architektonische Unabhängigkeitserklärung der weltlichen Kaufmannschaft gegenüber der geistlichen Macht. Sie sollte den nahen Lübecker Dom – die Kirche des Bischofs – an Größe und Pracht schlichtweg übertreffen.

In genau dieser historisch und politisch aufgeladenen Kulisse entfaltete Almstädts Krimi eine ganz besondere Wirkung, denn die Handlung knüpft makaber an die Architektur der Kirche an: Während einer Führung durch die Marienkirche entdeckt eine Teilnehmerin beim Blick über die Brüstung tief unten am Boden eines Turms einen leblosen Körper. Offenbar wurde eine Frau in den Tod gestoßen. Kommissarin Pia Korittki wird zum Tatort gerufen und erfährt, dass die Ermordete zu einem Chor aus Ostholstein gehörte – und dessen Mitglieder allerhand Geheimnisse voreinander verbergen. Kommt der Täter oder die Täterin aus diesem Kreis? Ging es um Eifersucht? Oder gibt es noch ganz andere Motive? Die Ermittlungen nehmen eine unerwartete Wendung, als Pia und ihr Team unvermittelt von dem Fall abgezogen werden und ausgerechnet ihr Lebensgefährte Marten Unruh vom LKA die Leitung übernimmt.

Spannung, Glühwein und ein stilles Mahnmal Eva Almstädt entführte das Publikum für 90 spannende Minuten in diese Abgründe. Eingehüllt in warme Decken und mit heißem Glühwein versorgt, genossen die Zuhörer die dichte Atmosphäre. Unterstützt wurde die Aktion unter anderem von der Stiftung 7 Türme, die sich der Restaurierung der historischen Kirchtürme widmet.






Wie wichtig der Erhalt dieses Ortes ist, zeigt sich auf besonders berührende Weise in der Süderturmkapelle der Kirche. Dort ruhen bis heute die zerschmetterten Kirchenglocken, die in der Palmsonntagsnacht 1942 – beim ersten verheerenden Luftangriff der Royal Air Force auf eine deutsche Großstadt – aus dem brennenden Turm stürzten. Nach dem Krieg wurden sie nicht beseitigt, sondern in ihren Trümmern belassen. Bis heute dienen sie als tief bewegendes Mahnmal für den Frieden und gegen die Sinnlosigkeit des Krieges – ein nachdenklicher Kontrast zur fiktiven Spannung des Romans und ein eindrucksvoller Rahmen für diesen besonderen literarischen Abend.

Michael Sterzik






Mittwoch, 25. März 2026

Löwenherzen - Dan Jones


Was genau macht einen ganz gewöhnlichen Menschen zu einem „Löwen“? Ist es wirklich das waghalsige Risiko, die blinde Todesverachtung im Rausch einer Schlacht? Oder ist es nicht vielmehr jene stille, zähe Kraft, die uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen? Wahrer Mut hat viele Gesichter, doch am eindrucksvollsten zeigt er sich oft in der vollkommenen Selbstlosigkeit – in dem tiefen Drang, andere, vielleicht Schwächere, mit dem eigenen Leben zu schützen. Oft sind es paradoxerweise gerade die Menschen, die von der Gesellschaft als unbedeutend abgetan werden, die das größte Kämpferherz beweisen. Vielleicht rührt diese Stärke gerade daher, dass sie selbst vom Leben gezeichnet sind und bereits unzählige Schicksalsschläge und Herausforderungen meistern mussten.

Genau in dieser rohen, ungeschönten Menschlichkeit liegt der erzählerische Kern des dritten und abschließenden Romans über die Söldnertruppe der „Essex Dogs“. Mit diesem Buch liefert Dan Jones nicht nur einen grandiosen Abschluss seiner historischen Reihe, sondern ein tiefgründiges Epochenporträt, das aus vielerlei Gründen eine absolute Leseempfehlung ist.

Dan Jones entwirft das faszinierende Sittenbild einer Welt im radikalen Umbruch. England befindet sich in der unruhigen Zeit nach der Großen Pest. Die Gesellschaft ist von extremen, geradezu schmerzhaften Kontrasten geprägt: Auf der einen Seite steht das harte, entbehrungsreiche und doch von einer leisen Hoffnung getragene Leben der einfachen Bevölkerung, die versucht, aus den Trümmern eine neue Existenz aufzubauen. Auf der anderen Seite prallt diese Realität auf die schamlose Dekadenz und die ungenierte Feierwut des königlichen Hofes in Windsor.

Es ist eine Ära, in der moralische Grenzen verschwimmen. Das zwielichtige Milieu der Piraten und Kriegsgewinnler lockt mit schnellem, aber schmutzigem Geld. Gleichzeitig versuchen verarmte Ritter verzweifelt, ihren Status in einer Welt zu retten, die langsam, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegengeht. Und über all diesem gesellschaftlichen Chaos thront der englische König Edward III., der den Wirren seiner Zeit mit einem fast schon zynischen Fatalismus und seinem treuen Motto begegnet: "It is as it is."

Die Handlung des dritten Bandes setzt nur wenige Jahre nach den dramatischen Ereignissen des Vorgängers ein. Die einst so eingeschworene Truppe der Essex Dogs ist zerrissen und in alle Winde zerstreut. Die Zeiten sind unbarmherzig, und die alten Veteranen geben alles, um sich einen Neuanfang abseits der Schlachtfelder zu erkämpfen – doch die zivile Welt erweist sich als ebenso gnadenlos wie der Krieg: Millstone und Thorp müssen sich als Leibwächter einer Prinzessin verdingen, der Scotsman wird als bloßer Schaukämpfer zur Belustigung anderer schikaniert, und Romford schuftet für einen Ritter, der ihn schamlos ausbeutet.
Besonders tragisch ist das Schicksal von Loveday. Er versucht mit aller Macht, die Schrecken der vergangenen Schlachten aus seinem Gedächtnis zu streichen, um sich und seiner kleinen Familie den Traum von einem eigenen Gasthaus zu erfüllen. Er will diese friedliche Familienidylle um jeden Preis beschützen. Doch die Vergangenheit ist ein unerbittlicher Jäger. Schon bald muss Loveday ahnen, dass er ein letztes Mal in die Schlacht ziehen muss. Letztlich holt die alten Kameraden die bittere Erkenntnis ein: Das blutige Handwerk des Krieges ist womöglich das Einzige, was sie in dieser Welt wirklich beherrschen. Was sie in diesen dunklen Stunden aufrechterhält, ist ihre tiefe Verbundenheit. Immer wieder gedenken sie der gefallenen Gefährten, die an ihrer Seite kämpften und den Tod fanden.

Dan Jones ist nicht nur ein Autor; er ist ein renommierter Experte und Historiker. Bekannt durch seine viel gerühmten Dokumentationen, Podcasts und eine ganze Riege fundierter historischer Sachbücher, festigt er mit dieser Trilogie nun endgültig seine Position in der historischen Belletristik.

Fazit
Sein besonderes Talent zeigt sich in der mühelosen Verschmelzung von Fakten und Fiktion. Die fiktive kleine Söldnergruppe bewegt sich durch ein dichtes Netz historisch verbürgter Ereignisse. Jones beweist ein unglaubliches Fingerspitzengefühl dabei, reale historische Persönlichkeiten in seine Handlung einzubauen und sie atmen zu lassen. Es ist eine besondere erzählerische Freude, wenn überlieferte Zitate dieser Figuren ganz natürlich ihren Weg in das spannende Storytelling finden. Nüchterne, historische Fakten in eine derart packende, emotionale und zugleich informative Erzählung zu übersetzen, ist eine große Kunst – und Dan Jones beherrscht sie in diesem Finale meisterhaft.

Michael Sterzik

Sonntag, 1. März 2026

Im Schatten der Ruinen - Peter Klisa


Das Trauma der „Stunde Null“: Leben in einer Mondlandschaft. Das Jahr 1945 markierte für Deutschland nicht nur das Ende eines verheerenden Krieges, sondern einen völligen zivilisatorischen Zusammenbruch. Die einst pulsierenden Metropolen glichen apokalyptischen Mondlandschaften; allein in Berlin türmten sich Abermillionen Kubikmeter Schutt. In diesen Trümmerwüsten vegetierten die Überlebenden – desillusioniert, gezeichnet und unter ständiger Lebensgefahr, da beschädigte Gebäudereste jederzeit einzustürzen drohten. Die gesellschaftliche Ordnung lag sprichwörtlich in Schutt und Asche. Familien waren zerrissen, und der Alltag wurde bestimmt vom quälenden Warten auf ein Lebenszeichen der Väter, Söhne und Ehemänner. Oft brachte erst eine knappe Meldung des Deutschen Roten Kreuzes die bittere Gewissheit. Und wer tatsächlich aus der Gefangenschaft oder von den Fronten zurückkehrte, fand oft nichts weiter vor als die zertrümmerten Reste seiner früheren Existenz.

Die Wirtschaft der Verzweiflung und das Gesetz des Schwarzmarktes

In den Jahren nach der Kapitulation kostete die eklatante Unterversorgung zahllose weitere Leben. Die offizielle Währung, die Reichsmark, hatte faktisch ihren Wert verloren, und die ausgegebenen Lebensmittelkarten reichten bei Weitem nicht aus, um den täglichen Kalorienbedarf zu decken. Aus schierer Verzweiflung klammerten sich die Menschen an die nackte Existenzsicherung.

Es etablierte sich rasant eine neue, illegale Ökonomie: der Schwarzmarkt. Die amerikanische Zigarette wurde zur inoffiziellen Leitwährung. Alles, was noch einen Funken Wert besaß – der gerettete Schmuck der Großeltern, wertvolle Antiquitäten, aber auch simpler Stahl, Kohle oder Konservendosen aus den Ruinen –, wurde hier getauscht. In den Besatzungszonen Berlins gehörte dieses Treiben zum Alltag und wurde von den Behörden oft zähneknirschend toleriert, da es das Überleben der Massen sicherte. Doch wo staatliche Kontrolle fehlte, füllte die organisierte Kriminalität das Vakuum. Skrupellose Schieberbanden rissen den Handel an sich, bereicherten sich an der Not der Bevölkerung und etablierten das brutale Gesetz der Straße.

Berlin 1948: Pulverfass im Zentrum der Mächte Genau in dieses historische Pulverfass – ein gesetzloses Berlin kurz vor der Währungsreform und der sich abzeichnenden Blockade – entführt Peter Klisa mit seinem neuesten Roman „Im Schatten der Ruinen“.

Captain Matthew Wallet wird im Jahr 1948 ausgerechnet in den amerikanischen Sektor dieser zerstörten Stadt strafversetzt. Sein Auftrag ist so simpel wie lebensgefährlich: Er und seine Einheit sollen die ausufernde Bandenkriminalität unter Kontrolle bringen. Doch die Realität übertrifft Wallets schlimmste Erwartungen. Er stößt auf die „Brandenburger“, ein hochgefährliches Netzwerk ehemaliger Wehrmachtssoldaten, das in allen vier Sektoren Berlins sein Unwesen treibt. Als diese Bande bei einem Massaker in einem Schwarzmarktlager eine gegnerische Gruppierung skrupellos ausschaltet, weiß Wallet, dass ihm die Zeit davonläuft.

Um das Netzwerk zu infiltrieren, engagiert er einen Informanten aus der Szene: den erst zwölfjährigen Heiner, der in der Unterwelt bestens vernetzt ist. Ein riskantes Spiel beginnt, das bald außer Kontrolle gerät. Kurze Zeit später verschwindet der Junge spurlos. Gemeinsam mit Heiners Mutter, Klara, begibt sich Wallet auf eine verzweifelte Suche – und die beiden tappen prompt in einen tödlichen Hinterhalt.

Fazit: Eine schonungslose Zeitreise 

Peter Klisa liefert mit „Im Schatten der Ruinen“ weit mehr als nur einen spannenden Kriminalroman. Das Buch besticht durch eine profunde historische Recherchearbeit und fängt die düstere, moralische Grauzone der Nachkriegsjahre exzellent ein. Der Autor wirft uns regelrecht in eine Welt zurück, deren Härte heute kaum noch fassbar ist.

Für eine Generation, die fließendes Wasser, eine verlässliche Infrastruktur, Energie und ein sicheres Dach über dem Kopf als Selbstverständlichkeit erachtet, ist dieser Roman eine eindringliche Lektion. Er macht auf fesselnde Weise begreifbar, unter welchen unfassbaren Entbehrungen die Menschen damals nicht nur überlebten, sondern den unerschütterlichen Willen aufbrachten, eine neue Zukunft aufzubauen. Ein tiefgründiges Leseerlebnis, das den Horizont erweitert und lange nachhallt.

Michael Sterzik

Montag, 16. Februar 2026

Das Camp - Linus Geschke


Das Böse ist kein flüchtiger Gast, der höflich anklopft und wieder verschwindet. Es ist ein Sediment. Es lagert sich lautlos ab, schichtet sich über Jahrzehnte an Orten auf, an denen Grausamkeit zur ungesunden Routine wurde, bis die bloße Luft dort eine beklemmende Schwere annimmt. Linus Geschke beweist in der Fortsetzung seiner Trilogie eindrucksvoll, dass die Grenze zwischen Licht und Schatten niemals statisch ist. Motive verschwimmen im Nebel der Ardennen, Gut und Böse werden zur reinen Interpretationssache – und manchmal ist der Preis für die nackte Wahrheit schlichtweg lebensgefährlich.

Nach dem fulminanten Auftakt in „Der Trailer“ löst Geschke nun sein unbarmherziges Versprechen aus dem Nachwort ein: Niemand ist sicher. Wer glaubte, sich an liebgewonnene Figuren klammern zu können wie an einen Rettungsanker, wird schmerzhaft eines Besseren belehrt. In dieser Welt gibt es keine Plot-Armor; jeder Herzschlag könnte der letzte sein.

Im Zentrum der Finsternis steht das Camp Donkerbloem. Ein Ort mit einer Historie, die man besser tief unter Waldboden und Schweigen begraben hätte. Wout Meertens versucht hier gemeinsam mit dem Ex-Boxer Tayfun einen Neuanfang. Doch die Idylle der Ardennen ist so brüchig wie dünnes Eis. Während hunderte Kilometer entfernt ein verstörender Killer eine blutige Schneise durch das Land schlägt, flüchtet die Hamburger Kommissarin Frieda Stahnke ausgerechnet dorthin, wo sie Sicherheit vermutet. Ein fataler Irrtum. Denn mit ihr kehrt das Böse nicht nur zurück nach Donkerbloem – es bittet zum tödlichen Tanz.

Geschke beherrscht die seltene Kunst der „kleinlichen“ Charakterzeichnung. Seine Protagonisten sind keine glattgebügelten Reißbrett-Helden; sie haben Risse, Kanten und eine psychologische Tiefe, die sie erschreckend menschlich und gerade dadurch so verwundbar macht.

„Das Camp“ ist in seiner Konsequenz beinahe physisch spürbar. Wenn der Killer zuschlägt, lässt der Autor seine Leser den Atem anhalten – man meint, das Sterben der Opfer förmlich im Raum zu hören. Doch inmitten dieser nackten Brutalität findet Geschke immer wieder Momente der absoluten Stille. Sein „Spannungsorchester“ beherrscht auch die leisen, emotionalen Töne, die den Leser erst entwaffnen, bevor der nächste Schlag mit voller Wucht trifft.

Fazit

Die Story selbst agiert dabei wie eine hungrige Katze in einer überfüllten Hundeschule

Linus Geschke hat seinen Stil zur Perfektion getrieben. Er schreibt ohne überflüssigen Ballast, ohne künstliche Längen, dafür mit einer unbarmherzigen, nicht-linearen Charakterentwicklung. Man weiß nie, welche Abzweigung diese Figuren als Nächstes nehmen – oder ob sie das nächste Kapitel überhaupt überleben.

Wer Band 1 und 2 noch nicht kennt, sollte die eiserne Disziplin aufbringen und bis zum Finale „Die Schlucht“ im Juli warten. Dann steht einem kompromisslosen, schlaflosen Lesesommer nichts mehr im Wege.

Ein absoluter Pageturner. Das Böse ist längst salonfähig geworden, die Eskalation ist in vollem Gange – und ich kann es kaum erwarten, bis die Falle im finalen Band endgültig zuschnappt.

Michael Sterzik



Mittwoch, 4. Februar 2026

Tote Seelen singen nicht – Jussi Adler Olsen, Stine Bolther und Line Holm


Ein Schatten liegt über dem berühmten „Sonderdezernat Q“, und dieses Mal ist es kein ungelöster Cold Case, sondern die Realität selbst. Jussi Adler-Olsen, der literarische Vater des chronisch mürrischen Carl Mørck und Schöpfer einer der erfolgreichsten dänischen Thriller-Reihen überhaupt, ist schwer erkrankt. Seine Krebserkrankung markiert einen bitteren Wendepunkt, doch sie bedeutet nicht das Ende. Was ursprünglich als zehnbändiges Epos geplant war, transformiert sich nun unter dramatischen Umständen: Das literarische Zepter wird weitergereicht.

Ein gewagtes Erbe Die Aufgabe, in die Fußstapfen eines Giganten wie Adler-Olsen zu treten, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Doch die Autorinnen Stine Bolther und Line Holm stellen sich dieser Herausforderung. Die Verlagsbranche und die weltweite Fangemeinde blicken mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung auf diesen Titel. Kann der spezielle „Sound“ des Sonderdezernats – diese einzigartige Melange aus skurrilen Charakteren, beklemmender Spannung und nordischer Melancholie – ohne seinen ursprünglichen Dirigenten fortbestehen?
Carl Mørck zieht den Stecker Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Carl Mørck ist raus. Der Mann, der das Sonderdezernat Q definierte, hat nach einer traumatischen Zeit unschuldiger Inhaftierung den Dienst quittiert. Er hat genug. Doch die Natur (und das Verbrechen) verabscheut ein Vakuum. 

An Carls verwaistem Schreibtisch im Kopenhagener Polizeikeller macht sich eine neue Kraft breit – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Helena Henry. Die taffe Französin aus Lyon ist mehr als nur eine Nachfolgerin; sie ist eine Provokation. Sie ist geheimnisvoll, trägt dunkle Geheimnisse wie einen unsichtbaren Mantel und legt ihre Füße mit einer Selbstverständlichkeit auf Carls Tisch, die im Team für Schockwellen sorgt.

Krieg im Keller Die Dynamik der Kult-Truppe wird durch Helena komplett auf den Kopf gestellt. Rose, die Seele des Dezernats, reagiert mit offener Feindseligkeit auf die Eindringlingin. Assad, sonst der ruhende Pol, schwankt zwischen Verwirrung und Faszination. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände im Team verleihen der Geschichte eine psychologische Schärfe, die den bloßen Kriminalfall fast in den Schatten stellt. Doch das Verbrechen wartet nicht auf Teambuilding-Maßnahmen. Eine grausame Mordserie zwingt die ungleichen Ermittler zur Zusammenarbeit. Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit, in ein Internat für Sänger, wo vor Jahrzehnten Entsetzliches geschah.

Der Krimiautor wider Willen Und Carl? Der intelligente Sturkopf hat zwar den Dienst quittiert und versucht sich inzwischen – in einer fast ironischen Wendung des Schicksals – als Krimiautor, doch ganz kann er nicht loslassen. Er liefert seinem alten Team, nun geführt von Helena, die entscheidende heiße Spur. In dieser neuen Konstellation wird der ehemalige Protagonist zur Schlüsselfigur im Hintergrund, während Helena Henry das Rampenlicht für sich beansprucht. Sie erweist sich dabei als würdige Erbin: impulsiv, nachhaltig und genauso bockig, wie Carl es zu seinen besten Zeiten war.

Fazit: Ein gelungener Neuanfang „Tote Seelen singen nicht“ ist mehr als nur eine Fortsetzung; es ist eine Neuerfindung unter Bewahrung der Tradition. Das Autorentrio (bzw. die Nachfolgerinnen) schaffen es, die dichte Atmosphäre der Vorgängerromane zu konservieren. Besonders die wechselnden Erzählperspektiven tun dem Buch gut und verleihen der Handlung eine neue Tiefe, gerade in den Rückblenden.

Ohne Rose und Assad wäre ein Neuanfang undenkbar gewesen, doch die Einführung von Helena Henry injiziert der Reihe das notwendige frische Blut. Wer befürchtet hat, das Sonderdezernat Q würde ohne Adler-Olsens Alleinherrschaft untergehen, darf aufatmen: Der Keller lebt, und es ist dort unten ungemütlicher und spannender denn je.

Michael Sterzik