Premierenlesung in der Lübecker Marienkirche: Ein literarischer Abend zwischen historischer Macht und neuem Nervenkitzel
Es war ein rundum gelungener literarischer Abend: Die Premierenlesung von „Ostseehölle“, dem neuesten Kriminalroman der erfolgreichen und sympathischen Autorin Eva Almstädt, fand in der imposanten Lübecker Marienkirche statt. Vor ausverkauftem Haus las die Autorin aus ihrem frisch erschienenen Werk. Durch das gemeinsame Engagement des Literaturforums Lübeck und des Pastors der Marienkirche wurde die mittelalterliche Mutterkirche der Backsteingotik zu einer beeindruckenden Bühne für die Literatur.
Ein architektonisches Statement als Tatort
Dass die Wahl auf diesen Ort fiel, ist überaus passend, denn die Marienkirche ist weit mehr als nur ein beeindruckendes sakrales Bauwerk. Sie ist ein steinernes Zeugnis des Machtanspruchs, des Reichtums und des diplomatischen Geschicks des mittelalterlichen Bürgertums. Im 13. und 14. Jahrhundert von den wohlhabenden Kaufleuten der Hanse
ganz bewusst in unmittelbarer Nähe zum Rathaus gebaut, war sie eine klare architektonische Unabhängigkeitserklärung der weltlichen Kaufmannschaft gegenüber der geistlichen Macht. Sie sollte den nahen Lübecker Dom – die Kirche des Bischofs – an Größe und Pracht schlichtweg übertreffen.
In genau dieser historisch und politisch aufgeladenen Kulisse entfaltete Almstädts Krimi eine ganz besondere Wirkung, denn die Handlung knüpft makaber an die Architektur der Kirche an: Während einer Führung durch die Marienkirche entdeckt eine Teilnehmerin beim Blick über die Brüstung tief unten am Boden eines Turms einen leblosen Körper. Offenbar wurde eine Frau in den Tod gestoßen. Kommissarin Pia Korittki wird zum Tatort gerufen und erfährt, dass die Ermordete zu einem Chor aus Ostholstein gehörte – und dessen Mitglieder allerhand Geheimnisse voreinander verbergen. Kommt der Täter oder die Täterin aus diesem Kreis? Ging es um Eifersucht? Oder gibt es noch ganz andere Motive? Die Ermittlungen nehmen eine unerwartete Wendung, als Pia und ihr Team unvermittelt von dem Fall abgezogen werden und ausgerechnet ihr Lebensgefährte Marten Unruh vom LKA die Leitung übernimmt.
Spannung, Glühwein und ein stilles Mahnmal Eva Almstädt entführte das Publikum für 90 spannende Minuten in diese Abgründe. Eingehüllt in warme Decken und mit heißem Glühwein versorgt, genossen die Zuhörer die dichte Atmosphäre. Unterstützt wurde die Aktion unter anderem von der Stiftung 7 Türme, die sich der Restaurierung der historischen Kirchtürme widmet.
Wie wichtig der Erhalt dieses Ortes ist, zeigt sich auf besonders berührende Weise in der Süderturmkapelle der Kirche. Dort ruhen bis heute die zerschmetterten Kirchenglocken, die in der Palmsonntagsnacht 1942 – beim ersten verheerenden Luftangriff der Royal Air Force auf eine deutsche Großstadt – aus dem brennenden Turm stürzten. Nach dem Krieg wurden sie nicht beseitigt, sondern in ihren Trümmern belassen. Bis heute dienen sie als tief bewegendes Mahnmal für den Frieden und gegen die Sinnlosigkeit des Krieges – ein nachdenklicher Kontrast zur fiktiven Spannung des Romans und ein eindrucksvoller Rahmen für diesen besonderen literarischen Abend.
Michael Sterzik










