Das Böse ist kein flüchtiger Gast, der höflich anklopft und wieder verschwindet. Es ist ein Sediment. Es lagert sich lautlos ab, schichtet sich über Jahrzehnte an Orten auf, an denen Grausamkeit zur ungesunden Routine wurde, bis die bloße Luft dort eine beklemmende Schwere annimmt. Linus Geschke beweist in der Fortsetzung seiner Trilogie eindrucksvoll, dass die Grenze zwischen Licht und Schatten niemals statisch ist. Motive verschwimmen im Nebel der Ardennen, Gut und Böse werden zur reinen Interpretationssache – und manchmal ist der Preis für die nackte Wahrheit schlichtweg lebensgefährlich.
Nach dem fulminanten Auftakt in „Der Trailer“ löst Geschke nun sein unbarmherziges Versprechen aus dem Nachwort ein: Niemand ist sicher. Wer glaubte, sich an liebgewonnene Figuren klammern zu können wie an einen Rettungsanker, wird schmerzhaft eines Besseren belehrt. In dieser Welt gibt es keine Plot-Armor; jeder Herzschlag könnte der letzte sein.
Im Zentrum der Finsternis steht das Camp Donkerbloem. Ein Ort mit einer Historie, die man besser tief unter Waldboden und Schweigen begraben hätte. Wout Meertens versucht hier gemeinsam mit dem Ex-Boxer Tayfun einen Neuanfang. Doch die Idylle der Ardennen ist so brüchig wie dünnes Eis. Während hunderte Kilometer entfernt ein verstörender Killer eine blutige Schneise durch das Land schlägt, flüchtet die Hamburger Kommissarin Frieda Stahnke ausgerechnet dorthin, wo sie Sicherheit vermutet. Ein fataler Irrtum. Denn mit ihr kehrt das Böse nicht nur zurück nach Donkerbloem – es bittet zum tödlichen Tanz.
Geschke beherrscht die seltene Kunst der „kleinlichen“ Charakterzeichnung. Seine Protagonisten sind keine glattgebügelten Reißbrett-Helden; sie haben Risse, Kanten und eine psychologische Tiefe, die sie erschreckend menschlich und gerade dadurch so verwundbar macht.
„Das Camp“ ist in seiner Konsequenz beinahe physisch spürbar. Wenn der Killer zuschlägt, lässt der Autor seine Leser den Atem anhalten – man meint, das Sterben der Opfer förmlich im Raum zu hören. Doch inmitten dieser nackten Brutalität findet Geschke immer wieder Momente der absoluten Stille. Sein „Spannungsorchester“ beherrscht auch die leisen, emotionalen Töne, die den Leser erst entwaffnen, bevor der nächste Schlag mit voller Wucht trifft.
Fazit
Die Story selbst agiert dabei wie eine hungrige Katze in einer überfüllten Hundeschule
Linus Geschke hat seinen Stil zur Perfektion getrieben. Er schreibt ohne überflüssigen Ballast, ohne künstliche Längen, dafür mit einer unbarmherzigen, nicht-linearen Charakterentwicklung. Man weiß nie, welche Abzweigung diese Figuren als Nächstes nehmen – oder ob sie das nächste Kapitel überhaupt überleben.
Wer Band 1 und 2 noch nicht kennt, sollte die eiserne Disziplin aufbringen und bis zum Finale „Die Schlucht“ im Juli warten. Dann steht einem kompromisslosen, schlaflosen Lesesommer nichts mehr im Wege.
Ein absoluter Pageturner. Das Böse ist längst salonfähig geworden, die Eskalation ist in vollem Gange – und ich kann es kaum erwarten, bis die Falle im finalen Band endgültig zuschnappt.
Michael Sterzik






