Mittwoch, 4. Februar 2026

Tote Seelen singen nicht – Jussi Adler Olsen, Stine Bolther und Line Holm


Ein Schatten liegt über dem berühmten „Sonderdezernat Q“, und dieses Mal ist es kein ungelöster Cold Case, sondern die Realität selbst. Jussi Adler-Olsen, der literarische Vater des chronisch mürrischen Carl Mørck und Schöpfer einer der erfolgreichsten dänischen Thriller-Reihen überhaupt, ist schwer erkrankt. Seine Krebserkrankung markiert einen bitteren Wendepunkt, doch sie bedeutet nicht das Ende. Was ursprünglich als zehnbändiges Epos geplant war, transformiert sich nun unter dramatischen Umständen: Das literarische Zepter wird weitergereicht.

Ein gewagtes Erbe Die Aufgabe, in die Fußstapfen eines Giganten wie Adler-Olsen zu treten, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Doch die Autorinnen Stine Bolther und Line Holm stellen sich dieser Herausforderung. Die Verlagsbranche und die weltweite Fangemeinde blicken mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung auf diesen Titel. Kann der spezielle „Sound“ des Sonderdezernats – diese einzigartige Melange aus skurrilen Charakteren, beklemmender Spannung und nordischer Melancholie – ohne seinen ursprünglichen Dirigenten fortbestehen?
Carl Mørck zieht den Stecker Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Carl Mørck ist raus. Der Mann, der das Sonderdezernat Q definierte, hat nach einer traumatischen Zeit unschuldiger Inhaftierung den Dienst quittiert. Er hat genug. Doch die Natur (und das Verbrechen) verabscheut ein Vakuum. 

An Carls verwaistem Schreibtisch im Kopenhagener Polizeikeller macht sich eine neue Kraft breit – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Helena Henry. Die taffe Französin aus Lyon ist mehr als nur eine Nachfolgerin; sie ist eine Provokation. Sie ist geheimnisvoll, trägt dunkle Geheimnisse wie einen unsichtbaren Mantel und legt ihre Füße mit einer Selbstverständlichkeit auf Carls Tisch, die im Team für Schockwellen sorgt.

Krieg im Keller Die Dynamik der Kult-Truppe wird durch Helena komplett auf den Kopf gestellt. Rose, die Seele des Dezernats, reagiert mit offener Feindseligkeit auf die Eindringlingin. Assad, sonst der ruhende Pol, schwankt zwischen Verwirrung und Faszination. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände im Team verleihen der Geschichte eine psychologische Schärfe, die den bloßen Kriminalfall fast in den Schatten stellt. Doch das Verbrechen wartet nicht auf Teambuilding-Maßnahmen. Eine grausame Mordserie zwingt die ungleichen Ermittler zur Zusammenarbeit. Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit, in ein Internat für Sänger, wo vor Jahrzehnten Entsetzliches geschah.

Der Krimiautor wider Willen Und Carl? Der intelligente Sturkopf hat zwar den Dienst quittiert und versucht sich inzwischen – in einer fast ironischen Wendung des Schicksals – als Krimiautor, doch ganz kann er nicht loslassen. Er liefert seinem alten Team, nun geführt von Helena, die entscheidende heiße Spur. In dieser neuen Konstellation wird der ehemalige Protagonist zur Schlüsselfigur im Hintergrund, während Helena Henry das Rampenlicht für sich beansprucht. Sie erweist sich dabei als würdige Erbin: impulsiv, nachhaltig und genauso bockig, wie Carl es zu seinen besten Zeiten war.

Fazit: Ein gelungener Neuanfang „Tote Seelen singen nicht“ ist mehr als nur eine Fortsetzung; es ist eine Neuerfindung unter Bewahrung der Tradition. Das Autorentrio (bzw. die Nachfolgerinnen) schaffen es, die dichte Atmosphäre der Vorgängerromane zu konservieren. Besonders die wechselnden Erzählperspektiven tun dem Buch gut und verleihen der Handlung eine neue Tiefe, gerade in den Rückblenden.

Ohne Rose und Assad wäre ein Neuanfang undenkbar gewesen, doch die Einführung von Helena Henry injiziert der Reihe das notwendige frische Blut. Wer befürchtet hat, das Sonderdezernat Q würde ohne Adler-Olsens Alleinherrschaft untergehen, darf aufatmen: Der Keller lebt, und es ist dort unten ungemütlicher und spannender denn je.

Michael Sterzik

Montag, 19. Januar 2026

Mr. One - Jens Lapidus


Der Traum vom schnellen Geld verspricht Macht und grenzenlose Unabhängigkeit. Doch die Schattenwelt der Metropolen ist ein Malstrom, in dem Respekt nur durch Gewalt erkauft wird. Die Desperados an der Spitze von Kartellen und Clans mögen kurzzeitig unantastbar erscheinen, doch die Uhr tickt unerbittlich. Am Ende wartet oft die Justiz – oder ein noch härteres Gericht. Denn wer an der Spitze steht, hat nicht nur Reichtum, sondern zieht unzählige Feinde an: loyale Konkurrenten, Verräter, die als "Ratten" die Struktur aushöhlen, und rivalisierende Organisationen, die jede Schwäche als Einladung zum Angriff sehen. Der Preis für den Thron ist ewige Paranoia.

Doch was, wenn das Gewissen erwacht? Was, wenn der Boss aussteigen will, weil die Verantwortung für sich und andere das Gangsterleben überwiegt? Der Wunsch nach Legalität wird zum ultimativen Himmelfahrtskommando, denn die Gefahr, liquidiert zu werden und alles Verlorene endgültig zu begraben, ist omnipräsent. Der Ausstieg ist der seltenste Traum der Unterwelt.

Jens Lapidus, selbst Rechtsanwalt in Schweden, gewährt uns in seinem Roman „Mr. One“ einen tiefen Einblick in diese erbarmungslose Maschinerie. Seine Recherchen und Erfahrungen spiegeln sich in einer Authentizität wider, die unter die Haut geht.

Isak Nimrod will sich nach vielen Jahren als Boss der Unterwelt aus dem Gangsterleben zurückziehen und ein legales Leben führen. Sofort beginnt ein wilder Kampf um sein Erbe. Wer wird der neue Mr. One? Seinen Platz möchte Kerim Celali einnehmen, der anders als Isak, mit brutaler Gewalt regiert. Als Isaks Sohn Max verschwindet, setzt sich eine fürchterliche Spirale der Gewalt in Gang, in die auch der ehemalige Kleinganove Teddy hineingezogen wird, der als V-Mann ins Gangstermilieu eingeschleust wird. Der Krieg auf Stockholms Straßen hat längst die Vororte verlassen und hält Einzug in die schicken Viertel und Milieus der Stadt. Keiner ist mehr sicher, wenn es um die tödliche Frage geht, wer in dieser düsteren Welt die Oberhand behält. (Verlagsinfo)

„Mr. One“ ist ein kompromisslos realistischer, aber überraschend introspektiver Thriller. Er lebt nicht von überdrehten Action-Szenen, sondern von den leisen, schonungslosen Dialogen und den komplexen Perspektivwechseln seiner Figuren. Sie alle stehen vor demselben Schicksalsdilemma: Hinein in die Macht oder Raus in die Legalität. Beides ist ein Spiel auf Zeit, eine gefährliche Wette mit dem Tod.

Der Autor beleuchtet die feinen Linien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld, und zeigt die Ehefrauen, Partner und Kinder, die unweigerlich in den Strudel gerissen werden. Die vermeintlich durchdachten Ausstiegspläne können in Sekundenbruchteilen zu Asche zerfallen. Dann zählt nur noch die Improvisation – und die kennt noch weniger Gesetze.

Die wahre Stärke des Romans liegt in den brillanten Charakterstudien und den Achterbahnfahrten der Emotionen, die er beim Leser auslöst. Zudem bietet er faszinierende Einblicke in den "kriminellen Baukasten" – von der Manipulation einer Tatwaffe bis zur verschlüsselten Kommunikation im digitalen Zeitalter. Trotz einer gewissen tiefgründigen Langatmigkeit in Phasen, zahlt sich das geduldige Erzähltempo am Ende aus. Das überraschende Finale stellt die Weichen für einen vielversprechenden, weiteren Band. Ein intelligenter Thriller, der durch seinen Realismus und seine psychologische Tiefe überzeugt.


Michael Sterzik



Donnerstag, 1. Januar 2026

Felix Blom - Mord an der Spree - Alex Beer


Wir leben in einer Ära der allwissenden Forensik. Ein winziges Hautschüppchen, ein digitaler Fußabdruck, eine Überwachungskamera an der Straßenecke – heute ist der „perfekte Mord“ fast eine Unmöglichkeit geworden. Die Netze der Justiz sind eng gewebt, Daten rasen in Sekunden um den Globus. Doch was passiert, wenn wir diese technologischen Krücken wegnehmen? Wenn wir die Zeit zurückdrehen, in eine Welt aus Gaslicht, Pferdekutschen und tiefen Schatten?

Berlin, 1879. Die Stadt boomt, ist dreckig, laut und gefährlich. Und genau hierhin entführt uns Alex Beer in ihrem dritten Band um den Meisterdieb und Privatdetektiv Felix Blom.
Es ist eine Zeit, in der Mörder noch im Schutz der Dunkelheit verschwinden konnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Wie viele Verbrechen blieben damals ungesühnt, einfach weil den Ermittlern die Werkzeuge fehlten? Wie viele Täter entkamen, weil Intuition das Einzige war, was einem Detektiv zur Verfügung stand? In diesem Spannungsfeld zwischen archaischer Ermittlungsarbeit und menschlichen Abgründen entfaltet sich der neue Fall.

Bislang war Felix Blom, der charmante Gauner und „Schatten von Berlin“, oft derjenige, der die Fäden zog. Doch diesmal verschiebt sich der Fokus auf seine Partnerin, Mathilde Voss. Der Fall beginnt vermeintlich klassisch: Der Mord an einer ehemaligen Prostituierten soll aufgeklärt werden. Doch für Mathilde ist dies kein Auftrag wie jeder andere. Er ist ein Spiegel ihrer eigenen, schmerzhaften Vergangenheit.

Als ehemalige Edelprostituierte kennt Mathilde die plüschigen Salons und die brutale Realität dahinter. Sie hat überlebt, wo andere zerbrochen sind. Doch nun, neun Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden einer engen Freundin, scheinen sich die Ereignisse auf unheimliche Weise zu verknüpfen. Hinweise tauchen auf, die suggerieren, dass die Geister der Vergangenheit nicht ruhen. Jemand da draußen bewahrt ein düsteres Geheimnis und ist bereit, dafür sprichwörtlich über Leichen zu gehen.

Alex Beer gelingt es meisterhaft, die psychologische Bedrohung greifbar zu machen. Es geht nicht mehr nur um beruflichen Erfolg oder das Lösen eines Rätsels – es geht um Mathildes Existenz. Die Gefahr rückt näher, wird persönlich, bedrohlich intim.

Um diesen übermächtigen, unsichtbaren Gegner zu stellen, muss Felix Blom das Undenkbare tun. Er muss sich mit dem Mann verbünden, der ihn am liebsten hinter Gitter sehen würde: seinem alten Widersacher, Kommissar Bruno. Hier zeigt sich die große Stärke des Romans: Die „Beziehungskiste“ zwischen dem Meisterdieb und dem preußischen Polizisten. Beide glauben fest an die Unschuld Mathildes, und dieses gemeinsame Ziel zwingt sie in eine Zweckgemeinschaft, die so spannungsgeladen ist wie ein Pulverfass. Sie werden vielleicht keine Freunde fürs Leben, aber in den Gassen Berlins entsteht eine Form von Respekt, die auf der bloßen Notwendigkeit beruht.

Fazit

„Felix Blom – Mord an der Spree“ ist mehr als nur ein Krimi. Es ist eine atmosphärisch dichte Zeitreise. Alex Beer hat wie gewohnt exzellent recherchiert; man riecht förmlich den Ruß der Öfen und den Dunst der Spree. Sie zeigt uns, dass sich zwar die Methoden der Kriminalistik revolutioniert haben – von der simplen Beobachtung zur DNA-Analyse –, aber eines gleich geblieben ist: Der Mensch als größte Fehlerquelle und als gefährlichstes Raubtier.
Ein Roman für alle, die Spannung lieben, aber auch für jene, die verstehen wollen, wie sehr unsere Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmt. Man kann sich verstecken, man kann leugnen – doch am Ende holt einen die Wahrheit immer ein.

Michael Sterzik 

Samstag, 27. Dezember 2025

Lübecks Töchter - Der Traum von Bildung und Freiheit - Anna Husen


Der Roman führt uns in das Deutschland um 1870 – eine Ära, in der Bildung und geistige Selbstentfaltung für Frauen keineswegs vorgesehen waren. Das gesellschaftliche Korsett war eng geschnürt: Die Frau hatte im Haus zu dienen und Kinder zu erziehen; intellektuelle Ambitionen wurden systematisch unterdrückt. Eine echte berufliche Perspektive oder gar akademische Bildung existierte in deutschen Städten kaum, schon gar nicht unter städtischer Förderung. Zwar gab es den historischen Lichtblick mutiger Frauen aus dem Bürgertum, die gegen diese Missstände ankämpften, doch verlangt dieses ernste Thema eine differenzierte Auseinandersetzung, die über bloße Unterhaltungsliteratur hinausgeht.
Das historische Fundament wäre eigentlich solide: 1876 gründeten die Schwestern Clara und Amélie Roquette im historischen Lübeck tatsächlich ein Lehrerinnenseminar – ein Meilenstein preußischer Pädagogik mit einem für damals beachtlichen Fächerkanon von Physik bis Französisch. Doch Anna Husen nutzt in ihrem Auftaktband „Lübecks Töchter“ diese spannende historische Vorlage leider nur als loses Gerüst.

Die Geschichte setzt 1874 ein: Die Lehrerin Amélie kehrt mit dem Traum der Schulgründung zurück, um Frauen die Selbstbestimmung zu ermöglichen. Als Gegenspieler wird ihr der Beamte Ferdinand Rubens vorgesetzt – eine Figur, die leider weniger wie ein glaubwürdiger historischer Akteur, sondern mehr wie der stereotype Bösewicht einer Telenovela wirkt, dessen einziger Zweck es ist, den Heldinnen Steine in den Weg zu legen.

Statt sich auf den harten Kampf um Bildung zu fokussieren, gleitet die Handlung schnell in melodramatische Gefilde ab. In Amélies Jugendfreund Richard findet sich der obligatorische emotionale Anker. Die Annäherung an den jungen Witwer und dessen Tochter sowie der konstruierte Konflikt – die Wahl zwischen „Traum und Liebe“ – bedienen vorhersehbare Muster. Die historische Relevanz der Roquette-Schwestern droht hierbei völlig im Weichzeichner einer trivialen Romanze zu versinken.

Der Roman erfüllt bedauerlicherweise jedes Klischee einer seichten Liebesgeschichte. Zwar dient Lübeck, die einstige Königin der Hanse, als atmosphärische Bühne, und die Beschreibungen der Gassen und der Trave-Ufer mögen Lokalkolorit versprühen. Doch wirkt dies oft wie ein touristischer Stadtführer, der über die inhaltlichen Schwächen hinwegtäuschen soll. Für Lübeck-Kenner mag das Flanieren durch die Königsstraße reizvoll sein, für den anspruchsvollen Leser historischer Romane reicht eine hübsche Kulisse jedoch nicht aus.
Die Autorin bemüht sich zwar, den Drang nach Freiheit und Wissen darzustellen, scheitert jedoch an der historischen Authentizität. Außer den Namen der Protagonistinnen und ein paar Eckdaten bleibt wenig Historisches übrig. Der Rest ist Fantasie – und davon leider zu viel des Guten. Die Figuren handeln und denken oft erschreckend modern, als hätte man heutigen Menschen historische Kostüme angezogen. Wer einen fundierten Historischen Roman erwartet, wird enttäuscht: Es ist eine modern verklärte Liebesgeschichte, die das Etikett „historisch“ kaum verdient, da sie die komplexe, oft brutale Realität der Frauen jener Zeit zugunsten romantischer Verwicklungen vernachlässigt.

Michael Sterzik

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Schatten über dem Wald - Cilla und Rolf Börjlind


Dörfer im Nirgendwo sind wie geschlossene Austern – nur dass sie statt Perlen oft dunkle Geheimnisse bergen. In der Abgeschiedenheit der Berge und Wälder, weit weg vom Gesetz der Großstadt, ist die Gemeinschaft Schutzschild und Gefängnis zugleich. Ein perfektes Versteck für jene, die vor der Justiz oder ihrer eigenen Vergangenheit fliehen.

Der Fundort: Makaber und Einzigartig

Der neunte Fall für Olivia Rönning beginnt mit einem bizarren Paukenschlag: Inmitten eines riesigen Ameisenhaufens in den nordschwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Der Fundort liegt ausgerechnet an einer alten samischen Opferstätte – ein Ort, der bereits vor dem Mord von Blut und Mythen getränkt war.

In das beschauliche Dorf Slagtjärn, das eigentlich für seine Offenheit gegenüber Aussteigern und Exzentrikern bekannt ist, kriecht die Angst. Doch je tiefer Olivia in den sozialen Kosmos des Ortes eindringt, desto schneller schließen sich die Türen.
In einem großen Ameisenhaufen in den schwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Olivia Rönning soll die hiesige Polizei bei den Mordermittlungen unterstützen. Der Tatort liegt nicht weit von einer alten samischen Opferstätte, ausgerechnet dort finden Forensiker deutliche Blutspuren. Angst macht sich in dem nahe gelegenen Dorf Slagtjärn breit. Ist es noch sicher, in der Dämmerung allein spazieren zu gehen? Dank des Zustroms von Städtern und niederländischen Auswanderern erfreut sich der kleine Ort eines lebhaften Miteinanders. Die Akzeptanz von Außenseitern und Exzentrikern ist traditionell hoch, doch jetzt ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft bedroht. Je tiefer Olivia in diesen Kosmos eindringt, desto misstrauischer und verschlossener reagieren die Menschen. Um das Geheimnis des Dorfes zu lüften, muss sie schließlich Tom Stilton und Mette Olsäter um Hilfe bitten. (Verlagsinfo) 

Ein bizarres Ensemble ohne Tiefgang

Die Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner skurrilen Besetzung. Das Dorf gleicht einem menschlichen Kuriositätenkabinett:
Ein Hellseher mit beunruhigenden Visionen.
Eine Familie aus der rechten Szene.
Ein Prepper, bereit für den Weltuntergang.
Ein autistischer Junge als stiller Beobachter.
Diese Figurenkonstellation verspricht Hochspannung, doch hier liegt auch die Krux: Während die Beziehungen untereinander zwar für Reibung und kryptische Dialoge sorgen, fehlt es der Geschichte an erzählerischer Tiefe. Die Handlung plätschert solide dahin, lässt aber die großen Wendungen und die atmosphärische Verdichtung vermissen, die man von dem Autorenduo gewohnt ist.

Wo ist Tom Stilton?

Der größte Wermutstropfen für Fans der Reihe: Die gewohnte Dynamik fehlt. Olivia agiert fast bis zum Finale als Einzelkämpferin. Die einstigen Ankerfiguren Tom Stilton und Mette Olsäter verblassen zu bloßen Randnotizen oder fernen Mentoren.
Ohne das Gegengewicht von Stilton verliert die Erzählung an erzählerischer Qualität. Die exklusive Perspektive Olivias engt den Raum für die Charakterentwicklung der anderen Figuren spürbar ein. Erst im letzten Drittel blitzt das alte Potenzial auf, wenn sich die Abhängigkeiten und Geheimnisse der Dorfbewohner endlich entwirren.

Fazit: 

Ein handwerklich solider Krimi mit einem großartigen Setting, der jedoch unter der Abwesenheit seiner stärksten Charaktere leidet. Ein Muss für Komplettisten, aber ein eher blasserer Beitrag zur Serie.

Michael Sterzik

Montag, 8. Dezember 2025

Der Silberbaum - Das Ende der Welt - Sabine Ebert


Sabine Ebert, die Grande Dame der historischen Literatur, nimmt uns in "Der Silberbaum – Das Ende der Welt" erneut mit in die düstere, faszinierende Welt des Mittelalters. Es ist eine Epoche, in der der allgegenwärtige Glaube an Himmel und Höllenfeuer das tägliche Leben regiert und keinen Halt vor sozialen Schranken macht. Doch die wahre Macht entfaltet sich nur in den Händen von Kaiser, König und Papst, deren politisch-religiöse Konflikte sie ihre Bevölkerung leichtfertig dem Leid und dem Tod aussetzen lassen.

Der noch junge Meißner Fürst Markgraf Heinrich muss sich einer nie da gewesenen Bedrohung stellen. Doch als endlich bessere Zeiten anbrechen, er glänzende Turniere veranstaltet, die Aussicht bekommt, Thüringen zu erben und seinen Sohn mit einer Kaisertochter zu vermählen, trifft ihn ein schmerzlicher Verlust. Dann wird auch noch der Stauferkaiser Friedrich II. von der Kirche für abgesetzt erklärt. Heinrich muss viele Stufen von Verrat miterleben, als sogar enge Verwandte die Seiten wechseln. In diesen dunklen Zeiten stehen ihm vor allem Marthes Sohn Thomas, ihr Enkel Christian und ihre Enkelin Änne zur Seite. Die Dichterin Milena wird nicht nur zur Chronistin der Ereignisse, sie beweist auch die Kraft von erzählter Geschichte. (Verlagsinfo) 

Der eigentliche Fokus dieses historischen Romans, so stellt sich schnell heraus, liegt auf der erschreckend genauen Darstellung der Rolle der Frau. Fernab jeder Emanzipation werden wir Zeugen eines Lebens, das von Abhängigkeit, willkürlicher Brutalität und klar definierten Pflichten bestimmt wird. Ebert gelingt hier eine brillante, wenngleich oft schockierende Präsentation des weiblichen Alltags: Der Wert einer Frau war gering, die arrangierte Ehe diente als politisches Pfand, nicht der Romantik.

Schwache Handlung, starke Frauenporträts

Leider präsentiert sich der zweite Band der Reihe als spürbar schwächer und oberflächlicher als seine Vorgänger. Die großen politischen Auseinandersetzungen, der Streit der Könige auf dem Schlachtfeld oder die kirchliche Brandmarkung des Kaisers als Antichrist – alles, was die Epoche so brisant macht – wird viel zu wenig beleuchtet. Sekundär gestreift, aber nicht im Detail ausgeführt.

Stattdessen rücken die Schicksale der fiktiven weiblichen Protagonistinnen ins Zentrum, teils bis ins kleinste Detail beschrieben. Obwohl die historische Detailtreue in Bezug auf Bräuche und Alltagsgegenstände unbestreitbar ist, lässt die Romanhandlung in ihrer Erzählung um Markgraf Heinrich viele Handlungsstränge unbeachtet und Schicksale ungeklärt.

Besonders die Darstellung der Religion ist ernüchternd realistisch. Ebert spart nicht mit Kritik an der römisch-katholischen Kirche jener Zeit und karikiert humorvoll die Menschen, die in prophetischer Weltuntergangsfurcht Hab und Gut verschenken – um dann festzustellen, dass das Ende der Welt wieder einmal nicht eingetreten ist.

Fazit:

"Der Silberbaum – Das Ende der Welt" ist ein Roman für eine spezifische Zielgruppe. Wer sich tief in die historischen Details und die alltäglichen Dramen der Frauen des Mittelalters einlesen möchte, wird hier fündig. Wer jedoch ein fesselndes Epos mit starkem Fokus auf die politischen und militärischen Machtkämpfe des Adels erwartet, wird enttäuscht. Der Roman bietet zwar den gewohnt hohen Unterhaltungswert einer historischen Koryphäe, lässt aber in seiner Eindimensionalität viele Fragen offen und verharrt zu sehr an der Oberfläche der großen Geschichte. Schade.

Michael Sterzik


Dienstag, 25. November 2025

Eisland - Kim Faber und Janni Pedersen


Wenn das Fundament der Gerechtigkeit bröckelt: Ermittlungs- und Verfahrensfehler können Existenzen in Schutt und Asche legen. Solche Justizirrtümer zerstören unwiederbringlich – nicht nur die verurteilte Person. Auch für die Opfer und ihre Angehörigen ist es eine unerträgliche Bürde, wenn ein potenzieller Täter die Freiheit zurückerhält. Doch auch die Ermittler selbst bleiben von dieser moralischen Zerreißprobe nicht unberührt. Die quälende Frage, ob der Freigelassene erneut schwere Verbrechen, vielleicht sogar einen weiteren Mord begeht, lastet wie ein Mühlstein auf ihrem Gewissen und lässt den Kompass der Gerechtigkeit ins Trudeln geraten.

In diesem Spannungsfeld positioniert das dänische Autorenduo Faber und Pedersen den vorliegenden fünften Band ihrer Erfolgsserie. Sie tauchen tief in diese moralischen Grauzonen ein und verweben sie geschickt mit der Schattenwelt der organisierten Bandenkriminalität. Man spürt: Die Reihe stellt sich neu auf. Frische Gesichter betreten die Bühne des Verbrechens, was dem etablierten Ensemble eine neue Dynamik verleiht.

Die Handlung beginnt mit einem Paukenschlag: Nach sieben Jahren wird der Mörder eines elfjährigen Jungen freigelassen – die Schuld ist juristisch nicht mehr haltbar. Doch Signe Kristiansen und Martin Juncker von der Kopenhagener Polizei sind fest von seiner Täterschaft überzeugt. Entgegen aller Anweisungen ihrer Vorgesetzten nehmen die beiden Ermittler die Jagd wieder auf. Als kurz darauf ein Staatsanwalt spurlos verschwindet, entdeckt ihre Kollegin Nabiha Khalid eine explosive Verbindung, die alle Fälle in einem brisanten Licht erscheinen lässt … (Quelle: Verlagsinfo)

„Eisland“ ist mehr als nur ein Thriller – es ist ein Spiegelbild nordischer Realität. Die Autoren scheuen sich nicht, schmerzhafte, brisante Themen zu sezieren: Neben dem klassischen Mordfall beleuchten sie die finsteren Abgründe organisierten Kindesmissbrauchs und das Wirken internationaler Verbrechersyndikate, die auch in Skandinavien längst Fuß gefasst haben.

Um ihren Protagonisten eine greifbare Tiefe zu verleihen, gewähren uns Faber und Pedersen einen intimen Einblick in das Privatleben der Ermittler. Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Gesetzestreue und persönlicher Verzweiflung. Diese schonungslose Thematisierung des Privaten wirkt dabei nie aufgesetzt, sondern unterstreicht die absolute Realitätsnähe der gesamten Handlung.

Die architektonische Konstruktion der Geschichte ist schlichtweg formvollendet. Dies ist keine phantasievolle Räuberpistole mit unrealistischen Zufällen oder Figuren, die Klischees bedienen. Der erweiterte Cast ist eine gelungene Bereicherung, die das Spektrum von Signe Kristiansen und Martin Juncker zwar neu justiert, aber ihre Relevanz keineswegs schmälert.

Die Erzählgeschwindigkeit ist hervorragend getaktet, und der Wechsel der Perspektiven verschafft dem Leser nicht nur eine tiefere Charakterzeichnung, sondern auch Momente, um Atem zu holen. Die Autoren legen erkennbar Wert auf die konsistente und logische Weiterentwicklung ihrer Figuren; Brüche oder Widersprüche sind Fehlanzeige. Die Dialoge und Interaktionen wirken durchdacht und gehen weit über das Oberflächliche hinaus.

Unterm Strich kann man dem sechsten Teil dieser Dänen-Krimireihe mit großer Vorfreude entgegensehen. Ein Wiedersehen mit diesem brillanten Figuren-Ensemble ist garantiert. „Eisland“ markiert unbestreitbar einen der stärksten Titel innerhalb der Serie.

Fazit

Ein schonungslos realistischer Kriminalroman mit garantierter Sogwirkung und einem absolut authentischen Hintergrund. Die skandinavische Krimilandschaft beweist mit solchen Titeln ihre ungebrochene Hoftauglichkeit.


Michael Sterzik