Freitag, 14. Juli 2017

Der Löwe des Kaisers - Der Aufstieg von Cornelia Kempf

Es gibt viele historische Ritterromane, doch nur wenige Titel, bleiben der Leserschaft im Gedächtnis, und ja nur wenige sind realistisch und authentisch erzählt. Das alte Vorurteil des edlen Ritters und der holden Prinzessin, ist uns nicht zuletzt durch Märchen oder Filmen implementiert worden. Wer sich allerdings mit der Epoche beschäftigt, wird diese Vorurteile schnell vollkommen entkräftet erkennen. Schwur, Schwertleite, dabei eine Nacht im Gebet auf Knien in der Kirche zubringen – Ja das war so, für den Moment war es ggf. so. Nach dieser Momentaufnahme, war der Aufprall im realen Leben für die jungen Männer ein nachhaltiger und lauter. Die meisten werden wahrscheinlich schon in ihrer Ausbildung als Knappe, dass harte und vielleicht kurze Leben eines Edelmannes und Ritters kennengelernt haben dürfen.  

Im vorliegenden Roman von Cornelia Kempf – Der Löwe des Kaisers – Der Aufstieg wird das historische Ritterleben thematisiert, wie es offensichtlich wirklich im Alltag zugegangen ist. Dabei schildert die Autorin, den Alltag der Protagonisten aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Kaiser, Könige, Adel  und Ritter,  Klerus und natürlich die einfachen Menschen sind hervorragend in die verschiedenen Haupt- und Nebengeschichten eingebaut. Ein sehr buntes, manchmal dramatisches Bild einer Epoche, die noch immer prägend auf uns wirkt.

In der Zeit, in der Epoche der Adelsgeschlechter Welfen und Staufer, werden Europas Grenzen durch Intrigen der Politik, durch Kriege und durch Einfluss der Kirche neu gesteckt. Die Grenzen bestehen zum Teil noch in der heutigen Zeit und nicht zuletzt gibt es monumentale, architektonische Kirchen, Burgen und Schlösser, die von der  Pracht, der Macht und dem Einfluss ihrer Zeit sprechen.

Cornelia Kempf schildert feinfühlig das tägliche Leben ihrer Figuren. Machtpolitische Spiele – sind die Basis des Romans, in der die beiden Zwillingsbrüder Einhard und Gunnar als Hauptfiguren, ihren Weg gehen. Allerdings werden sie nach ihrer Zeit als Knappe unterschiedlichen Herren dienen dürfen. Die beiden verwandtschaftlichen Kontrahenten sind: Kaiser Friedrich Barbarossa und dem mächtigsten Herzog in Deutschland -  Heinrich der Löwe.

Die Autorin Cornelia Kempf erzählt mitreißend mit feinfühligen Dialogen von den Erlebnissen der beiden doch so unterschiedlichen Brüder in den Zentren der Macht, Intrigen und Verschwörungen. Natürlich wird auch hier geliebt, dramatisch, verzweifelt, manchmal mit viel Hoffnung, manchmal enttäuschend – doch die Autorin fokussiert sich nicht auf die Liebelein der beiden jungen Ritter.

„Blut ist dicker wie Wasser“ doch ihre Liebe und Zuneigung wird arg auf die Probe gestellt. Ihrem Herrscher Untertan gewinnen sie an Einfluss und neidvollen Feinden.

Sehr lobenswert sind die geschichtlichen Hintergründe, die sehr, sehr gut recherchiert und interpretiert wurden. Der Fokus des Romans bilden die Rivalitäten der beiden mächtigen Herrscher – dabei zieht sich die Autorin auf einer neutralen Seite und berichtet von den Beweggründen und Entscheidungen, der Motive des Kaisers und seines Herzogs, die der Leser ebenfalls nachvollziehen kann.

Cornelia Kempf hat ihre Protagonisten immens fein geschliffen. Das die beiden Zwillinge sich charakterlich stark unterscheiden, hebt natürlich die Spannung und fördert die Konfrontationen. Die Charakterzeichnung der beiden weiteren Hauptfiguren Barbarossa und Heinrich sind ebenfalls detailliert konzipiert.

Wer einen historischen Roman erwartet, in der von vielen blutigen Schlachten erzählt wird und Gewalt und Tod erwartet, könnte enttäuscht werden. Ja, solche Szenen gibt es, aber sie stehen nicht im Vordergrund, was sich durchaus nicht negativ auf die Spannung auswirkt. Die Brüder und ihre beiden Herrscher befinden sich in einer Eskalationsspierale – aus der wahrscheinlich nicht jeder lebend entkommen wird.

Fazit

„Der Löwe des Kaisers“ – Der Aufstieg ist der erste Band eines Zweiteilers. Der zweite Band – der noch in diesem Jahr veröffentlicht wird, erzählt vom Fall Heinrich des Löwen.

Trotz seines voluminösen Umfangs von fast 600 Seiten – ist der Roman so spannend und abwechslungsreich erzählt, dass er kurzweilig ist.

„Der Löwe des Kaisers“ – Der Aufstieg von Cornelia Kampf eine großartige Charakterzeichnung zweier Herrscher, die vieles geleistet haben und deren Erschütterungen wir noch immer spüren. Ein großartiger Roman – der wie ein historischer Paukenschlag überzeug und lange, positiv nachhallt.

Absoluter Geheimtipp für Leser, die hoch konzentrierte Machtspiele wie Schach betrachten – Im Krieg und in der Liebe – ist alles erlaubt.

Michael Sterzik


Samstag, 17. Juni 2017

Die Seelen von London - A. K. Benedict

London – Hauptstadt Großbritanniens, 8,5 Millionen lebende Menschen. Aber wie viele Geister, Gespenster, Spukgestalten tummeln sich auf den Straßen und Plätzen dieser gewaltigen Metropole?! Die Bevölkerungsdichte von London ist immens groß und glaubt man alten Geschichten und Legenden, ist England sowieso prädestiniert und weist eine eindrucksvolle Anzahl von legendären Gespenstern auf.

An historischen Orten, wie z.B. dem Tower könnte man mit viel (un)Glück auch auf prominente und adlige Gespenster treffen. Paranormale Phänomene, Geistererscheinungen faszinieren uns seit jedem, nicht umsonst haben Geistergeschichten zu jeder Zeit eine eindrucksvolle Hochkonjunktur.

Die englische Autorin A.K. Benedict hat nach: „Die Eleganz des Tötens“ nun einen zweiten phantastischen Kriminalroman beim Münchner Verlag Knaur veröffentlicht: „Die Seelen von London“.

Die Handlung konzentriert sich auf zwei Ebenen. Zum einen wird die ehemals, blinde Maria King von einem mörderischen Stalker verfolgt, zum anderen gibt es Verbrechen eines Syndikats, das den mysteriösen Namen „Der Ring“ trägt, deren elitäre Mitglieder tragen einen Ring aus gepresster, veredelter Asche toter Menschen. Ja, es ist ein wenig obskur. Detective Jonathen Dark hat alle Hände voll zu tun und nebenbei natürlich noch ein paar ganz private, persönliche Herausforderungen. Als wenn man nicht schon genug mit den Lebenden zu tun hat, so gibt es da noch ein paar verdammt, verärgerte Gespenster, die nach ihrem gewaltsamen Tod etwas empfindlich und nachtragend reagieren.

So weit, so gut – „Die Seelen von London“ ist originell, spannend, manchmal auch durch den ungemein ironischen Humor, insgesamt absolut empfehlenswert. Skurrile sind alle Protagonisten, ob nun lebendig oder tot und interessante gezeichnet allemal. Ein Geist ,der Taxi fährt, die Frau eines Bestattungsunternehmers die nach ihrem Tod im Geschäft noch immer aushilft –soviel zu einigen Geistern. Die Lebenden sind ebenfalls etwas grotesk: Der Ermittler Jonathan Dark, der ein paar sehr eigentümliche persönliche Herausforderungen hat, und dem Geisterreich einfach etwas ignorant entgegensteht. Maria King, die nach einer erfolgreichen Operation, dass Augenlicht gegeben wurde, die aber lieber weiter „blind“ sein möchte und der Bestatter Frank, der die Geister immer sieht und mit ihnen seit seiner Kindheit kommunizieren kann. Klar, dass die Story abgefahren ist – aber dennoch brillant.

„Die Seelen von London“ lebt quasi durch eine sehr geistreiche, höchst lebendige Handlung. Viel Humor, tolle Dialoge, spannende Entwicklungen sind wohldosiert eingesetzt und die Nebenhandlungen lassen selbst die Geister nicht zur Ruhe kommen. Auch Geister (waren) und sind nur Menschen und verfügen, allesamt über gewisse Alltagsprobleme.

Die Charaktere allesamt sind noch nicht final ausgebaut, dass merkt man, und alles weist daraufhin, dass „Die Seelen von London“ der Auftakt einer herrlichen Romanreihe ist.

Fazit
„Die Seelen von London“ von A.K. Benedict ist für mich ein Roman, der mit zu den originellsten in diesem Jahr gehört.

Tolle Idee, die stoffliche und geistige Welt miteinander zu kombinieren. Die Handlung ist nicht gruselig, oder besonders blutig – sie ist einfach spannend durch ihre Figuren, seien diese noch lebendig oder tot. Der Kriminalfall ist ebenfalls höchst unterhaltsam und spannend erzählt, zumal auch der Täter persönlich seine Perspektive beschreibt.

„Die Seelen von London“ – geistreiche, lebendige Spannung die spannend und schmunzelt erzählt wird. Frisch und witzig – ein Buch, das Spaß macht und hoffentlich fortgesetzt wird.

Michael Sterzik




   

Sonntag, 11. Juni 2017

Odins Söhne - Harald Gilbers

Haralds Gilbers lässt seinen charismatischen, jüdischen Kommissar Oppenheimer in „Odins Söhne“ zum zweiten Mal nach dem Titel „Germania“ auftreten.
Der Zweite Weltkrieg neigt sich dem Ende zu. Die alliierten Truppen stehen vor oder auch schon innerhalb der Grenzen des „Dritten Reiches“. Die Gewalt und Willkür auch auf Seiten des Nazi Regimes schlagen sich in dumpfe und verzweifelte Handlungen nieder. Die Bombardements der Alliierten hat die Luftwaffe des deutschen Regimes nichts mehr entgegenzusetzen und in den Städten, so auch in Berlin werden die letzten Reserven, an älteren Männern, Kindern und Jugendlichen vorbereitet, sich an der letzten, entscheidenden Schlacht zu beteiligen. Kanonenfutter, allemal dafür da wenige Minuten, oder Stunden zu gewinnen, damit sich die Nazi-Größen der Politik auf Rattenlinien flüchten können. 
Längst schon sprechen die zermürbten Berliner, nicht mehr vom Endsieg, sondern von einer Befreiung. Sie haben es spät verstanden, viel zu spät und müssen nun, bedingt durch den verzweifelten Terror des Regimes unter anderem einen hohen, manchmal persönlichen Preis zahlen. Diese Menschen, die offen, oder auch versteckt die Lage und den Führer kritisieren, gelten als Feinde, Verräter, Defätisten, die durch die Volks- und Gerichtshöfe schnellstmöglich zum Tode in Plötzensee verurteilt werden.
Der ehemalige Kommissar Richard Oppenheimer, der zudem als Jude durch die Heirat mit Lisa, einer deutschen Lehrerin geschützt war, ist nun untergetaucht. Eine alte Freundin, Hilde von Strachwitz, eine regimekritische Ärztin soll ihren Mann umgebracht haben. Oppenheim beginnt zu ermitteln und stößt auf eine Gruppe von arischen Verschwörern...
Harald Gilbers Roman „Odins Söhne“ ist augenscheinlich ein Krimi mit inzwischen historischen Elementen. Doch der Krimi, geht mit den Schilderungen, des täglichen Grauens unter. Der Autor erzählt verdammt realistisch, in einer düsteren Atmosphäre von den letzten Kriegsmonaten im zerstörten Berlin. Harald Gilbers beeindruckt durch die Beschreibungen der Bombardements Berlin und die Stunden darauf, einen Schrecken, der uns begreifen lässt, welches Grauen unsere Ur-Großväter und Mütter erleiden mussten. Trotz alledem versuchen die Berliner, den Mut nicht zu verlieren. Ein Alltagsleben im Krieg – so bizarr und eigentlich unmöglich zu begreifen.
Genau diese Erzählungen lassen beim Leser einen bleibenden Eindruck. Es ist für uns nicht einfach zu begreifen, wie ein ganzes Volk sprichwörtlich versagen konnte. Das Tragische an dieser Entwicklung ist allerdings, dass der Schrecken, der totale Krieg, nun in einer totalen Zerstörung mündete. Dass die Verantwortlichen dieses desaströsen politischen und militärischen Regimes, sich feige versteckten und ihre Flucht planten, ist abgrundtief verachtenswert.
Harald Gilbers der mit dem Ehemann Hildegards von Strachwitz die Figur eines kriminellen und menschenverachtenden KZ Arztes in Spiel bringt, trägt ebenfalls maßgeblich dazu bei, das Grauen noch eine Nuance zu steigern. Der Autor beschreibt einige Beispiele von medizinischen Versuchen an KZ Häftlingen, u.a. auch Kindern.
Krimi oder historischer Roman? Der zentrale Dreh- und Angelpunkt sind die historischen Elemente, die den Kriminalfall und damit auch einen großen Teil der Protagonisten verdrängen. Harald Gilbers hat einen großartigen Roman verfasst, allerdings dabei ggf. auch nicht gewollt, den roten Faden einfach mal total verloren.
Manchmal bleibt dadurch die Spannung etwas auf der Strecke, doch das atmosphärische Grauen beeinflusst und prägt die gesamte Handlung.

Inzwischen gibt es mit dem Titel „Endzeit“ den dritten Titel und dieser spielt in den letzten Tages des Krieges, und den ersten Tagen einer neuen Epoche.

Die Figur des Richard Oppenheimer ist interessant, vielschichtig und sie kann sich noch entwickeln. Ich bin gespannt, welche Ansatz der Autor Harald Gilber nun in einem vierten Teil gehen wird.

Michael Sterzik




Sonntag, 4. Juni 2017

Die fremde Königin - Rebecca Gable

Die deutsche Autorin Rebecca Gable hat mit Ihrer Romanreihe der Waringhams eine großartige Leistung vollbracht. Die englische mittelalterliche Geschichte wurde uns faktisch auf einem Silbertablett präsentiert und katapultiere den Leser unmittelbar in eine realistische Epoche. Wir hatten Teil an einer der bestens ausgearbeiteten, fiktivsten Familiendynastien, die immer treu und loyal der englischen Krone zur Seite stand. Neben der fantastischen Unterhaltung, die Spannung, Action und Liebe bot, lehrte uns Frau Gable viel über die englische Monarchie in ihrer glanzvollen, aber auch dramatischen Zeit.

Kulturelle Themen, Traditionen, politische Intrigen, detaillierte grausame Erzählungen von Schlachten und Kriegen – alle diese Einzelheiten garantieren fulminante Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Nun hat Rebecca Gable sich der deutschen Epoche zugewandt. In dem Roman „Das Haupt der Welt“ spielen die Ereignisse um König Otto I., die nun im zweiten Titel: „Die fremde Königin“ fortgesetzt werden.

Wer den Stil der Autorin über die Jahre mitverfolgt hat, weiß, dass die Autorin ein Garant für Spannende Unterhaltung ist. Sprachlich einwandfrei, mit bestens sortierten Rechercheergebnissen fokussiert sich Rebecca Gable auf die historische Genauigkeit. Allerdings da manchmal die Quelllage nicht ganz eindeutig ist, nimmt sich die Autorin für ihre Unterhaltungsromane auch etwas an schriftstellerische Freiheiten heraus.

„Die fremde Königin“ ist leider atmosphärisch sehr schwach erzählt, die Charaktere zwar gut ausgearbeitet, doch fehlt ihnen diese besondere sympathische Note der „Waringhams“, die uns mitfiebern und leiden ließ. Sicherlich kann man die deutsche Geschichte nicht mit der englischen vergleichen. Vielleicht ist uns die Englische mit ihren bekannten Monarchen auch präsenter, auch wenn das traurig klingen mag.

Die Handlung gerät oftmals durch langweilige Passagen und Beschreibungen ins stocken. Die Autorin lässt Ihren unterhaltsamen Erzählungsstil vermissen. Mir haben besonders die Charaktere gefehlt, die realistisch erzählt wurden, und nicht nur eindimensional in gut und böse eingeteilt sind.

Fazit

„Die fremde Königin“ von Rebecca Gable ist bislang der schwächste der Autorin. „Das Haupt der Welt“ war ebenfalls nicht wirklich gelungen und die Fortsetzung überzeugt mich keinesfalls. Vielleicht sollte sich die Autorin auf die englische Geschichte konzentrieren – hier gilt es sie als unangefochtene Expertin.

Sollte es einen Band 3 geben, so werde ich diesen nicht lesen, da ich diesen vorliegenden Band abbrechen musste.

Michael Sterzik




Dienstag, 2. Mai 2017

Harald Gilbers - Endzeit

Jeder Krieg bringt seine Verbrechen mit. In einer Zeit, in der das Kriegsrecht herrscht, sind staatliche Gesetze faktisch nicht existent. Menschliche Werte der Moral, Ethik, Anstand, Respekt gehen in den Grauen der Kämpfe oft zugrunde. Es gibt Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, Diebstahl, Raub, Mord, Folter etc...es lässt sich albtraumhaft weiter ausführen, doch unabhängig der Kultur, Rasse oder Staatenzugehörigkeit sind Vergewaltigungen im Krieg, oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit durch Armeeangehörige, oder marodierende Truppenteile, immer noch ein Dogma, ein Tabuthema über das wenig bis gar nicht gesprochen wird.

Zu groß ist die Scham der vergewaltigten Frauen, zu viel Schmerz, zu viele seelische Wunden, die nicht völlig verheilen werden, nicht mal, wenn sich das Rad der Zeit schneller dreht. Vorurteile, Beleidigungen, Vorwürfe und Hass begleiten diese Frauen, wenn sie denn die Stärke haben, darüber zu reden, oder gar den Täter erkennen und anklagen.

Unsere Urgroßmütter werden dies im Zweiten Weltkrieg erlebt haben, doch kaum darüber gesprochen haben. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges – Deutschland wurde von den alliierten Siegermächten besetzt wurden gerade in den besetzten Regionen Berlin Frauen durch Soldaten der Roten Armee massenhaft geschändet, vergewaltigt und verstümmelt. Obwohl Stalin Verbrechen gegen die Deutsche Bevölkerung streng untersagt hatte und drakonische Strafen verhängen wollte, oblag es doch den hohen Offizieren diese Befehle auszuführen. Es hielten sich nicht alle an, viele waren durch den Hass auf die Nazis so aggressiv und auf Rache aus, dass Plündern nur noch ein Kavaliersdelikt war und bei Vergewaltigungen schaute man halt weg, man duldete dies.  

Harald Gilbers erzählt in seinem neuesten Roman „Endzeit“ viel von diesem Tabuthema, dass bei und nach dem lesen nachhaltig beim Leser hängen bleibt. Wie in den letzten beiden Romanen: „Germania“ und „Odins Söhne“ ermittelt auch hier der jüdische, ehemalige Kriminalkommissar Oppenheimer, der in den letzten Kriegstagen in Berlin zusammen mit seiner Frau Lisa, dass Ende des Krieges herbeisehnt. Die Rote Armee kämpft sich im April 1945 durch Berlin – das Regierungsviertel wird erobert, die deutschen Truppen kapitulieren. Doch der Krieg ist für die Menschen noch lange nicht vorbei. Es ist ein Ausnahmezustand, ohne viele Gesetze – Die Sieger beherrschen die Hauptstadt, sie helfen, sie versorgen die Bevölkerung, aber die begehen auch Verbrechen an der Zivilbevölkerung.

Auch Oppenheimers Frau wird vergewaltigt und der ehemalige Kommissar will Rache und Vergeltung. In den Wirren dieser letzten Tage des Dritten Reiches, wird er von einem hochrangigen Offizier der russischen Armee aufgefordert einen brisanten Koffer aufzufinden...es wird gefährlich zwischen der Armee, russischen Verbrecherbanden und Oppenheimer mittendrin.

Harald Gilbers generiert in seinem Roman „Endzeit“ eine beklemmende Atmosphäre und spiegelt das Bild eines zerstörten Berlins und dem Grauen der Nachkriegstage realistisch wieder. Die eigentliche Geschichte ist umzingelt, eingekesselt durch die Beschreibungen des täglichen Grauens, den  Entbehrungen, den Ängsten der Frauen und Kinder, den Verlieren, die den Launen der Besatzer fast schon hilflos ausgeliefert sind.

„Endzeit“ ist eine Kombination aus historischer Geschichte und einem Thriller. Auch wenn das Grauen faktisch in jedem Kapitel greifbar ist, so geht es wenig actionreich zu. Doch dem Leser wird es nicht auffallen, er wird gefesselt sein von den Alltagsleben und Ängsten. Dafür gibt es gut ausgearbeitete Dialoge und eine spannende Handlung, die überzeugt. Die Vergewaltigungen werden nicht haarklein geschildert, vielmehr das Grauen, die Ängste und die Stigmatisierung der betroffenen.

Es ist an dieser Stelle zu sagen, dass bei den vielen Nebengeschichten und den komplexen Charakteren es zu empfehlen ist, die Romane von Harald Gilbers chronologisch zu lesen. Oppenheimers Vergangenheit und seine Beziehung zu seiner Frau und ebenfalls zu einigen anderen Charakteren wird nicht viel Raum gegeben.

Nichtsdestotrotz – „Endzeit“ ist ein Stück deutscher Geschichte, ein Denk- und Mahnmal und man empfindet für die Deutschen Frauen großen Respekt und Mitgefühl. Es ist unbeschreiblich, was die Frauen erleiden mussten, auch das darf nicht in Vergessenheit geraten. 

„Endzeit“ ist ein Bravourstück der Vergangenheitsbewältigung und ein atmosphärisch überzeugend. Es sind die leisen Stimmen der Opfer des Krieges, die Tragik und Dramatik historischer Ereignisse uns immer wieder vor Augen gehalten werden.

Ich hoffe, dass Harald Gilbers seine Figur Oppenheimer im Nachkriegsberlin ermitteln lässt – vielleicht nach deutschen Kriegsverbrechern!?

Michael Sterzik