Wir leben in einer Epoche, in der die gefühlte und tatsächliche Sicherheit zunehmend Risse bekommt. Ob rechtsextreme oder religiös fanatisierte Gruppierungen, ob psychisch labile Einzeltäter – die Bedrohung durch Terrorismus ist zu einem ständigen, unberechenbaren Begleiter geworden. Die Tatwaffen sind erschreckend alltäglich: Ein in eine Menschenmenge gesteuertes Fahrzeug reicht oft ebenso aus wie gezielt eingesetzte Schusswaffen. Die bittere Realität lautet, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. Trotz aufgerüsteter Sicherheitsapparate, präventiver Kontrollen und schwerer Barrieren lassen sich weder Ort noch Zeit solcher Tragödien prophetisch vorhersehen. Die Tatmotive bleiben oft im Nebulösen, während in der Gesellschaft der Schock und eine lähmende Angst vor dem nächsten Anschlag den Alltag zu vergiften drohen.
Stellen wir uns ein besonders perfides Schreckensszenario vor: Ein Scharfschütze, der aus sicherer Distanz scheinbar völlig wahllos das Feuer auf Passanten auf belebten, öffentlichen Plätzen eröffnet. Eine beklemmende Vorstellung – und leider alles andere als abwegig. Genau diese hochaktuelle Thematik greift das norwegische Autorenduo Thomas Enger und Jørn Lier Horst in ihrem neuesten Thriller „Blutregen“ auf.
Darum geht es in „Blutregen“ Die hochsommerliche Hitze Oslos wird von einem unsichtbaren Schrecken erdrückt: Ein Heckenschütze terrorisiert die Stadt. Seine Opfer scheinen rein zufällig gewählt, doch die Einschläge kommen näher. Eines der ersten Opfer ist ausgerechnet die Schwester der Journalistin Emma Ramm. Während das Thermometer unerbittlich steigt und die Polizei fieberhaft nach einem Muster in den Anschlägen sucht, sind Ramm und der Ex-Polizist Alexander Blix persönlicher denn je motiviert, den Täter zu stoppen. Doch der Schütze verfolgt seinen ganz eigenen, gnadenlosen Plan und ist den Ermittlern stets einen verhängnisvollen Schritt voraus.
Starke Atmosphäre, aber Schwächen im Konstrukt
Als mittlerweile sechster Band der Reihe um Emma Ramm und Alexander Blix markiert „Blutregen“ nicht unbedingt den literarischen Höhepunkt des Duos. Vorgängerbände wirkten in ihrer Konstruktion durchdachter und in der Ausführung feinnerviger. Dennoch punktet der Roman mit einer konsequenten und chronologischen Weiterentwicklung seiner beiden Hauptfiguren.
Der Spannungsbogen leidet bedauerlicherweise unter gewissen Konstruktionsschwächen. Dass Emma Ramm erneut derart persönlich in den Fall verstrickt wird, strapaziert die Glaubwürdigkeit des Plots spürbar. Realistisch und äußerst beklemmend ist hingegen das Bedrohungsszenario selbst. Die Atmosphäre in Oslo – die greifbare, latente Panik der Bevölkerung und die verzweifelten Stimmen der wartenden Angehörigen in den Krankenhäusern – wird dicht und authentisch transportiert. Durch die persönliche Involviertheit Ramms tauchen wir zudem tief in ihre Gedankenwelt und ihr soziales Gefüge ein.
Alexander Blix, der nach einer Haftstrafe aus dem Polizeidienst entlassen wurde, fremdelt spürbar mit seinem neuen Dasein als einfacher Privatermittler. Getrieben von dem Bedürfnis, den fatalen Irrtum seiner ehemaligen Vorgesetzten zu beweisen, kann er das Ermitteln nicht lassen. Er agiert auf seine gewohnt stoische, hochstrukturierte Art – die offizielle Polizeiarbeit einfach hinzunehmen, ist für ihn keine Option.
Erzählt wird der Thriller multiperspektivisch aus den Blickwinkeln von Emma Ramm, Alexander Blix und dem Täter. Leider kommt die Perspektive des Snipers deutlich zu kurz; hier wurde erzählerisches Potenzial verschenkt. Ein tieferer psychologischer Einblick in den Täter hätte der Geschichte enorm gutgetan. Auch die Darstellung der Osloer Polizei lässt zu wünschen übrig. Das Autorenduo degradiert die Beamten fast zu hilflosen Statisten, die ohne Blix' heimliche Tipps völlig verloren in der skandinavischen Hitze stünden. Diese gezeichnete Inkompetenz kratzt stark am Realismus der ansonsten ernsten Geschichte.
Fazit
Trotz inhaltlicher Schwächen und erzählerischer Abstriche in der B-Note bleibt „Blutregen“ ein durchgehend spannender Thriller mit hohem Unterhaltungswert. Der Schrecken und die diffuse Angst, jederzeit das nächste Opfer sein zu können, wirken hier eindringlich nach.
Die packende Story und die stark gezeichneten Figuren machen auch diesen Band absolut empfehlenswert. Dennoch steht die Reihe an einem Scheideweg: Die Autoren sollten ernsthaft erwägen, die Serie zu einem runden, versöhnlichen Abschluss zu bringen. Sollte sie fortgeführt werden, wäre es zwingend notwendig, die Ermittler aus der ständigen persönlichen Betroffenheit zu befreien, um erzählerisch glaubhaft zu bleiben.
Michael Sterzik

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