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Sonntag, 26. Juli 2026

Rezension / Buchbesprechung : Blutregen - Thomas Enger und Jorn Lier Horst


Wir leben in einer Epoche, in der die gefühlte und tatsächliche Sicherheit zunehmend Risse bekommt. Ob rechtsextreme oder religiös fanatisierte Gruppierungen, ob psychisch labile Einzeltäter – die Bedrohung durch Terrorismus ist zu einem ständigen, unberechenbaren Begleiter geworden. Die Tatwaffen sind erschreckend alltäglich: Ein in eine Menschenmenge gesteuertes Fahrzeug reicht oft ebenso aus wie gezielt eingesetzte Schusswaffen. Die bittere Realität lautet, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. Trotz aufgerüsteter Sicherheitsapparate, präventiver Kontrollen und schwerer Barrieren lassen sich weder Ort noch Zeit solcher Tragödien prophetisch vorhersehen. Die Tatmotive bleiben oft im Nebulösen, während in der Gesellschaft der Schock und eine lähmende Angst vor dem nächsten Anschlag den Alltag zu vergiften drohen.

Stellen wir uns ein besonders perfides Schreckensszenario vor: Ein Scharfschütze, der aus sicherer Distanz scheinbar völlig wahllos das Feuer auf Passanten auf belebten, öffentlichen Plätzen eröffnet. Eine beklemmende Vorstellung – und leider alles andere als abwegig. Genau diese hochaktuelle Thematik greift das norwegische Autorenduo Thomas Enger und Jørn Lier Horst in ihrem neuesten Thriller „Blutregen“ auf.

Darum geht es in „Blutregen“ Die hochsommerliche Hitze Oslos wird von einem unsichtbaren Schrecken erdrückt: Ein Heckenschütze terrorisiert die Stadt. Seine Opfer scheinen rein zufällig gewählt, doch die Einschläge kommen näher. Eines der ersten Opfer ist ausgerechnet die Schwester der Journalistin Emma Ramm. Während das Thermometer unerbittlich steigt und die Polizei fieberhaft nach einem Muster in den Anschlägen sucht, sind Ramm und der Ex-Polizist Alexander Blix persönlicher denn je motiviert, den Täter zu stoppen. Doch der Schütze verfolgt seinen ganz eigenen, gnadenlosen Plan und ist den Ermittlern stets einen verhängnisvollen Schritt voraus.

Starke Atmosphäre, aber Schwächen im Konstrukt 

Als mittlerweile sechster Band der Reihe um Emma Ramm und Alexander Blix markiert „Blutregen“ nicht unbedingt den literarischen Höhepunkt des Duos. Vorgängerbände wirkten in ihrer Konstruktion durchdachter und in der Ausführung feinnerviger. Dennoch punktet der Roman mit einer konsequenten und chronologischen Weiterentwicklung seiner beiden Hauptfiguren.

Der Spannungsbogen leidet bedauerlicherweise unter gewissen Konstruktionsschwächen. Dass Emma Ramm erneut derart persönlich in den Fall verstrickt wird, strapaziert die Glaubwürdigkeit des Plots spürbar. Realistisch und äußerst beklemmend ist hingegen das Bedrohungsszenario selbst. Die Atmosphäre in Oslo – die greifbare, latente Panik der Bevölkerung und die verzweifelten Stimmen der wartenden Angehörigen in den Krankenhäusern – wird dicht und authentisch transportiert. Durch die persönliche Involviertheit Ramms tauchen wir zudem tief in ihre Gedankenwelt und ihr soziales Gefüge ein.

Alexander Blix, der nach einer Haftstrafe aus dem Polizeidienst entlassen wurde, fremdelt spürbar mit seinem neuen Dasein als einfacher Privatermittler. Getrieben von dem Bedürfnis, den fatalen Irrtum seiner ehemaligen Vorgesetzten zu beweisen, kann er das Ermitteln nicht lassen. Er agiert auf seine gewohnt stoische, hochstrukturierte Art – die offizielle Polizeiarbeit einfach hinzunehmen, ist für ihn keine Option.

Erzählt wird der Thriller multiperspektivisch aus den Blickwinkeln von Emma Ramm, Alexander Blix und dem Täter. Leider kommt die Perspektive des Snipers deutlich zu kurz; hier wurde erzählerisches Potenzial verschenkt. Ein tieferer psychologischer Einblick in den Täter hätte der Geschichte enorm gutgetan. Auch die Darstellung der Osloer Polizei lässt zu wünschen übrig. Das Autorenduo degradiert die Beamten fast zu hilflosen Statisten, die ohne Blix' heimliche Tipps völlig verloren in der skandinavischen Hitze stünden. Diese gezeichnete Inkompetenz kratzt stark am Realismus der ansonsten ernsten Geschichte.

Fazit 

Trotz inhaltlicher Schwächen und erzählerischer Abstriche in der B-Note bleibt „Blutregen“ ein durchgehend spannender Thriller mit hohem Unterhaltungswert. Der Schrecken und die diffuse Angst, jederzeit das nächste Opfer sein zu können, wirken hier eindringlich nach.

Die packende Story und die stark gezeichneten Figuren machen auch diesen Band absolut empfehlenswert. Dennoch steht die Reihe an einem Scheideweg: Die Autoren sollten ernsthaft erwägen, die Serie zu einem runden, versöhnlichen Abschluss zu bringen. Sollte sie fortgeführt werden, wäre es zwingend notwendig, die Ermittler aus der ständigen persönlichen Betroffenheit zu befreien, um erzählerisch glaubhaft zu bleiben.


Michael Sterzik

Samstag, 31. Dezember 2022

Blutmond - (Harry Hole Band 13) von Jo Nesbo

 


Der 13. Band „Blutmond“ des norwegischen Autors ist im Ullstein Verlag erschienen. Damit geht die Reihe des Kult-Ermittlers Harry Hole weiter. Schon einige Male dachte man, dass die Reihe ein spektakuläres Ende findet, doch totgesagte leben bekanntlich länger. Einer der bekanntesten Titel dieser Reihe – „Schneemann“ wurde verfilmt, allerdings mit mäßigem Erfolg. Als Spielfilm sind die einzelnen Bücher schwer cineastisch zu übersetzen. Als Fernsehserie dagegen mit verschiedenen Staffeln wäre die Reihe bestimmt ein großer Erfolg – nur welcher Schauspieler könnte die Hauptfigur „Harry Hole“ überzeugend und authentisch spielen. Genau das wäre die größte Herausforderung.

Harry Hole ist als Mensch und Polizist selbstzerstörerisch. Am Anfang dieser legendären Reihe ist er Hauptkommissar im Dezernat für Gewaltverbrechen in Oslo. Als einer von wenigen norwegischen Kriminalbeamten durchlief er beim amerikanischen FBI eine Ausbildung im Bereich Verhörmethoden und Schusswaffen und spezialisiere sich dort auf die Methodik von Serienmördern.

Seine brillante Intelligenz hilft ihm zwar beruflich, aber privat zweifelt er immer wieder stark an sich selbst. Als schwerer Alkoholiker kommt er mit Kollegen und Vorgesetzten immer in Konflikte und seine einzelgängerischen und oftmals Disziplinlosigkeit machen den Umgang schwer mit ihm. Seine Fälle und die Konfrontation mit den Tätern nehmen ihn auch physisch mit, psychisch kann er alles mehr oder minder mit dem Alkohol in Kombinationen verarbeiten. Seine Beziehung zu Frauen ist sehr ambivalent und die Juristin Rakel Frauke – die Liebe seines Lebens wird ermordet. Harry Hole kann die Umstände des Mordes aufklären, der Täter richtet sich selbst, sein Ziel allerdings, Harry Hole zu zerstören hat er fast geschafft.

Der Anfang des Romans „Blutmond“ startet in der Stadt der Engel.

Harry Hole hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. In Los Angeles trinkt er sich als einer der zahllosen Obdachlosen fast zu Tode. Hin und wieder hilft er Lucille, einer älteren Filmdiva, die einem Drogenkartell eine Million Dollar schuldet.

Zur gleichen Zeit werden in Oslo zwei Mädchen ermordet. Beide feierten auf der Yacht eines stadtbekannten Immobilienmaklers. Kommissarin Katrine Bratt fordert Harry Hole an, doch die Führungsetage der Polizei hat kein Interesse an dem Spezialisten für Mordserien. Der Makler hat weniger Skrupel und bietet Hole als privatem Ermittler ein Vermögen, um seinen Ruf zu schützen.

Hole willigt ein, denn er sieht eine Chance, Lucille freizukaufen, und sucht sich ein Team, bestehend aus einem Kokain-dealendem Schulfreund, einem korrupten Polizisten und einem schwer an Krebs erkrankten Psychologen. Die Zeit läuft, während über Oslo ein Blutmond aufzieht. (Verlagsinfo)

„Blutmond“ ist das Ende einer Ära von Harry Hole, vielleicht ein Meilenstein und schlussendlich könnte es sich als Neuanfang darstellen. Die Story ist originell, vielleicht kann man sie auch als abgefahren bezeichnen. Die Morde sind nicht brutal geschildert, viel skurriler verhält sich der Serienmörder, der merkwürdig und erschreckend mit den Trophäen seiner Opfer kommuniziert. Die Grausamkeit des Täters ist enorm – seine Intelligenz hoch und damit ähnelt er seinem Kontrahenten Harry Hole.

Wie immer spielt als Nebengeschichte Harry Holes Privatleben eine gewisse Rolle und gewährt kurze Rückblicke in die Vergangenheit seiner Person. Genau diese Ereignisse tragen viel dazu bei, dass sich Harry Hole wiederfindet, wenigstens phasenweise. Er gilt als ein sprunghafter Charakter und einen starken Rückhalt kannte er bis dato nur in seiner Beziehung zu Rakel Frauke. Mit ihrem Tod zerschellte seine Seele. Es wird interessant sein, wie sich das ggf. in späteren Romanen auswirken könnte.

Einige Personen aus den vergangenen Titeln sind ebenfalls dabei und ein Nebencharakter stirbt. „Blutmond“ ist spannend, aber gehört nicht zu den stärksten Bänden dieser Reihe. Vielmehr ist er ein Orientierungspunkt, vielleicht ein Neuanfang für Harry Hole dessen Karriere als Ermittler und seine Entwicklungen als Mensch noch genügend Potenzial für weitere Roman geben sollte.

Dass der Roman auch aus der erzählerischen Perspektive des Täters geschildert wird, ist großartig und treibt die Spannung und den Unterhaltungswert an. Damit bekommen auch die Opfer eine Stimme und sind nicht einfach stille anonyme Beteiligte.

Fazit

Eine Serie, die mörderisch spannend ist. Harry Hole ist zurück und reanimiert sich selbst. Ein neuer Orientierungspunkt für den polarisierenden Ermittler und Menschen.

Michael Sterzik

Dienstag, 1. November 2022

Buchtipp: Blutmond - (ein Harry Hole Roman) von Jo Nesbo


Jo Nesbo hat mit seiner Figur des Kommissars Harry Hole einen sehr polarisierenden, ambivalenten und starken Charakter in das Genre Krimi/Thriller katapultiert. 

Hochintelligent - dabei aber auch menschlich "schwach". Immer auf einem schmalen Grat balancierend zwischen Glück und Tragödie. 

Ende November erscheint ein neuer Titel um diesen Charakterkommissar. 

Harry Hole hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. In Los Angeles trinkt er sich als einer der zahllosen Obdachlosen fast zu Tode. Hin und wieder hilft er Lucille, einer älteren Filmdiva, die einem Drogenkartell eine Million Dollar schuldet.

Zur gleichen Zeit werden in Oslo zwei Mädchen ermordet. Beide feierten auf der Yacht eines stadtbekannten Immobilienmaklers. Kommissarin Katrine Bratt fordert Harry Hole an, doch die Führungsetage der Polizei hat kein Interesse an dem Spezialisten für Mordserien. Der Makler hat weniger Skrupel und bietet Hole als privatem Ermittler ein Vermögen, um seinen Ruf zu schützen.

Hole willigt ein, denn er sieht eine Chance, Lucille freizukaufen, und sucht sich ein Team, bestehend aus einem Kokain-dealendem Schulfreund, einem korrupten Polizisten und einem schwer an Krebs erkrankten Psychologen. Die Zeit läuft, während über Oslo ein Blutmond aufzieht. (Verlagsinfo) 


;Michael Sterzik 


  • Kriminalroman Thriller
  • Ullstein Hardcover
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 560 Seiten
  • Blodmåne
  • Aus dem Norwegischen übersetzt von Günther Frauenlob.
  • ISBN: 9783550201554
  • Erscheint: 24.11.2022
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  • Aus der Reihe "Ein Harry-Hole-Krimi"
  • Band 13