Samstag, 5. September 2026

Rezension / Buchbesprechung: Der Thorn der Lilie - von Daniel Wolf


Die Tempelritter – kaum ein anderer Orden umgibt eine derartige Aura aus Mythen, Legenden und dem ewigen Flüstern um den Heiligen Gral. Diese elitären Gotteskrieger, die einst als Beschützer von Pilgern begannen und zu den mächtigsten Finanziers Europas aufstiegen, bieten eine faszinierende kulturhistorische und machtpolitische Bühne. Sie waren Männer, die vor ihrer Vergangenheit flohen, gesellschaftliche Ausgestoßene oder tief Gläubige auf der Suche nach Sühne. Doch wer hofft, in Daniel Wolfs zweitem Band „Der Thron und die Lilie“ in diese komplexen historischen Untiefen einzutauchen, wird bitter enttäuscht.

Ein vielversprechendes Setting verkommt zur Seifenoper

Wir schreiben das Jahr 1297. Frankreich ist ein Pulverfass. Während der Papst und König Philipp der Schöne einen erbitterten Kampf um die Vormachtstellung austragen und die Grafschaft Flandern am Rande eines blutigen Aufstands taumelt, werden Constantin Fleury und der Templer Gérard d’Acre von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt.

Als Constantins schwangere Frau Agnès und die Goliardin Mélisande aus Rache entführt werden, beginnt ein verzweifelter Kampf um Lösegeld und Überleben, der die Protagonisten tief ins unruhige Flandern führt. Was auf dem Papier nach einem hochspannenden, politisch aufgeladenen Thriller im Mittelalter klingt, entpuppt sich in der Umsetzung leider als erzählerischer Offenbarungseid.

Schwächen, die das Lesevergnügen trüben

Im direkten Vergleich zum starken Auftakt der Trilogie fällt dieser zweite Band dramatisch ab. Die Gründe dafür sind ebenso vielschichtig wie ärgerlich:

Vorhersehbarkeit statt Raffinesse: Die gesamte Handlungsachse rund um die Entführung ist von einer geradezu schmerzhaften Banalität. Die Storyline reiht ein Klischee an das nächste, sodass man als geübter Leser bereits nach wenigen Seiten das Ende sämtlicher Erzählstränge präzise vorhersagen kann. Echte Spannung? Fehlanzeige.

Anstrengende Charakterdynamiken: Die Interaktion der beiden entführten Frauen wird auf ein unerträgliches Maß an "Zickenterror" reduziert. Das ständige, künstlich aufgebauschte Angiften in den Dialogen wird derart auf die Spitze getrieben, dass man bald jegliches Interesse an ihrem Schicksal verliert.

Forcierte Modernität: Die Integration eines Coming-outs bei einer der weiblichen Figuren ist ein perfektes Beispiel für gut gemeint, aber schlecht gemacht. Grundsätzlich wäre dies ein mutiger und gesellschaftlich spannender Aspekt in einem historischen Roman. Hier wirkt die gesamte Konstruktion jedoch ausnahmslos bemüht, künstlich aufgesetzt und verfehlt jegliche emotionale Wirkung.

Das historische Vakuum: Dies ist das größte Manko des Romans. Die weitreichenden politischen Auseinandersetzungen, die komplexen Spannungen in Flandern, das geopolitische Schachspiel des französischen Königs und die Identitätskrise der Tempelritter nach dem Verlust des Heiligen Landes – all diese faszinierenden Themen des Zeitgeschehens werden nur extrem oberflächlich angerissen.

Fazit

„Der Thron und die Lilie“ ist ein historischer Roman, der seine eigene Historie vergisst. Statt die komplexen politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen des späten 13. Jahrhunderts auszuloten, liefert das Buch lediglich eine seichte, langatmige Rachegeschichte vor historischer Kulisse. Für Leser, die Tiefgang, durchdachte Dialoge und ein authentisches Gefühl für die Epoche suchen, ist dieser Band leider verschwendete Lebenszeit.

Michael Sterzik

Keine Kommentare: