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Montag, 19. Januar 2026

Mr. One - Jens Lapidus


Der Traum vom schnellen Geld verspricht Macht und grenzenlose Unabhängigkeit. Doch die Schattenwelt der Metropolen ist ein Malstrom, in dem Respekt nur durch Gewalt erkauft wird. Die Desperados an der Spitze von Kartellen und Clans mögen kurzzeitig unantastbar erscheinen, doch die Uhr tickt unerbittlich. Am Ende wartet oft die Justiz – oder ein noch härteres Gericht. Denn wer an der Spitze steht, hat nicht nur Reichtum, sondern zieht unzählige Feinde an: loyale Konkurrenten, Verräter, die als "Ratten" die Struktur aushöhlen, und rivalisierende Organisationen, die jede Schwäche als Einladung zum Angriff sehen. Der Preis für den Thron ist ewige Paranoia.

Doch was, wenn das Gewissen erwacht? Was, wenn der Boss aussteigen will, weil die Verantwortung für sich und andere das Gangsterleben überwiegt? Der Wunsch nach Legalität wird zum ultimativen Himmelfahrtskommando, denn die Gefahr, liquidiert zu werden und alles Verlorene endgültig zu begraben, ist omnipräsent. Der Ausstieg ist der seltenste Traum der Unterwelt.

Jens Lapidus, selbst Rechtsanwalt in Schweden, gewährt uns in seinem Roman „Mr. One“ einen tiefen Einblick in diese erbarmungslose Maschinerie. Seine Recherchen und Erfahrungen spiegeln sich in einer Authentizität wider, die unter die Haut geht.

Isak Nimrod will sich nach vielen Jahren als Boss der Unterwelt aus dem Gangsterleben zurückziehen und ein legales Leben führen. Sofort beginnt ein wilder Kampf um sein Erbe. Wer wird der neue Mr. One? Seinen Platz möchte Kerim Celali einnehmen, der anders als Isak, mit brutaler Gewalt regiert. Als Isaks Sohn Max verschwindet, setzt sich eine fürchterliche Spirale der Gewalt in Gang, in die auch der ehemalige Kleinganove Teddy hineingezogen wird, der als V-Mann ins Gangstermilieu eingeschleust wird. Der Krieg auf Stockholms Straßen hat längst die Vororte verlassen und hält Einzug in die schicken Viertel und Milieus der Stadt. Keiner ist mehr sicher, wenn es um die tödliche Frage geht, wer in dieser düsteren Welt die Oberhand behält. (Verlagsinfo)

„Mr. One“ ist ein kompromisslos realistischer, aber überraschend introspektiver Thriller. Er lebt nicht von überdrehten Action-Szenen, sondern von den leisen, schonungslosen Dialogen und den komplexen Perspektivwechseln seiner Figuren. Sie alle stehen vor demselben Schicksalsdilemma: Hinein in die Macht oder Raus in die Legalität. Beides ist ein Spiel auf Zeit, eine gefährliche Wette mit dem Tod.

Der Autor beleuchtet die feinen Linien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld, und zeigt die Ehefrauen, Partner und Kinder, die unweigerlich in den Strudel gerissen werden. Die vermeintlich durchdachten Ausstiegspläne können in Sekundenbruchteilen zu Asche zerfallen. Dann zählt nur noch die Improvisation – und die kennt noch weniger Gesetze.

Die wahre Stärke des Romans liegt in den brillanten Charakterstudien und den Achterbahnfahrten der Emotionen, die er beim Leser auslöst. Zudem bietet er faszinierende Einblicke in den "kriminellen Baukasten" – von der Manipulation einer Tatwaffe bis zur verschlüsselten Kommunikation im digitalen Zeitalter. Trotz einer gewissen tiefgründigen Langatmigkeit in Phasen, zahlt sich das geduldige Erzähltempo am Ende aus. Das überraschende Finale stellt die Weichen für einen vielversprechenden, weiteren Band. Ein intelligenter Thriller, der durch seinen Realismus und seine psychologische Tiefe überzeugt.


Michael Sterzik



Dienstag, 5. Juli 2022

Der Libanese - Clemens Murath


Das organisierte Verbrechen in Deutschland – eine kriminelle Schattenwelt in der auch die Politik, die städtische Verwaltung, wie auch die Wirtschaft involviert sind. Der Kampf der militanten, meist ausländischen Familien um die Vorherrschaft in einem Stadtteil, oder gar der Stadt selbst, wird mit harter und brutaler Intensität geführt. Der kriminellen Energie sind hier keine Grenzen gesetzt. An die Grenzen kommen jedenfalls die Polizeibehörden, die das organisierte Verbrechen als eine Hydra bezeichnen. Bekämpfen um jeden Preis – aufhalten ist unmöglich, aber dieser Maschinerie durchaus brauchbare Schäden zuführen – das kann gelingen. Der Preis für diese kleinen Erfolge ist allerdings viel zu hoch: Kaputte Ehen, Drogenmissbrauch mit Alkohol und sonstigen synthetischen Drogen ist nicht selten und als Staatsbeamter mit geringem Gehalt, aber viel persönlichen Risiko ist man vielleicht auch bereit, sich selbst an Drogen und Geldern zu bereichern. Der schmale Grat zwischen Legalität und Kriminalität ist hauchdünn und der Abgrund auf beiden Seiten tief.

Clemens Murath nimmt sich genau diesen Themen an – und zwar allen. Nicht nur dem Verbrechen, sondern auch die Vernetzung mit der Wirtschaft usw. und auch die Anspannungen und Risiken der Polizei werden mit klaren Worten erklärt.

Ein Stück Gegenwartsliteratur, dass dem Leser schonungslos und absolut radikal vor Augen führt, dass selbst die Polizei versucht unter dem Radar die Kriminalität zu bekämpfen, und zwar mit kriminellen Alternativlösungen. Nicht ungemein originell, aber zweckmäßig

Frank Bosman führt mit seinem Team vom LKA einen ziemlich hoffnungslosen Kampf gegen Arslan Aziz, den Kopf einer libanesischen Großfamilie, die das Drogengeschäft in Berlin weitgehend kontrolliert. Als die albanische Mafia aggressiv auf den Markt drängt und Arslans Bruder Tarik einen Konkurrenten ermordet, sieht Bosman die Chance, den ganzen Clan zur Strecke zu bringen. Doch die Festnahme endet blutig, und Bosman kommt schwer unter die Räder. Nicht nur hat er die internen Ermittlungen wegen der tödlichen Schießerei am Bein, sondern er muss sich einer blutjungen Augenzeugin erwehren, die ihn jederzeit in den Knast bringen kann. Als wäre das noch nicht genug, stellt sich heraus, dass sein Schwager Harry, ein windiger Filmproduzent, in den Fall verwickelt ist. Er schuldet Aziz eine Menge Geld, das er nicht zurückzahlen kann ...(Verlagsinfo)

„Der Libanese“ ein Roman, der sich nicht mit Nebenhandlung aufhält, der schnell und einfach erzählt wird, dass man kaum mehr merkt, ob es gerade spannend war, oder noch ist. Diese schonungslosen Beschreibungen, die sehr detailliert sind, diese Mischung aus Sex & Crime ist nicht für jeden etwas. Vielseitig sind die auch die Charaktere – dass Schema „Good Cop and Bad Cop“ wird man hier nicht finden – es sind alles Bad Cops. Alle sind erpressbar, jeder hat gewisse Leichen im Keller, mancher einen ganzen Friedhof voller Sünden, voller Geheimnisse, und Abhängigkeiten. Fällt also ein Beamter – kann er gerne wie ein Lemming gleich mal viele Mitwisser und Dulder mitreißen.

Doch auch die „Bösen“ sind nicht nur eindimensional schlecht. Die Motivation sich dieser kriminellen Spirale zu entziehen, sich auf die helle Seite der Macht einzureihen ist löblich, aber sich aus diesem Sumpf zu befreien kann ebenfalls ein Kampf gegen eine Hydra werden. Dem Autor Clemens Murath gelingt das fabelhaft überzeugend.

Für Action ist gesorgt – Sex und Gewalt findet man auch und diverse andere Todsünden finden sich auch ein. Wie schon gesagt, findet der Autor, aber auch neben seiner brachialen Rhetorik, auch sanfte Worte, die dem Menschen die Maske der Kriminalität entfernen. Darunter zeigt sich dann der Mensch, der ohne Hilfe seiner Familie und Freunde keinen Ausweg finden wird.

Neben der Spannung kommt auch der Humor nicht zu kurz. Dieser ist aber auch genauso schwer zu verdauen und oftmals tiefschwarz.

Vieles ist sehr gut an diesem Roman. Einiges bedient aber auch jedes klassische Vorurteil, an das man denkt – wenn das Wort „Clan-Kriminalität“ fällt. Viele Klischees werden ebenfalls bedient – trotzdem zeigt „Der Libanese“ schonungslos auf, welche internen Strukturen es gibt, wie schmal der Grat zwischen der höheren Gesellschaft und der Kriminalität ist.

Clemens Ausdruck, sein Stil eine Geschichte zu erzählen ist absolut offensiv. Knallharter Roman, der vielleicht mehr zeigt, als er muss und spannende Unterhaltung bietet. Die Figuren sind skurril, aber herrlich (un)sympathisch, dass man doch sehr neugierig ist, wie es denn mit den „Bad Cops“ so weitergeht.

 

Michael Sterzik