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Mittwoch, 25. März 2026

Löwenherzen - Dan Jones


Was genau macht einen ganz gewöhnlichen Menschen zu einem „Löwen“? Ist es wirklich das waghalsige Risiko, die blinde Todesverachtung im Rausch einer Schlacht? Oder ist es nicht vielmehr jene stille, zähe Kraft, die uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen? Wahrer Mut hat viele Gesichter, doch am eindrucksvollsten zeigt er sich oft in der vollkommenen Selbstlosigkeit – in dem tiefen Drang, andere, vielleicht Schwächere, mit dem eigenen Leben zu schützen. Oft sind es paradoxerweise gerade die Menschen, die von der Gesellschaft als unbedeutend abgetan werden, die das größte Kämpferherz beweisen. Vielleicht rührt diese Stärke gerade daher, dass sie selbst vom Leben gezeichnet sind und bereits unzählige Schicksalsschläge und Herausforderungen meistern mussten.

Genau in dieser rohen, ungeschönten Menschlichkeit liegt der erzählerische Kern des dritten und abschließenden Romans über die Söldnertruppe der „Essex Dogs“. Mit diesem Buch liefert Dan Jones nicht nur einen grandiosen Abschluss seiner historischen Reihe, sondern ein tiefgründiges Epochenporträt, das aus vielerlei Gründen eine absolute Leseempfehlung ist.

Dan Jones entwirft das faszinierende Sittenbild einer Welt im radikalen Umbruch. England befindet sich in der unruhigen Zeit nach der Großen Pest. Die Gesellschaft ist von extremen, geradezu schmerzhaften Kontrasten geprägt: Auf der einen Seite steht das harte, entbehrungsreiche und doch von einer leisen Hoffnung getragene Leben der einfachen Bevölkerung, die versucht, aus den Trümmern eine neue Existenz aufzubauen. Auf der anderen Seite prallt diese Realität auf die schamlose Dekadenz und die ungenierte Feierwut des königlichen Hofes in Windsor.

Es ist eine Ära, in der moralische Grenzen verschwimmen. Das zwielichtige Milieu der Piraten und Kriegsgewinnler lockt mit schnellem, aber schmutzigem Geld. Gleichzeitig versuchen verarmte Ritter verzweifelt, ihren Status in einer Welt zu retten, die langsam, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegengeht. Und über all diesem gesellschaftlichen Chaos thront der englische König Edward III., der den Wirren seiner Zeit mit einem fast schon zynischen Fatalismus und seinem treuen Motto begegnet: "It is as it is."

Die Handlung des dritten Bandes setzt nur wenige Jahre nach den dramatischen Ereignissen des Vorgängers ein. Die einst so eingeschworene Truppe der Essex Dogs ist zerrissen und in alle Winde zerstreut. Die Zeiten sind unbarmherzig, und die alten Veteranen geben alles, um sich einen Neuanfang abseits der Schlachtfelder zu erkämpfen – doch die zivile Welt erweist sich als ebenso gnadenlos wie der Krieg: Millstone und Thorp müssen sich als Leibwächter einer Prinzessin verdingen, der Scotsman wird als bloßer Schaukämpfer zur Belustigung anderer schikaniert, und Romford schuftet für einen Ritter, der ihn schamlos ausbeutet.
Besonders tragisch ist das Schicksal von Loveday. Er versucht mit aller Macht, die Schrecken der vergangenen Schlachten aus seinem Gedächtnis zu streichen, um sich und seiner kleinen Familie den Traum von einem eigenen Gasthaus zu erfüllen. Er will diese friedliche Familienidylle um jeden Preis beschützen. Doch die Vergangenheit ist ein unerbittlicher Jäger. Schon bald muss Loveday ahnen, dass er ein letztes Mal in die Schlacht ziehen muss. Letztlich holt die alten Kameraden die bittere Erkenntnis ein: Das blutige Handwerk des Krieges ist womöglich das Einzige, was sie in dieser Welt wirklich beherrschen. Was sie in diesen dunklen Stunden aufrechterhält, ist ihre tiefe Verbundenheit. Immer wieder gedenken sie der gefallenen Gefährten, die an ihrer Seite kämpften und den Tod fanden.

Dan Jones ist nicht nur ein Autor; er ist ein renommierter Experte und Historiker. Bekannt durch seine viel gerühmten Dokumentationen, Podcasts und eine ganze Riege fundierter historischer Sachbücher, festigt er mit dieser Trilogie nun endgültig seine Position in der historischen Belletristik.

Fazit
Sein besonderes Talent zeigt sich in der mühelosen Verschmelzung von Fakten und Fiktion. Die fiktive kleine Söldnergruppe bewegt sich durch ein dichtes Netz historisch verbürgter Ereignisse. Jones beweist ein unglaubliches Fingerspitzengefühl dabei, reale historische Persönlichkeiten in seine Handlung einzubauen und sie atmen zu lassen. Es ist eine besondere erzählerische Freude, wenn überlieferte Zitate dieser Figuren ganz natürlich ihren Weg in das spannende Storytelling finden. Nüchterne, historische Fakten in eine derart packende, emotionale und zugleich informative Erzählung zu übersetzen, ist eine große Kunst – und Dan Jones beherrscht sie in diesem Finale meisterhaft.

Michael Sterzik

Samstag, 28. September 2024

Winterwölfe - Dan Jones


Der vorliegende Titel ist der zwei Band der Essex-Dogs Reihe des britischen Historikers Dan Jones. 

Der Hundertjährige Krieg in seiner Anfangsphase zur Durchsetzung des Anspruchs auf den französischen Königsthron. Mit aller Gewalt - kompromisslos und konsequent wurde nicht nur auf dem Schlachtfeld gekämpft. Es waren nicht nur die edlen, meist adligen Ritter, die sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegenüberstanden, sondern meist einfache Soldaten, zum Kriegsdienst gezwungene Vasallen der verschiedenen Herrscherhäuser. Aber auch Söldner kämpften gegen Bezahlung gegen den „Feind“.

Die französische Zivilbevölkerung wurde von den Invasoren in ihren Dörfern, kleinen und großen Städten misshandelt. Viele Städte wurden belagert, immer wieder angegriffen und endlos bombardiert. Eine psychische und physische Folter, die auch Hungersnöte mit sich brachte, wenn die Vorräte vernichtet oder aufgebraucht waren. Die hygienischen Verhältnisse verschlechterten sich, Krankheiten und Seuchen breiteten sich unter der verängstigten Bevölkerung rasant aus.

Der Krieg zerstört sehr schnell die Menschlichkeit - auf beiden Seiten - ob man nun Gewalt ausübt oder ihr zum Opfer fällt. Er hinterlässt unweigerlich Narben auf der Seele, die auch die Zeit nicht heilen kann. 

Der Autor Dan Jones erzählt sehr eindringlich und nachhaltig von den Schrecken des Krieges, von Belagerungen, Plünderungen, Kriegsverbrechen - aber auch von der psychischen Gewalt, von posttraumatischen Erlebnissen, die zerstörerisch sind.

Ende August 1346: Die große Schlacht bei Crécy ist geschlagen. Die erschöpften Essex Dogs wollen nach Hause, doch der englische König hat anders entschieden: Noch weiter im Norden liegt die reiche Hafenstadt Calais. Während der winterlichen Belagerung werden die Söldner zu einsamen Wölfen... Im zweiten Teil seiner Essex-Dogs-Trilogie lässt Dan Jones seine Leser ganz tief eintauchen in ein dunkles Mittelalter, in dem die zarten Flammen an Menschlichkeit, Sehnsucht und Liebe nur umso heller leuchten.

Mit französischem Terrain sind die englischen Söldner mittlerweile vertraut. Aber eine monatelange Belagerung einer Stadt und ihrer Bewohner – das ist auch für Männer, die schon alles gesehen haben, eine brutale Erfahrung. Wofür und gegen wen kämpfen sie hier? (Verlagsinfo)

„Winterwölfe“ ist etwas weniger actionreich als sein Vorgänger. Gekämpft wird natürlich auch, aber der Fokus liegt diesmal mehr auf den Charakteren, die durch ihre ganz persönliche Hölle gehen. Ehre und Ruhm, Pflichtbewusstsein und Kameradschaft - ja, all das kommt vor und wird auch thematisiert. Die „harten“ Essex Dogs zeigen nun auch ihre menschliche Seite. Immer wieder die Hoffnung, heil in der Heimat England anzukommen. Geld spielt als Motivation immer weniger eine Rolle. Das Überleben zählt, aber auch das verdammte Pflichtgefühl sich um seine Kameraden zu kümmern, egal wie aussichtslos das eine oder andere Himmelfahrtskommando auch sein mag. 

Es gibt Tote - von der einen oder anderen Figur muss man sich im Laufe der Handlung verabschieden. Von der ursprünglichen Zahl dieser Gruppe bezahlter Söldner ist nicht mehr viel übrig geblieben. Und diese dezimierte Zahl wirft die Frage auf, wie es im dritten Band weitergehen wird.

Historisch erzählt ist „Winterwölfe“ sehr gut. Das darf man von einem Historiker auch erwarten. Die Situation einer sehr langen Belagerung, und wir reden hier nicht von ein paar Tagen, wird sehr realistisch dargestellt. Das Eintreffen der Kanonen, das ständige Feuer auf die Mauern einer Stadt, deren Zivilisten unschuldig sind. Die Erwartungshaltung des herrschenden Adels, dem ein Menschenleben nichts bedeutet. Die Kluft zwischen dem Adel und dem einfachen Soldaten wird immer wieder thematisiert und dramatisiert, auch das Ausgeliefertsein, wenn absolut sinnlose Befehle ausgeführt werden müssen.

Manchmal wirkt die Geschichte ermüdend, vor allem dann, wenn die einzelnen Perspektiven der Figuren an der Reihe sind. Viele dieser Szenen zeigen die Verlassenheit, die Verzweiflung und den schwindenden Glauben, den Krieg überleben zu können.  

Die beiden historischen Romane von Dan Jones sind harte und grausam erzählte Momentaufnahmen des Hundertjährigen Krieges. Für Leser, die immer noch das Bild eines glorreichen und moralischen Ritters vor Augen haben, sorry - dieses idealisierte Bild taucht an keiner Stelle auf. Dan Jones erzählt das Töten, Sterben und Leiden absolut schonungslos und eine klassische, romantische Liebesgeschichte wird man hier auch nicht finden. 

Fazit

Der Alptraum des Krieges - sehr menschlich und packend dargestellt. Realistisch und nachhaltig verstörend zeigt uns Dan Jones die Bestie Krieg, die alles verschlingt - Täter wie Opfer.

Michael Sterzik