Posts mit dem Label 2 Weltkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 2 Weltkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 1. März 2026

Im Schatten der Ruinen - Peter Klisa


Das Trauma der „Stunde Null“: Leben in einer Mondlandschaft. Das Jahr 1945 markierte für Deutschland nicht nur das Ende eines verheerenden Krieges, sondern einen völligen zivilisatorischen Zusammenbruch. Die einst pulsierenden Metropolen glichen apokalyptischen Mondlandschaften; allein in Berlin türmten sich Abermillionen Kubikmeter Schutt. In diesen Trümmerwüsten vegetierten die Überlebenden – desillusioniert, gezeichnet und unter ständiger Lebensgefahr, da beschädigte Gebäudereste jederzeit einzustürzen drohten. Die gesellschaftliche Ordnung lag sprichwörtlich in Schutt und Asche. Familien waren zerrissen, und der Alltag wurde bestimmt vom quälenden Warten auf ein Lebenszeichen der Väter, Söhne und Ehemänner. Oft brachte erst eine knappe Meldung des Deutschen Roten Kreuzes die bittere Gewissheit. Und wer tatsächlich aus der Gefangenschaft oder von den Fronten zurückkehrte, fand oft nichts weiter vor als die zertrümmerten Reste seiner früheren Existenz.

Die Wirtschaft der Verzweiflung und das Gesetz des Schwarzmarktes

In den Jahren nach der Kapitulation kostete die eklatante Unterversorgung zahllose weitere Leben. Die offizielle Währung, die Reichsmark, hatte faktisch ihren Wert verloren, und die ausgegebenen Lebensmittelkarten reichten bei Weitem nicht aus, um den täglichen Kalorienbedarf zu decken. Aus schierer Verzweiflung klammerten sich die Menschen an die nackte Existenzsicherung.

Es etablierte sich rasant eine neue, illegale Ökonomie: der Schwarzmarkt. Die amerikanische Zigarette wurde zur inoffiziellen Leitwährung. Alles, was noch einen Funken Wert besaß – der gerettete Schmuck der Großeltern, wertvolle Antiquitäten, aber auch simpler Stahl, Kohle oder Konservendosen aus den Ruinen –, wurde hier getauscht. In den Besatzungszonen Berlins gehörte dieses Treiben zum Alltag und wurde von den Behörden oft zähneknirschend toleriert, da es das Überleben der Massen sicherte. Doch wo staatliche Kontrolle fehlte, füllte die organisierte Kriminalität das Vakuum. Skrupellose Schieberbanden rissen den Handel an sich, bereicherten sich an der Not der Bevölkerung und etablierten das brutale Gesetz der Straße.

Berlin 1948: Pulverfass im Zentrum der Mächte Genau in dieses historische Pulverfass – ein gesetzloses Berlin kurz vor der Währungsreform und der sich abzeichnenden Blockade – entführt Peter Klisa mit seinem neuesten Roman „Im Schatten der Ruinen“.

Captain Matthew Wallet wird im Jahr 1948 ausgerechnet in den amerikanischen Sektor dieser zerstörten Stadt strafversetzt. Sein Auftrag ist so simpel wie lebensgefährlich: Er und seine Einheit sollen die ausufernde Bandenkriminalität unter Kontrolle bringen. Doch die Realität übertrifft Wallets schlimmste Erwartungen. Er stößt auf die „Brandenburger“, ein hochgefährliches Netzwerk ehemaliger Wehrmachtssoldaten, das in allen vier Sektoren Berlins sein Unwesen treibt. Als diese Bande bei einem Massaker in einem Schwarzmarktlager eine gegnerische Gruppierung skrupellos ausschaltet, weiß Wallet, dass ihm die Zeit davonläuft.

Um das Netzwerk zu infiltrieren, engagiert er einen Informanten aus der Szene: den erst zwölfjährigen Heiner, der in der Unterwelt bestens vernetzt ist. Ein riskantes Spiel beginnt, das bald außer Kontrolle gerät. Kurze Zeit später verschwindet der Junge spurlos. Gemeinsam mit Heiners Mutter, Klara, begibt sich Wallet auf eine verzweifelte Suche – und die beiden tappen prompt in einen tödlichen Hinterhalt.

Fazit: Eine schonungslose Zeitreise 

Peter Klisa liefert mit „Im Schatten der Ruinen“ weit mehr als nur einen spannenden Kriminalroman. Das Buch besticht durch eine profunde historische Recherchearbeit und fängt die düstere, moralische Grauzone der Nachkriegsjahre exzellent ein. Der Autor wirft uns regelrecht in eine Welt zurück, deren Härte heute kaum noch fassbar ist.

Für eine Generation, die fließendes Wasser, eine verlässliche Infrastruktur, Energie und ein sicheres Dach über dem Kopf als Selbstverständlichkeit erachtet, ist dieser Roman eine eindringliche Lektion. Er macht auf fesselnde Weise begreifbar, unter welchen unfassbaren Entbehrungen die Menschen damals nicht nur überlebten, sondern den unerschütterlichen Willen aufbrachten, eine neue Zukunft aufzubauen. Ein tiefgründiges Leseerlebnis, das den Horizont erweitert und lange nachhallt.

Michael Sterzik

Dienstag, 14. März 2023

Brennender Zorn - Line Holm und Stine Bolther


Das ist schon nicht ganz einfach mit der Vergangenheit, vieles kann man verdrängen, ignorieren, ausblenden, und sich doch in Sicherheit wiegen, dass es niemals an die Öffentlichkeit kommt, oder sowieso einen einholt. Doch die Realität beweist, dass es oftmals ganz anders ist. Und Jahre, womöglich Jahrzehnte später geht diese stille Zeitkapsel dann mit einem Knalleffekt hoch, und es ist laut, unangenehm, unfreundlich und verdammt unpassend.

Schicksal – oder ist diese eine Methode des Universums uns daran zu erinnern, dass es universelle Gesetzmäßigkeiten gibt und uns die lange Nase zeigt?

Es passiert immer wieder, dass ein alter „Cold Case Fall“ gelöst, oder der Täter durch Zufall überführt wird. Ja, sicherlich wird nicht alles aufgeklärt, aber die Schatten der Vergangenheit werden immer mal wieder ausgeleuchtet.

In dem vorliegenden Band „Brennender Zorn“ geht es um ein Verbrechen, das über 70 Jahre zurückliegt, also faktisch im Zweiten Weltkrieg geschehen sein musste. Ein Kriegsverbrechen, oder nur ein Mord und kann man das Opfer und den Tathergang noch rekonstruieren? Der erste Handlungsstrang verspricht also eine mysteriöse Spannung. Zurück in unsere Zeit, mit aktuellen Themen, die auch in Dänemark mit einer gewissen Brisanz zu sehen sind. Die Kritik am Staat, seinem Rechtssystem, seinen polizeilichen Behörden, inmitten einer sowie politischen unruhigen Zeitenwende. Die Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung ist ansteigend, die personelle Besetzung bei der Polizei fällt immer schwächer aus. Die Behörden sind nicht planlos, nur manchmal bis an die Grenzen unterbesetzt. Die Willkür der Bürger wird geweckt, viele nehmen sich das Recht heraus: Staatsanwalt und Richter spielen zu können und zu wollen und bewegen sich mitunter jenseits aller Gesetze und reden wir doch erst gar nicht von einem moralischen Kompass.

In Jütland wird das Skelett einer jungen Frau gefunden. Sie starb durch einen Schuss in den Nacken. Die Tat liegt über siebzig Jahre zurück, Polizeihistorikerin Maria Just übernimmt die Ermittlungen. Währenddessen wird der Leiter des Dezernats für Gewaltverbrechen in Kopenhagen überfahren und beinahe getötet. Die Polizei steckt in einer tiefen Krise, und in diesem aufgeheizten Klima soll Kommissar Mikael Dirk herausfinden, wer den Anschlag auf seinen Chef verübt hat und das Land destabilisieren will. Als es zu einem weiteren Attentat kommt, erhält Mikael unerwartete Hilfe von Maria. Wer profitiert davon, wenn die Polizei ihr Gewaltmonopol verliert, und was verbindet die tote junge Frau mit den Tätern von heute? (Verlagsinfo)

Vergangenheit und Gegenwart im Staate Dänemark. Vor 70 Jahren war Europa vom Krieg überschattet und eine gewisse grausame Eigendynamik entwickelte sich. Rache, Vergeltung, alte Rechnungen und totale Willkürlichkeit einzelner militärischer und paramilitärischer Gruppen und aus Opfern konnten so auch Täter werden.

„Brennender Zorn“ ist der zweite Band um die Polizeihistorikerin Maria Just und dem Kriminalbeamten Mikael Dirk. Der erste Band „Gefrorenes Herz“ war als Debütroman schon sehr gelungen, doch der vorliegende ist vielseitiger, die Charakter intensiver dargestellt, die Kombination von historischer Gegenwart und aktuellen Herausforderungen ausgewogener.

Beide Handlungen sind auf ihre Art brillant erzählt. Das die gegenwärtige die Innenpolitik aufgreift und auch die Machtkämpfe der Politiker thematisiert werden, ist ebenfalls hoch spannend. Die beiden Autorinnen schildern ihre Story sehr authentisch und ziehen keine Grenze zwischen Gut und Böse – oder Opfer und Täter. Diese „Neutralität“ verspricht eine spannende Realität und katapultiert allerlei Themen aufs Podium. Rechtspopulismus, die Wut und Anspannung innerhalb der Gesellschaft, die verzweifelte Hilflosigkeit der Ermittlungsbehörden und letztlich die verschiedenen Interessen einzelner Politiker.

Die beiden Hauptfiguren Maria Just und Mikael Dirk sind „erwachsener“ geworden und agieren einzeln wie auch vereint sehr nachvollziehbar. Das beider Privatleben immer mal wieder in kleinen Szenen aufgeweckt wird unterstreicht nur die sowieso allgegenwärtige Spannung. Es gibt wenig Nebenpersonen – eine tragende ist die des Kollegen von Mikael, der im ersten Teil in Notwehr einen Menschen töten musste, um beider leben zu retten. Die Spannungen zwischen diesen beiden schaukeln sich hoch und sind auch nach Band 2 noch lange nicht am Ende. Dies ist auch für mich einer der wenigen Kritikpunkte, denn diese nun platzierte Nebenfigur hätte man mehr einbeziehen müssen.

Mikael steht im absoluten Fokus der Handlung und immens unter Druck. Als inzwischen Leiter für das Dezernat für Gewaltverbrechen muss er nun „Zähne“ zeigen, koordinieren, leiten und Entscheidungen treffen. Spannung also innerhalb von diversen Spannungen. Auch zwischenmenschlich geschieht also auf verschiedenen Ebenen, mehr als vergleichbar in Band 1 es der Fall war.

Am Ende und es ist nicht das Ende dieser Reihe – gibt es eine ganze Reihe von etwaigen Wahrscheinlichkeiten und Alternativen, die ggf. den zu erwartenden dritten Band noch spannender gestalten könnte.

Sehr lobenswert auch, dass der Leser einen Blick in die Vergangenheit Dänemarks werfen kann, die allerdings ähnliche Herausforderungen hatten, wie andere europäische Länder, die unter deutscher Besatzung waren.

Fazit

Par exellence - einer der spannendsten Kriminalromane in diesem Jahr und eine Reihe, die man nicht verpassen sollte. Alles richtig gemacht.

 

Michael Sterzik