Samstag, 28. Juli 2018

Das Labyrinth des Blutes - Alex Thomas


Der Feind meines Feindes ist mein Freund?! Stimmt diese These? Sind Mörder von Serientätern, von Kinderschändern „kriminell“ ? Vor der Justiz in jedem Fall - Staatsanwalt, Richter und Henker in einer Person zu sein, ist gesetzlich nicht akzeptabel. Allerdings wie verhält es sich mit der Moral in diesem Fall? Ist der Gerechtigkeit damit genüge getan, dass kriminelle Subjekte endgültig von einem Rächer beseitigt werden? Wo fängt die Gerechtigkeit an, wo gerät sie an ihre gesellschaftlichen und ethischen und moralischen Grenzen? Die Begrifflichkeiten der Worte „Gut“ und „Böse“ vermengen sich und wie interpretiert man das entstandene „Delta“?

Schon längst faszinieren uns in der Literatur und im Film, die Bösewichter, die Einzelgänger, die Figuren, die in ihrem persönlichen Gut-Böse-Labyrinth irgendwie den Ausgang verpasst haben?! Sie personifizieren mitunter eine Stärke, nicht nur physisch, sondern auch psychisch, die beeindruckt. Doch so ganz einfach, ist das nun auch wieder nicht. „Gut“ und „Böse“ sind nicht einfach festen Gesetzen zuzuordnen – die Perspektive, die Motive sind mitunter und auch nur ein erklärendes Argument.

Das Autorenduo Alex Thomas thematisiert diese Brisanz in ihrem neuesten Titel: „Das Labyrinth des Blutes“ erschienen im Verlag Edition M. Nach dem ersten Roman: „Die Tränen der Kinder“ bekommt es nun die ISA Agentin Paula Tennant mit dem Serienkiller „Ghost“ zu tun, der als Richter und Henker, Kinderschänder ihrem Schöpfer näherbringt. Eine blutige Spur, die quer durch Europa, nun die Metropole London erreicht hat.  
Auch der zweite Teil, dieser neuen Reihe überzeugt. Die Spannungsmomente sind gut bis zum Showdown verteilt, die Figuren verdammt gut positioniert. Timing und Prozesse der Erzählkunst in einer faszinierenden Kombination. Allerdings muss ich sagen; ist die charakterliche Zeichnung des „Ghost“ und die Figur des Robert Bernstein ungemein tiefer, als die von der eigentlichen Hauptfigur, die manchmal etwas in einer Nebenrolle abdriftet. Das ist aber gar nicht schlimm, sondern ausgesprochen genial und fördert ohnehin die vorhandene, spannende Grundstimmung.

Es liegt auf der Hand, dass das Universum in dem sich Paula Tennant bewegt und ermittelt, komplex aufgestellt ist. Einzelne erzählerische Elemente des ersten Bandes  und die jüngste, traumatische Vergangenheit der jungen und exzentrischen Agentin finden hier einen festen inhaltlichen Platz. 

Der Bezug zur Realität ist auch gegeben. Das Ermittlungsorgan der ISA gibt es nicht, wohl aber übergeordnete, europäische Vereinigungen der Polizeibehörden, die länderübergreifend Daten austauschen und kommunizieren. Wie effektiv das allerdings ist, mag ich nicht zu bewerten. Ebenfalls ist das thematisierte DarkNet keine Fiktion, sondern grausame Realität. Im Darknet werden unsere schlimmsten Ängste und Triebe mit digitalisierter Unterstützung zu reellen Albträumen. Menschen- und Waffenhandel, Drogen, Mordaufträge, Kinderschänder, Okkultismus und vieles mehr. All das wird dort gehandelt, ge- und verkauft. Die Anonymität schützt – und längst vermutet man, dass hochrangige Politiker und Wirtschaftsbosse, ggf. die Kirche hier involviert ist. Eine Loge des „Bösen“, eine Elite des Grauens, mehr Fakt als Fiktion.

Das Autorenduo Alex Thomas, dass sich sowieso gerne mit Mythen, Verschwörungen und was-wäre-wenn-thesen befasst, hat mit dem zweiten Band: „Das Labyrinth des Blutes“ einen hochklassigen Spannungsroman verfasst.

Es gibt aber auch ein paar wenige Kritikpunkte. Es wäre interessant gewesen, wenn der Ghost selbst in der Handlung persönlich zu Wort gekommen wäre. Auch die Symbolik – Alpha und Omega – und die Vereinigung, die zweifelsfrei dahintersteckt, hätte man mehr Einfluss geben können. Der Grundgedanke, das Fundament birgt so viel Potenzial – über alle Grenzen Europas und der Gesellschaftsschichten hinweg interpretiert, eine interessante Spielwiese, die gar nicht so fiktiv sein mag.

Fazit

„Das Labyrinth des Blutes“ von Alex Thomas ist ein hochklassiger, geistreicher Pageturner. Er hätte ruhig noch 200 Seiten stärker ausfallen können. Fakten und Fiktion mit einer verschwörerischen Note in Kombination, versprechen spannende Stunden. Prädikat: exzellent – und bitte mehr.

Michael Sterzik

Freitag, 27. Juli 2018

Der Tag X - von Titus Müller


Titus Müller beschreibt den „Tag X“ – der 17. Juni 1953 außerordentlich bewegt und nachhaltig. Jetzt 65 Jahre später, kann die jetzige Generation es nur beschwerlich begreifen, dass Deutschland geteilt war, dass acht Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg unsere Republik aufgeteilt war, und uns die Besatzungsmächte Amerika, Frankreich, England und Russland kontrollierten. Ebenfalls schützen und unterstützen sie uns im Wiederaufbau. Auch das sollte man keinesfalls vergessen. Es war auch eine Zeit der charismatischen Politiker: Adenauer, Churchill, Beria und Chruschtschow. Letztere kämpften um das Erbe von Stalin, bzw. versuchten die Trümmer seiner Herrschaft aufzuräumen.

Die DDR entstand 1949. Berlin war aufgeteilt in Besatzungszonen – der Osten wurde praktisch durch den Kreml regiert. Die westliche Region stand unter dem Schutz der drei übrigen Alliierten

Der Tag X gehört zur jüngeren deutschen Geschichte. Titus Müller nimmt den Leser mit in eine Vergangenheit, die wir kaum für möglich halten. Surreal, unglaubwürdig, erschreckend – so könnte man das Leben und Sterben in der damaligen DDR bezeichnen. Ein Regime des organisierten, staatlichen Terrors, aufgezwungene Lebensbedingungen und dann der Versuch am 17. Juni 1953 gemeinsam aufzustehen und es gewaltsam zu ändern.

Der Autor Titus Müller beschreibt in seinem Titel: „Der Tag X“ – die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die dann zu Unruhen führten. Brillant lässt der Autor dieses schmale Zeitfenster aus der Perspektive von unterschiedlichen Figuren spielen. Nelly Findeisen, ihr Vater, ein Wissenschaftler – verschleppt um für Russland zu forschen und zu entwickeln, hat es schwer im Alltag. Aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer kirchlich orientierten Jugendorganisation, wird sie kurz vor dem Abitur, der Schule verwiesen. Das Regime der DDR kennt keine Gnade, hat kein Verständnis und regiert durch Einschüchterung, Verfolgung, Folter und später auch Mord.

Titus Müller nimmt sich ebenfalls viel Zeit für die große und internationale Politik. Das Erbe Stalins und die späteren Machtkämpfe thematisierte er eindrucksvoll. Er spiegelt den Einfluss der damaligen UDSSR auf die ostdeutsche Regierung wieder. Er lädt uns ein, die Gedankenwelt in Momentaufnahmen von Konrad Adenauer zu begleiten. Absolut spannend ist zu lesen, wie der russische Geheimdienst operierte. Faszinierend wie einfallsreich und teilweise Morbide diese ihre technischen Möglichkeiten einsetze und auch die Liquidation von „verbrecherischen“ Elementen , als eine Selbstverständlichkeit ausübte.

Die größtmögliche Intensität ist das vom Autor das beschriebene Alltagsleben der Bürger der DDR. Erschreckend dabei auch, die Propaganda, die instrumentalisiert eine ganz andere Wahrheit zeigen soll. Schwer zu glauben, dass Menschen wirklich so etwas als tatsächliche Realität empfunden haben. Wenige Hunderte von Metern entfernt in westlichen Bereichen gab es eine andere Welt, die sich krass anders darstellte. Für  viele Bewohner das Paradies, für die Bewohner der DDR eine kapitalistische Hölle und das personifizierte Böse. Dieser fanatische Idealismus ist erschreckend. Das Regime der UDSSR , der die DDR mit harter Hand steuert, um die Anzahl der in den Westen Flüchtender Personen gegenhalten möchte. Die manipulative Aggressivität der Stasi um die Einwohner linientreu einzuschwören, ist stark erzählt.

Titus Müller gibt keine Bewertung ab, seine Figuren sind auch nicht einfach in einem schwarz/weiß Raster einzuordnen. Motive, Ideale, Überzeugungen – in Kombination mit einer verletzbaren Menschlichkeit erzählt der Autor des Titels: „Der Tag X“ vorbildlich und äußerst trefflich.

Fazit

„Der Tag X“ ist ein großartiger Roman, der wie ein helles und nachhaltiges Echo, die jüngste Vergangenheit reanimiert. Nicht nur unheimlich spannend und mitreißend, sondern auch eine sinnbildliche Prägung darüber nachzudenken, was am Tag des 17. Juni 1953 stattgefunden hat. Ein Denkmal für die mutigen Menschen – ein Mahnmal und eine Mahnung für die Freiheit einzustehen.

Michael Sterzik



Samstag, 21. Juli 2018

Die Macht des Präsidenten - Tom Clancy - von Mark Greaney

Im Kalten Krieg gab es das immer mal wieder gefährdete und instabile „Gleichgewicht“ der Supermächte USA und UDSSR . Es gab Stellvertreterkriege, und die Lieferung damaliger hochmoderner Waffen an verschiedene Staaten, war ein lukratives Geschäft. Die Händler des Todes wurden reich – und nicht wenige profitierten wirtschaftlich und sowie politisch von den Kriegen auf ganz anderen Kontinenten. 

Gehen wir ein paar Schritte in der Zeitrechnung weiter. Die Weltpolitik und der Frieden stehen aktuell auf Messers Schneide. Politische Auseinandersetzungen könnten durchaus zu Kriegen führen. Gibt es ein Gleichgewicht zwischen den Supermächten der Vereinigten Staaten und Russland? Wie würde sich die Nato verhalten, sollte Russland sein Einflussgebiet mit militärischer Gewalt versuchen zu vergrößern? Über den Osten – über Litauen vielleicht, oder über den Balkan würde sich der russische Militärapparat aggressiv bewegen? 

Die Romane des verstorbenen Autors Tom Clancy waren fast schon prophetisch. Der Autor hat politische und militärische Szenarien beschrieben, die manchmal von der Realität eingeholt worden sind. Nach seinem Tod – geht die Reihe um die berühmteste Figur von Clancy – Jack Ryan weiter. Das schriftstellerische Erbe liegt nur bei dem amerikanischen Autor Mark Greaney, ebenfalls ein militärischer und politischer Experte. 

„Die Macht des Präsidenten“ von Mark Greaney ist der zwanzigste Roman aus dem Jack Ryan Universum. Wie schon bei Tom Clancy lässt der Autor auch in dem vorliegenden Band, die aktuelle Weltpolitik auf einer ganz realistischen Bühne spielen. 

Es ist leider aber auch nicht verwunderlich, dass der Autor sich eines klassischen Klischees bedient. Die guten Vereinigten Staaten von Amerika gegen den bösen, östlichen Widersacher Russland. Okay, die Grenzen sind damit klar gesteckt.

Die Handlung ist relativ fix erklärt. Der amtierende, russische Präsident ist im Zugzwang –  das Vermögen seine Gönner und Förderer ist durch westliche Sanktionen quasi eingefroren. Das regimetreue Volk ist unruhig, also müssen Erfolge her – wirtschaftliche und militärische am besten und die russische Welt erstrahlt im neuen selbstbewussten Licht. Ganz so einfach ist das nicht. Es gibt da noch die Schattenwelt der Geheimdienste, dann noch dubiose finanzpolitische Situationen, bevor alles in einen kriegerischen Schlagabtausch endet. 

„Die Macht des Präsidenten“ ist ein Actionthriller, mit satter Unterstützung von intriganten, politischen Machtspielchen. Ein direktes Duell der Präsidenten auch auf dem medialen Schlachtfeld. Im Krieg ist eben alles erlaubt – und hier werden alle Karten ausgespielt, ein Poker anmutendes Schachspiel. 

Die Story splittet sich in mehrere Ebenen auf, dass erhöht die Spannung ungemein. Der Leser wird sowieso das Gefühl haben, dass er auf einem Pulverfass platzgenommen hat – die Atmosphäre ist drastisch spannend. Die bekannten Charaktere sind sowieso mit an Bord – hier gibt es keine Überraschungen. Die Person des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: Jach Ryan – ist diesmal in Höchstform. Ich hoffe, dass dieser Charakter in den kommenden Romanen viel mehr an Gewichtung erreicht. Diese ständigen geheimdienstlichen Abenteuer seines Sohnes sind oft ermüdend und sind  immer nach dem gleichen Schema gestrickt. Hier muss und sollte bald mal etwas Abwechslung stattfinden. 
Okay – die Handlung ist allzu realistisch, dass wissen wir ja bereits, doch auch die Protagonisten des Romans haben aktuell noch lebende Vorbilder. Der Russische Präsident hat eine sehr, sehr ähnliche Vita, wie sein tatsächlicher Akteur – Wladimir Putin. Frech, frech Herr Greaney – aber verdammt gut gelungen. Überhaupt spiegelt die Handlung, dass jetzige Russland auf politischer Ebene gut wieder. 

Das ist mit Sicherheit auch so gewollt – ein überzeichnetes Spiegelbild, leicht verzerrt, aber deutlich erkennbar. 

„Fazit“

„Die Macht des Präsidenten – Tom Clancy“ von Mark Greaney ist nicht der beste seiner Reihe, aber überzeugt voll und ganz. Es ist an der Zeit – die Action ein wenig einzudämmen und diese erzählerischen Elemente in einer politisch geprägten Handlung auszubauen. 

Jack Ryan zeigt sich in diesem Roman – als konsequenter, laut und direkt agierender Präsident. Hochintelligent – etwas impulsiv und einige Amerikaner werden sich beim lesen diesem Titels ein Wechsel der realen Präsidentschaft wünschen. J

„Die Macht des Präsidenten“ ist einer der spannungsreichsten Thriller in diesem Jahr. Ein Thriller den man gelesen haben muss. 

Michael Sterzik 




Freitag, 13. Juli 2018

Die 7 Kreise der Hölle - Uwe Wilhelm


Menschenhandel – Prostitution – Versklavung – Folter – immer noch aktuelle, grausame Themen in manchen Regionen unserer Welt, die eigentlich zivilisierter sein sollte. Jedenfalls behauptet man das immer mal wieder. Es sind die kriminellen Parallelwelten, die immer Mal wieder die gesellschaftliche Oberfläche erreichen. Es gibt sie und mitunter verbergen sich Charaktere aus der Politik, der Wirtschaft und der Religion. Getrieben von urbanen, brutalen Ideen, ein Bedürfnis seine Ängste, die Wut zu kanalisieren, sind solchen Menschen alle Mittel Recht.

Uwe Wilhelm greift diese Thematik in seinem neuesten Buch: „Die 7 Kreise der Hölle“ auf. Nach dem ersten Teil: „Die 7 Farben des Blutes“ geht es nun mit der Protagonistin – die Figur der Staatsanwältin Helene Faber weiter.

Der Autor lässt Helene Faber und ihren Ex-Mann Robert in abgrundtiefe, grausame Höllen hinabsteigen. Ja es wird persönlich und Frau Faber sieht Rot – und lässt die Göttin des Rechts - Justitia hilflos stehen. Selbstjustiz – und das getrennte Ehepaar jagen gemeinsam, die Entführer ihrer Töchter. Ankläger – Richter – Henker – das Ehepaar ist rücksichtslos und verfolgt die Rettung ihrer Kinder konsequent und mit allen Mitteln. Das sie dabei ebenfalls zu Mördern werden, dass sie sich der Folter bedienen, lässt sie dabei nicht unbedingt sympathisch erscheinen.

Auch psychologisch gesehen, verlangt „Die 7 Kreise der Hölle“ den Leser einiges. Thematisch sowieso am Rande des Erträglichen, gibt es radikale Gewaltexzesse und die erzählerische Perspektive des Martyriums der entführten Töchter, ist psychologisch gesehen, nachhaltig effektiv. Die Grundidee einer verschworenen Gemeinschaft, mit Personen des öffentlichen Lebens aus vielen sozialen und beruflichen Schichten unseres Sozialsystems, ist nichts Neues. „Der Club der Humanisten“ wie dieser hier genannt ist, bleibt in einer Schattenwelt verborgen. Schade, denn über eine Organisation und über die Motive der Mitglieder wäre dies ein spannendes Thema gewesen. Hauptsächlich handelt es sich bei der Story um eine actionreiche Schnitzeljagd, eine Blut- und Leichenspur. „Die durch die Hölle“ gehen wird zu einem Mantra für Helena und Robert Faber. Aber nicht nur Leichen pflastern ihren Weg – auf der Strecke bleiben auch die Vernunft, die Moral, die Ethik und das Vertrauen und realistischer wird die Story dadurch auch nicht. Eine respektable Realität, eine authentisch-glaubhafte Story beinhaltet „Die 7 Kreis der Hölle“ nicht. Plakative Gewalt in Kombination mit psychologischem Terror und Simsalabim fertig ist der Bestseller?

Die Spannung verliert sich in einem Irrgarten der Gewalt – schade. Vielleicht etwas mehr Handlung, weniger ungeschickte aggressive Verhandlungen mit Schusswaffen wären hier vonnöten gewesen. Es gab auch wenige Charaktere, die tiefsinnig konzipiert wurden – einzig und alleine die Figur von Rashid Gibran, leider nur ein blasser Nebencharakter hatte die Möglichkeit hier wirklich zu faszinieren. Doch dieser blieb jenseits aller Chancen.
„Die 7 Kreise der Hölle“ endet allerdings höllisch logisch. Allerdings sind die Kreise noch nicht gänzlich geschlossen. Dieser Part ist erstaunlicherweise überraschend gut gelungen – und „Good“ und „Evil“ zeigen sich mit vielen Schattenseiten. Atmosphärisch absolut stark beschrieben und das der Autor Uwe Wilhelm eine nicht erwartete Ausfahrt nimmt, kommt einen geplanten dritten Teil sehr gelegen.

Fazit

„Die 7 Kreise der Hölle“ von Uwe Wilhelm ist der Eingang zu  einer höllischen Odyssee. Zwar nicht 10 Jahre – aber mindestens 10 Stunden spannender Unterhaltung, die durchaus noch hätte besser sein können. Wir hoffen mal auf mehr Handlung, etwas weniger Blut und einen wirklich intelligenten Widersacher.

Michael Sterzik

Mittwoch, 27. Juni 2018

Legenden des Krieges - Der grosse Sturm - David Gilman

Der britische Autor David Gilman veröffentlichte nun im Verlag Rowohlt den neuesten Titel um seinen Helden Thomas Blackstone. Es ist der vierte Teil einer noch nicht abgeschlossen Reihe. 

Der 100jährige Krieg zwischen den Erzfeinden der beiden Königreiche England und Frankreich geht in die nächste unerbittliche Runde. David Gilman spricht eine allzu deutliche Sprache und er rechnet ab – mit vielen Vorurteilen und Klischees, die wir aus Film und Fernsehen kennen. Die Ritter – meist stolze, edle Recken getrieben von moralischen Werten, gesteuert von Ehre, manchmal sogar mit Verstand – in seiner Reihe interpretiert er die Ritterlichkeit authentisch. Die edlen Recken sind bei dem Autor nichts anderes als egozentrische, brutale und rücksichtslose Kämpfer. Getrieben von der Gier nach Beute und der Aussicht mit dem Ruhme und der Ehre ganz nebenbei sich bei ihrem König zu profilieren. Vielleicht gibt es ja noch einen netten Adelstitel und ein Stück Land, dass man auspressen kann. 

Ich will nicht sagen, dass alle Ritter so wunderbare, sozial eingestellte Kämpfer waren. Sicherlich gab es auch Männer, die den Ehrenkodex etwas mehr lebten und diesen nicht in Richtlinien interpretierten. David Gilman gibt dem Krieg eine brutale Fratze. Auch Gewinner einer Schlacht können rücksichtslos sein und den Schrecken und das Elend der Zivilbevölkerung eher verschlimmern. Nach unseren Maßstäben können wir Entscheidungen und Motive nur sehr schwerlich nachvollziehen. 

David Gilman verwendet manchmal auch eine herbe Sprache, aber die ist der Situation und ihren Protagonisten angemessen. Überhaupt und sowieso legt der Autor viel Wert auf die Entwicklung seiner Charaktere. Thomas Blackstone – ist nach dem gewaltsamen Tod seiner Tochter und seiner Frau kalt und unberechenbar geworden. Sein Charakter wurde mit Blut, Tränen und einer verdammten Wut in den Schlachten geschmiedet. Relativ rhetorisch unbewaffnet hat er auch wenig Talent für die Diplomatie und  so stößt er jedem vor dem Kopf, auch gerne gekrönten Häuptern. 

In „Der große Sturm“ wird ebenfalls auch gerne wiederholt auf das Leben und Sterben der Zivilbevölkerung eingegangen. Auch diese waren nicht immer Unschuldslämmer und nahmen sich gerne, was sie kriegen konnten, selbst wenn es das denunzieren von Heilkundigen war. Der Glaube an schwarze Magie und teuflische Hexerei ist einer der Nebenhandlungen in dem vorliegenden Roman. 

Es gibt wenige Autoren – die den Verlauf einer Schlacht so authentisch, und sprichwörtlich gewaltig wiedergeben können. Sein Kollege Bernard Cornwell ist einer dieser Autoren – David Gilman allerdings toppt das manchmal. Trotz all dieser blutigen und brutalen Szenarien, driftet der Autor nicht in überzeichnete Schilderungen ab. Immer wieder blitzt die Menschlichkeit und der Verstand auf, immer wieder klopft das Gewissen an. Diese Abwechslungen geben der Handlung den besonderen Flair, die besondere Stimmung, der man sich nicht entziehen kann. 

Historisch betrachtet macht David Gilman alles richtig. So wie es auch sein muss – verwendet der Autor historische Ereignisse und baut diese passgenau und unterstützt mit fiktiven Personen ein.

Man kann sicherlich noch weitere vier Bände und mehr schreiben und Thomas Blackstone den 100jährigen Krieg ausleben lassen. Doch hoffentlich wird dies nicht geschehen. Thomas Blackstone ist „erwachsen“ geworden, seine Seele dürfte in mehr wie ein Teil gesplittert sein. So hoffe ich doch, dass diese Reihe zeitnahe ein Ende finden wird. Gerne mit einem grandiosen Schrecken – aber immer noch besser, als wenn der Protagonist sich selbst und die Spannung überholt. 

Im September 2018 geht es mit dem Titel: „Das zerrissene Land“ weiter. Wir dürfen also weiterhin gerne beobachten wie Thomas Blackstone und seine posttraumatischen Wunden nicht behandelt werden und sein Wolfsschwert Tod und Verderben bringt. 

Fazit

„Legenden des Krieges – Der große Sturm“ von David Gilman ist ein brutal, gutes Buch. Rücksichtslos spannend und emotional wie ein Richtschwert. Trotz allem ein Pageturner. 

Michael Sterzik






Dienstag, 26. Juni 2018

Mit aller Gewalt - Tom Clancy - von Mark Greaney

Im Oktober 2013 verstarb der Bestsellerautor Tom Clancy. Berühmt geworden ist er mit seiner berühmten Politthriller Reihe um den CIA Analysten Jack Ryan, der auch als Außenagent und später als Präsident der USA agierte. 

Tom Clancy war ein Experte für Militärtechnik, er verfasst auch etliche Sachbücher über dieses Thema und verwendete natürlich einiges Wissen in seinen belletristischen Titeln. Die Basis seiner Romane waren aktuelle, politische Themen, die Sonnen- und Schattenseiten der Geheimdienste, sowie auch die neueste Militärtechnik. 

Wer seine Romane über die letzten 20 Jahre verfolgt hat, musste leider feststellen, dass die Storys des Autors nahezu prophetisch waren. Verdammt realistisch und meisterhaft gut recherchiert – wurden einige seiner auf Papier gebrachten Szenarien grausame Wirklichkeit. Nach 9/11 wurde Clancy als externe Berater der Regierung berufen.

Inzwischen ist das Universum seiner Protagonisten mächtig gewachsen. Jack Ryans Sohn ist ebenfalls Analyst geworden, zieht es allerdings vor mit der Waffe in der Hand die westliche Welt zu retten. Das Besondere an den Romanen Clancys und seinen Co.-Autoren ist die Aktualität. Der Kalte Krieg wurde genau wie der Krieg gegen den organisierten Drogenhandel in Südamerika thematisiert. Aber auch Terroranschläge durch islamische Gruppen und die Bedrohung durch ein erstarktes Russland wurden als Storyline aufgegriffen. 

Auch nach seinem Tod wird es weitere Romane um Jack Ryan und Sohn geben. Der amerikanische Autor Mark Greaney, der internationale Beziehungen und Politikwissenschaften studiert hat, ist einer seiner Erben.  Im Heyne Verlag wurde nun der Titel: „Mit aller Gewalt“ veröffentlicht. 

Thema des vorliegenden Bandes ist die Bedrohung durch eine neue Atommacht – Nordkorea. Und schon haben wir wieder ein aktuelles Thema in der Hand. Dieser internationaler Konflikt bedroht nicht nur die Nachbarstaaten, sondern in erster Linie natürlich auch direkt die USA. Mark Greaney schreibt brillant, und vor allem sehr, sehr realistisch die politische und geheimdienstliche Perspektive.  Plakativ und konzentriert wird die Story aus der individuellen Sicht von vielen verschiedenen Protagonisten erzählt. Vom einfachen Feldagenten, über Nordkoreanischen Politiker, von privaten Sicherheitsagenten, die mit Krisen das große Geld wittern, bis zum Präsidenten selbst, erhält hier jeder das Wort. Das alleine ist mit der Grundstein für eine allgegenwärtige Spannung. Weitere wichtige Steine ist die angespannte Innenpolitische Situation und die Einschüchterung des einfachen Nordkoreanischen Volkes, sowie die Schattenwelten der Geheimdienste – insbesondere wenn private Sicherheitsfirmen sind in internationale Konflikte aktiv einmischen. 

Es gibt genug sehr actionreiche Momentaufnahmen, die mit Diplomatie allzu wenig zu tun haben und die aggressiv und sehr endlich ausfallen. Mark Greaney erzählerischer Stil ist atmosphärisch hochklassig. Es gibt überhaupt keine Kapitel, die in das Konstrukt nicht passgenau eingefügt wurden. Das der Autor die Story aus vielen Erzählungsebenen wiedergibt halten und fördern die Spannung  sehr  aufbauend. Großartige ebenfalls, dass der Autor die Figuren Clancys weiterentwickelt. Die charakterliche Ausprägung mit all seinen menschlichen Facetten finden genauso viel Beachtung, wie die Analyse und Interpretation von internationalen Beziehungen. 

Man muss die anderen Bücher des Jack Ryans Universum nicht unbedingt gelesen haben, aber es ist in jedem Fall sehr förderlich, da Mark Greaney immer mal wieder Bezug nimmt auf Ereignisse und Entwicklungen, die in früheren Romanen eine wesentliche Rolle gespielt haben. Auf den letzten Seiten hat der Verlag sich lobenswert mit der vollständigen Chronologie der Titel befasst und präsentiert diese in Reihenfolge. 

Kritik – es gibt kaum welche. Persönlich würde ich es gut finden und empfehlen, dass der Part um Präsident Ryan deutlich ausgebaut wird. 

Fazit

„Mit aller Gewalt“ ist ein aggressiver Roman. Nicht leise – sondern unschlagbar laut und einer effektvollen Stil. Spannung allgegenwärtig. Es gibt wenig Autoren, die einen politisch geprägten Roman so spannend inszenieren können. Das Erbe Tom Clancys ist in guten Händen.

Michael Sterzik

Sonntag, 17. Juni 2018

Eifersucht - Andreas Föhr

Vor zwei Jahren – 2016 erschien im Verlag Knaur der Titel: „Eisenberg“ von Andreas Föhr. Es war die Geburtsstunde der taffen Rechtsanwältin Rachel Eisenberg. Ähnlich wie dessen Protagonistin, hat der Autor ebenfalls eine juristische Laufbahn eingeschlagen und in München promoviert. 

Natürlich geht es hier nicht um eine versteckte, autobiografische Aufarbeitung des Autors. „Rachel Eisenberg“ ist eine fiktive Person – aber sehr realistisch dargestellt. 

„Eifersucht“ ist der zweite Teil einer Thriller-Reihe und überzeugt durch seinen Realismus und seine interessanten Figuren. Die Handlung des Romans ist schon eine ziemlich abgefahrene Räuberpistole, doch je länger man nachdenkt, nicht unbedingt speziell unglaubwürdig. Abwechslungsreich und manchmal überraschende Wendungen geben der Handlung eine solide Geschwindigkeit, in der die Spannung leicht folgen kann. 

Als gelernter Jurist gibt Andreas Föhr kurze, aber prägnante Momentaufnahmen aus dem Leben einer Rechtsanwältin. Der Autor konzentriert sich allerdings auch auf den Ausbau seiner Charaktere. Alleine die Angeklagte: Judith Kellermann ist eine Sympathische, wenn auch völlig konfuse Figur. Naiv, freundlich usw. menschelt sie sich durch die Handlung. Als Mensch echt nett – als Angeklagte ein kompliziertes Grusellabyrinth. Rachel Eisenberg muss also alle Register ziehen und sich durch einen Privatdetektiv helfen lassen in einen Dschungel aus Lügen und noch mehr Halbwahrheiten.  

„Eifersucht“ nimmt sich wenig Zeit, um auf seinen Vorgänger „Eisenberg“ einzugehen, dass muss er auch nicht. Einige Personen aus dem ersten Teil tauchen auch wieder auf und geben den Nebengeschichten interessante Spannungsmomente. Selbst der Täter aus dem ersten Band; ein alter Freund von Rachel Eisenberg, der nun im Gefängnis sitzt, spielt im Privatleben der selbstbewussten Anwältin, eine nicht unerhebliche Rolle.  

Der Autor hat an alles gedacht, und entstanden ist ein spannender Justizroman. Sehr lobenswert sind nicht nur die Actionszenen, sondern vielmehr die Rededuelle mit der Staatsanwaltschaft und dem Richter. Es wird argumentiert, verschwiegen, geschwindelt, geblufft – der nordische Gott Loki hätte seine helle Freude gehabt. Der Humor kommt auch nicht zu kurz, alleine schon die Handlungen und die Erlebnisse der Angeklagten werden den Leser, neben einem unglaubwürdigen Kopfschütteln, schmunzeln lassen. 

Ich hoffe sehr, dass der inhaftierte Mörder und Freund von Rachel Eisenberg, auch im nächsten Band einen Auftritt, oder mehr hat. Sehr charismatisch, intelligent und mit verdammt viel Potenzial Rachel Eisenberg das Leben sehr, sehr schwer zu machen. Warten wir also ab. 

Fazit

Intelligente und spannende Unterhaltung. Toller und informativer Ausflug in das deutsche Rechtssystem. Sympathische Figuren – Andreas Föhr könnte ein deutscher John Grisham werden. Bitte weitere Romane mit „Eisenberg“. 

Michael Sterzik