Freitag, 16. Dezember 2022

Schneegrab - Michelle Paver


Die Berge – besonders die 8000er im Himalaya umgibt eine Aura der Mystik. Im Sonnenschein erscheinen sie uns majestätisch, bedrohlich und wir begegnen ihnen mit einem gewissen Respekt. Für jeden Bergsteiger und Alpinisten, mit einer gewissen Erfahrung bedeutet der Aufstieg, sich und den Berg zu besiegen. Doch jede Expedition ist trotz aller technischen Hilfsmittel, spezieller Kleidung und ggf. auch Kommunikation ein Wagnis unter Lebensgefahr. Die Bewohner, die am Rande dieser Berge leben, erkennen diese Naturgewalt und nicht wenige bezeichnen diese als „lebende“ und „denkende“ Persönlichkeiten.
Man mag darüber schmunzeln, aber ein Berg sollte man mit gebührendem Respekt begegnen – je näher man dem Gipfel kommt und man sich der Todeszone nähert, erfährt man, was „Angst“ bedeutet. Das Wetter kann in wenigen Minuten umschlagen, erbarmungslose Winde, die Temperatur sinkt, ein Sturm kommt auf, eine Lawine löst sich und verschlingt die Abenteurer, oder man stellt fest, dass man dem Berg nicht gewachsen ist…es gibt unzählige Gründe, dass ein Aufstieg scheitern kann.
Der Schauplatz dieses Romans ist der Kangchenjunga im Himalaya. Für viele Menschen umgibt diesen Berg ein Fluch. Die Geister verstorbener Bergsteiger führen andere in einen schrecklichen Tod, begraben unter Eis und Schnee, viele Leichen wird man niemals mehr finden, einige verbleiben für immer am Berg und markieren den Weg zum Gipfel.
Der Himalaya, 1935: Fünf Engländer brechen von Darjeeling aus auf, um den heiligen Gipfel des dritthöchsten Berges der Welt zu bezwingen. Je höher sie kommen, desto gespenstischer wird die Atmosphäre. Die Stimmung zwischen den Männern, vor allem zwischen den sehr ungleichen Brüdern Stephen und Kits, droht zu kippen. Immer klarer wird: Der Berg ist nicht ihr einziger Feind.
Während der Wind abflaut, wächst das Grauen. Gezeichnet von den Schrecken der extremen Höhe stoßen die Männer auf ein unheimliches Geheimnis aus der Vergangenheit, das nicht im Schnee begraben bleiben will … (Verlagsinfo)
„Schneegrab“ von Michelle Paver ist eine fiktive Geschichte, die wunderbar von Erfolg und Scheitern erzählt. Die Atmosphäre umfasst die Freundschaft einer Schicksalsgemeinschaft, die Liebe und Konkurrenz unter Brüdern, die Überschätzung der eigenen Kräfte und auch die Unterschätzung des Berges schlechthin.

Michelle Paver schreibt sehr eindrucksvoll. Leise Töne verwandeln die Handlung in einem Sturm der Spannung, die Dramatik steigert sich, je näher der Gipfel kommt. Die erzählerische Tiefe transportiert die Strapazen der Bergsteiger, die Ängste vor dem eigenen Versagen sehr bildgewaltig. Die Nächte in Eis und Schnee, das heulen des Windes, dass man auch als verbitterte Schreie nach Hilfe interpretieren kann – all diese Beschreibungen gehen unter die Haut.
Genau diese Stimmungsmache, das Aktivieren der Emotionen der Leser passt zu jedem Zeitpunkt.
Die Handlung umfasst Ereignisse der Vergangenheit, die sich nachhaltig bis in die gegenwärtige Besteigung auswirken. Schuld und Sühne können größer sein als der Berg selbst. Nicht nur die Besteigung wirkt thematisiert – gerade das Zusammenspiel, die Spannung unter den beiden ungleichen Brüdern nimmt viel Raum ein, und das so sensibel, dass die Zwischentöne perfekt dargestellt werden.
Viel Zeit nimmt sich die Autorin, um von den Sherpas und ihren Aufgaben, ihrer eigenen Lebensart und ihrer Religion und Glauben zu schreiben. Diese Detailtreue setzt sich dann auch in der Beschreibung und Methodik des Aufstiegs fort.
Die Figuren sind hervorragend beschrieben – ob nun tot, oder lebendig, oder irgendwas dazwischen. „Schneegrab“ kann man auch als geistreiche Gruselgeschichte beschreiben, mit viel erzählerische Tiefe, einer großartigen Sensibilität und einer hohen Dramatik.
Es spielt keine Rolle, ob diese Geschichte jetzt fiktiv ist, eine Legende den Kern dieser Geschichte darstellt, die Summe all dieser Handlungsstränge ist ein Roman, der stark erzählt ist und verdammt gute Unterhaltung bietet. Was man am Ende des Romans inzwischen glauben soll, löst die Autorin sehr geschickt – denn das kann sich der Leser selbst ausmalen.
Hervorzuheben ist der Ausdruck und der Stil, den die Autorin Michelle Paver einsetzt. Man fühlt sich in die Handlung versetzt und kann so an den Erfolgen und Misserfolgen der beiden Brüder teilnehmen.
Fazit
Ein tiefsinniges, sensibles Buch, dass durch eine hohe Spannung und eine tiefgehende Sensibilität überzeugt. Man möchte gar nicht mehr aufhören, zu lesen. Absolut zu empfehlen.

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