Montag, 3. Oktober 2016

Waterloo - Bernard Cornwell

Waterloo – Bernard Cornwell

Bernard Cornwell kennt man als meisterhaften Erzähler, doch nichts beherrscht er so glänzend wie Schlachtenbeschreibungen. Nun hat er unter Verwendung zahlreicher historischer Quellen – Tagebücher, Briefe, Depeschen, Erinnerungen – über die wohl berühmteste Schlacht der Neuzeit geschrieben: ein Sachbuch – so spannend wie seine Romane. Napoleon schlägt seine letzte Schlacht: gegen eine Allianz aus Briten, Preußen, Niederländern. Die mächtigsten Kombattanten aber heißen Regen, Schlamm, Hunger. Die Gegner des Korsen begegnen einander mit Misstrauen. Dummheit und Hochmut führen auf beiden Seiten zu fatalen Entscheidungen, doch am Ende ragen aus den Meeren von Blut und Dreck, aus den Geschichten über Versagen und Verrat auch solche von Genie und Heldentum hervor. Und der Leser weiß, wie furchtbar auch vor dem Zeitalter der industriellen Kriegsführung das Töten und Sterben an dem Ort war, den man das Feld der Ehre nennt. (Quelle: Verlagswebsite)

Die Geschichte wird von Siegern erzählt und dokumentiert – Ist das wirklich so? Im Falle des vorliegenden Sachbuches von Bernard Cornwell, der selbst Brite ist – Jain.
Die Quelllage dieser finalen Auseinandersetzung mit Napoleon Bonaparte, dem Korsen, dem Eroberer, den Tyrannen usw. ist außerordentlich gut. Zeugnisse hierfür geben persönliche Tagebücher, Briefe und Memorialen der Veteranen wieder.
Gleich weder Nationalität können Militärhistoriker und Forscher sich über den Verlauf der Schlacht ein komplexes Bild fertigen.

„Waterloo“ – besungen, beschrieben, erzählt und verfilmt – ein Epos das Europa befreite und formte?! Es war das Ende des Kaisers Napoleon – und der Anfang Europa mitsamt seinen Flächen und Nationen neu zu formieren.

Bernard Cornwell – Autor zahlreicher historischer Romane ist bekannt dafür, die Schlachtfelder auf Buchseiten und in vielen Kapiteln fast schon minutiös erzählen zu können. Er ist in seiner Berufung als Autor – oftmals ein historischer Kriegsberichterstatter und katapultiert den Leser mit Schwung aufs Schlachtfeld. Ein Stück weit Militärhistoriker erzählt er von persönlichen Heldentaten, von Egoismus, Selbst- und Fehleinschätzungen usw. aber was beim Leser wirklich als Botschaft hängenbleibt ist: Eine Schlacht – ein Krieg ist eine Bestie voll rücksichtsloser Gewalt und Brutalität. Bernard Cornwell lässt aber nicht nur die hochrangigen Militärs zu Wort kommen, sondern erzählt oftmals den Verlauf einer Schlacht aus der Perspektive eines einfachen Soldaten.

Das vorliegende Buch „Waterloo“ ist kein belletristischer, halbfiktiver, historischer Roman – es ist ein Sachbuch das sich ausschließlich auf die Schlacht konzentriert. Es wird wenig Raum dafür verwendet die Lebensgeschichte Napoleons zu erzählen, diese wird immer wieder rückblickend thematisiert, aber das sind nur kleinere Momentaufnahmen. Das hier natürlich die bedeutenden Schlachtenlenker wie der Duke of Wellington, Blücher, Ney, Napoleon usw. mehr oder wenig kritisch beleuchtet werden ist offensichtlich. Der Autor erzählt allerdings die Perspektiven der Kriegsherren oftmals kritisch, denn auch ein Wellington oder ein Napoleon passierten desaströse Fehler in ihren strategischen und taktischen Plänen.

Obwohl wie gesagt kein Roman, kann der Leser dem Verlauf der Schlacht schnell folgen. Die wechselseitige Perspektive aus der Sicht der Franzosen und der Alliierten, bildet ein exzellentes Konstrukt.  Bernard Cornwell befasst sich wenig mit historischen Kennzahlen, sondern lädt den Leser ein, inmitten der Soldaten auf dem Schlachtfeld an dieser epochalen Schlacht teilzunehmen. Diese oftmals dramatischen Erzählungen machen das Buch „Waterloo“ so empfehlenswert.

Untermalt wird diese Erzählung durch eine ganze Reihe von Bildern, von Darstellungen und Porträts, die die Schlacht und ihre Befehlshaber zeigen. Diese können den empfundenen Schrecken der Soldaten auf dem Schlachtfeld gut verstärken.

„Waterloo“ befasst sich ebenfalls fast überhaupt nicht mit einem „Danach“ und seinen Auswirkungen. Wer an dieser Stelle mehr lesen möchte über die napoleonische  Zeit, empfehle ich die beiden Romane von Sabine Ebert – 1813 und 1815.

Fazit

„Waterloo“ ist Geschichte – aber eine die stellvertretend für den Erhalt und eine Auferstehung Europas steht. Es gibt sicherlich nicht viel Neues, aber der Autor schafft es obwohl kein Roman – diese Schlacht sehr nachhaltig zu erzählen.

Bernard Cornwell steht im Nachwort noch Rede und Antwort für sein Buch. Ebenfalls runden ein Sach- und Personenregister, sowie unterstützende und ergänzende Quellenangaben ab.

Michael Sterzik




Donnerstag, 29. September 2016

Die Strömung - Cilla & Rolf Börjlind

Nach den ersten beiden Teilen: „Die Springflut“ und die dritte Stimme, wurde nun der dritte Titel aus der Reihe des Ermittlerduos: Rönning/Stilton

Der aktuelle Titel setzt die persönliche Entwicklung der beiden so konträren Charaktere fort. Olivia Rönning ist nun Polizeibeamtin im Streifendienst und Tom Stilton, hat Anteile eines Erbes verkauft fasst wieder Fuß in ein relativ geordnetes Leben. So geordnet das Leben der beiden nun auch aussehen mag – es ist es nicht. Auch in „Die Strömung“ gibt es immer wieder viele Nebenschauplätze, die den aktuellen Fall einer Reihe von Kindermorden nicht primär betreffen. Diese bereichern nicht nur die Handlung in diesem Roman – sie retten ihn sogar.

Alles in allem ist der drittel Teil „Die Strömung“ sehr schwerfällig, zäh mit vielen inhaltlichen Längen, die es dem Leser schwer machen, der Story ohnehin zu folgen.
Kindermorde – und die Täter sind im Umfeld von rechtsradikalen Nazis zu suchen – ist an sich schon ein schweres Kaliber. Dabei ist es lobend zu erwähnen, dass dieses gesellschaftliche Problem so ausführlich von den beiden Autoren behandelt wird. Schließlich ist dies doch in Europa sowieso ein brisantes Thema. Das die Autoren ganz nebenbei, damit auch ein wenig „Aufklärung“ leisten ist fantastisch – doch der Leser ist manchmal inhaltlich ein wenig überfordert. Zu schnell wechseln einzelne Themen, involvierte Personen und Schauplätze.

Mag die Story noch so verworren sein, sind es doch die Charaktere mit ihren ganz persönlichen und alltäglichen Problemen, auch zwischenmenschlich kriselt es an mancher Stelle und selbst die Entscheidungen der lieb gewonnenen Figuren mag man manchmal in Frage stellen.

Mit den inhaltlichen erzählerischen Längen im Roman, bleibt auch bis zum Ende die Spannung kaum spürbar erhalten. Am Ende der Handlung hin überschlagen sich die Ereignisse mit einem Tempo, dem schwer zu folgen ist und nun ja, die Auflösung ist übertrieben unrealistisch.

Fazit

„Die Strömung“  ist der dritte und hoffentlich nicht der letzte Band der Reihe. Die beiden Autoreneheleute sind nun auch mit der kommenden Verfilmung der Reihe, die man bald im ZDF sehen kann, sehr erfolgreich. Zu Recht – auch wenn dieser Band eine Enttäuschung gewesen ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass der vierte Teil „Schlaflied“ wieder die gewohnte Spannung verspricht.

Michael Sterzik





Montag, 19. September 2016

Die dritte Stimme - Cilla & Rolf Börjlind


Das schwedische Ehepaar Cilla und Rolf Börjlind sie Profis in einem „mörderischen“ Geschäft. Die beiden Drehbuchautoren garantieren schon längst, perfekt inszenierte und spannende Geschichten. Zu ihren Erfolgen zählten TV Adaptionen von Henning Mankells Wallander- Romanen, sowie die Thriller von Arne Dahl. 

Doch Filme und Bücher sind verschiedene Medien, sie haben eine ganz andere Wirkung auf die Menschen, und Drehbücher sind fokussiert, auf Bilder die transportiert werden. Die Expedition in das Genre Buch – war abzusehen, doch schon mit dem ersten Titel: „Die Springflut“ überzeugten sie ihre Kritiker mit einer komplexen und sehr durchdachten Story. Nach diesem erfolgreichen Auftakt „Die Springflut“ mitsamt den interessanten und geheimnisvollen Figuren, aus der Feder des Autorenehepaars war es klar, dass hier noch weitere Teile folgen sollten.

Bei dem Schreiben eines Roman haben die Autoren fast uneingeschränkte Handlungsfreiheit und müssen sich nicht an verschiedene Interessen der Regisseure, Produzenten, Filmgesellschaften und Schauspieler orientieren. In einem Roman stehen nicht nur die Dialoge im Vordergrund, sondern müssen viele Szenen, Handlungsorte und nicht zuletzt die verdammten Emotionen direkt in die Synapsen des Gehirns der Leser transportiert werden. Ja, es ist nicht einfach, doch das Duo ist überzeugend und der Erfolg gibt Ihnen Recht.

In „Die Springflut“ waren die Morde nur Schnellstraße der eigentlichen Handlung. Mit einem sehr ungewöhnlichen und konträren Ermittlungsduo wurde schnell das Interesse geweckt. Umhüllte diesen Ermittlern, doch ein flächendeckender Nebel von kleineren und größeren Geheimnissen, die nur darauf warten entdeckt zu werden. Tom Stilton – ein tief abgestürzter Ex-Hauptkommissar, der nun seit ca. fünf Jahren obdachlos auf der Straße lebt und Zeitungen an einem Einkaufszentrum verkauft. Olivia Rönning – eine junge Polizeianwärterin, die noch tief in ihrer Ausbildung steckt. Diese beiden Figuren sind erstklassig innovativ eingesetzt – doch flankiert werden diese von einem geschickten Messerwerfer Abbas, einem zwielichtigen Informanten – den Nerz und einer stark übergewichtigen, Workaholic-Kommissarin Mette Olsäter. 

Im vorliegenden Roman „Die dritte Stimme“ geht es nahtlos weiter. Es sind nur wenige Monate vergangen. Olivia Rönning ist sich nicht sicher, ob sie weiterhin Polizeibeamtin werden möchte – diese Identitätskrise ist die Summe aus den Geschehnissen von „Die Springflut“. Tom Stilton dagegen wankt und kämpft sich in ein Leben außerhalb der Straße vor – getrieben von Rache an diejenigen, die ihn in den sozialen Abgrund mobbten.

Als Olivia sich zufällig an einem Tatort Selbstmordes wiederfindet, ist sie auch schon mittendrin und Tom, der seinem Freund Abbas zur Seite stehen muss, geht für einen Rachefeldzug nach Marseile, ohne den Freund groß nach dem Grund zu fragen.

Die beiden Autoren verstehen es wunderbar, den Leser scheinbar aufs Glatteis zu führen. Stück für Stück offenbaren sich einzelne Fragmente aus dem geheimnisvollen Leben der Haupt- und Nebenfiguren und richten sich immer in Gegenwart der eigentlichen Handlung aus.

Das Tempo ist nicht übermäßig hoch, das muss sie auch nicht, denn die Handlungsstränge überzeugen durch eine Atmosphäre, die kontinuierlich bestehen bleibt. Derartig komplex zu erzählen ist meisterlich – feine Details, die in ihrer Gesamtheit eine formschöne Geschichte darstellen.  Kommen wir zurück zum Tempo: im zweiten Teil des Romans „Die dritte Stimme“ nimmt diese Fahrt auf, und führen den Leser in ein Spannungslabyrinth, aus dem er erst am Ende mit einem wundervollen „Aha“ tritt.

„Die dritte Stimme“ ist gut – besser wie der erste Teil – aber die Geschichte muss weitergehen. Zwar werden viele Geheimnisse aus der Vergangenheit der Charaktere gelüftet, doch bleiben noch genug übrig, für eine ganze Reihe von Geschichten die erzählt werden können.  

Die große Stärke sind genau diese „Geheimnisse“ die nur darauf warten gelüftet zu werden – und dieses Versteckspiel führen die Autoren perfekt aus.

„Die dritte Stimme“ ist ein lauter Roman – mit einem Klang der absolut überzeugt und den Leser hypnotisieren vermag und diese Stimme sagt: Lies weiter – sonst wirst Du nicht einschlafen können.

Perfekter Kriminalroman mit ganz, ganz starken Charakteren und einer dichten Atmosphäre. Mit einer der stärksten Kriminalreihen auf dem derzeitigen Buchmarkt.

Michael Sterzik




Sonntag, 21. August 2016

Das Gold des Meeres - Daniel Wolf


Christoph Lode hat nun unter seinem Pseudonym „Daniel Wolf“ den dritten Teil um die Kaufmannsfamilie Fleury  - „Das Gold des Meeres“ veröffentlicht.

Nach „Das Salz der Erde“ und „Das Licht der Welt“ steht die Familie der Fleurys im
Mittelpunkt der Handlung. In der dritten Generation, im Jahre des Herren 1260 steht es schlecht um das Familienunternehmen.  Nach dem gewaltsamen Tod von Michel Fleury, führt Balian Fleury die Geschäfte weiter. Doch weder hat er die Disziplin, dass Talent oder das Wissen von seinen Vorfahren geerbt ,um weiter erfolgreich sein zu können. Verschuldet begibt sich der junge Kaufmann, zusammen mit seiner Schwester Blanche auf eine vielversprechende Handelsfahrt.

Konzentrierte sich die Handlung der beiden Vorgänger Romane noch auf einem Schauplatz – das Dorf, die kleine Stadt Varennes-Saint-Jaques, in Lothringen, so lässt der Autor seine Protagonisten nun auf große Fahrt gehen. Die waghalsige Handelsreise, lässt die Hauptfiguren an ihre Grenzen gehen. Andere Länder – andere Sitten und neue Gefahren und Herausforderungen, und damit werden die Abenteuer, die zu bestehen sind, abwechslungsreich und dramatisch.

„Das Gold des Meeres“ ist ein Bravourstück im historischen Genre. Ein packender und spannender Roman mit vielen Actionelementen. Allerdings ist dieser der schwächster dieser bestehenden Trilogie. Sehr unglaubwürdige Abenteuer, lassen den Roman manchmal etwas sehr unrealistisch erscheinen. Sicherlich spannend, aber manchmal wäre etwas weniger, mehr gewesen.

Viele erzählerische Elemente sind inhaltliche Klassiker, aber der Autor hat diese insgesamt gut dosiert in die Handlung implementiert.

Die Charaktere sind multilateral konzipiert: mit viel Schwächen und Stärken und menscheln vortrefflich. Liebe, Enttäuschung, Mut, Ehre, Verluste und selbst die Dummheit und Naivität geben sich ihr Stelldichein. Natürlich fehlt die gute und ehrwürdige „Rache“ nicht, auch wenn diese nicht der Hauptmotivator ist.

Die Atmosphäre ist vielschichtig und lässt den Roman „leben“, sodass es zu langatmigen Passagen gar nicht kommt. Besonders gut gelungen, finde ich die nachhaltigen Nebenfiguren, die oftmals den Hauptakteuren die Show stehlen. Der junge Kaufmann Raphael, der ein Begleiter der Geschwister Fleury ist, erweist sich als heimlicher Star, des Ensemble. Kritisch, rebellisch, schlau, aber ehrlich herzlich stellt er Balian so manches Mal tief in den Schatten. Odet, Balian Diener dagegen, ist schrullig, vorwitzig, und obwohl er viel mit seinem Magen denkt, ein treuer Freund, den man an seiner Seite benötigt.

Fazit

„Das Gold des Meeres“ von Daniel Wolf ist ein Garant für den perfekten Lesegenuss. Auch der dritte Band überzeugt und öffnet den Leser „Türen“ in andere Länder. Eine Handelsreise mit Herz, wenig Verstand aber Glück.

Michael Sterzik


Sonntag, 14. August 2016

Unter dem Banner des Kreuzes - Astrid Fritz

Die Kreuzzüge sind immer wieder Thema von historischen Romanen. Im Gleichklang fallen dann Namen und Orte wie zum Beispiel: König Richard Löwenherz. Saladin, Jerusalem, der Heilige Gral usw. Nach mehreren verlustreichen Kreuzzügen, die faktisch als verloren und unsinnig feststehen, waren die Königshäuser Europas, der Adel und die einfachen Ritter eher unmotiviert, noch einmal das Kreuz zu nehmen und nach der Maxime „Gott will es so“ gen Jerusalem zu reisen. Die wenigen Menschen, die von den Kreuzzügen zurückkehrten, waren traumatisiert und wollten nichts mehr von Gottes Willen und dem großherzigen Erlassen von Sünden hören.

Nach diesen desaströsen Verlusten und einer Ernüchterung ging die Kirche in Rom davon aus, dass das Grab Christi nicht mit Waffengewalt zurückerobert werden kann.

Im Jahre 1212 sammelten sich um den einfach Hirtenjungen Nikolaus Hunderte von Kindern, Jugendliche und jungen Erwachsenen. Ihm  sei ein Engel erschienen, der ihm aufgefordert haben sollte, dass Heilige Grab von den ungläubigen Sarazenen zu befreien.

Die in Stuttgart lebende Autorin Astrid Fritz erzählt in ihrem aktuellen Roman: „Unter dem Banner des Kreuzes“ die Geschichte des Kinderkreuzzuges.  In Freiburg schließen sich mehrere, verzweifelte Jugendliche, darunter auch die 17-jährige Anna den Heerscharen junger Leute an, deren Ziel ist, das heilige Jerusalem zu befreien. Unter fröhlichen Gesang biblischer Lieder und Gebeten zieht der Kreuzzug gen Mittelmeer. Hier so prophezeit der junge idealische Führer Nikolaus, dass sich das Meer vor den frommen  Pilgern teilen soll und diese der Weg ins Gelobte Land sei.

Als Mensch im 21. Jahrhundert ist man oftmals sprachlos, wenn man von solcher Naivität und blinden Glauben liest. Zu fremd und schwer nachvollziehbar lassen sich die Gedankengänge und Motivationen der Pilger begreiflich machen. Doch die Menschen im 13 Jahrhundert, insbesondere die arme Bevölkerung, hatte neben einem festen Glauben, einen gehörigen Respekt, gar Angst vor der Hölle und dem Fegefeuer. Gerade die sozial schwachen Menschen, die Ausgegrenzten, hilflosen und bettelarmen – für sie waren solch prophetische Aussagen und Parolen Gottes Gesetz. Sie glaubten daran, dass Gott ihre Sünden durch einen Kreuzzug erließ und sie ins paradiesische Himmelreich führte. So weit, so verklärt gut.

Die Autorin beschreibt sehr eindrucksvoll, welche Gefahren und Entbehrungen, diese „Kinder“ eingingen. Ohne viel Proviant, oder Kleidung zum wechseln, ohne Decken und Vorräte einzig allein geführt durch ihren festen Glauben machte sie sich auf. Auch wenn vielerorts die Menschen in Städten und Dörfern die Pilger durch Essen und Unterkunft unterstützten, so ist es nachvollziehbar, dass solche eine Reise mit Opfern zu beklagen ist. Hunger, Krankheiten, Unfälle – es müssen viele gestorben sein. Die historischen Quellen alleine geben allerdings nicht viel Auskunft über diese Unternehmung.

„Unter dem Banner des Kreuzes“ erzählt von dem Aufbruch, der Reise und der Rückkehr der Kinder, denn natürlich weiß ein jeder, dass das Meer sich nicht geteilt hat. Genua war also das Ende dieser kindlichen Expedition ins Gelobte Land.

Astrid Fritz erzählt die Handlung aus der Perspektive einer kleinen Gruppe aus Freiburg. Einige Kinder, ein Knappe und Beschützer von Nikolaus und Konrad, ein angehender Priester mit deutlich kritisierender und mahnender Stimme sind die Hauptfiguren des Romans.

Astrid Fritz erzählt sehr deutlich und vor allem eindringlich, dass es Menschen gab, die dieser Unternehmung mehr wie kritisch gegenüberstanden, viele hielten die Kinderschar für verrückt, beschimpften Ihren „göttlichen“ Führer und forderten sie auf, schnellsten umzukehren.

„Unter dem Banner des Kreuzes“ ist kein Kreuzzugroman, in dem viel gekämpft und getötet wird. Hier gibt es nur sehr wenige Kapitel in der zum „Schwert“ gegriffen wird, und bekanntlich kommt man dann ja um. Doch die Autorin deutet den Leser recht schnell darauf hin, dass Wörter zu „Waffen“ werden können. Die Handlung konzentriert sich auf die situativen Entscheidungen der kleinen Gruppe, um Hilfs- und Opferbereitschaft und nicht zuletzt dem Eingeständnis: Zum Teufel, was haben wir nur getan!?

Ohne wilden Aktionismus, verfügt der Roma über eine dichte Atmosphäre, die sensibel und kristallklar aufgebaut ist. Der Leser pilgert quasi in der Handlung mit und fiebert, wer denn wohl dieses Kapitel von „The Walking Dead“ überlebt.

Fazit

„Unter dem Banner des Kreuzes“ ist ein anderer, aber ein besonderer Kreuzzugroman. Ohne viel Krach und Gewalt – aber mit viel Leid und Nächstenliebe erzählt Astrid Fritz von einer großen Katastrophe mit kleinen Menschen.

Die Autorin gibt diesem Roman viel individuelle Tiefe mit. Die historische Quellenlage ist sprichwörtlich schon versiegt. Feinfühlig, wie die Autorin es schon in ihren letzten Romanen gezeigt hat, ist „Unter dem Banner des Kreuzes“ ein kleiner Aufschrei und ein kluger Fingerzeig, nicht allen Parolen und Befehlen religiöser Fanatiker Folge zu leisten. Ein Buch für stille Stunden – aber mit nachhaltiger Stimme. Bravo.

Michael Sterzik