Sonntag, 20. Mai 2018

Legenden des Krieges - Der einsame Reiter - David Gilman

Der 100jährige Krieg zwischen dem englischen und französischen Königreich war ein gewalttätiges Ereignis. Ein Krieg deren Opfer nicht nur Ritter, Söldner und einfache Soldaten waren, sondern auch die zivile Bevölkerung einen hohen Blutzoll ausrichten musste. 

Baronate und Grafschaften, die je nach Lage des Krieges die Hoheiten wechselten, die katholische Kirche, die zumeist ihre weltliche Macht und ihren Einfluss auf die Herrscher vergrößern wollen. Unendliches Leid für die Bauern, und selbst Städte waren vor marodierenden Söldnern und Siegern nicht sicher. Doch auch im südlichen Europa, in Italien gab es zwischen den kleineren Königreichen kriegerische Auseinandersetzungen. 

David Gilman schleudert seinen Protagonisten Thomas Blackstone ins Exil nach Italien. Als Söldner verpflichtet, geht der Krieg für ihn und seine Freunde blutig weiter. Doch sein blutbefleckter Streifzug endet, als ihn eine Nachricht erreicht um wieder für seinen König zu kämpfen. Über die verschneiten Alpen geht es zurück, auch zu Frau und Kind – aber das Grauen verfolgt und holt ihn ein....

Der Schreibstil, der Ausdruck, sein Stil und nicht zuletzt, die atmosphärische Spannung, die der britische Autor hier zeigt, erinnert sehr an Bernard Cornwell. Sicherlich hat jeder seine persönliche Note, doch stilistische Werkzeuge werden sehr ähnlich verwendet. 

Der dritte Band der Reihe: „Legenden des Krieges – Der einsame Reiter“ ist wie seine beiden im Rowohlt Taschenbuchverlag erschienen Titel hochklassig. Spannung in jedem Kapitel, abwechslungsreiche Perspektive und inhaltliche gute Dialoge sind der Grundstein für einen erfolgreichen Roman. Die Atmosphäre des Titels ist nicht nur bühnengerecht spannend, sondern auch voller Dramatik. 

In diesem Roman ist natürlich auch ein persönlicher Erzfeind des Thomas Blackstone vertreten und damit auch die gute, alte Rache, die der Story aber gut tut und bis zuletzt an Wucht nichts verliert. David Gilman schreibt allerdings ähnlich wie sein berühmter Kollege, sehr drastisch. Nicht nur, dass Thomas Blackstone konsequent auftritt und brutal tötet ,wirkt manchmal schockierend, sondern auch die Strafen und Hinrichtungen sind an geschilderter Brutalität manchmal schwer zu verdauen. Das schreckliche daran ist ebenfalls, dass sich diese Grausamkeiten, nicht der Autor fiktiv ausgedacht hat, sondern tatsächlich so von dem damaligen Adel ausgeübt wurden.

Die Erzfeindschaft und überhaupt, dass Verhältnis dieser beiden Königshäuser, wird gut thematisiert, aber verliert an Gewichtung, da der Autor sich eher auf das Schicksal von Thomas Blackstone fokussiert. Auch der Aufstand der Bauern, der einfachen Bevölkerung, die sich gegen ihre „Herren“ erheben wird aufgegriffen und gehört mit zu den Kapiteln, die höchst spannend erzählt werden. Man kann ja durchaus Sympathie für die Bevölkerung und ihre Motive entwickeln, aber auch diese begehen Kriegsverbrechen an Frauen und unschuldigen Kindern, die schockieren. Im Krieg gibt es halt keine unschuldigen, nur Opfer und Täter – alle schuldig. 

Es wird auch nach diesem schockierenden, aber wichtigen und richtigen Ende der Handlung, noch weitere Bände geben. Die Darstellung und Entfaltung von Thomas Blackstone wird hier offenbar weitergeführt, wie – dass bleibt hier die große Frage. 


David Gilman gibt nicht nur dem Krieg ein realistisches Gesicht, sondern schafft es auch, die Charaktere auf solide Entwicklungsbahnen zu lenken. Nein – Philosophie gehört nicht dazu – aber Ehre, Freundschaft, Mut und Aufopferung – davon ist hier die Rede. 

Fazit

„Legenden des Krieges – der einsame Reiter – von David Gilman ist ein Pageturner im Genre gewalttätiger „historischer“ Roman. Brutal wie eine Streitaxt, fein erzählt wie ein gut geschmiedetes Schwert und mit Intrigen und Rache gerüstet – was will man mehr? 

Absolute Empfehlung für alle Leser, die schon gute Erfahrungen mit Bernard Cornwell machen konnten. Großartig.

Michael Sterzik

Samstag, 12. Mai 2018

Der Totenmacher - Stuart MacBride

Es gibt Thriller, die sind fürchterlich gut geschrieben, sie sind spannend, atemberaubend einfallsreich, mit vielen Wendungen und Überraschungen. Es gibt Thriller, die dramatisch, fast tragisch sind und uns nachhaltig noch immer lange bewegen. Aber es gibt auch Thriller – die wie ein directors cut wirken, und die es nicht schaffen sich auf den eigentlichen Handlungsstrang zu konzentrieren. 

Der vorliegende Titel: „Der Totenmacher“ von dem britischen Autor Stuart MacBride – ist streng genommen weniger ein Thriller, sondern ein versuchter Spannungsroman mit hoch dosierter Komik.  Ja, die Grundidee klingt ja vielversprechend – eine Mumie, die auf einer Mülldeponie im schottischen Oldcastle gefunden wird und nach Röntgenaufnahmen klar wird, dass diese Mumie vor Kurzem noch gelebt haben muss...

Man kann ja über vieles diskutieren, und bestimmt vortrefflich über den manchmal sarkastischem und schwarzem Humor, der Briten, aber ein Autor sollte sich auf ein Genre fokussieren. „Der Totenmacher“ von Stuart MacBride ist überfrachtet von Humor und lässt die Spannung immer hinterherhinken. Wirklich spannend ist der „Thriller“ zu keinem Zeitpunkt. Der Humor verschlingt nicht nur die Spannung, sondern lässt auch die Charakterisierung der Figuren, deren Aufbau und Entwicklung einfach so im Regen stehen. Leider kann man über diese humoristischen Einlagen, nicht mal milde lächeln, so deplatziert wirken diese. 

Weiterhin ist der Thriller mit seinen 800 Seiten einfach zu voluminös. Nach 300 Seiten hätte schon Schluss sein können. Langatmig, sich verlierend, überfrachtet mit Dialogen und Szenen, die einfach ins Leere laufen. Betrachtet man die Entwicklung der Figuren mitsamt ihren Nebengeschichten und Schauplätzen passt diese unwiderruflich ins gleiche Schema. Längen, wenig Tempo, zu dramatisch und unwirklich. 

Fazit

„Der Totenmacher“ von Stuart MacBride ist ein überflüssiger Thriller. Überhaupt nicht empfehlen und eine satte Zeitverschwendung. Atmosphärisch ohne Wirkung und so langweilig, dass das Lesevergnügen nicht vorhanden ist. 

Das geht besser – viel besser, wäre es ein Erstlingswerk – selbst dann könnte man es nicht verstehen und entschuldigen.

Michael Sterzik

Mittwoch, 9. Mai 2018

Brennende Gischt - Sabine Weiss

Die in Hamburg lebende Autorin Sabine Weiss sich sonst literarisch im Genre „Historischer Roman“ bewegt, hat nun im Verlag Bastei Lübbe, ihren zweiten Kriminalroman „Brennende Gischt“ veröffentlicht. 

Ihr erster Roman „Schwarze Brandung“ begeisterte Kritiker und Leser. Auch der zweite Band um die Ermittlerin Liv Lammers, der Kommissarin aus Flensburg, spielt auf Sylt. Mit dieser touristisch hochfrequentierten Insel verbindet die junge Polizistin ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen, und diese waren wegen ihren tyrannischen Vater alles andere als wünschenswert. Materiell hat es ihrer Familie an nichts gefehlt, allerdings bekam Liv als schwarzes Schaf der Familie wenig Liebe und Zuneigung zu spüren. Diese alten Erinnerungen und Empfindungen werden sie auch im zweiten Band einholen, wenn sie den Mordfall auf der Insel aufklären will. 

Wir können es vorab schon sagen: „Brennende Gischt“ ist ein hochspannender und atmosphärisch hochklassiger Krimi. Als eine Leiche in einem verlassenen Haus gefunden wird und dieser Todesfall sich als Mord herausstellt, ist es vorbei mit der Ruhe auf der Insel. Der Täterkreis ist sowieso durch die Größe von Sylt eingeschränkt, und als ein zweiter Mord geschieht, tuen sich menschliche Abgründe auf, die lange in der Vergangenheit liegen. Bei den Ermittlungen stößt Liv Lammers nicht nur auf alte Schulfreunde und Bekannte, sondern auch auf einen internen Feind, einen Kollegen, der die Ermittlungen manipulieren möchte. 

Sabine Weiss spielt geschickt mit ihren Figuren und baut die Handlung immer weiter aus. Stufe für Stufe arbeitet sich die Story vorwärts auf und im Laufe der Ermittlungen kommt es zu vielen Verzweigungen und Ausfahrten die Überraschungen bereithalten und wie schon oben erwähnt ehemalige Freundschaften und Beziehungen in einem ganz anderen Licht stehen lassen. 
Morde sind meistens Beziehungstaten – auch in „Brennende Gischt“ sind Beziehungen der Protagonisten der Schlüssel. Dadurch entstehen nicht nur spannende Szenen, sondern auch ebenfalls spannende Dialoge. Betrachtet man die Story von einer realistischen Perspektive aus, so ist diese zweifelsfrei gegeben. Ob sich die Autorin von den Drehbüchern der Tatort-Filme inspiriert hat, kann man nicht sagen – aber „Brennende Gischt“ ist ähnlich aufgebaut – nur besser. Das sich die Autorin mit den kriminalistischen Methoden der Ermittlungen befasst hat, merkt man schnell. Kommissar Zufall ist kein Kollege, der Liv Lammers bei ihren Nachforschungen behilflich ist – es ist die Hartnäckigkeit und überhaupt ihren Charakter, die den Erfolg bringt und ggf. vielleicht auch das Wissen um die Einwohner dieser beschaulichen Insel, die früher ihre Heimat war. 

Apropos Heimat – „Brennende Gischt“ beschäftigt sich auch mit der Vergangenheit und der Gegenwart Liv Lammers. Auf der Insel Sylt lebt ihr Vater, ihre Schwester und ihr Neffe und die Beziehungsebene gilt nach wie vor als gestört. Um der Hauptprotagonisten mehr „Leben“ zu verleihen, lässt die Autorin ihre Hauptfigur auch privat leben. Keine Ermittlungsarbeit – sondern Vergangenheits- und Gegenwartsverarbeitung und diese ist ebenfalls nicht minder spannend wie die Morde.  

„Brennende Gischt“ der spannende Roman für die kommenden Sommerferien und sollte man sich auf Sylt bewegen, so kann man auch auf den Spuren der Ermittler wandeln, denn Orts- und Straßennamen werden von der Autorin auch genannt und beschrieben. Kein kriminalistischer Reiseführer – aber die beiden Romane wecken schon die Reiselust, um Sylt vielleicht für einen Tagesauflug zu besuchen. 

Fazit

„Brennende Gischt“ ist so spannend und abwechslungsreich wie die Gezeiten auf der Insel Sylt. Spannende Atmosphäre, interessante Charaktere, inhaltlich spannende Nebengeschichten. Sylt wird zu einem gefährlichen Pflaster, dass man allerdings super gerne besuchen möchte. Ich freue mich schon auf die nächsten Bände. 

Michael Sterzik


Donnerstag, 3. Mai 2018

Oxen - Das erste Opfer / Der dunkle Mann - Jens Henrik Jensen

 

Politik, Wirtschaft, Religion, Kriminalität – wer kann hier ein ganzes Land lenken, die Regierung bilden? Gibt es in einigen Ländern Geheimbünde, Logen, ein Konsortium aus vielen einflussreichen Menschen, die Staatsgeschäfte im Verborgenen lenken und gleichfalls Kontakte zu kriminellen Organisationen aufrechterhalten und natürlich auch die Wirtschaft unter ihrer Kontrolle haben? Ein Märchen, eine Legende, ein Gerücht – oder steckt mitunter mehr dahinter? 

Der dänische Autor Jens Henrik Jensen hat mit seiner Thriller Trilogie um den Ex-Elitesoldaten Niels Oxen genau dieses sensible Thema in seinen in Deutschland erschienen Bänden – „Das erste Opfer“ und „Der dunkle Mann“ verarbeitet. 

Die Reihe im dtv premium Verlag erschienen ist großartig und spannend in Szene gesetzt. Die Handlung wirft Fragen auf –gerade in Bezug auf das Zusammenspiel solch elitärer Kreise aus Wirtschaft, Geheimdienst und Politik. Ein feines Marionettenspiel, das hier primär erzählt wird. Menschen, die quasi an Fäden fremd gesteuert werden, ohne das sie eine Ahnung von dieser Manipulation haben. Und wenn, dann ist es zu spät: Erpressung, Gewalt, mediale Vernichtung – alles Werkzeuge auf die, die Schattengesellschaft zurückgreift, wenn es diese für nötig hält. 

Die Hauptfigur Niels Oxen wird in einen Strudel der Korruption, der Geheimnisse und der Gewalt gerissen – eine Kette von Eskalatoren, die man ohne Widerstand keinesfalls standhalten kann. Der Autor inszeniert ein kompliziertes Netz aus Verschwörungen, Angst und Miß- und Vertrauen, mit einem wachsenden Personenkreis, aber wechselnden Hauptakteuren. Dabei stützt sich der Autor auf Fakten. Die Handlung spielt im harmonischen Dänemark. Doch das Land der kleinen Meerjungfrau und der romantischen Fjorde war in der Vergangenheit weniger friedlich als gedacht. Es gab den „Danehof“ im Mittelalter – eine Vereinigung von Adeligen, die den amtierenden König ziemlich fest im Griff hatten und einen hohen Einfluss hatten. Jens Henrik Jensen – lässt diesen Danehof „aufleben“ mit mehr Macht und Einfluss auf die Regierung, also noch vor alten Zeiten. 

Komplex und Spannend – dazu eine Reihe von Charakteren, die alles sind außer langweilig. Ebenfalls sehr verzweigt, entwickeln sich diese und glaubt man an, dass alles so ist wie beschrieben – falsch gedacht. Überraschende Wendungen, Verrat, Intrigen beherrschen die Handlungen. Es ist ein Spiel um Macht – der Verlierer wird vernichtet – physisch oder psychisch, oder beides - Kollateralschäden einbezogen. 
Die Perspektive der Handlung wird zumeist aus der Sicht von Niels Oxen, oder der Agentin des Nachrichtendienstes Margarethe Franks erzählt. Sehr achtbar das der Autor allen Protagonisten viel Raum gibt, um sich charakterlich und inhaltlich zu entwickeln. Im zweiten Band taucht der Danehof mehr in den Mittelpunkt und auch von dessen Aussicht wird dann von den Ereignissen erzählt. 

Es gibt auch satte und explosive Handlungsebenen die dann weniger diplomatisch sind, sondern eher aggressive Verhandlungen mit Schusswaffen sind. In diesen Szenen explodiert der Charakter des Niels Oxen sprichwörtlich sehr gewaltig. Die Charakterfindung ist auch in den vorliegenden beiden Bänden nichts Neues. Dennoch greift der Autor eher unkonventionell dazu, Niels Oxen posttraumatische Belastungsstörungen auf den Leib und die Seele zu schreiben. Mit Einsätzen in den Bürgerkriegsregionen Serbiens/Kroatiens und Einsätzen in Afghanistan ist der schon 40jährige Ex-Elitesoldat schwer traumatisiert. Auch diese Rückblenden sind spannend und packend erzählt und verdeutlichen und vertiefen diesen Charakter. 

Es ist ein kleiner Fingerzeig des Autors dieses Thema zu enttabuisieren. Ja – Soldaten werden in Kampfhandlungen einbezogen, aber nicht nur körperlich verwundet. Vielleicht werden sie auch gar nicht verwundet, aber vielleicht erleben Sie ggf. als Blauhelmsoldat Szenen des Terrors, der Gewalt und Verstümmlung ohne Eingreifen zu dürfen!? Auch das bleibt nachhaltig beim lesen dieser beiden Romane hängen, ohne zu sehr in den Fokus zu rücken. 

Jens Henkrik Jensen hat mit seiner Romanfigur Oxen und seiner Reihe eine Perle in der Welt des Thrillers geschaffen. Brillante Spannung – dunkle Geheimnisse und Feinde, gegen die man machtlos erscheint und auch ist, sensible und feine Charakterzeichnungen. Eine Story, die immer mal wieder überrascht und sich mit vielseitig mit „grauen Eminenzen“ der Wirtschaft und Politik befasst. 

Perfekte Unterhaltung mit nachhaltiger Suchtgefahr. Perfekt für lange Lesenächte. 

Michael Sterzik





Montag, 30. April 2018

Die Medizin der Könige - Sabine Weiß

Die Lebenserwartung im Mittelalter war gemessen an der unseren, sehr niedrig. Hatte man die 40 hinter sich, galt man als „alt“. Aber das ist relativ gesehen und natürlich davon abhängig, wie man sein Leben führte. Bauern, Gesinde, Handwerker und auch Soldaten waren alleine schon durch ihre körperlichen Arbeiten dem Grab etwas näher, wie Kaufleute, Mönche oder Menschen von Adel. Letztere hatten mehr Möglichkeiten, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen – auch damals konnte Medizin teuer sein und nicht jeder konnte sich einen Medicus, oder einen kundigen Bader leisten, geschweige denn ggf. irgendwohin reisen, um sich medizinisch versorgen zu lassen. 

Medizin im Mittelalter – in Europa hinkten wir zu der Zeit den byzantinischen und arabischen Regionen weit hinterher. Hygiene, Chirurgie, Anatomie spielten schon eine wesentliche Rolle und nur sehr wenige europäische Ärzte wurden dort ausgebildet, oder befassten sich mit derartigen Schriften und sonstigen Dokumenten. 

Krebs-/Herzerkrankungen, selbst Allergien konnten wenig, bis gar nicht diagnostiziert und behandelt werden. Eine Entzündung des Blinddarms, ggf. ein vereiterter Zahn konnte das Todesurteil bedeuten. Es gab einige Berufsgruppen, die sich mit der Medizin auseinandersetzen mussten. Natürlich der Medicus einer Stadt, oder eines Landkreises, ein fahrender oder auch ortsansässiger Bader besaßen rudimentäres, teils gutes Wissen. Hinter Klostermauern verbargen wahre Schätze der Naturmedizin, oder der Homöopathie in Kräutergärten. Nonnen und Mönche, mit viel angesammeltem Wissen waren als Heilkundige anzusehen. Und auch der unehrliche Henker mit seinen anatomischen Kenntnissen, war oft nebenberuflich Apotheker, oder machte vielerorts den Medicus, oder dem Bader das Leben als Konkurrent sehr schwer. 

Die bekannte, in Hamburg lebende Autorin Sabine Weiß widmet sich in ihrem neuesten, historischen Roman: „Die Arznei der Könige“ – dem Thema Medizin. Sabine Weiß, die schon in ihren Romanen: „Die Hansetochter“ und „Die Feinde der Hansetochter“ bewiesen hat, übergreifend fantastisch gut und sauber zu recherchieren, gelingt es auch in ihrem aktuellen Roman, nicht nur spannend, sondern auch lehrreich zu erzählen. 

Wie so oft geht es im historischen Genre um ein dramatisches Frauenschicksal. Ort und Zeit der Handlung ist Lüneburg, später dann Paris im 14 Jahrhundert. Die junge Adelige Jakoba, die nach dem Tod ihres ersten Mannes, in einem Kloster ihre Berufung als heilkundige Krankenpflegerin gefunden hat, wird von ihrem Bruder aus wirtschaftlichen Gründen zwangsverheiratet. Die selbstbewusste Frau flüchtet nach einem Unfall ihres Mannes und schließt sich dem fahrenden Krämer Arnold und seiner Frau Mona an. Im Laufe der Zeit vertieft sich ihr Wissen rund um die Medizin, die Theriak genannt wird. Schließlich gelangt sie auf Umwegen nach Frankreich, am Hofe des kranken Königs....

„Die Arznei der Könige“ von Sabine Weiß ist ein guter, spannender Roman der sich allerdings nicht auf das Basisthema „Medizin“ konzentriert, sondern sich eher mit den Behandlungsmethoden um das Medikament „Therarik“ befasst. Grundtenor ist wieder einmal, eine Frau, die ihrem Mann steht und über sich und andere hinauswächst. Die Atmosphäre des Buches ist rundweg spannend, allerdings ohne viel Höhen und Tiefen. Stabil halt. Der Grundgedanke – der rote Faden der Story entwickelt sich sehr langsam und rückt erst im letzten Drittel in den Fokus. Natürlich gibt es einige Nebengeschichten, natürlich darf auch das Element Liebe nicht fehlen, aber Sabine Weiß verliert sich nicht dabei in wohlbekannte, weitere Klischees. Als sehr schade, empfand ich es, dass die „Medizin“ als umfassendes und sehr interessantes Thema faktisch die zweite Rolle spielte. Etwas intensiver und vor allem breiter gestaltet wäre es auch für die Story an sich besser gewesen. Die Medizingeschichte, Behandlungsmöglichkeiten, Chirurgie, andere Berufsgruppen usw. – wo finde ich diese in dem vorliegenden Roman? 

Ein großer Kritikpunkt ist, dass die Nebenfiguren der Hauptfigur die gesamte Show stehlen. Arnold der „fahrende“ Krämer ist vielschichtig und mit vielen Talenten und einer Vergangenheit ausgestattet, die Jakoba in die zweite Reihe schicken. Ebenfalls die Rolle von Arnolds Frau Mona, ist interessanter. 

Oftmals sind die Nebenfiguren, auch der Bruder von Jakoba manchmal zu schlicht gezeichnet und viele Fragen die entstehen, werden nicht beantwortet, oder es wird nicht näher darauf eingegangen. Sehr ärgerlich ist die Verbindung, bzw. der Hintergrund von Arnold, die sich dann quasi als Haupthandlung rausstellt, ein Querverweis, den ich weder erwartet habe, den ich wenig nachvollziehen kann und mir etwas zu deplatziert wirkt.

„Die Arznei der Könige“ ist ein empfehlenswerter, kurzweiliger Roman, der nicht an die Atmosphäre der schon genannten Romane: „Die Hansetochter“ und der zweite Band herankommt. Etwas zu verfahren, einige Chancen nicht ausgespielt, die Nebenfiguren stärker als die Hauptfigur, oberflächige Betrachtung der Medizin. 

Fazit

Sabine Weiß ist eine großartige Autorin und ich werde die nächsten historischen Romane sicherlich auch lesen. Es wäre einmal schön, wenn man sich von dramatischen Frauenschicksalen lösen könnte. „Die Arznei der Könige“ ist solide Unterhaltung – keine literarische Schatztruhe, eher ein schönes Bronzestück, dass die Chancen hatte mit einigen Juwelen später glänzen zu können.

Michael Sterzik

Freitag, 20. April 2018

Scythe - Der Zorn der Gerechten - Neal Shusterman

Auch der zweite Teil der Jugendbuchreihe „Scythe – Der Zorn der Gerechten überzeugt. Der Autor Neal Shusterman hat eine Welt entworfen, ja eine Dystopie, die gar nicht so abwegig erscheinen mag, und die schon jetzt fingerzeigend auf unsere sehr aktuellen Bedrohungen, aber auch Chancen eingehen. Wie würde eine Welt aussehen, in der die Menschen faktisch unsterblich sind, es ein Grundeinkommen gibt, keine Armut, die großen Krankheiten ein für allemal besiegt?! Wohlstand und Frieden – ewige Jugend, wenn man sich möchte, unendliches Wissen und alles Leben gesteuert durch eine von Menschen geschaffene, künstliche Intelligenz. Natürlich gibt es Konflikte, andersartige Denkweisen – diese abstrakt und ggf. revolutionär erscheinen. 

Und dann gibt es die Scythe – die auf allen Kontinenten entscheiden, wer nachgelesen wird – wer wirklich über den Fluss Styx gehen muss und nicht wiederkommt. Ein endgültiger Tod – eine endgültige Auslöschung....
Den Sycthe bleibt es nicht nur überlassen, wen sie töten, sondern auch mit welchen Mitteln der Tod herbeigeführt wird. Da die Hüter des Todes, auch nichts anders sind wie gewöhnliche Menschen, gibt es hier Individuen denn es Spaß macht zu töten, und andere wiederum, die ihre Aufgabe mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, und ja Menschlichkeit ausüben.

Nach dem ersten Band „Hüter des Todes“ gehen jetzt die beiden ehemaligen Lehrlinge des Todes getrennte Wege. Citra ist zu Scythe ernannt worden und trägt jetzt den Namen „Anastasia“. Ihr Freund und Ihre Liebe, Rowan dagegen ist ausgestoßen. Man nennt Rowan inzwischen Scythe Luzifer. Er richtet diejenigen Scythe, deren Tötungen grausam, willkürlich, oder für ihren eigenen Vorteil sind. Damit stehen die beiden auf gänzlich unterschiedlichen Seiten....

Der zweite Band schließt unmittelbar an den Ersten an, es sind nur wenige Monate vergangen. Anastasia, die noch immer bei ihrer Mentorin und inzwischen Freundin Marie Curie – der Granddame des Todes lebt, nimmt ihre neuen Aufgaben außerordentlich ernst. Rown auch, nur sieht er seine Aufgabe darin, gewisse Scythe nachzulesen. 

Das Sycthetum hat sich inzwischen in zwei Lager gespalten. Der traditionale Zweig sieht seine Aufgaben zum Wohle der Menschheit und hält sich an den Kodex und ihren eigenen Gesetzen. Die „Neue Ordnung“ dagegen, sehen sich als machvolle, instrumentalisierte, überlegene Hüter an, die gerne auch ihre eigenen Vorteile nutzen wollen und die überwiegend Spaß am töten haben. 

Die Spannungselemente sind also gesetzt und bieten dem Leser neben einer grandiosen Unterhaltung, noch viele Denkanstöße. Gerade in Bezug auf ethische, moralische Werte, wie auch Respekt, Liebe, Treue usw. legt der Autor viel Wert. 

Der vorliegende Band teilt sich allerdings diesmal in drei Handlungsstränge auf. Die Perspektiven von Anastasia und Rowan bilden den Grundstein, doch diesmal kommt auch der „Thunderhead“, die machtvolle künstliche Intelligenz hinzu. Zwar darf diese die Scythe nicht lenken, oder beeinflussen, aber trotz alledem hat er seine Meinung, und ggf. andere Mittel um einzulenken....

„Scythe – Der Zorn der Gerechten“ ist nicht so actionreich, wie der erste Band, allerdings gibt es viele Wendungen und Entwicklungen, die man nicht erwartet hat. Die Story wird demnach komplexer, da es ohnehin viele Interessengruppen und Konflikte gibt. Eine Charakterliche Entwicklung der beiden Hauptfiguren ist so weit einer der Themen, die wie schon im ersten Band weiter ausgebaut wird. 

Spannend ist er allemal, aber deutlich anders – teilweise ruhiger, aber es zeichnet sich bald ab, dass hier nur der Wind gesät wird – der Sturm, ein Orkan wird den Leser höchstwahrscheinlich in Band drei präsentiert werden. 

Weniger Action, dafür mehr Intrigen, mehr Politik und mehr über Themen, über die der Leser nachhaltig nachdenken wird. 

Neal Shusterman schriftstellerischer Blick in die Zukunft ist neben dem Paradies, dass er beschreibt, auch eine Hölle für seine Figuren. Wünschen wir uns nicht alle eine gewisse Sorgenlosigkeit, keine materiellen, oder finanziellen Nöte und kein welkender Körper, der ggf. durch Krankheiten oder Unfälle endlich ist?! Soziale Strukturen, eine künstliche Intelligenz ähnlich wie bei „Terminator“ nur nicht so böse....großartige Themen. 

Auf Risiken und Nebenwirkungen in dieser dystopischen Welt geht der Autor nur am Rande rein – so und das ist höchstwahrscheinlich gewollt, soll sich der jugendliche Leser mit den o.g. Themen beschäftigen. Er wird es – keine Sorge.

„Sycthe – Der Zorn der Gerechten“ ist ein kleiner, leiser Sturm, deren Ausläufer und spannungsvoll schon jetzt darauf vorbereiten, welcher Orkan im dritten Band erreicht wird.  Hochklassiger Roman, düster, hoffnungsvoll, und wie ich den Neuigkeiten entnehmen kann, soll dieser auch verfilmt werden. Schon jetzt ein hoffnungsvoller Garant. Wenn Ihre Kinder den Band lesen sollten, greifen Sie zu und gehen erziehungsberichtigt so vor, dass diesen annektieren. Die Reihe wird Sie so oder so überzeugen. Prädikat: Wertvoll. 

Michael Sterzik 

Montag, 16. April 2018

Ich bin der Hass - Ethan Cross

Ich bin der Hass – Ethan Cross

Es ist der fünfte Band der Reihe um den Serienmörder „Francis Ackerman jr.“ und seinem  kleinen Bruder Marcus Williams, der als Agent einer Sonderbehörde, die andere Seite der Medaille ist. Waren sie anfangs noch erbitterte Gegner, hat sich das Blatt nun förmlich gedreht und diesen Wechsel hat der Schöpfer dieses ungleichen Bruderpaars Ethan Cross unerhört gut vollzogen.

Im Genre „Thriller“ tummeln sich unglaublich viele Serienmörder, Killer und sonstige Monster. Jeder Autor dieses blutigen Genres möchte an der Beschreibung von möglichst vielen bestialischen Morden in Folge seine Leser schocken. Manchmal allzu offensichtlich, manchmal viel zu platt konzentriert sich der Schöpfer dieser Storys auf blutige Brutalität, Verstümmlungen und Ekelfaktoren. Die Story gerät aus dem Fokus und verliert sich in einer Ansammlung von überzeichnetem Horror. 

Die vorliegende Reihe lebt von einer recht ungewöhnlichen Beziehungskiste zwischen den beiden Brüder. Zwar unterscheiden sie sich in ihrer Berufung, aber in ihrem innersten Selbst, tragen sie eine ähnliche Bürde und haben in den Reihen ihrer ganz persönlichen Dämonen bestimme Affinitäten. 

Die Entwicklung dieser beiden Figuren ist das Kernstück dieser spannenden Reihe. Physische und psychische Gewalt waren mit der Götterfunke, der ihren inneren Antrieb, das „Böse“ zu vernichten, den Antrieb gegeben hat. Marcus Williams kann seine Aggressivität kanalisieren und bändigen, sein Bruder dagegen war wie ein blanker, bloß gelegter Nerv. Francis Ackermanns Polarstern richtete sich aus, nach der Suche nach Tod, Gewalt und Schmerz. 

Trotz alledem sind Thriller von Ethan Cross keine Gute-Nacht-Geschichten. Grausamkeiten gibt es natürlich, aber nicht inflationär und wenn dann gut dosiert und nicht überzeichnet. Auf der gemeinsamen Suche nach Serienmördern – Ackermann ist nun etwas geläutert, kommt auch der Humor nicht zu kurz. Besonders dann, wenn Ackermann seine „menschliche“ Seite anerkennen muss und stolzer Besitzer eines kleinen, vorwitzigen Hundes wird. Auf den Hund gekommen, ist Ackermann allerdings noch immer ein Wolf im Schafspelz und es gibt Szenen, wo sich dieser zurückhalten muss um nicht gänzlich mit Gewalt eine endgültige Lösung zu finden. 

In „Ich bin der Hass“ stellte der Leser auch fest, dass Marcus Williams, sonst ein Fels in der Brandung, sehr dünnhäutig wirkt und wird. Seine berufliche Professionalität manifestiert sich immer wieder in kleinere Gewaltausbrüche. 
Ackermanns Wandlung zu „hellen“ Seite wird allzu offensichtlich, auch wenn er noch immer keine Angst verspürt und hochgebildet wie er auch ist, Freund und Feind immer ein paar Schritte voraus. 

Der vorliegende Band ist höchst spannend gehalten. Sicherlich ist die Story absehbar und ohne viele Wendungen oder Überraschungen, aber an Spannung verliert er zu keinem Zeitpunkt an Boden. Nicht unbedingt originell – aber alleine durch Ackermann jr, seine Überheblichkeit, seine naive Art jedermann zu nerven, und sein steinernes Selbstbewusstsein geben ihm verdammt viele Sympathiepunkte. 

„Ich bin der Hass“ von Ethan Cross ist temporeich, spannend ungewohnt witzig und verfügt bestimmt noch über viel Potenzial. Eine ganz starke Reihe, die durch eine intelligente Spannung verfügt, ohne abzuschrecken. Ackermann entwickelt sich dazu, zu einem sehr sympathischen Serienmörder, der seinesgleichen in Serie umbringen wird. Die Serie ist also Programm. Weiter geht es. 

Michael Sterzik