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Mittwoch, 19. August 2026

Rezension / Buchbesprechung : Im Morgengrauen - Marc Raabe


In unserer medial durchdrungenen Gegenwart hat Kommunikation eine unheimliche, fast schon vernichtende Macht erlangt. Wir bewegen uns auf einem Terrain, auf dem Künstliche Intelligenz und Algorithmen Realitäten formen und verzerren können. Ein Deepfake-Video, ein manipuliertes Dokument oder ein aus dem Kontext gerissenes Bild genügen heute, um Meinungen zu lenken, Karrieren zu zerstören oder politische Machtkämpfe zu entscheiden. Einmal in den digitalen Äther entlassen, brennen sich diese Desinformationen in das kollektive Gedächtnis ein – unlöschbar und toxisch. Genau diesen hochaktuellen Nerv unserer Zeit trifft Marc Raabe in seinem neuesten Thriller Im Morgengrauen.

Doch der Roman ruht sich nicht auf dieser netzpolitischen Brisanz aus. Er verwebt die kalte, berechnende Welt der politischen Manipulation mit einem zutiefst emotionalen Aspekt: dem trügerischen Fundament von Jugendfreundschaften. In jungen Jahren umgibt einen noch das berauschende Gefühl der Unbesiegbarkeit und Freiheit. Man teilt bedingungslos Geheimnisse und schwört sich ewige Treue. Doch die Realität des Erwachsenwerdens entzaubert diese vermeintliche Unsterblichkeit rasch. Die jugendliche Sorglosigkeit weicht der Härte des Alltags. Wenn solche alten Bindungen Jahrzehnte später wieder an die Oberfläche gespült werden, zeigt sich oft ein ambivalentes Bild: Aus einstiger Verbundenheit können sich längst aufgestaute negative Emotionen – Neid, Missgunst oder das unbestimmte Gefühl, zu kurz gekommen zu sein – mit zerstörerischer Kraft Bahn brechen.

Der Plot: Ein Kanzler unter Druck und ein Ermittler am Abgrund 

Im Zentrum dieser explosiven Mischung aus Polit-Skandal und persönlicher Tragödie steht der vierte Band der Art-Mayer-Reihe. Die Ausgangslage zieht den Leser sofort in einen dichten Strudel aus Spekulationen: Ein virales Video zeigt eine junge Frau mit einem markanten Eulen-Tattoo auf dem Unterarm, deren Gesicht jedoch im Verborgenen bleibt. Sie enthüllt skandalöse Details über eine angebliche Affäre mit Bundeskanzler Henrik Westphal. Ist es eine schmutzige Kampagne der Opposition, ein perfider Fake oder die ungemütliche Wahrheit? Die Lage eskaliert endgültig, als der Kanzler spurlos verschwindet.

In dieser aufgeheizten, fast paranoiden Atmosphäre ermitteln der BKA-Kommissar Art Mayer und seine Kollegin Nele Tschaikowski. Ein grausiger Fund tief im U-Bahntunnel unter dem Berliner Alexanderplatz – eine entstellte Leiche – wirft neue, düstere Fragen auf. Ist das Opfer die Unbekannte aus dem Video? Die Schlinge zieht sich dramatisch zu, als die Vergangenheit mit voller Wucht in die Ermittlungen kracht: Juli, die Ehefrau des verschwundenen Kanzlers, ist ausgerechnet Arts große Jugendliebe. Plötzlich gerät der eigenwillige Ermittler selbst ins Fadenkreuz, und die elementare Frage lautet: Wem kann man in einem Netz aus Lügen überhaupt noch vertrauen?

Krimi, Thriller oder doch Melodram? 

Raabe liefert formal den vierten Teil seiner erfolgreichen Serie ab. Obwohl das Buch das Etikett „Krimi/Thriller“ trägt, offenbart eine tiefere Betrachtung deutliche Züge eines Melodrams. Der dickköpfige Protagonist Art Mayer steht nicht nur kriminologischen Rätseln gegenüber, sondern wird in jedem Band unweigerlich von seiner eigenen Vergangenheit heimgesucht.

Diese stetige Konfrontation mit alten Wunden wirkt wie eine unausweichliche Naturgewalt. Der emotionale Tsunami, den Raabe entfesselt, reißt rücksichtslos alle alten Weggefährten mit in die Tiefe. Die Dynamik der ehemaligen „Fünf Freunde“ wird gnadenlos seziert. Was früher Zusammenhalt war, ist nun ein Geflecht aus Ereignissen, über das die Figuren längst die Kontrolle verloren haben. Alte Vorurteile und tiefsitzende Ängste transformieren sich schleichend in ein psychologisches Kammerspiel, das beinahe an die sieben Todsünden erinnert.

Ein Balanceakt mit hohem Unterhaltungswert

 Im Morgengrauen kratzt unbestreitbar spannend an der Oberfläche unserer gesellschaftlichen Realität. Die Vorstellung, dass politische Ränkespiele nicht einmal vor den intimsten Winkeln des Privatlebens haltmachen, erzeugt eine beklemmende Sogwirkung.

Fazit

Bei aller handwerklichen Finesse und atmosphärischen Dichte bleibt jedoch ein leises Unbehagen zurück. Die Genregrenzen werden hier extrem gedehnt: Handelt es sich wirklich noch um einen stringenten Kriminalroman, oder driftet die Handlung durch das Übermaß an schicksalhaften Verstrickungen allmählich in eine überdimensionierte Seifenoper ab? Auch wenn man kritisch hinterfragen kann, ob die dargebotene Eskalation der Ereignisse in der Realität so stattfinden würde – der reine Unterhaltungswert dieses Buches ist großartig und die erzählerische Wucht unbestreitbar.


Michael Sterzik

Sonntag, 16. August 2026

Rezension / Buchbesprechung : Der Totengräber und der Orden des Teufels


Die Existenz von Geheimbünden ist längst kein Mythos mehr, sondern eine fundierte historische Realität. Für Außenstehende bleiben sie dennoch seit jeher ein faszinierendes Mysterium – ein fruchtbarer Nährboden für wilde Spekulationen über okkulte Rituale, elitäre Aufnahmeprozesse und drakonische Strafen bei Verrat. Auch wenn vieles davon, befeuert von Schauerliteratur und Verschwörungsmythen, ins Reich der Fiktion gehört, lässt sich eine Tatsache kaum leugnen: Komplexe, im Verborgenen agierende Netzwerke ziehen oft als graue Eminenzen die Fäden und beeinflussen entscheidende Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Militär.

Die wahren Motive hinter dem Okkulten

Oft eilt diesen elitären Zirkeln der Ruf voraus, sich dunklen Mächten oder gar der Teufelsanbetung hinzugeben. Zwar mag dies in Einzelfällen einen makabren, okkulten Kern haben, doch die tatsächlichen Triebfedern dieser Logen sind zutiefst weltlich und erschreckend menschlich. Es ist der unstillbare Hunger nach Macht, nach Einfluss und bedingungsloser gesellschaftlicher Dominanz, der als wahrer Motor hinter dem Streben steht, die Weltordnung nachhaltig nach den eigenen Vorstellungen zu verändern.

Besonders in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Krisen, wenn das Fundament eines Staates wankt und die Unsicherheit regiert, entfalten solche verdeckten Strukturen ihre fatalste Wirkung. Es ist ein wiederkehrendes, zerstörerisches Muster der Geschichte, dass in Epochen des gesellschaftlichen Umbruchs pauschale Sündenböcke gesucht werden – seien es Zugewanderte, Minderheiten oder andere marginalisierte Randgruppen. Wie gnadenlos und radikal diese Ausgrenzung enden kann, dokumentieren die dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit auf bittere Weise. Genau an dieser historischen Bruchstelle setzt Oliver Pötzsch an.

Wien 1896: Ein Abstieg in die Abgründe der Gesellschaft

Genau in dieses flirrende historische Spannungsfeld führt uns Pötzsch mit einem erschütternden Fall im mondänen Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Unter der prunkvollen, walzerseligen Oberfläche der k. u. k. Monarchie gärt es gewaltig. Eine junge Frau fällt einem bestialischen Mord zum Opfer, der mit morbider Präzision als scheinbar satanistische Messe inszeniert ist. Die Leiche – mit durchgeschnittener Kehle und beraubt um Zunge und Herz – gibt der Polizei grausige Rätsel auf und lässt selbst abgebrühte Beobachter schaudern.

Als Inspektor Leopold von Herzfeldt die brisanten Ermittlungen übernimmt, stößt er schnell auf eine Mauer des Schweigens und gerät rasch in das elitäre Umfeld einer verschwiegenen Freimaurer-Loge. Die Ermittlungen gleichen einem Tanz auf dem Vulkan, bei dem sich unweigerlich die Frage aufdrängt: Hat er es hier tatsächlich mit einem wahnhaften, okkulten Teufelskult zu tun, oder dient die satanische Inszenierung lediglich als groteske Maskerade für ein viel profaneres, politisches Komplott?

Unerwartete Unterstützung erhält der moderne Ermittler von ungewöhnlicher Seite. Es ist eine Truppe, die in ihrer Konstellation grandios erdacht ist und dem Roman seine unverwechselbare Dynamik verleiht:

Augustin Rothmayer: Ein exzentrischer Totengräber, der durch eine unheilvolle Grabschändung auf dem Zentralfriedhof auf den Plan gerufen wird und dessen lakonisches Fachwissen über den Tod unersetzlich wird.

Julia Wolf: Herzfeldts Verlobte. Als scharfsinnige und unerschrockene Reporterin durchbricht sie die patriarchalen Konventionen ihrer Zeit und liefert entscheidende Puzzleteile.

Dr. Sigmund Freud: Ein noch junger, aufstrebender Nervenarzt, dessen analytischer Verstand sich als unbezahlbar erweist, um die menschlichen und gesellschaftlichen Psychosen hinter dem Fall zu entschlüsseln.

Der Keim des Verderbens

Dieses ungleiche, aber brillante Quartett taucht im Zuge der Ermittlungen tief in die moralischen Abgründe der Wiener Haute Volée ein. Ihre gefährliche Spurensuche offenbart nach und nach ein perfides Geflecht aus okkulten Riten und antisemitischen Geheimbünden, die tief in die Schaltzentralen der Macht reichen.

Hier zeigt sich die wahre Meisterschaft des Autors: Pötzsch liefert nicht nur einen hochspannenden Thriller, sondern legt präzise den Keim einer zerstörerischen Ideologie frei, die – getarnt unter dem Deckmantel elitären Brauchtums – Jahrzehnte später die gesamte Welt ins Verderben stürzen wird. Ein herausragender Roman, der durch seine historische Weitsicht und psychologische Tiefe lange nachhallt.

Die Charakterzeichnung erweist sich in diesem Band als überaus gelungen und fein ausbalanciert. Jeder Figur wird der nötige Raum zur Entfaltung zugestanden. Besonders erfreulich: Der exzentrische Totengräber Augustin Rothmayer tritt erzählerisch wieder spürbar offensiver ins Rampenlicht. Auch seiner Ziehtochter Anna begegnen wir erneut – und durch sie webt Pötzsch überaus geschickt einen zentralen gesellschaftlichen Diskurs der Epoche in die Handlung ein. Anna verkörpert den zähen Kampf der Frauen, sich in einer von archaischen Mustern dominierten Männerwelt einen eigenständigen, selbstverantwortlichen Platz zu erstreiten.

Kein Einstieg für Neulinge

Ein Wort der Warnung an dieser Stelle: „Der Totengräber und der Orden des Teufels“ verwehrt sich konsequent dagegen, als isolierter Standalone-Roman gelesen zu werden. Das fortlaufende Beziehungsgeflecht der Protagonisten, ihre gewachsenen Abhängigkeiten und die vielschichtige Vorgeschichte haben mittlerweile eine erzählerische Komplexität erreicht, die zwingend nach der Kenntnis der Vorgängerbände verlangt. Wer hier quer einsteigt, beraubt sich selbst der faszinierenden Figurenentwicklung.

Fortschritt am Rande des Abgrunds

Dass Oliver Pötzsch das Handwerk der Spannungserzeugung beherrscht, steht außer Frage. Seine wahre Stärke liegt in diesem Roman jedoch in der exzellenten Einbettung des historischen Zeitgeistes. Er fängt die fiebrige Atmosphäre einer Welt im Umbruch ein – einer Ära, in der rasante Entwicklungen in Wissenschaft, Technik und Medizin den Takt vorgeben. Es ist das grandiose Porträt einer Gesellschaft, die mit Siebenmeilenstiefeln in eine neue Zeit stürmt und dabei blindlings jenen Abgrund ansteuert, der das kommende Jahrhundert definieren wird.

Fazit

Oliver Pötzsch liefert hier weit mehr als nur fesselnde Unterhaltung. Es ist ein historischer Kriminalroman von beklemmender Aktualität, dessen tiefere Botschaft mühelos den Bogen in unsere Gegenwart spannt. Ein erzählerisch starkes, atmosphärisch dichtes Werk, das selbst höchste literarische Erwartungshaltungen nicht nur bedient, sondern mühelos übertrifft. Kurzum: Ein großartiges Leseerlebnis.

Sonntag, 5. Juli 2026

Rezension / Buchbesprechung : Blendfeuer - Ingar Johnsrud


Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der nun bereits in sein viertes, zermürbendes Jahr geht, hat die geopolitische Architektur Europas grundlegend erschüttert und prägt das Schicksal eines ganzen Kontinents. Es ist eine unerbittliche, fast schon zynische Realität, der sich die internationale Gemeinschaft stellen muss: Ohne den beständigen, wenn auch immer wieder politisch umstrittenen Strom an Waffenlieferungen und logistischer Unterstützung aus den europäischen Staaten und den USA wäre die ukrainische Verteidigungslinie wohl längst unter der schieren Masse der russischen Übermacht kollabiert. Zurück bliebe nicht nur ein zerschmettertes, seiner Souveränität beraubtes Land, sondern auch eine noch viel längere, unerträgliche Liste an Opfern. Dieser Abnutzungskrieg fordert nicht nur einen immensen Blutzoll unter den Soldaten beider Seiten, sondern schlägt tiefe, über Generationen hinweg spürbare Wunden in der Zivilbevölkerung.

Zu den dunkelsten und grausamsten Kapiteln dieses Konflikts – ein Aspekt, der auf fatale Weise an die dunkelsten Epochen der europäischen Geschichte erinnert – gehört die systematische Verschleppung von schätzungsweise 20.000 ukrainischen Kindern. Entrissen aus ihrem familiären und kulturellen Umfeld, sollen sie tief im russischen Hinterland durch gezielte Adoptionen in regimetreue Familien ummerzogen und ihrer Identität beraubt werden. Ein derartiges Vorgehen markiert nicht nur eine humanitäre Tragödie, sondern wird von den Vereinten Nationen unmissverständlich als Kriegsverbrechen gebrandmarkt. Es war genau diese systematische Deportationspolitik, die den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu dem historischen Schritt veranlasste, Wladimir Putin offiziell als Kriegsverbrecher einzustufen und mit einem Haftbefehl zu belegen.

Doch was geschieht eigentlich abseits der blutigen Frontlinien, der zerstörten Städte und der gleißenden medialen Scheinwerfer? Gibt es in den abhörsicheren Hinterzimmern der Weltpolitik längst geheime Friedensverhandlungen? Ist es denkbar, dass am sprichwörtlichen runden Tisch – fernab der demokratischen Öffentlichkeit und möglicherweise diskret moderiert von Staaten, die formell nicht in den Konflikt involviert sind – bereits mit kühler geopolitischer Kalkulation über das zukünftige Schicksal der Ukraine geschachert wird?

Die Fiktion als unbestechlicher Spiegel der Zeitgeschichte

Genau an diesem neuralgischen, hochexplosiven Punkt der Weltpolitik setzt der norwegische Erfolgsautor Ingar Johnsrud mit seinem neuesten Roman „Blendfeuer“ an. Er nutzt das Instrumentarium des Spannungsromans, um die unbequemen moralischen Grauzonen der Gegenwart auszuleuchten.

Im erzählerischen Zentrum des Geschehens stehen Liselott Benjamin und Martin Tong, zwei profilierte Ermittler des norwegischen Polizeilichen Sicherheitsdienstes (PST). Ihr operativer Auftrag scheint auf den ersten Blick klar definiert: Sie sollen die Hintergründe einer verheerenden Flugzeugexplosion aufklären. Gleichzeitig wird ihnen jedoch unmissverständlich befohlen, sich von einem scheinbar parallelen, hochbrisanten Mordfall strikt fernzuhalten. Doch die größte Hürde für die Ermittler ist eine eiserne Direktive von ganz oben: Unter gar keinen Umständen dürfen Ermittlungstheorien, die auf eine mögliche russische Involvierung in den Anschlag hindeuten, an die Öffentlichkeit oder die Presse dringen.

Der Grund für diesen radikalen Maulkorb und die staatlich verordnete Vertuschung ist so brisant wie realpolitisch zynisch: Ausgerechnet in Oslo, der Stadt des Friedensnobelpreises, finden streng geheime Friedensverhandlungen zwischen den Kriegsparteien statt. Dieses ohnehin extrem fragile diplomatische Konstrukt darf um keinen Preis der Welt gefährdet werden – selbst wenn dafür die Wahrheit geopfert werden muss. Staatsräson triumphiert über Gerechtigkeit.

Als die beiden Ermittler wider Willen immer tiefer in ein undurchdringliches Netz aus Lügen, Täuschung und staatlicher Verschleierung vordringen, geraten bald auch höchste norwegische Behörden in ihr Visier. Die Schlinge zieht sich bedrohlich zu, und der politische wie persönliche Druck auf Benjamin und Tong wird schier unerträglich.

Mitten in diesem drohenden politischen Pulverfass positioniert sich Jens Meidell, der charismatische und ehrgeizige Shootingstar der norwegischen Arbeiterpartei. Taktisch versiert bringt er sich in Stellung, um die Parteispitze zu übernehmen und die Macht im Staat an sich zu reißen. Hier entfaltet der Roman seine volle psychologische Wucht, denn die drängenden Fragen stehen unheilvoll im Raum: Welchen moralischen und ethischen Preis ist ein Politiker bereit zu zahlen, um die absolute Macht zu erlangen? Geht er für den politischen Aufstieg über Leichen, oder tanzt auch er, geblendet von seinen eigenen Ambitionen, längst als ahnungslose Marionette in einem viel größeren, weitaus perfideren geopolitischen Spiel, dessen Regeln ganz andere Mächte diktieren?

Was „Blendfeuer“ zu einem herausragenden Leseerlebnis macht, ist seine unbestechliche Authentizität. Ingar Johnsrud verwebt die hochaktuellen Wunden des Ukrainekrieges mit einer erzählerischen Wucht, die sich jeder bequemen Distanzierung verweigert. Die Schicksale der Entwurzelten dienen ihm nicht als billige Staffage für einen Spannungsplot, sondern brennen sich als tiefgreifendes Zeugnis menschlicher Zerstörung in das Bewusstsein ein.

Es ist ein Buch der drängenden Fragen, das den moralischen Kompass schonungslos auf die Probe stellt. Wann genau kippt der idealisierte Kampf um Freiheit in rücksichtslosen Terrorismus? Johnsrud entlarvt die kalte Berechenbarkeit der Macht, in der zivile Opfer als abstrakter Nebeneffekt verbucht werden – eine zynische Buchhaltung des Todes, die hinter den Kulissen nichts als verwüstete Existenzen und Traumata zurücklässt.

Gleichzeitig reißt der Roman die Maske von der vermeintlich geordneten Welt der Nachrichtendienste. Er führt uns in ein illegales Schattenreich, in dem ethische Grenzen dem pragmatischen Erfolg geopfert werden. Doch der wahre Abgrund gähnt woanders: Johnsrud zeigt brillant auf, dass schmutzige Hände kein Monopol der Geheimagenten sind. Die elitären Sphären der Realpolitik sind von genau derselben kompromisslosen Brutalität durchdrungen.

Fazit

Ein meisterhaft konstruiertes Werk über Terrorismus, Spionage und die Skrupellosigkeit der Politik, das sich zweifellos in die Riege der stärksten Politthriller unserer Zeit einreiht.


Michael Sterzik

Sonntag, 12. Juni 2022

Nachts im Kanzleramt - Marietta Slomka


Deutsche Politik – im Kanzleramt und in den Ministerien in Berlin. Ein Leitungsbüro im Herzen Berlins, in das die wenigsten Normalsterblichen Zugang haben. Tag und Nacht werden hier Entscheidungen getroffen, die nicht nur Auswirkungen auf unsere Bevölkerung haben. Die Mühlen der Politik arbeiten nicht hinter einem eisernen Vorhang, aber doch hinter verschlossenen Türen. Das hat weniger etwas mit „Geheimnissen“ zu tun, und viel weniger als was wir uns unter dunklen Machenschaften vorstellen. Es ist ein(e) Beruf(ung). In den Medien gibt es viele Vokabeln, mit der gerade jüngere Menschen noch nicht viel anfangen können. Dieses Wissen legt man sich zu, wenn man sich ggf. für die große und kleine Politik interessiert. In Schule etc. wird das Thema nur bedingt erklärt, und man sich sicher sein, dass die jungen Schüler/innen wenig Interesse an trockenen Erklärungen übrighaben.

Der Blick hinter den Kulissen im Kanzleramt – egal ob zur Tages- oder Nachtzeit hat die bekannte und sympathische Journalistin Marietta Slomka sehr einfach, aber auf den Punkt beschrieben. Nicht ohne Humor erklärt uns die Journalisten das kleine 1x1 der Politik.

Nichtsdestotrotz ist ein Sachbuch geworden. Mariette Slomka schreibt es aus der Motivation, dass ihr Verständnis für die Demokratie kein Selbstläufer ist. Um die Prozesse rund um die Staatsform und ihre Struktur besser zu verstehen – das ist wohl die tragende Botschaft des vorliegenden Titels.

Lohnt es sich überhaupt, wählen oder demonstrieren zu gehen? Ist der Rechtsstaat gerecht? Wer sind die wirklich Einflussreichen in Berlin? Und warum tagen Politiker oft bis in die frühen Morgenstunden? Die Vermittlung komplizierter Sachverhalte für ein breites Publikum ist Marietta Slomkas Beruf. In „Nachts im Kanzleramt“ erklärt sie unterhaltsam und gut gelaunt, wie Politik tatsächlich funktioniert. Sie nimmt ihre Leser mit auf eine Reise von den Grundlagen der Demokratie bis zu den großen Fragen der Weltpolitik und liefert dabei immer wieder praktische Beispiele, die den Politikbetrieb erklären – von Pandemiebekämpfung bis Greenwashing. Nebenbei bietet sie einen „Schnellkurs Wirtschaft“ und Einblicke in die heutige Medienwelt. Wer dieses Buch gelesen hat, ist fit für jede politische Debatte! (Verlagsinfo)

Die Zielgruppe richtet sich deutlich an jüngere Menschen, die sich noch nicht mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, oder wenig. Untermalt werden diese Erklärungen mit ironisch-witzigen Cartoons, die es noch einmal wenig auflockern sollen.

Um das Buch als „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen, sollte man sich selbst an seiner persönlichen Erwartungshaltung orientieren. Als Sachbuch ist es vergleichbar mit einem kleinen Duden der Politik – konzentriert auf den Punkt gebracht und für junge Menschen durchaus unterhaltsam, lehrreich und auch der Humor kommt nicht zu kurz. Wer Marietta Slomka aus dem Fernsehen kennt – wird die Journalistin hier wiedererkennen. Ihr Stil ist manchmal „frech“ – direkt und verfügt über einen wundervollen, manchmal trockenen Humor.

Fazit

„Nachts im Kanzleramt“ ist das kleine 1x1 der politischen Begriffe, der unterhaltsame Duden für ein labyrinthisches „Who's who“ und überhaupt ein wenig von wie, wo, was. Hervorragend, unterhaltsam und sollte sich bitte in den Schulen wiederfinden.

Michael Sterzik

Donnerstag, 3. März 2022

Der Mann aus dem Schatten - David Lagercrantz


Seit der Verfilmung des Titels „Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris sind Psychologen, Forensiker und Profiler ein fester Bestandteil von Thrillern. Der kultivierte Psychologe Dr. Hannibal Lecter ist eine Musterfigur, des wahnsinnigen, brillanten Denkers und Analytikers, der mit dem FBI zusammenarbeitet, um einen Serienmörder auszuschalten.

Dass Fiktion und Wahrheit mehr, oder weniger eng verbunden ist, liegt auf der Hand. Im vorliegenden Roman bedient sich der schwedische Autor David Lagercrantz einer ähnlichen Figur – des Spezialisten für Verhörtechniken Hans Rekke. Interessant dabei ist, dass dieser von einer jungen, unerfahrenen Streifenpolizisten unterstützt wird. Also eine ähnliche Darstellung der Figuren, wie bei dem Werk von Thomas Harris. Das war es dann auch schon an Gemeinsamkeiten.

Stockholm 2003: Ein Schiedsrichter der Fußballjugend wird erschlagen aufgefunden. Der Verdacht fällt sofort auf einen überengagierten Vater, doch es fehlen Beweise. Der neue Polizeichef holt daraufhin zwei Außenseiter ins Team: die junge Streifenpolizistin Micaela Vargas, die aus demselben Problemviertel wie der Verdächtige stammt, und den renommierten Psychologen Hans Rekke, ein brillanter Beobachter und Spezialist für Verhörtechniken. Rekke folgt bald einer ganz anderen Spur und gibt nicht nur Vargas Rätsel auf. Doch nur wenn beide an einem Strang ziehen, haben sie eine Chance gegen übermächtige Gegner. Denn dieser Fall ist weit größer als anfangs angenommen. (Verlagsinfo)

„Der Mann aus dem Schatten“ beginnt mit einer erzählerischen Wucht, die überrascht. Die weitere Handlung verspricht aber keine spannende Unterhaltung. Die einzelnen Abschnitte plätschern fast schon inhaltslos vor sich hin. Viele Worte – aber wirklich auf den Punkt gebrachte, spannende Informationen gibt es nicht.

Überhaupt wirkt die Story an den Haaren herbeigezogen, denn es wird sehr politisch und natürlich sind Geheimdienste involviert. Die Unterdrückung von Informationen, die dem Image des Staates und der Behörden schaden, steht im Vordergrund. Der erzählerische Bogen wird hier überspannt: Der Schlüssel zu dem Opfer liegt in seiner Vergangenheit, in der Musik und in Afghanistan usw. Ja klar, das könnte authentisch, realistisch sein – allerdings wird hier zu viel Verwirrung gestiftet und die ganze Story mehr als unnötig aufgeblasen. Man vermisst eine dramatische Note und eine gewisse angespannte Theatralik

Dass der vorliegende Roman langweilt, liegt auch daran, dass David Lagercrantz es nicht geschafft hat, seine beste Figur des Psychologen Hans Rekke in den Vordergrund zu stellen. Sein Auftakt war brillant erzählt, das war großartig, aber diese kurze Momentaufnahme war schon das eigentliche Highlight der gesamten Geschichte. Danach verschwinden die Figuren mit ihrer Story förmlich ungesehen.

Die einzigen Lichtreflexe in dieser dunklen gelassenen Story, sind die Auftritte von Hans Rekke. Brillanter Kopf – und tendiert immer etwas zwischen Genie und Wahnsinn. Diese Figur birgt so viel unerschöpfliches Potenzial und leider wurden diese Chancen nicht ausgeschöpft. Und die zweite Figur Micalea Vargas ist eine nette Nebendarstellerin, aber weit davon entfernt sich als eine Hauptfigur zu positionieren.

Trotzdem wird es interessant sein, welche Richtung die Story im zweiten Band nehmen wird. Innerhalb des Storytellings muss mehr passieren. Diese endlosen Diskussionen und nichtssagenden Dialoge waren nicht unterhaltsam, nicht informativ und absolut nicht spannend. Neugierig auf den zweiten Band bin ich – aber es muss eine Steigerung erkennbar sein.

Fazit

Erschreckend langweilig. Die Story wirkt leer und die Charaktere spielen ihr Potenzial nicht aus. Schade.

Michael Sterzik

Freitag, 22. Februar 2013

Ziel erfasst - Tom Clancy


Ziel erfasst – Tom Clancy

Der amerikanische Bestsellerautor Tom Clancy veröffentlicht mit „Ziel erfasst“ seinen vierzehnten Thriller. In dem vorliegenden Roman spielen die beiden erfolgreichsten fiktiven Figuren die Hauptrolle – Jack Ryan und John Clark.

Tom Clancy hat den Ruf erschreckende Visionen zu erzählen, die wenige Jahre später, bittere und brutale Realität werden. In seinem Thriller „Befehl von oben“ verübten Terroristen mit einem gekaperten Passagierflugzeug einen Anschlag auf das Pentagon aus. Wir erinnern uns also an die schrecklichen Bilder des Terroranschlags auf das World Trade Center am 11.September 2001. In seinen Politthrillern beschreibt der Autor sehr prophetisch die politischen und militärischen Lager innerhalb der Regierung. Und das nicht unkritisch oder eindimensional sondern beobachtend und analysierend. 


Inhalt

Jack Ryan kandidiert zum zweiten Mal für das höchste Amt im Staat – als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Der ehemalige CIA-Agent und Analyst hat es allerdings nicht leicht. Der noch amtierende Präsident bedient sich intriganten Tricks und der Macht der Medien um den Ausgang der bevorstehenden Wahl zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Ganz andere, aber nicht weniger wichtige Kämpfe muss sein ältester Sohn Jack Ryan Jr. bestreiten. Als Analytiker des Geheimdienstes „Campus“ und als Außenagent beobachtet er eine drohende Gefahr im Nahen Osten. Der Konflikt zwischen Pakistan und Indien droht zu eskalieren. Aber wer zieht wirklich die Fäden? Das Militär, die Politiker oder gar einflussreiche, mächtige Männer aus der Wirtschaft? Hier sind Diplomatie und blanker Aktionismus gefragt denn ein weiterer blutiger Krieg im mittleren oder Nahen Osten könnte die Welt ins Chaos stürzen.

Kritik

Tom Clancy erfindet sich nicht neu. Allerdings ist auch dieser Band nicht ausschließlich aus seiner Feder. Als Co-Autor taucht nun Michael Bayer auf. Die Storyline ist ebenso geradlinig, wie man es schon aus den letzten Romanen kennt. Doch der Erfolg der Romane und auch dieses Titels, ist die Aktualität der Themen wie z.B. Präsidentschaftswahl, die Macht der Wirtschaft und der Medien und nicht zuletzt die inneren Auseinandersetzungen der Geheimdienste.

Das Autorenduo stellt die amerikanische Regierung nicht als geschlossene Einheit vor. Im Gegenteil: Die Geheimdienste nehmen ihre „Geheimnisse“ sehr ernst, und einzelne Gruppen der CIA arbeiten für, manche nicht mit dem Präsidenten oder dem Senat. Auch der Wahlkampf wird „schmutzig“ geführt. So muss Jack Ryan zusehen, dass seine geheimdienstliche Tätigkeit mit seinen früheren Kollegen in der Presse öffentlich diskutiert und torpediert wird.  

Clancy plaudert in der Geschichte keine Geheimnisse aus. Er hält sich streng an historische Gegebenheiten und Situationen, erklärt aber anschaulich und realistisch die Arbeit der Geheimdienste, die neben langweiligen Analysen und Beobachtungen auch im Außendienst spionieren, aufklären und sogar mit Segnung der Regierung vornehmliche Terroristen liquidieren lassen.

Spannend ist die Geschichte allemal. Auch wenn Teile der Story manchmal etwas aus der Bahn geraten, entwickelt sich doch eine ungemein abwechslungsreiche Atmosphäre und man beginnt, um die Charaktere wirklich Ängste aufzubauen.

Fazit

„Ziel erfasst“ ist ein spannender und hochaktueller Politthriller der sein Ziel zu unterhalten wirklich erreicht. Unabhängig davon, gibt es nicht viel neues was die Handlung betrifft. Persönlich hätte ich gerne noch mehr über die inneren Kämpfe der Politik und der Geheimdienste erfahren.

Ich bin gespannt auf die nächsten Titel des Autors. Vielleicht wäre es ja mal interessant die Waffenlobby zum Thema zu machen, oder die Gesundheits- und Umweltpolitik des großen Landes?! Aber evtl. sind das auch zu heiße Themen, an denen sich auch ein Tom Clancy schnell die Finger verbrennen könnte.

Wer einen guten und brisanten Thriller lesen möchte, der sollte nun zu diesem Titel greifen. Es ist auch nicht unbedingt vonnöten, die vorherigen Titel zu lesen.

„Ziel erfasst“ wird einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thriller in diesem Jahr werden.

Michael Sterzik