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Donnerstag, 18. Dezember 2025

Schatten über dem Wald - Cilla und Rolf Börjlind


Dörfer im Nirgendwo sind wie geschlossene Austern – nur dass sie statt Perlen oft dunkle Geheimnisse bergen. In der Abgeschiedenheit der Berge und Wälder, weit weg vom Gesetz der Großstadt, ist die Gemeinschaft Schutzschild und Gefängnis zugleich. Ein perfektes Versteck für jene, die vor der Justiz oder ihrer eigenen Vergangenheit fliehen.

Der Fundort: Makaber und Einzigartig

Der neunte Fall für Olivia Rönning beginnt mit einem bizarren Paukenschlag: Inmitten eines riesigen Ameisenhaufens in den nordschwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Der Fundort liegt ausgerechnet an einer alten samischen Opferstätte – ein Ort, der bereits vor dem Mord von Blut und Mythen getränkt war.

In das beschauliche Dorf Slagtjärn, das eigentlich für seine Offenheit gegenüber Aussteigern und Exzentrikern bekannt ist, kriecht die Angst. Doch je tiefer Olivia in den sozialen Kosmos des Ortes eindringt, desto schneller schließen sich die Türen.
In einem großen Ameisenhaufen in den schwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Olivia Rönning soll die hiesige Polizei bei den Mordermittlungen unterstützen. Der Tatort liegt nicht weit von einer alten samischen Opferstätte, ausgerechnet dort finden Forensiker deutliche Blutspuren. Angst macht sich in dem nahe gelegenen Dorf Slagtjärn breit. Ist es noch sicher, in der Dämmerung allein spazieren zu gehen? Dank des Zustroms von Städtern und niederländischen Auswanderern erfreut sich der kleine Ort eines lebhaften Miteinanders. Die Akzeptanz von Außenseitern und Exzentrikern ist traditionell hoch, doch jetzt ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft bedroht. Je tiefer Olivia in diesen Kosmos eindringt, desto misstrauischer und verschlossener reagieren die Menschen. Um das Geheimnis des Dorfes zu lüften, muss sie schließlich Tom Stilton und Mette Olsäter um Hilfe bitten. (Verlagsinfo) 

Ein bizarres Ensemble ohne Tiefgang

Die Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner skurrilen Besetzung. Das Dorf gleicht einem menschlichen Kuriositätenkabinett:
Ein Hellseher mit beunruhigenden Visionen.
Eine Familie aus der rechten Szene.
Ein Prepper, bereit für den Weltuntergang.
Ein autistischer Junge als stiller Beobachter.
Diese Figurenkonstellation verspricht Hochspannung, doch hier liegt auch die Krux: Während die Beziehungen untereinander zwar für Reibung und kryptische Dialoge sorgen, fehlt es der Geschichte an erzählerischer Tiefe. Die Handlung plätschert solide dahin, lässt aber die großen Wendungen und die atmosphärische Verdichtung vermissen, die man von dem Autorenduo gewohnt ist.

Wo ist Tom Stilton?

Der größte Wermutstropfen für Fans der Reihe: Die gewohnte Dynamik fehlt. Olivia agiert fast bis zum Finale als Einzelkämpferin. Die einstigen Ankerfiguren Tom Stilton und Mette Olsäter verblassen zu bloßen Randnotizen oder fernen Mentoren.
Ohne das Gegengewicht von Stilton verliert die Erzählung an erzählerischer Qualität. Die exklusive Perspektive Olivias engt den Raum für die Charakterentwicklung der anderen Figuren spürbar ein. Erst im letzten Drittel blitzt das alte Potenzial auf, wenn sich die Abhängigkeiten und Geheimnisse der Dorfbewohner endlich entwirren.

Fazit: 

Ein handwerklich solider Krimi mit einem großartigen Setting, der jedoch unter der Abwesenheit seiner stärksten Charaktere leidet. Ein Muss für Komplettisten, aber ein eher blasserer Beitrag zur Serie.

Michael Sterzik

Freitag, 1. Februar 2019

Wundbrand - Cilla & Rolf Börjlind


Das schwedische Autorenehepaar Cilla & Rolf Börjlind sind erfolgreiche Drehbuchautoren und über die skandinavischen Grenzen hinweg sehr bekannt. Seit einigen Jahren schreiben sie ebenfalls Kriminalromane – „Wundbrand“ ist der fünfte Band der Reihe um die beiden Protagonisten Olivia Rönning und Tom Stilton. Die Erwartungshaltung ist enorm hoch, denn die Vorgängerromane sind nicht nur unheimlich spannend, sondern demnach auch sehr erfolgreich. Der erste Roman „Springflut“, bei dem das schwedische Ehepaar natürlich das Drehbuch verfasste, wurde als Serie fantastisch umgesetzt.

Die Reihe überzeugt sowieso durch eine faszinierende Charakterzeichnung. Im ersten Band studierte Oliva Rönning noch auf der Polizeihochschule und widmete sich schicksalshaft einen alten Cold-Case-Fall. Und es war genau dieser ungelöste Mord, der den erfolgreichen und charismatischen Kommissar Tom Stilton das soziale Leben unter den Füßen wegriss. Zerbrochen, verzweifelt, sich selbst verlierend lebte er von nun an als Obdachloser auf der Straßen Stockholms, verkaufte Zeitungen und (über)lebte irgendwie. 

In den folgenden Bänden festigte sich nur beider Leben im beruflichen, wie auch privaten Sinne, sondern auch die Freundschaft zwischen ihnen und anderen involvierten Personen. Der Personenkreis ist überschaubar, aber geschickt entwickelt das schwedische Autorenehepaar mit und ihnen eine komplexe Welt mit einer immensen Tiefenwirkung. Die Schicksale dieser Nebenfiguren wie Mette und ihr Mann Marten, oder Stiltons Freund – der ehemalige Messerwerfer Abbas übernehmen nicht den Hauptpart der Story, aber als eigenständige Figuren sind diese der letzte Feinschliff.

„Wundbrand“ erfüllt sämtliche vorsichtigen Erwartungshaltungen und eröffnet ein dynamisches Labyrinth von Haupt- und Nebengeschichten. Als ein Ehepaar, mitsamt ihrer Tochter bei einem Bombenattentat ums Leben kommt ist der Leser schon an der Seite von Olivia Rönning, die nun als Ermittlerin im Team von Mette tätig ist. Terror in Stockholm? Ein terroristischer Akt – oder einfach ein Racheakt und wenn letzteres – steht hier ein großes „Warum“ herum.

Cilla und Rolf Börjlind schreiben mit einer Mischung aus Strategie und Taktik und verwenden allerlei aktuellen Themen, denen wir im Alltag begegnen. Vergeltung und Rache als Dreh- und Angelpunkt in Kombination mit der Me-Too-Diskussion, Drogen im Goldenen Dreieck und Tom Stilton mittendrin, flankiert von Sextourismus und dunklen Begierden. Klingt nicht unbedingt überschaubar, oder?! Ist es auch nicht – irgendwann verliert man sich in diesem Storydschungel und es braucht ein wenig, bis man ein Lichtung erreicht. Doch verdammt – es lohnt sich allemal.
Der Part von Tom Stilton, der sich nach den letzten Ereignissen wieder zurückzieht, ist deutlich kleiner. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin versucht der Ex-Kommissar auf einer Yogamatte – seine „goldene Mitte“ wiederzufinden. Zweifel drängen sich an die Oberfläche – also runter von der Yogamatte und auf in ein wildes Abenteuer. Willkommen in der Selbstfindungsphase.

Tja, und genau dieser Part – besagte Selbstfindungsphasen beherrschen die Nebengeschichten außerordentlich unterhaltsam. Auch Olivia sucht sich noch selbst, findet auch etwas um dass sie sich kümmern möchte und geht konsequent ihren Weg Schritt um Schritt weiter. Manchmal stolpernd, manchmal wird ihr unter die Arme gegriffen – aber eigentlich immer gut unterwegs auf den Boden der Tatsachen.

„Wundbrand“ ist großartig – eine grandiose Vorgeschichte und eine Positionierung – ein Ausgangspunkt für den hoffentlich bald sechsten Band dieser brillanten Kriminalreihe. Diese Reihe gehört mit zu den besten Kriminalreihen unserer Zeit – Protagonisten sind keine klischeeversehende Anti-Helden, keine James-Bonds, und sind weit davon entfernt charakterliche Züge eines Sherlocks Holms anzunehmen.

Die Handlungen der Protagonisten sind authentisch – die Grundidee der Story in Kombination mit Schicksal und Kommissar Zufall, grenzen manchmal etwas ins fantastische ab. Aber nun gut – Logik und Authentizität mal ausgeklammert – überzeugt „Wundbrand“ und garantiert ein großes Lesevergnügen.

Fazit

„Wundbrand“ von Cilla und Rolf Börjlind hat eine Sogwirkung, der den Leser keine Ausweichmöglichkeiten lässt, also anzufangen und nicht aufhören zu wollen. Diese Reihe ist einer der wenigen, die nicht inflationär erscheinen und die qualitativ das Prädikat „Hochspannung“ nicht nur verdienen, sondern ausleben.

Michael Sterzik