Sonntag, 10. Juli 2016

Das Teufelsloch - Antonia Hodgson

Die Autorin Antonia Hodgson hat mit Ihrem Erstlingswerk „Das Teufelsloch“ im Genre „Historischer Roman“, den Spalt zu einen neuem Schauplatz ein wenig geöffnet. Das Setting bildet eine kleine, in sich geschlossene Welt, keine Stadt mit einer bekannten Infrastruktur, kein Landkreis mit herkömmlicher Vegetation – nein, die Bühne der Handlung ist ein berüchtigtes englisches Schuldgefängnis in London im Jahre 1727 „The Marschalsea“.

Ein Mensch im 21 Jahrhundert verbindet mit dem „Gefängnis“ einen düsteren Ort in denen Verbrecher – Mörder, Räuber, Vergewaltiger etc. zu langen Haftstrafen verurteilt, Ihre Strafe ableisten müssen. In unserer zivilisierten Welt allerdings sind selbst die Haftanstalten menschenwürdig und mit einem gewissen Komfort für die Insassen ausgestattet. Willkürliche Morde, Erpressungen und Verbrechen innerhalb dieser kleinen in sich geschlossenen Welt, mag es heutzutage ebenfalls geben, allerdings sind die geschilderten Dimensionen der Gewalt vor knapp 300 Jahren wesentlich brutaler.

Die Autorin Antonia Hodgson lässt die Handlung von „Das Teufelsloch“ in diesem berüchtigten, berühmten Gefängnis spielen. Es ist immer schwer, für einen historischen Roman zu recherchieren. Die Quellen finden sich zumeist in Bibliotheken, Archiven, Museen u.a. natürlich auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Archäologen usw. Diesen Quellen wird sich die Autorin höchstwahrscheinlich bedient haben, doch das wichtigste war wohl das Tagebuch von John Grano, der von 1728 bis 1729 im Marschalsea lebte. Die geschilderten Haftbedingungen, die im Roman verwendet wurden, entspringen demzufolge nicht einer grausamen Fantasie. Die Autorin vermutet, dass die Verhältnisse unter der Willkür des Direktors und der Wächter noch weitaus grausamer gewesen sein dürften.

Antonia Hodgson erzählt das Leiden des jungen Pastorensohnes Tom Hawkins im Marschalsea sehr drastisch. Sein Schicksal ist für die damaligen Verhältnisse realistisch vorgestellt. Das Marschalsea war ein Schuldgefängnis und Tom Hawkins  ausschweifender Lebensstil mitsamt Alkohol, Frauen und Glücksspiel führte ihn letztlich in die Mauern des Gefängnisses. Die inhaftierten Schuldner sind der Willkür und der Geldgier des Direktors ausgesetzt. Für Unterkunft und Verpflegung muss gezahlt werden auf der „Masters Side“  – ansonsten sieht man sich als „mittelloser“ Gentleman in den überfüllten Baracken der „Common Side“ wieder, dass gleichwohl einem Todesurteil gleichkommt. Inmitten von zwielichtigen mitgefangenen und verbrecherischen Aufsehern, bekommt Tom Hawkins den Auftrag einen Mord in den Mauern des Marschalsea aufzuklären, damit wäre er wieder ein freier Mann. Leichter gesagt als getan: absolut unerfahren in der Ermittlungsarbeit und sowieso naiv, gerät er schnell in unmittelbare Lebensgefahr.

Die Handlung geht in dem sehr realistisch erzählten Grauen des Marschelsea`s unter. Willkürliche Auspeitschungen durch den Direkter, Erpressung, Mord, Krankheit und Hunger und selbst von barbarischer Folter – die Autorin Antonia Hodgson nimmt kein Blatt vor dem Mund. Da der Schauplatz der Handlung recht übersichtlich ist, ist die Anzahl der Haupt- und Nebencharaktere ebenfalls eingeschränkt. Das schränkt allerdings die spannende Handlung nicht ein, wenn diese sich auch wie schon erwähnt auf das Grauen konzentriert. Die Atmosphäre ist wie erwartet dunkel und fürchterlich beklemmend und manchmal verliert sich die Autorin in ausufernden Dialogen. Für einen Debütroman ist „Das Teufelsloch“ allerdings sehr stark, eine Fortsetzung erscheint am 2.11.2016 mit dem vielversprechenden Titel: „Der Galgenvogel“.

Fazit

„Das Teufelsloch“ überzeugt durch eine anhaltend beklemmende Atmosphäre mit einem überzeugendenden Tom Hawkins und seinem Talent, immer wieder ins sprichwörtliche Fettnäpfchen zu treten.

Antonia Hodgson beweist viel Talent und Geschick spannende historische Fakten, noch ein Stückchen spannender zu beschreiben. Perfekte Unterhaltung garantiert.


Michael Sterzik

Donnerstag, 9. Juni 2016

Die Dunklen Krieger - Bernard Cornwell (Uhtred - Saga 9)

Es gibt Buchreihen, die auch nach mehreren Bänden nicht weniger spannend werden. Die Uhtred-Saga von Bernard Cornwell – gehört zu den spannendsten historischen Buchreihen auf dem derzeitigen Buchmarkt. Und der Erfolg gibt dem Autor recht.

Inzwischen reitet der Protagonist Uhtred – ein Sachse, der den Großteil seiner Kindheit und Jugend unter den Nordmännern, den Wikingern verbracht hat, im neunten Teil – Die dunklen Krieger. Er hat König Alfred überlebt und sein Leben dem Kampf gegen die Nordmänner auf britischen Boden gewidmet, und doch schätzt er den Glauben, die Traditionen und auch die Lebensart und Kultur der rauen, räuberischen Seemänner.

Bernard Cornwells Uhtred-Saga lebt nicht zuletzt von der Entwicklung und der Sterblichkeit seiner Charaktere. Uhtred in den ersten Bänden, ein noch impulsiver, fast schon jähzorniger Mann, entwickelt er sich in den nachfolgenden Romanen sehr realistisch. Verluste, Lieben, Ängste und Hoffnungen – Todesfälle von Freunden oder respektierten Feinden, Verrat und politische Intrigen. All diese Schicksalsschläge und Situationen formten den Uhtred, den wir jetzt erleben. Im Herbst seines Leben angekommen, ist dieser etwas besonnener und vorsichtiger geworden, allerdings scheut er sich auch niemals vor einen Kampf.

In „Die dunklen Krieger“ erleben wir wieder gnadenlose, dreckige Kämpfe im Schildwall. Wir lesen vom Töten und getötet werden – von menschlichen Tragödien und von Rache verzerrten Menschen. Bernard Cornwell beschreibt das Leben der Sachsen und Nordmänner sehr drastisch, aber immer authentisch und natürlich unheimlich spannend. Der vorliegende Roman entfacht im Norden von Britannien einen Ansturm der Nordmänner und der verbündeten Iren und der Titel lässt schon vermuten, dass hier Kämpfe im Fokus der Handlung stehen.

Zwar gibt es auch in diesen Band erzählerische Längen und politische Themen zwischen den Erben Alfreds des Großen und besetzten Regionen, doch konzentriert sich der Autor auf die Auseinandersetzungen der Sachsen und der Nordmänner.

Das Uhtred nun „älter“ geworden ist, lässt ebenso den Schluss zu, dass diese Saga hoffentlich ein Ende findet. Ein inhaltliches, plausibles Ende und eine Bühne auf die Uhtred seinen letzten Kampf ausfechtet und mit dem Schwert in der Hand stirbt – Willkommen in Walhalla an der Seite Odins.  Doch bis dahin wird es noch ein paar Bände geben – vielleicht sollte der Autor aufhören, wenn es am schönsten ist!?

Leider wirken die Romane manchmal recht eindimensional, denn der Leser folgt der Handlung aus der Perspektive der Sachsen. Ein Wechsel der Perspektive und ein Blick auf die Motivation der Nordmänner wären schon sehr interessant und aufschlussreich gewesen. Diese Chance hat der Autor leider nicht erkannt, und jetzt umzuschwenken ist sinnlos, da der Umfang der Handlung schon zu mächtig ist.

Sehr empfehlenswerter Wikingerroman und ich freue mich auf den nächsten Titel – vielleicht kommt Uhtred dann seinem Ziel näher die heimische Burg zurückzuerobern.

„Die Dunklen Krieger“ packt den Leser und katapultiert zwischen die Reihen der Wikinger und Sachsen – Brillanter Unterhaltungsroman.

Michael Sterzik



Sonntag, 22. Mai 2016

Orphan X - Gregg Hurwitz

Auftragsmörder – Attentäter – Killer – genau darum geht es in dem gerade veröffentlichten
neuen Thriller von Gregg Hurwitz mit dem Titel „Orphan X“.

Die Hauptfigur Evan Smoak wurde zusammen mit anderen Kindern in einem Regierungsprojekt als Auftragsmörder ausgebildet. Über Jahre hinweg wurden die jungen Killer mit einem effektiven Ausbildungsprogramm zu einem effizienten und tödlichen Mörder geformt.

Nach Jahren des Mordens hat sich Evan losgesagt und ist in dem Dschungel von L.A. untergetaucht. Für seine Nachbarn in dem Wohnblock ist er ein unscheinbaren Bewohner. Still, zurückgezogen, unauffällig. Doch die perfekte Tarnung ist natürlich nur eine fast schon kunstvoll gestaltete Fassade. Er ist der Nowhere-Man – er hilft verzweifelten aus tödlich persönlichen Situationen. Anonym und tödlich exekutiert er kriminelle Personen. Jeder seiner Schützlinge gibt dann nach Erledigung eines Auftrages seine Rufnummer an eine weitere unglückliche Person weiter.

Evan hat sich Regeln aufgestellt, nach denen er lebt und handelt. Eine davon das 10. „Lasse niemals einen unschuldigen Sterben“.

Das wird nun leider nicht mehr so einfach – denn die Grenzen bei dem nächsten Auftrag sind nicht klar zu ziehen.

Gregg Hurwitz erzählt an sich nicht viel Neues. Der Plot ist nicht unbekannt, geläuterter „(Anti)Held“ zieht seine Konsequenzen und hilft mit Methode eines Rächers den Unschuldigen und Schwachen. Alles gut und schön und doch hat der amerikanische Autor mit  seinem Protagonisten Evan Smoak eine klitzekleine Nische gefunden, die allerdings den Leser überzeugen wird.

Evan Smoaks Charakter ist sehr eindimensional konzipiert. Technisch überlegen, ein hervorragender gar rausragender Kämpfer, effiziente Tötungsmaschine. Menschlich gesehen ist Evan ein unausgereifter, einsamer Charakter und leider manchmal naiv wie ein Kind im Vorschulalter. Zwischenmenschlichen Beziehungen kann und will er nicht eingehen, dass ist seine größte und verletzlichste Achillesferse.

„Orphan X“ ist ein intelligenter und hochspannender Actionroman. Die Handlung ist alles andere ruhig – diese entwickelt sich beharrlich wie ein in einem Teich geworfener Stein. Die Schwingungen sind nicht aufzuhalten. Neben der Spannung muss man allerdings auch den Humor lobenswert erwähnen. Evans Talent immer wieder mal ins sprichwörtliche Fettnäpfchen zu treten und sein beispielloser Enthusiasmus jedem Helfen zu wollen sind klasse erzählt.   

Die Handlung ist vielfältig, die Nebenhandlungen erzählen die Flashbacks Evan und lassen den Leser einen Blick in die Vergangenheit werfen. Ebenso vielseitig informativ und für die Handlung gut platziert. Ich habe selten einen Thriller gelesen, in dem es dem Autor so fabelhaft gelungen ist, eine Handlung in seiner Komplexität so packend zu beschreiben. 

Gregg Hurwitz Feingefühl für den Blick aufs Detail, egal ob nun in der Charakterzeichnung, oder in der Beschreibung einzelnen Szenen ist faszinierend und gibt dem Roman eine überdurchschnittlich tiefe Atmosphäre. Nicht immer authentisch – aber das ist James Bond auch nicht und Evan Smoak braucht sich einem Vergleich nicht zu scheuen.

Das die Filmrechte inzwischen schon verkauft wurden, überraschend wohl niemanden. Das Buch ist für eine Verfilmung prädestiniert.  

„Orphan X“ ist hoffentlich nur der erste Band einer Reihe und wir sehen und lesen Evan Smoak ist seiner Paraderolle wieder. Meisterhaftes Actionfeuerwerk – packende Handlung – einer der besten Thriller in der letzten Zeit. Absolute Leseempfehlung – ein Titel, den man einfach lesen muss.

Michael Sterzik





Freitag, 20. Mai 2016

Die Sandwitwe - Derek Meister

Nach „Der Jungfrauenmacher“ von Derek Meister, erscheint nun im Verlag Blanvalet der zweite Teil der Thriller Serie „Die Sandwitwe“.

Die Handlung spielt nur wenige Monate nach den Ereignissen und schließt unmittelbar an die letzten Serienmorde, die sich in Valandsiel ereignet haben. Der noch junge und unerfahrene Leiter der Dienststelle Knut Jansen langweilt sich in seiner kleinen Stadt. Außer den üblichen kleineren Straftaten, passierte nicht viel in den letzten Monaten. Die erfahrende Profilerin Helen Henning dagegen steht vor einem Neuanfang. Beruflich wie privat hat sie für sich einen festen Ankerplatz an der Nordseeküste noch nicht finden können. Ihr tragisch erlebtes Trauma lässt sie noch nicht zur Ruhe kommen.

Mit der Ruhe ist es dann aber schnell wieder vorbei – in Valandsiel werden mehrere mit Sand gefüllte Leichen gefunden. Nach den ersten Ermittlungen von Knut Jansen und Helen Henning entdecken sie ein Muster, das fünfundzwanzig Jahre in die Vergangenheit führt.

Derek Meister hat schon mit seinem ersten, nordischen Thriller die Leser überzeugen können. In dem vorliegenden Roman wird es persönlicher für die beiden Ermittler. Zumal bekommt der Leser einen umfassenden Eindruck, was Helen Henning so nachhaltig traumatisiert und physisch verletzt hat. Knut Jansen dagegen benimmt sich manchmal noch immer wie ein spätpubertärer Bengel, der seine Gefühle für die junge Kollegin nicht in Worte fassen kann. Unsympathischer macht ihn das allerdings nicht.

Derek Meister überlässt seinen Figuren viel Raum um sich selbst zu reflektieren und gibt seinen zweiten Thriller somit viel an Atmosphäre mit. An Spannung mangelt es hier nicht. Obwohl die Nebengeschichten – die persönlichen Flashbacks von Hellen Henning innerhalb der Haupthandlung gut platziert sind, erreicht die Spannung ein intensives Tempo. Logikfehler oder erzählerische Längen findet man in dem Titel „Die Sandwitwe“ nicht.

Im direkten Vergleich mit dem ersten Band „Der Jungfrauenmacher“, schneidet dieser noch besser ab. Die Steigerung ist deutlich spürbar und geschickt konzipiert Derek Meister seine Idee weiter und stellt seine Charaktere in die Startlöcher zum dritten Teil. Dieser lässt schon vermuten, dass hier die beiden Ermittler persönlich im Fokus stehen werden. Für die Entwicklung der Charaktere ein immens wichtiger Schritt.

Aber nicht nur die Spannung entwickelt sich in „Die Sandwitwe“ weiter. Derek Meister schildert die Morde ohne Rücksicht auf zartbesaitete Gemüter.  Die Ängste der Opfer in Erwartung von Folter und ggf. dem Tod, verlangen viel an stabiler Herzfrequenz und gesundem Kreislauf.

Alles in allem ist „Die Sandwitwe“ ein hochspannender Thriller mit der Wucht einer kleinen Sturmflut. Grandios – Großartig – Pageturner.


Michael Sterzik

Samstag, 30. April 2016

Hansetochter - Sabine Weiß

Lübeck – Weltbekannt durch das Marzipan von Niederegger und natürlich durch das alte Festungstor, auch Holstentor genannt. Das eigentliche Wahrzeichen der damaligen „Königin der Hanse“ wie sie von sich aus stolz sagen kann.

Es gibt in Deutschland wenige sehr gut erhaltene Städte in denen man noch, wenn man die kleinen Gassen betritt oder durch die engen Gänge schleicht oder sich in einem wunderschönen Hof wiederfindet, noch einen Hauch von „Mittelalter“ spürt.
 Gebäude, Straßenamen die wenigen übrig gebliebenen Gänge und Höfe zeugen noch immer von der Macht und dem Wohlstand, den die Lübecker in ihrer für sie wichtigsten Zeit aufgebaut haben. Im 14 Jahrhundert war sie für den Seeverkehr im östlichen Raum um Brügge, London und Nowgorod das Zentrum für Handel, Kredite und der alleinigen Macht der Hanse.

Die Autorin Sabine Weiß lässt in ihrem vorliegenden Roman um die Kaufmannstochter Henrike Vresdorf – „Hansetochter“, dass hanseatische Lübeck prachtvoll aufblühen. Die Handlung spielt im Jahre 1375 – zur Glanz- und Blütezeit der Hanse und ist eine vielseitige und dramatische Familiengeschichte, mit sehr charakterstarken Figuren.

Im Vordergrund steht das bewegende Schicksal einer jungen Frau, inmitten von familiären Verlusten, Intrigen und politischer Themen, die die Stadt Lübeck vor manch einer Entscheidung stellen. Sabine Weiß katapultiert den Leser in ein facettenreiches Lübeck im 14. Jahrhundert. Im Laufe der Handlung merkt man sehr stark, dass sich die Autorin fantastisch mit der Geschichte der Hansestadt auseinandergesetzt hat. Ihr Porträt Lübecks zeigt uns eine starke und einflussreiche Stadt und wer Lübeck kennt, wird sich bei der Nennung der zahlreichen Gebäude, Kirchen und Straße schnell heimisch fühlen. Lübecks Stadtbild, seine Straßennahmen und die prächtigen Häuser der Kaufmannsfamilien sind erhalten geblieben und gehörten mit zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Doch ein historischer Roman weckt eine gewisse Erwartungshaltung und auch über übertrifft die Autorin ihre Kollegen, wenn es um Detailwissen und Beschreibungen geht. Das hanseatische Mittelalter und das damalige Alltagsleben der Menschen inmitten einer Stadt, wird hier detailreich und bestens recherchiert beschrieben. Wir erfahren viel über die damaligen Berufsstände eines Kaufmanns oder die Ämter und Würden und politische Verantwortung der Bürgermeister. Doch auch Alltagsgegenstände und Handelsgüter werden so bildhaft beschrieben, dass dem Roman eine faszinierende Tiefe gibt.

Doch auch die Bräuche und familiären Verpflichtungen werden ausführlich beleuchtet. Der Leser wird Zeuge, welche beschwerliche Ausbildung die Lehrlinge der Kaufleute hatten und welche, in unseren Augen derben Aufnahmeprozessen sich diese stellen mussten. Das Leben im Mittelalter war nicht einfach – um nicht zu sagen gefährlich für Leib und Leben. Die Autorin nimmt hier auch kein Blatt vor dem Mund, sondern beschreibt sehr präzise und bildhaft, drakonische Strafen, Kämpfe und Gewalt in der Ehe oder auf dem Deck eines Schiffes bei einem Piratenangriff.

Auch politische Auseinandersetzungen, die eine so wohlhabende Stadt wie Lübeck sich stellen musste, werden thematisiert.
Die Spannung des Romans steigert sich mit der Vielzahl an Nebenhandlungen und natürlich der Haupthandlung. Die junge Kaufmannsstocher Henrike, die ihren Vater aufgrund eines plötzlichen Todes verliert, muss zusammen mit ihrem Bruder vieles erdulden. Ihr Onkel, Tante und deren Sohn schikanieren die beiden Geschwister mit einer fast schon systematischen Gewalt – sowohl körperlich, wie auch seelisch erleiden die Kinder viel. Neben der Spannung, gibt es natürlich auch die Liebe, die nicht zu kurz kommt. Zum einen die Liebe Henrikes zu einem jungen Kaufmann, der versucht sich in Lübeck zu etablieren, zum anderen auch die Liebe und Zuneigung unter Geschwistern oder Freunden. Sensibel und feinfühlig auf höchstem Niveau erzählt.

Packen und vielzeitig sind wirklich alle Charaktere konzipiert, jeder auf seine Art und das sehr realistisch, ohne in bekannte Klischees abzudriften. Selbst die Nebenfiguren schließt man schnell ins Herz. Als negativer Aspekt, ist manchmal die sehr gerade Linie von „Gut“ und Böse“ sehr eindimensional beschrieben. Wenn die Charaktere manchmal mit mehr Kanten und Ecken versehen gewesen wären, wäre der tolle Roman noch viel besser gewesen. So empfindet man beim Lesen zwar Verständnis und Anerkennung bei den Figuren, doch manchmal sind diese zu übertrieben gut und böse. Die Handlung ist dadurch leider allzu absehbar, was überraschenderweise der Spannung nicht schlecht tut.

„Hansetochter“ ist ein brillanter, farbenprächtiger Roman. Realistisch, spannend und mit Figuren versehen, denen man sich nicht entziehen kann. Dazu perfekte Beschreibung von historischen Elementen, Bräuchen, Gegenstände usw. die sich passend ins lübische Stadtbild einbringen.

Damit ist Sabine Weiß ein großartiger Roman gelungen.  Eine Fortsetzung steht mit „Die Feinde der Hansetochter“ schon in den Regalen der Buchhändler. Die Hansezeit verfügt über so viele spannend zu erzählende Geschichten, dass man nur hoffen kann, dass es darüber hinaus noch Fortsetzungen geben wird.

Historische Unterhaltung packend erzählt. Bravo – so muss ein historischer Roman sein.

Michael Sterzik


April 2016-04-30