Mittwoch, 13. Juni 2018

Forgotten Girl - von Eva-Maria Silber

Die Autorin Eva-Maria Silber veröffentlichte im Digital Publishers Verlag im März  2018 ihren titel: „Forgotten Girl“ - einen zutiefst schockierenden Thriller. 

Die ehemalige Rechtsanwältin und Strafverteidigern, die in 2014 ihr erstes Buch veröffentlicht hat, orientiert sich mit ihrem aktuellen Roman „Forgotten Girl an einem nicht aufgeklärten Mordfall aus Finnland. An dem See „Bodominjärvi“ wurden am 5. Juni 1960 vier Teenager die dort zelteten in der Nacht angegriffen. Ihr Zelt zerfetzt – drei Teenager wurden erstochen und erschlagen. Ein Junge überlebt den Angriff verletzt, konnte sich aber später an den Tathergang und die Ereignisse überhaupt nicht mehr erinnern. Medial wurde diese Tat durch Bücher, Filme und nicht zuletzt der Musik verwendet. Legenden und Schauermärchen entstanden aus dem sogenannten Bodem-Mord. 

Die Autorin Eva Maria Silber konzentriert sich in ihrem True-Crime Thriller auf das wesentliche. Es gibt keine Nebenhandlungen, keine Nebencharaktere, somit ist die Handlung übersichtlich und auf den Punkt gebracht. Allerdings schildert die Autorin den Fund der Leichen und den Ablauf der Tat sehr brutal und schockierend. Es könnte auch die nüchterne Beschreibung eines Polizeiberichts sein, die Autorin hält sich mit konkreten Beschreibungen nicht zurück.  Das ist auch gut so – den Schrecken, auch die emotionale, psychische Gewalt, die posttraumatisch immer wieder an die Oberfläche kommt – ist authentisch erzählt. Dadurch wird „Forgotten Girl“ zu einem konzentriert-spannenden Psychothriller. 

Das Verbrechen holt eine der überlebenden Protagonisten immer wieder ein. Ihre Persönlichkeit verändert sich, physisch und psychisch geht sie durch ihre eigene Hölle. Sozial grenzt sie sich aus und findet in ihrem Beruf einen Anker, der sie überleben lässt – immer an der Grenze des überhaupt erträglichen. 

Eva-Maria Silber offenbart und analysiert das „Leben“ und „Sterben“ ihrer Protagonisten. Ebenfalls genau wie in Handlung selbst – dreht es sich um die Überlebende, die sich Jahrzehnte später mit dieser traumatischen Nacht auseinandersetzen muss. Kriminiltechnik und Ermittlungsmethoden haben sich verändert – das Zauberwort „DNA-Analyse“ lässt es nun zu, dass alte Coldcase-Fälle wissenschaftlich neu betrachtet und interpretiert werden können. Für die Opfer bedeutet es nun mehrere Schritte, in die Vergangenheit zu gehen. Die Täter könnten allerdings beunruhigt sein. 

Die Gefühlsdimensionen der Teenager finden eine ausführliche und realistische Betrachtung in „Forgotten Girl“. Die Pubertät mit all ihren Nebenwirkungen, Gefahren und Herausforderungen werden thematisiert. Auch diese Erzählkunst beherrscht die Autorin außerordentlich gut. 

Die Handlung wird aus zwei Perspektiven erzählt – die dramatische Tat in der Vergangenheit 1984,  und die Ermittlungen die zwanzig Jahre später - 2014 erfolgen. Diese gliedert sich dann in zwei Abzweigungen auf – die damalige und jetzige Kriminalbeamtin und der Blickwinkel der Überlebenden Frau.

„Forgotten Girl“ ist ein starker und sehr spannender Psychothriller – kurzweilig und doch sehr empfehlenswert. Der Schrecken der Tat und das spätere Trauma wirken authentisch, packend und schockieren zumal. Sehr löblich allerdings, dass es die Autorin hier nicht übertreibt und der brutale Schrecken, die psychologische Spannung überholt.

Es gibt aber auch wesentliche Chancen, die die Autorin nicht wahrgenommen hat. Ich vermisse durchaus Nebenhandlungen und Figuren, dadurch wirkt die Story bisweilen oberflächlich und ähnlich verhält es sich mit den Charakteren. Der Roman hätte durchaus 200 Seiten stärker sein können. Dadurch hätte man die Jahre zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählerisch attraktiv beleuchten können. Die Charaktertiefe hätte dadurch nur noch mehr gewinnen können.

Weiterhin frage ich mich: Warum hat die Autorin nicht in einem Nachwort Bezug genommen auf diesen historischen Kriminalfall? Auch das erwarte ich, wenn man sich schon im Genre True Crime bewegt.

Fazit

„Forgotten Girl“ ist der erste Roman der Autorin Eva-Maria Silber, den ich gelesen haben. Hohes Tempo – authentische Spannung – düstere Atmosphäre.  Absolut empfehlenswert. Ich bin gespannt, auf das nächste Projekt. 

Michael Sterzik 




Montag, 11. Juni 2018

The President is Missing - Bill Clinton und James Patterson

Der frühere US-Präsident Bill Clinton und der Rekordinhaber für die meisten, regelmäßigen Bestseller im New York Times Ranking – James Patterson haben ihren ersten gemeinsamen Thriller geschrieben. Im Münchner Verlag Droemer ist dieser nun mit dem Titel: „The President is Missing“ veröffentlicht worden. 

Der Demokrat Bill Clinton regierte von 1993 – 2001 im Weißen Haus und steuerte einen der mächtigsten Staaten der Welt durch die politischen Höhen und Tiefen.
In diesen acht Jahren lernte er die Schattenseiten und Sonnenseiten seines Amtes kennen. Über seine Regierungszeit wollen wir aber nun nicht sprechen – dazu gibt es einige Sachbücher, auch von Clinton selbst verfasst. Nichtsdestotrotz war er im Zentrum der Macht in Washington. Der ehemalige Präsident kennt also viele Interna, viele geheime Prozesse und Abläufe. Wer kann diesen nicht geringfügigen Hochdruck nicht besser in Worte auf Papier bringen, wie jemand der dieses Amt jahrelang innehatte?!

In „The President is Missing“ werden solche Prozesse und Abläufe sehr stark in die Story eingewoben. Die Bürde und die Verantwortung für 300 Millionen Einwohner der USA auf den Schultern gesetzt, macht das Leben nicht leichter. Sich persönlich dem Kongress, oder einem Untersuchungsausschuss, gar einem Amtsenthebungsverfahren zu stellen, um für seine Entschlüsse einzustehen und sich zu verantworten, kann und wird nicht leicht sein.  Es sind zwei politische Haifischbecken der Innen- und Außenpolitik und die Haie sind verdammt hungrig. Gerade diese Atmosphäre spürt man – auf jeder Seite, in jedem Augenblick. Das ungewöhnliche Autorenduo, das sehr eng zusammengearbeitet hat ,um diesen Roman eine inhaltliche Seele zu geben, hat einen hochklassigen, politischen Spannungsroman veröffentlicht. 

Außenpolitisch gesehen – leben wir in einer sehr unruhigen Zeit. Es ist schon längst 5 vor 12 – Krisenherde gibt es genug und es gibt auch genug Präsidenten verschiedener Länder – nicht nur in Europa, deren Profilneurosen gefährlich sind. Standen wir bei der Kuba-Krise schon auf der Willkommensfußmatte zum 3. Weltkrieg – sind wir nun sicherlich bereits einen kleinen Schritt weitergegangen. Doch welche Art von Krieg könnte uns erwarten – ein Atomarer, ein konventioneller, eine kriegerische Auseinandersetzung mit biologischen, chemischen Waffen? 

Nein – Bill Clinton und James Patterson entwerfen ein uneingeschränkt realistisches Bedrohungsszenario. In unserer digitalen Welt sind abhängig geworden. Die Infrastruktur eines Landes ist totalitär darauf ausgerichtet. Globale Vernetzungen – nicht nur der sozialen Medien machen die Weltpolitik zu einem Dorf. Alles wird gesteuert, ist vernetzt und voneinander  abhängig – Selbst die Wasserversorgung, Stromversorgung, Atomkraftwerke – ohne eine 1 und 0 geht hier gar nichts mehr. Ein „Blackout“ würde die Zivilbevölkerung in Chaos und Anarchie stürzen. Die Folgen – auf Jahre hin militärisch, wirtschaftlich in den Grundfesten des Landes erschüttert. 

Ein Cyber-Krieg ist nicht abwegig. „War Games“ ist nicht so weit entfernt. Diese Thematik transportieren Bill Clinton und James Patterson meisterklassig. Natürlich geht es patriotisch zu. Natürlich gibt es den offenen Bezug zu aktuellen, politischen, wirtschaftlichen und militärscher Themen. Dieses mahnende Fingerpointing allerdings ist der Dreh- und Angelpunkt – Erschreckendes Szenarien über die der Leser auch noch lange nach Ende des Roman nachhaltig denken wird. 

Die fiktive Figur des Präsidenten Duncan ist großartig in Szene gesetzt. Ob nun realistisch gesehen, darüber lässt sich bestimmt streiten. Die Nebenfiguren, selbst die innenpolitischen bösen Buben, die Auftragskiller und befreundet-befeindeten Politiker sind faszinierend. Hier wird niemand in ein Klischee gedrängt. 

Die Außenpolitik ist das reale Spiegelbild. Die Bedrohungen allzu reell, aber auch die inneren Probleme werden aufgenommen und gut verarbeitet: Polizeigewalt gegen Afroamerikaner, Worte zur Gesundheitsreform, oder auch der Umgang mit Veteranen, die im Stich gelassen werden, finden hier Gehör. 

Schmunzeln musste ich bei zwei fiktiven Namen von den Protagonisten: Der BND-Chef heißt Kohl, der Kanzler Richter J

Fazit

Bill Clinton und James Patterson präsentieren mit „The President is Missing“ einen hochklassigen Politthriller. Deutliches Mahnen, eine versteckte Abrechnung mit aktuellen Themen – Spannung auf einem meisterklassigen Niveau. 

Brillant – Ein Titel, den man dieses Jahr gelesen haben muss.

Michael Sterzik 

Missing - Niemand sagt die ganze Wahrheit - Claire Douglas

Es ist in Deutschland das Debüt der britischen Autorin Claire Douglas. Ihr erster erschienener Titel: „Missing – Niemand sagt die ganze Wahrheit“ erscheint nun im Juni 2018 im Penguin Verlag. Es ist nicht der erste Roman, den die junge, ehemalige Journalistin veröffentlicht. Der o.g. Titel allerdings der Erste, der im deutschen Buchhandel erhältlich ist. 

Der Titel richtet sich eindeutig auf die weiblichen Leser aus. Es geht um Freundschaft, Verrat und Lügen. Aber auch um Schuld und alte Geheimnisse, die in einer kleinen verschlafenen Küstenstadt sehr unbequem sein können. Vor Jahren verschwand Sophie in einer Nacht fast spurlos. An dem längst schon maroden, baufälligen Pier fand man einen Turnschuh. War es ein bedauerlicher Unfall, ein Selbstmord, oder wurde die junge Frau Opfer eines Mordes? 

Achtzehn Jahre später erfährt die ehemalige, beste Freundin, die nun in London lebt und erfolgreich eine Hotelkette aufbaut, dass in ihrer Heimatstadt eine Leiche angespült wurde. Francesca und Sophie waren die engsten Freundinnen, zusammen mit ihren Freunden verbrachten sie viel Zeit am Strand, tanzten mit Alkohol im Blut zu den Rhythmen alter Popsongs und dachten, ihnen gehöre die Welt. Falsch gedacht. 

Beunruhigt, aber entschlossen die Vergangenheit aufzuarbeiten und abschließen zu können, fährt Francesca zurück in ein altes Leben, mit alten Wunden versehen und dem Wunsch zur Ruhe zu kommen..

Die Autorin Claire Douglas muss sich unzählige Notizen gemacht haben, um das Beziehungsgeflecht ihrer Figuren, dass enorm komplex aufgebaut ist, noch logisch nachzuvollziehen zu können. Auch wenn es sich um einen recht überschaubaren Kreis der Charaktere handelt, so wirkt es manchmal allzu verwirrend. Wiederum geschickt konstruiert die britische Autorin ein abstraktes Modell von Lügen, Halbwahrheiten, Fakten und Vermutungen. Es gibt einige Verzweigungen, einige Überraschungen, die dann doch dazu führen, dass der Leser schnell begreift, was auf den nächsten Seiten, in den nächsten Kapiteln passieren wird. Die Spannung allerdings bleibt merkwürdigerweise bestehen, und das sehr stabil. 

Aufgebaut ist die Handlung auf zwei zeitlichen Ebenen. Einmal aus der aktuellen Perspektive von Francesca, zu anderen lässt die Autorin die tote Sophie plaudern, die die Vergangenheit auf ihrer ganz eigenen Sicht definiert. Das funktioniert wirklich gut und lässt erahnen, wie es weitergehen könnte. Bei so vielen Andeutungen gibt es einige, ganz verschiedenen Ereignisse, die passieren könnten. Dreh- und Angelpunkt dieser ganzen Spannung ist das Verhältnis unter Freuden, nicht nur das freundschaftliche Verhältnis von Francesca und Sophie, sondern auch das mit ihren ersten, festen Freunden und ihren Eltern. 

Die Szenen beschreibt Claire Douglas sehr authentisch, sehr sensibel und voller Emotionen, im negativen wie auch positiven Sinne. Es gibt nicht viel auszusetzen – einzig und alleine, dass die Überreste einer Leiche nach Achtzehn Jahren auftauchen, lädt ein wenig zum Schmunzeln ein und die Erklärung dazu, ist etwas hanebüchen. 

Fazit

„Missing – Niemand sagt die ganze Wahrheit“ von Claire Douglas ist ein Roman, der das Interesse durchaus weckt, mehr von dieser Autorin lesen zu wollen. 

Die Grundidee des Romans ist nicht neu, verrennt sich aber auch nicht in den klassischen Klischees, die man ggf. erwartet.  

Absolut zu empfehlen – kurzweilig, interessant, spannend und nachhaltig. 
Könnte ein prima Roman für Strandkorbtage sein.

Michael Sterzik 

Mittwoch, 6. Juni 2018

Verrat - Leif GW Persson

In den letzten Jahren ist die Flüchtlingspolitik ein brisantes und noch immer aktuelles Thema geworden. Ist die islamistische Terrorgefahr dadurch stark vergrößert worden? Schon längst ein heikles, politisches Thema, dass viele Länder in ganz Europa betrifft. Die Rechtspopulisten wittern die Chance sich zu profilieren – Angst zu schüren und die inzwischen, doch entspannte Situation zu verschärfen und zu dramatisieren. Fakt ist leider allerdings auch, dass die Terrorgefahr allgegenwärtig hoch ist, allerdings gibt es dabei auch Einzeltäter, Amokläufer die nicht dem Islam angehören und auf ihrer ganz eigenen Frequenz leben und sterben wollen. 

Spätestens seit 9/11 – ist Welt der Geheimdienste in und außerhalb Europas zu einem digitalen Dorf geworfen. Gemeinsame Datenbanken, die Verdächtige Personen identifizieren und jeden Ihrer Schritte dokumentieren und überwachen. Kameras in Großstädten, nicht nur auf öffentlichen Plätzen, die den Alltag der Menschen im Auge haben, von der üblichen digitalen Überwachung der Messangerdienste, Email usw. einmal ganz zu schweigen. 

Auch wenn wir es nicht gerne zugeben wollen – wir Normalbürger in ganz Europa wissen wenig, ein medialer Bruchteil eines Konstrukts, dass wir dimensional auch überhaupt nicht bewerten können. Das ist auch gut so – alles andere würde alle Kritiker, Angstmacher und Wutbürger – nur noch mehr außer Kontrolle bringen. 

Der schwedische Erfolgsautor Leif GW Persson thematisiert in seinem neuesten Thriller „Verrat“, die Bedrohung eines anstehenden Terrorangriffs und die akribischen Ermittlungs- und Überwachungstätigkeiten des Geheimdienstes. Der Autor ist ein Typ – der weiß wovon er schreibt – schließlich war er lange Zeit als Profiler im Polizeidienst tätig und ist Professor der Kriminologie. Ein perfekter Insider- der den Leser also kleinere Momentaufnahmen präsentieren kann. 

In seinem neuesten Werk „Verrat“, befasst sich der Autor mit einer Vielzahl von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen – allerdings in Kombination mit einem geplanten Terrorangriff. Diese brisanten Themen sind komplex und nicht einfach in einem Thriller zu implementieren. Leif GW Perssons Versuch diese aktuellen Themen unterhaltsam und auch informativ, dem Leser beizubringen gelingt nur Phasenweise. 

Unterhaltsam? Na ja – wer sich sowieso schon mit dem Arbeitsumfeld der Nachrichten- und Geheimdienste beschäftigt hat, für den wird dieser Roman wenig unterhaltsam sein. Auch wenn das Thema interessant ist – der Autor verrennt sich in seiner Beschreibung und Schilderung der prozessualen Ermittlungs- und Überwachungsmethodik der Geheimdienste. Eine atmosphärische Spannung vermisst man. Obwohl die Bedrohung durch einen Anschlag allgegenwärtig zu sein scheint, verliert sich diese und ordnet sich faktisch einer akribischen Dokumentation unter. Wenigstens weiß der Leser am Ende des Romans, mehr über die gewissenhafte und anstrengende Tätigkeit der Außenagenten und sieht so manches politische Thema mit anderen Augen. 

„Verrat“ ist kein Highlight der Spannungsliteratur – vielleicht ein punktuelles Glühwürmchen. Es ist vielmehr ein Buch voller Fakten, dass kann ja auch gut sein, aber wenn die Ausarbeitung der Charaktere nur oberflächlich ist, die Spannung auf der Fahndungsliste auftaucht und es eigentlich doch nur ein Sachbuch ist – sieht eine spannende Unterhaltung anders aus. 

Der Autor schreibt dennoch gut. Stil, Ausdruck und Sprache sehr angenehm. 
„Verrat“ von Leif GW Persson ist mehr ein Sachbuch, wie ein Roman. Für seine Studenten der Kriminologie sicherlich ein Pflichtwerk, als Spannungsroman allerdings ein klassischer Versager. 

Selbst die Zeichnung der Charaktere sind nicht mehr als Oberflächlich. Die Ermittlerin so verspricht es das Cover: „hart im Nehmen, entschlossen, klug – und höllisch cool – wer das geschrieben hat, könnte eine Verwandtschaft mit Pinocchio dadurch erklären, dass seine Nase nun ein ganzes Stück länger ist. 

Sorry – Als Sachbuch absolut TOP, als Politthriller, oder auch Kriminalroman gesehen ist „Verrat“ nicht zu empfehlen. 

Michael Sterzik



Dienstag, 5. Juni 2018

Das Blut des Löwen - Mac P. Lorne

Wer war eigentlich dieser König John Ohneland? 

Wir kennen König Johann, oder auch im Sprachgebrauch „John“ genannt aus der englischen Sage um Robin Hood. In der Literatur, wie auch in verschiedenen Filmen wird dieser sehr negativ präsentiert. Seinen Beinamen „Ohneland“ erhielt er, weil er viele Besitzungen in der Normandie verlor und seine Rückeroberungsversuche kläglich scheiterten.

Grausam, egozentrisch, böse – doch war der historische König John Ohneland wirklich gnadenlos? Im Schatten seines Bruders Richard Löwenherz stehend, hatte er es als Nachfolger nicht leicht. England war unbefriedigt, ein ständiger Krieg gegen Frankreich, Spannungen in Schottland, Irland und Wales brachten ihn in schwierige Situationen. War und ist sein schlechter Ruf gerechtfertigt? 

Glaubt man den Quellen und Chronisten, so war John schon zu Lebzeiten nicht beliebt. Auch sie schildern seine Persönlichkeit als grausam, böse und wollüstig. Letzteres bestätigt sich durch seine legitimen, wie auch seine unehelichen Kinder.

Sein Nachruf wird auch wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit sehr negativ sein. Wahrscheinlich ermordete er seinen Neffen und eigentlichen Thronfolger Arthur, die Barone rebellierten  (Anerkennung der Magna Carta) , sein Kronschatz verlor er und seine endlosen Fehden gegen Frankreich, machten ihn schon zu Lebzeiten äußert unbeliebt. Beschäftigt man sich allerdings mit seiner historischen Person und seinen Taten, so verschwimmt das negative Bild ein wenig. Er hatte auch durch seinen Bruder und seiner Mutter eine gewisse Regierungserfahrung und hatte anscheinend ein Talent für die Organisation und der Verwaltung. Auch als Stratege im Krieg konnte er sich behaupten – seine Feldzüge gegen Irland, Wales und Schottland festigten seine Regentschaft. Allerdings und damit kommen wir wieder zur Basis seiner Persönlichkeit – er war grausam – gerade gegenüber seinen Feinden. Sein schlechter Ruf kommt also nicht von ungefähr. 

 

Nach den beiden erfolgreichen Romanen um Robin Hood und König Richard Löwenherz lässt der Autor Mac P. Lorne nun seinen „König der Diebe“ in „Das Blut des Löwen“ kämpfen. Die beiden Kontrahenten Robin Hood und König Johann Ohnland bekämpfen sich auch aus persönlichen Gründen und natürlich um England nach endlosen Jahren des Krieges Ruhe und Frieden geben zu können. 

Der dritte Roman um den legendären Langbogenschützen Robin und seinen Freunden aus dem Sherwood Forest ist auch der bisher persönlichste. Von Königin Eleonore ins liebvolle Exil in die Gascogne geschickt leben Robin und seine Frau Marian zusammen mit dem illegitimen Sohn Richards mehrere Jahre relativ ruhig. Doch William Marshal findet Robin und bittet diesen ihn zu für England zu unterstützen. 

 

Historisch gesehen: König Richard hatte aus seinen beiden Ehen keine Nachkommen. Es gab einen illegitimen Sohn: Philipp von Cognac. (franz.: Philippe de Cognac, engl.: Philip of Cognac; * wohl um 1180; † nach 1201) Doch dieser scheint keine wirklich aktive, historische Rolle eingenommen zu haben. 

Mac P. Lorne lässt also demnach seiner schriftstellerischen Freiheit etwas Raum. Aber keine Sorge – das ist absolut in Ordnung da der Nachkommen des Löwenherz in dem Roman „ Das Erbe des Löwen“ nur eine untergeordnete Position einnimmt. 
Der Erbe Richards ist John Ohneland und eben dieser bietet enorm viel geschichtliches Potenzial, um es in einem komplexen Roman zu verwenden. 

Wie schon in den beiden ersten Bänden ist auch Teil 3 der Robin Hood Saga außerordentlich gut gelungen. Mac P. Lorne schildert nun das Leben und Sterben der historischen Figur König Johns und seiner Herrschaft über England. 

Die Figur Robin Hoods ist nun älter geworden, nicht unbedingt weiser und allzu oft verwandelt sich sein alter Freund Little John in einen moralisch-intelligenten Kompass. Diese Dialoge laden zum Schmunzeln ein. Auch die Beziehung zu seiner respektvollen und eigensinnigen Frau Lady Marian wird thematisiert und so manches Mal steht der Haussegen sehr schief. Es geht  sehr persönlich zu, denn auch Robin kämpft nicht nur für England, sondern auch ein Stück weit für sich und seine Frau. 

Mac P. Lorne orientiert sich stringent an die historischen Ereignisse. Sehr spannend beschreibt er die Auseinandersetzungen auf englischen Boden, die schließlich in einen Bürgerkrieg münden. Der dritte Band ist inhaltlich spannender und stärker als der vorhergehende, aber insgesamt gesehen belebt der Autor eine Legende und lädt die Leser auf eine historische Reise ins mittelalterliche England ein. Ein spannender Reiseführer durch eine gewaltvolle Epoche und das hochklassig erzählt. 

In dem Roman fehlen natürlich auch nicht die klassischen Figuren wie Will Scarlett, Little John, Much oder Bruder Tuck. Leider und ist das ist sehr auffällig konzentriert sich der Autor auf seinen Roten Faden und seine Hauptfiguren, sodass die Nebenfiguren äußerst blässlich dahinleben. Ein wenig Schade – den viele hatten und haben noch immer ein großes Reservoir für spannende Nebengeschichten. 

Betrachtet man die Zeichnung der Figuren, so ist König John Ohneland sehr eindimensional geschildert – grausam und böse. Robin Hood dagegen ein Bilderbuchfreiheitskämpfer – allerdings mit deutlich mehr Ecken und Kanten versehen. 

Was mir fehlt sind Nebenfiguren, die die Handlungen mittragen. Aber auch hier nehme ich den Autor in Schutz. Die Romane sind eine Neuauflage, es waren die ersten aus seiner Feder und schließlich entwickelt man sich immer mal etwas weiter. 

Fazit

„Das Blut des Löwen“ ist eine sagenhafte, historische und spannende Reise in ein umkämpftes England. Brillante Spannung, viel Action und viele Beziehungskisten lassen auch diesen Roman großartig werden. 

Bitte weiter so – und bitte mit einigen Nebengeschichten und Figuren. 

Michael Sterzik

 


Samstag, 2. Juni 2018

Das Herz des Löwen - Mac P. Lorne

Wer war eigentlich dieser Richard Löwenherz? In jedem Fall keine Legende wie ggf. Robin Hood es ist – obwohl legendär ist Richards Königsmythos. Die beiden Charaktere Robin Hood und Richard Löwenherz sind miteinander verwoben. Den Beinamen „Löwenherz“, erhielt „Richard Plantagenet“ aufgrund seines Löwenmutes, den er wahrscheinlich wirklich verdiente. Seine historische Authentizität ist oftmals etwas sehr positiv gesehen, verklärt. Richard Plantagenet ist immer noch eine herausputzende Person. Wie seine Mutter Eleonore von Aquitanien muss er eine beeindruckende Person gewesen sein – körperlich sehr groß, ein beispielloses Charisma und sicherlich auch ein entschlossener und konsequenter Entscheider. Als er König wurde deeskalierter er den Konflikt zwischen den Angelsachsen und den Eroberern aus der Normandie, mit den Hintergedanken die Kräfte seiner militärischen Pläne zu bündeln. 

Ja, er war ein Stratege und hatte taktisches Talent als Heerführer und scheute sich nicht davor in der Schlacht selbst zu kämpfen, dass brachte ihm viele Sympathien bei seiner Gefolgschaft, aber ebenfalls auch bei seinen Gegnern. Mitunter und auch das ist historisch bewiesen, hatte er den Ruf impulsive Grausamkeiten zu begehen. 

Richard war ein unbequemer Monarch und hatte in Europa unter Königen und Adel massive Auseinandersetzungen und Intrigen, die ihm sogar kurzfristig die Gefangenschaft bringen sollte. Mit seinem Bruder Johann Ohneland hatte er einen internen Feind, der die Gefangenschaft nutzte, um sich in England zu positionieren und die Lösegeldzahlung verweigerte, bzw. dagegen integrierte. 

Mac P. Lorne – der in „Die Pranken des Löwen“ schon der Sagengestalt Robin Hood ein historisches und glaubhaftes Gesicht gegeben hat, lässt nun in seinem zweiten Band: „Das Herz des Löwen“ den berüchtigten Räuber seinem König auf den dritten Kreuzzug folgen.  Diesmal steht der grüngewandte, ehemals vogelfreier Bogenschütze aus dem Sherwood Forest und seine getreuen Freunde nicht unbedingt im Mittelpunkt. 

In dem vorliegenden Titel erzählt der Autor vom Leben und Sterben des berühmten Königs. Robin Hood ist zwar keine Nebenfigur, doch der Fokus richtet sich eindeutig auf die historische Figur des Richard Löwenherz. Mac P. Lorne verbindet Fiktion und Fakten meisterhaft. Auf dieser historischen Kulisse agieren die Figuren gemäß der historischen Ereignisse an der Seite Löwenherz. Die Handlung spielt anfänglich noch in England, dann lässt der Autor seine Figuren im Kreuzzug kämpfen und schließlich geht es heim – in ein unbefriedigtes England, das nahe an einem Bürgerkrieg steht. 

Ein historischer Roman lädt den Autor immer ein, fiktive Figuren mit künstlerischer Freiheit zu positionieren. Das ist auch gut so – ein historischer Roman ist und bleibt kein Sachbuch, kann aber wenn der Autor mit historischen Quellen, Überlieferungen, Tagebücher usw.  gut recherchiert neben einer lehrreichen Geschichte auch verdammt gute Spannung erzeugen. 

„Das Herz des Löwen“ von Mac P. Lorne kombiniert Historie mit Abenteuer. Die oben genannten Fakten werden in der Handlung eingebaut und bilden damit den roten Faden. Eine atmosphärische Spannung belebt die Story und damit ist die  Unterhaltung hochklassig. Die Interpretation der historischen Charaktere ist sehr positiv eingebaut. Mac P. Lorne räumt ein wenig mit dem Mythos des legendären Richard Löwenherz auf und schildert ihn gemäß den historischen Quellen als eine sehr authentische Figur, die manchmal wenig Ritterlichkeit zeigt.  

Etwas allerdings übertreibt es der Autor mit der Figur seines Robin Hoods. Seine Abenteuer und auch seine persönliche Entwicklung sind manchmal etwas arg überzeichnet. Damit gehen leider einige, vielversprechende Nebencharaktere leer aus.

„Das Herz des Löwen“ ist der erste Roman des Autors Mac P. Lorne. Stellenweise merkt man es, wenn sich der Autor quantitativ zu viel vornimmt und die Geschichte ausufert. Allerdings ist der sprachliche Stil, der Ausdruck und nicht zuletzt die Spannung und das Lesevergnügen hochklassig. 

Fazit

„Das Herz des Löwen“ von Mac P. Lorne ist geschichtliche Unterhaltung der oberen Klasse. Mit viel Löwenmut gibt der Autor der historischen Figur eines Richard Löwenherz auch Herz, Verstand und allerhand Grausamkeiten mit auf dem Weg. 

Auch der zweite Band der Robin Hood Saga überzeugt. Pfeilschnelles Tempo, dass ins Schwarze trifft. 

Michael Sterzik 


Mittwoch, 23. Mai 2018

Die Pranken des Löwen - Mac P. Lorne


Wer war eigentlich dieser Robin Hood? Gab es diesen englischen gesetzlosen Verbrecher wirklich in den Wäldern im Sherwood Forest, nahe der Grafschaft Nottingham? Historiker streiten noch immer um diese berühmte Figur, die sich zwischen Fakten und Fiktion in der Literatur und Film bewegt und welchem historischen Hintergrund, dieser hatte. 

Unbestritten gab es im Sherwood Forest räuberische, diebische Banden, deren Mitglieder von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Als Verbrecher geächtet, blieb ihnen wahrscheinlich nur die Flucht in den dichten Wald, der aber ein „Überleben“ garantierte. Wasser und Wild gab es im Überfluss, in Höhlen, oder selbst gebauten Hütten konnte man überleben. Die Banden waren mit Sicherheit keine edlen Freiheitskämpfer, die gegen die Normannen auf offenem Feld vorgingen. 


Es waren keine Rebellen oder edelmütige Schutzherren der Machtlosen, sie wurden zu Überlebenskünstlern und begannen aus der Not heraus Verbrechen. 

Die Figur und insgesamt die Taten eines mythischen Robin Hoods werden gerne übertrieben romantisiert. Betrachtet man allerdings die Epoche, in der dieser grün 
gewandete Geächtete mit seinen Freunden gelebt haben soll, so zeigt sich ein England, dass durch Bürgerkriege und überhaupt Kriege gezeichnet wurde. Die Not der einfachen, meist bäuerlichen Einwohner musste tragisch und elendig gewesen sein, aber auch Adelsfamilien mussten durch die Teilnahme an diesen Kriegen, einen hohen Blutzoll entrichten. Es muss eine Zeit der Willkür in den Grafschaften  gewesen sein und sicherlich bereicherten sich die verantwortlichen Grafen und ihre Sheriffs in einigen Regionen mit hohen, individuellen Steuern und Gesetzen. Das Volk wurde ausgepresst. 

Lassen wir nun die Diskussion um die Historizität eines Robin Hood. Hinter jeder Legende, jeder Sage gibt es auch Wahrheiten und Tatsachen. Es gibt unzählige Theorien, über den berühmt-berüchtigten Räuber, doch über seine Vergangenheit kann man nur mutmaßen. Historische Quellen geben hier keine Informationen preis.

Mac P. Lorne gibt in seinem erstem Band der Robin Hood Reihe, dem Freiheitskämpfer und Geächteten eine Vergangenheit. Der Autor erzählt in seinem historischen Roman: „Die Pranken des Löwen“ weitgehendstes  von seinen Eltern. Sein Vater, ein Mitglied der persönlichen Leibwache, der Tochter des englischen Königs und späteren deutschen Kaiserin. Sein Enkel, der Bogenschütze Robin Hood kommt erst im letzten Drittel des vorliegenden Romans zum Vorschein. 

„Die Pranken des Löwen“ ist ein historischer Roman – und sein Autor Mac P. Lorne transportiert historische Ereignisse und Personen großartig. Hinter dieser authentischen  Kulisse, sind dann seine halbfiktiven Figuren brillant gesetzte Nebenfiguren. Aber keine Sorge – Historische Fakten und fiktive Charaktere werden perfekt kombiniert und harmonieren. Die Handlung befasst sich fast ausschließlich mit historischen Themen und spielt noch ausschließlich in Europa – England, Deutschland, Italien. Die englische Geschichte als Nebenprodukt gewinnt allerdings immer mehr an Gewichtung und mündet dann in Geschichten um den Bürgerkrieg, um den Kampf um Englands Krone. 

Mac P. Lorne hat makellos recherchiert und diese Ergebnisse sehr lebendig auf die epochemachende Bühne befördert. Authentische Spannung, Figuren, denen man sich nicht entziehen kann und natürlich die brachiale, historische Geschichte in „Die Pranken des Löwen“ kreieren diese Interpretation des englischen Volkshelden in seinem Ursprung gesehen, brillant. Es gibt eine Menge an historisch belegten Figuren, der man folgen wird. Das Tempo der Story ist gut eingesteuert, die Spannung allgegenwärtig und verliert sich nicht in untragbare Nebengeschichten und Handlungen. Mac P. Lorne erzählt bildgewaltig und verdammt lebhaft, mit vielen lauten und leisen Emotionen und lässt nicht zuletzt auch gerne mal das Schwert aufblitzen und den englischen Langbogen singen. 

Natürlich gibt es auch Figuren, die ebenfalls Teil der Legende Robin Hoods sind, Little John, Will Scarlet, Much, Bruder Tuck und natürlich Marion sind präsent. Der Langbogen und auch die klassischen Kapitel der Sage, z.B. der Stockkampf mit Little John finden Beachtung. 

So muss Geschichte erzählt und nahegebracht werden – historisch belegte Figuren und Ereignisse in großartiger Kombination mit fiktiven Charakteren, die aber nicht minder authentisch wirken. 

Beachtlich und sehr positiv überrascht bin ich vom Stil des Autors. „Die Pranken des Löwen“  und die Folgebände wurden schon 2014 im Verlag Dorfmeister veröffentlicht. Jetzt 2018 vom Münchner Verlag Knaur wieder veröffentlicht wird man seine Robin Hood Reihe mit seinen Werken: „Der Pirat“ und „Der Herr der Bogenschützen“ vergleichen. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass  in „Die Pranken des Löwen“ und auch der zweite Band, in Stil, Ausdruck, Sprache und nicht zuletzt auch der Atmosphäre besser ist, als in den neueren Romanen des Autors. 

Vielleich liegt es daran, dass eine Handlung auf vier Bände gesplittet, dem Autor mehr Raum gibt um seine Figuren und die Handlung zu entwickeln. Ein komprimierter Einzelband beschränkt natürlich. Mac P. Lorne sollte ruhig mal versuchen, in Zukunft über eine historische Reihe nachzudenken. Manchmal ist ein Schritt zurück, zwei Schritte vor. 

Es gibt nicht viel zu bemängeln. Dass der Autor in der Handlung einen Blick auf kommende Ereignisse wirft, zum Beispiel: Er sollte es bereuen; es sollte das letzte Mal sein usw. wirken störend und absolut überflüssig. Schmunzeln musste ich, wenn der Autor seine Figur Robin Hood von seinen wackeren Merry Man sprechen lässt. Das wird deplatziert und mitunter absolut lächerlich und lässt den Ernst ein wenig abdriften. Es fällt aber wahrscheinlich kaum auf.

Fazit

„Die Pranken des Löwen“ ist eine Auferstehung, die perfekte Reanimation einer Legende. Pfeilschnelle Interpretation eines Volkshelden, die literarisch ins schwarze Zentrum trifft.  „Robin Hood“ lebt – danke Mac. P. Lorne. 

Michael Sterzik