Freitag, 26. Mai 2023

Der letzte Auftrag - Titus Müller


Das geteilte Berlin war in der Vergangenheit ein Karussell der östlichen und westlichen Geheimdienste. Inmitten des Kalten Krieges und Jahre später als Michail Gorbatschow von Perestroika und Glasnost wurde der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenschluss beider deutscher Staaten zu einem Symbol der Freiheit. 

 

Diese Reformen veränderten die perspektivischen, idealistischen Grundsätze von Meinungs- und Pressefreiheit und sie ließen die DDR in ihren Grundfesten erschüttern. „Wir sind das Volk“ – den Parteigrößen der DDR, war es sehr wohl bewusst, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. Die Nato  - Europa und die wirtschaftlichen Verbindungen mit den USA haben den Kommunismus in die Schranken verwiesen. Alle wussten sie es, alle verdrängten die Tatsache, dass man Menschen auf Dauer nicht in ein staatliches Gefängnis einsperren kann, und der Schrei nach Freiheit nicht innerhalb der Staatsgrenzen der DDR blieb. 

 

Im dritten Band der hervorragenden Trilogie von Titus Müller – Der letzte Auftrag – springt die Handlung ins Jahr 1989. Der Widerstand der DDR gewinnt deutlich an Kraft und wieder einmal spielt die ehemalige Spionin Ria Nachtmann eine Rolle. 

 

1989. Ria Nachtmann hat ihre große Liebe geheiratet und sich als Spionin zur Ruhe gesetzt. Ihre Tochter Annie verfolgt derweil einen gewagten Plan: Sie will eine Doku des DDR-Widerstands drehen und sie in den Westen schmuggeln. Als sie und ihr Freund Michael dabei versehentlich zwei Männer einer KGB-Geheimoperation filmen, gerät alles außer Kontrolle. Der in Dresden stationierte russische Agent Wladimir Putin hängt sich an ihre Fersen. Mutter und Tochter stehen bald zwischen allen Fronten und müssen erkennen, dass es um nichts weniger geht als um den Sturz der DDR-Regierung und die Zukunft Deutschlands. (Verlagsinfo)

 

Titus Müller jongliert in „Der letzte Auftrag“ mit vielen historischen Themen, dem Widerstand und den innenpolitischen Krisen in der DDR, das letzte Aufbegehren der Staatsorgane und letztlich auch, die ersten Weichenstellungen eines Wladimir Putin, der als Außenagent in Dresden schon längst verstanden hat, die Weichen für seine persönliche Zukunft zu stellen.

 

Als KGB-Agent, und als Jurist erkennt er die Möglichkeiten sein Russland neu zu gestalten und kompromisslos und konsequent entwickelt er sich zu einer Machtfigur. Sein geheimdienstliches Netzwerk erweist sich als ein „Sesam öffne Dich“. 

 

Ria Nachtmann spielt allerdings in diesem Roman nur eine Nebenrolle. Sie nutzt ihre alten Kontakte zum BND, um ihrer Tochter und ihrem Freund dabei zu helfen, den Widerstand in der DDR zu unterstützen. Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt und Annie sich in Schwierigkeiten befindet, liegt auf der Hand. Sie ist nicht weniger impulsiv und einfallreich wie ihre im Westen lebende Mutter. 

 

Es gibt viele weniger geheimdienstliche Aktivitäten als in den beiden Bänden zuvor. Hier übernehmen die politischen und sozialen Brennpunkte die Handlung. Ein Erich Honecker, die noch immer in seiner DDR-Blase lebt und sich seinen Rücktritt stellen muss. Die Kommunalwahlen der DDR, die zweifelsfrei keinesfalls „frei“ sind, und dessen Ergebnisse schon vor der eigentlichen Wahl feststanden. Und es gibt auch Menschen innerhalb der Politik und des Staatsschutzes, die sich jetzt die elementare Frage stellen: wozu das alles noch? Müssen die Demonstrationen mit Waffengewalt beendet werden. Die Grenzen und Reisewege nach Prag wieder geschlossen werden? Es ist der Anfang vom Ende und der Beginn der Wiedervereinigung. 

 

Titus Müller romantisiert das Schicksal seiner Figuren nicht. Es gibt keine Herz-Schmerz-Story zwischen feindlichen Agenten, oder anderen Menschen. Die Emotionen zeigen sich in der Wut, der Verzweiflung, der Angst und auch der Hoffnung von Menschen, denen es bewusst wird, dass es zu einem Wendepunkt kommt. Diese Flucht nach vorne – das ist die Botschaft des Buches – der Schrei nach Freiheit. 

 

Interessant ist die Perspektive und die Erklärung der Figur Wladimir Putins. Glaubt man den Quellen, so schildert Titus Müller diesen erzählerischen Part als sehr authentisch. Doch es geht hier nicht in eine persönliche Analyse über. Der Autor zeigt nur auf, wie der Plan des Mannes aussieht, der Jahrzehnte später für einen Krieg in Osteuropa verantwortlich ist. 

 

Spannend und unterhaltsam ist die Story, wenn auch diese nicht an die beiden vorherigen Teile dieser tollen Reihe herankommen. 

Mit dieser Reihe beweist sich Titus Müller als ein sehr, sehr guter Historiker, der unserer Vergangenheit eine Stimme gibt. Ich würde mich freuen, wenn Titus Müller ggf. eine weitere Reihe schreiben würde, z.B. wie kommen die Stasi-Mitarbeiter mit ihrer Vergangenheit klar? Welche posttraumatischen Erlebnisse dürften diese haben? Gerade in dem Bewusstsein, dass sie gedroht, gefoltert und ggf. auch getötet haben? Wie machen sich solche Erlebnisse in einem Leben in „Freiheit“ bemerkbar? 

 

Fazit

 

Der Schrei nach Freiheit – aufs Papier gebracht. Ein historisches Echo, dass wir noch heute hören. Eine Grenzerfahrung, die eine Tragödie war, und deren Auswirkungen noch immer spürbar sind. 

 

Eine Reihe – die man gelesen haben sollte – wenn man sich für die Deutsch-Deutsche Geschichte interessiert. 

 

Michael Sterzik


Sonntag, 14. Mai 2023

Blutnacht - Thomas Enger/Jorn Lier Horst


Im Gefängnis existieren Regeln, und es gibt unausgesprochene, aber von allen Häftlingen akzeptierte Verhaltensregeln. Fast schon ein Kodex. Es gibt eine Hierarchie unter den Männern, die wegen vieler Arten von Gesetzesbrüchen einsitzen. Ein kleines, komplexes Universum hinter Stacheldraht, Sicherheitstüren und Mauern. Es ist nicht ungefährlich für die Insassen, auch wenn diese sich „geschützt“ in den Zellen sicher fühlen. Nichts ist sicher dort. 

 

Wird man als Polizeibeamter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kann das lebensgefährlich werden, wenn man alte Freunde hinter diesen Mauern wiederfindet und selbst fix begreift, dass man ja selbst die Ursache, der Grund ist. Persönliche Empfindungen kann man weder ein- noch ausschließen. 

Und wer denkt, dass hier keine Kriminalität herrscht, der denkt leider sehr naiv. 

 

Im vorliegenden 4. Band der Ramm/Blix Reihe von Thomas Enger und Jorn Lier Horst spielt ein großer Teil der Handlung im Gefängnis. Nach dem Tod seiner Tochter und der Tötung ihres Mörders hat Alexander Blix die Seiten gewechselt: Freiheit gegen Gefängnis – ein Beamter wird zu einem Gefangenen abgestempelt. Sein Leben steht kopf. Er geht in Berufung, der Ausgang einer ungewissen Zukunft.

 

Alexander Blix, Kriminalhauptkommissar, sitzt in Haft. Eingesperrt mit Dieben, Vergewaltigern und Mördern, die er selbst hinter Gitter gebracht hat, erlebt Blix das dunkelste Kapitel seiner Karriere als Polizist. Doch dann erfährt er, dass außerhalb der Gefängnismauern Lebensgefahr für einen Mithäftling besteht: Ein Killer wartet darauf, dass der Insasse in vier Tagen in die Freiheit entlassen wird – um diesen dann zu ermorden. Nun muss Blix Polizeiarbeit hinter Gittern leisten, ein hochgefährliches Unterfangen, bei dem ihn nur seine Co-Ermittlerin Emma Ramm unterstützen kann ... (Verlagsinfo) 

 

Der vierte Band ist inhaltlich der schwächste, allerdings ist die Reihe hervorragend und auch der vorliegende Titel ist stark. Erzählt wird eine tragische Geschichte, in der Blix und Ramms nicht persönlich involviert sind. Ein Unfall aus längst vergangenen Zeiten ist die Verbindung zu einer aktuellen Bedrohung. Ein deutscher Gewalttäter ist flüchtig und die Beamten vermuten ihn Norwegen. Ein Mitgefangener von Blix wird deswegen mehr wie nur unruhig. Dieser Part zwischen Blix und dem Gefangenen ist spannend und bildet mit deren Konflikten und körperlichen Auseinandersetzungen den unterhaltsamsten Teil. Beide Charaktere verändern sich: aus Feindschaft entsteht zwar keine unmittelbare Freundschaft, aber beide respektieren sich, wenn auch auf eine animalische Art und Weise. Hier gibt es starke Momente, wenn beide Charaktere rückblickend sich ein wenig in die Seele blicken lassen, das sind erzählerisch starke Momentaufnahmen. 

 

Da Blix nun wirklich „Gefangen“ ist, ermittelt er auf seine individuelle Art, aber als guter Marionettenspieler lässt er Emma viele Freiheiten und tauscht sich immer mal wieder über den neuesten Ermittlungsstand aus. Dieses entfernte Zusammenspiel ist neu – und sonderbar und nimmt der Spannung etwas die Dynamik.

 

Der Kriminalfall ist nicht sonderlich originell. Es gibt immer wieder neue Entwicklungen und ein paar Abzweigungen, aber die Anzahl der möglichen Auflösungen ist an einer Hand abzählbar. 

Emotional ist der Band allemal – hätte aber auch tiefer ausfallen können. Ebenfalls die Handlung die manchmal allzu oberflächlich wirkt. 

 

Dachte man schon, dass der dritte Band ein Scheideweg darstellt, so ist der vierte am Ende offen – es kann in jede Richtung gehen. 

 

Fazit

 

Eingefangene Handlung – die zwar spannend ist, aber manchmal nicht gut genug ausgespielt wird. 

 

Michael Sterzik


Mittwoch, 3. Mai 2023

Die Wahrheit - Mattias Edvardsson


Alltagsprobleme und ihre Herausforderungen -ein jeder kennt sie und das schier friedvolle, angenehmes Leben kann sich sehr, sehr schnell ins Gegenteil umkehren. Krankheit, Arbeitslosigkeit, Schwierigkeiten im Beruf oder Studium, finanzielle Nöte – seien wir ehrlich, die Mehrheit von uns dürfte diese Situationen bereits kennengelernt haben. 

 

Not macht erfinderisch, kann aber jeden Menschen situativ zu taten verführen, die jenseits der Gesetze sind. Die die Grenzen von Ethik, Moral und auch der Vernunft deaktivieren. Der Kriminalität sind also Tür und Tor geöffnet. Kann man dies als „Böse“ bezeichnen, sicherlich nicht – aber die Wahrheit ist aus verschiedenen Perspektiven ist schwierig zu bewerten. 

 

Der vorliegende Roman von Matthias Edvardsson: „Die Wahrheit“, der eigentlich ein Krimi sein soll, vielleicht ein Thriller ist schwer in diesem Genre einzuordnen. Eigentlich ist die ganze Geschichte nur eine einbändige Chronik von Alltagsproblemen und Sorgen, dabei wenig bis gar nicht spannend und inhaltlich noch weniger unterhaltsam. 

 

Bill verliert seine Frau an Krebs und wird von einem Tag auf den anderen alleinerziehender Vater. Um seine Rechnungen bezahlen zu können, vermietet er ein Zimmer an die Jurastudentin Karla.
Karla arbeitet als Reinigungskraft für Steven und Regina Rytter. Schnell merkt sie, dass mit dem Paar etwas ganz und gar nicht stimmt. Denn warum verlässt die Ehefrau des angesehenen Arztes nie ihr abgedunkeltes Schlafzimmer?
Jennica, die ehemals beste Freundin von Bills verstorbener Frau, steckt mitten in einer Lebenskrise. Als sie Steven über eine Dating-App kennenlernt, scheint sie ihr Glück gefunden zu haben. 
Doch dann werden Steven und seine Frau tot in ihrem Haus aufgefunden …(Verlagsinfo) 

 

Es ist undefinierbar, eine Trennung von Haupt- und Nebengeschichten zu erkennen. Irgendwie ist alles Drama – absolut authentisch, aber dennoch und trotz der immer gegenwärtigen Achterbahn der Emotionen, sehr langweilig. Die Geschichte plätschert vor sich hin – aus vielen verschiedenen Perspektiven geschildert, erkennt man keinen roten Faden. Viele Charaktere – und auch hier ein identisches Muster, keiner nimmt eine bestimmte Richtung ein – weder Haupt- noch Nebenfigur sind erkennbar. 

 

Zwischendurch folgen Auszüge aus polizeilichen Befragungen, die zwar hilfreich sind, um den „Mörder“ zu identifizieren, doch auch hier zu wenig Substanz haben.

 

Die emotionale Eskalationsspirale dreht gewissermaßen völlig frei. Ich kann „Die Wahrheit“ nicht im Genre Krimi einordnen. 

 

Das Positive an diesem Roman ist, dass der Autor Mattias Edvardsson wirklich schriftstellerisches Talent hat, er dies aber wenig offensiv zeigt. Melodramatik gehört zu einem Krimi ggf. dazu, aber hier völlig über-proportioniert. 

 

Fazit 

Sehr langweilige Geschichte, die inhaltlich künstlich verlängert am Leben gelassen wird. Keine Spannung – keine Charaktere, die hier wirklich überzeugen können. 

Beispiellose Langeweile, die sich hier in den Vordergrund drängt. 

 

Michael Sterzik

Sonntag, 30. April 2023

Nachtjagd - Jan-Erik Fjell


Der vorliegende Titel: „Nachtjagd“ wurde in Norwegen für den renommierten Riverton-Preis nominiert im Bereich – Krimi. Wohlverdient, wie ich es jetzt schon einordnen kann. Es gibt ja inzwischen viele skandinavische Thriller auf dem deutschen Buchmarkt – Krimis und Thriller aus Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen – im Norden wird halt öfters (un)willkürlich gemordet, aber das ist wirklich nur ein überzeichnetes Klischee, dass im Verhältnis analysiert, nicht den Tatsachen entspricht. 

 

Sehr wohl den Tatsachen entspricht der Spannungsbogen, der sich im Grunde gar nicht entspannt. Die Story, die sich in zwei Zeitzonen auslebt, ist ein erzählerisches, gut durchdachtes Labyrinth. Jan-Erik Fjell verflechtet seine Story nicht nur über die Vergangenheit und Gegenwart, sondern katapultiert den Leser auch in den Todestrakt und Hinrichtungsraum in einem texanischen Gefängnis. 

 

„Nachtjagd“ ist einer der wenigen Krimis, die es schaffen, ohne gängige Klischees auszukommen. Kein Kommissar, der sich als ein Antiheld aufspielt und kein Mörder, der das „Böse“ personalisiert. Gleichwohl verteilt sich die atmosphärische Spannung gut, wobei der Ausflug in die Vergangenheit sich als ein wenig stärker präsentiert.

 

Am Ufer eines Sees in Norwegen wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, ihr geschundener Körper ist mit Wunden übersät. Kriminalkommissar Anton Brekke von der Polizei Oslo läuft es bei dem Anblick eiskalt den Rücken herunter. Wenn sich sein Verdacht bestätigt, dann hat der flüchtige Serienmörder Stig Hellum sein grausames Werk wiederaufgenommen – und bereits sein nächstes Opfer im Visier. Für Brekke beginnt ein Kampf gegen die Zeit und gegen unvorstellbar Böses. Denn der Fall ist mit einem Mann verbunden, der in Texas in der Todeszelle sitzt und nun sein Schweigen über eine verhängnisvolle Nacht vor über zehn Jahren bricht …(Verlagsinfo) 

 

Genau dieser Part, in dem der Todeskandidat rückblickend einem Geistlichen seine Verfehlungen und Sünden „beichtet“ springen wir in eine so dichte Atmosphäre, die wir am liebsten gar nicht mehr verlassen wollen. Im Vorhof des Todes, im Angesicht einer Todesspritze wird es intensiv dramatisch, wie auch traurig. 

 

Der Autor spielt mit vielen Elementen; die wir aus anderen Werken anderer Autoren schon kennengelernt haben. Das wären ein Auftragskiller, die CIA, eine Kreuzfahrt, ein norwegischer Serienmörder usw. Da klingt nach altbekannten Mustern, aber die Kunst diese Spannung so selbstbewusst und selbstverständlich über den ganzen Roman konstant einzuhalten – das findet man eher selten. 

 

Die Charakterköpfe markieren nur noch mehr die Qualität der Story. Anton Breeke hat im wahrsten Sinne des Wortes „dicke“ Eier, selbstbewusst, analytisch und eine Führungspersönlichkeit, dabei auch eine spitze Zunge und einen ironischen Humor. Sein junger Partner handelt überlegt und rational, ruhiger insgesamt, aber wie sein Mentor, geht er in seinen Ermittlungen strukturiert vor. Die Interaktionen der beiden sind voll von humoristischen Spitzen und latenten, freundschaftlichen Provokationen und Wortspielchen. 

 

Der Autor Jan-Erik Fjell hält sich nicht lange mit Nebengeschichten auf, die es offensichtlich kaum gibt. Seine Konzentration bewegt sich auf diesen beiden erwähnten Zeitebenen. Sein schriftstellerischer Stil ist nicht einmalig, aber eben doch selbst in der skandinavischen Autorenwelt ungewöhnlich. Mit der Komplexität der Story, trickst der Autor den Leser in eine Atmosphäre, die es einem unmöglich machen, nur wenige Seiten am Stück zu lesen. 

 

Es gibt nicht viel Negatives. Die Auflösung der Story klingt ein wenig unrealistisch, aber mindert keineswegs die Unterhaltung. 

 

Jan-Erik Fjell ist ein Autor, den man sich merken sollte. Ich bin gespannt auf weitere Romane, die sicherlich auch bald ins Deutsche übersetzt werden.

 

Fazit

 

„Nachtjagd“ lässt die Nacht des Lesers etwas kürzer werden. Ungemeine intensive Atmosphäre und eine Spannung, die nicht nachlässt. Einer der wichtigen Krimis in diesem Jahr, die man lesen sollte. 

 

Michael Sterzik


Samstag, 22. April 2023

Der Morgen - Marc Raabe


Die Wahrheit – aus verschiedenen Perspektiven ist diese für die unterschiedlichen Menschen nicht immer gut. Sie kann verletzen, sie kann befreien und ebenfalls eine Bürde sein. Die Wahrheit ist eine variabel in einer Gleichung voller unbekannten Faktoren. Interpretierbar und man kann sie auch in jegliche Richtung verbiegen.

Letztlich drängt sie sich immer ans Licht und nur der Zeitpunkt könnte eine Überraschung sein. Die Wahrheit ist in der Realpolitik aus verschiedenen Standpunkten heraus gesehen nicht unschuldig. Und auch in Gesetzen und Vorschriften wirkt sie manipulierbar und äußerst angespannt.

Im neuesten Thriller von Marc Raabe geht es um die Wahrheit verschiedener Personen, in unterschiedlichen Berufen, um eine Freundschaft, eine Schuld und Rache. Marc Raabe jongliert mit vielen Themen wie z.B. die mediale Manipulation von Fakten, dem Einfluss von journalistischer Berichterstattung und um öffentliche Personen für die, die „Wahrheit“ Angriff oder Verteidigung darstellt.

Dabei beweist die Handlung eine hohe Aktualität von brisanten Themen und Marc Raabe geht originelle Wege mit seinen Figuren. Auch wenn der „Bundeskanzler“ in Person hier eine gewisse Nebenrolle spielt, so wird es nicht politisch. Hier wird dieser als „Mensch“ gezeigt, der aber seinen als öffentliche Person, politischen Anzug immer trägt. Aber ist er „Unantastbar“ wenn die Vergangenheit ggf. ans Licht kommt, so nachvollziehbar wie jugendliche Handlungen auch sein mögen? Als öffentliche Person werden alle Nuancen der Vergangenheit, der Gegenwart und einer geplanten Zukunft transparenter als man glauben mag.

Im morgendlichen Schneegestöber an der Berliner Siegessäule steht ein verlassener Kleinlaster. Auf der Ladefläche findet die Polizei eine halbnackte tote Frau. Jemand hat ihr mit roter Farbe etwas auf den Körper geschrieben - die Privatadresse des Bundeskanzlers.
Am Tatort trifft die unerfahrene und ehrgeizige Kommissar-Anwärterin Nele Tschaikowski auf den berüchtigten Ermittler Artur Mayer. Was sie nicht wissen: Das ist kein Zufall.( Verlagsinfo)

Das Ermittlerduo bestehend aus Art Mayer und Nele Tschaikowski ist ambivalent. Der erfahrende alte Wolf und der junge Nachwuchs. Beide starke Charaktere mit unkonventioneller Methodik eine Ermittlung durchzuführen. Die Figuren sind stark und tiefgehend erzählt. Die Vergangenheit von Art spielt eine große dramatische Rolle und verbindet den Kriminalfall und alte Freunde und Feinde. Die Wellen, die der junge Art und seine Freunde auslösen, erreichen sehr schnell die Gegenwart und dieser emotionale Tsunami könnte ihr Leben auf immer verändern.

Die Dialoge sind herausragend gut und Marc Raabe versteht es auch dadurch, die Stärken und Schwächen seiner toll aufgestellten Figuren sympathisch und authentisch darzustellen. Die Verletzlichkeit aller Charaktere unterstreicht nur noch mehr die gegenwärtige Spannung. Diese ist hoch – sie dreht und wendet sich, und viele Szenen kommen überraschend daher. Marc Raabe spart auch nicht den gegenwärtigen journalistischen Einfluss zu beschreiben. Wo fängt die Pressefreiheit an – wo hört sich auf – da wären wir also wieder beim Kernthema: der „Wahrheit“.

Loyalität und steht eine Freundschaft außerhalb der Gesetze? Genug Zündstoff um gesellschaftliche Themen genauer zu hinterfragen Der Balanceakt von Marc Raabe gelingt sehr gut – so spannend, tiefgründig und unkonventionell erzählt – damit gehört der Titel „Der Raabe“ zu einem Roman, den man unbedingt lesen sollte.

Er ist auch der Auftakt einer neuen Serie und beide Hauptfiguren haben viel Potenzial für weitere Storys.

Fazit

Ein Meisterwerk, das mit aktuellen Themen eine Spannung erzeugt, die fast beispiellos ist. Originelle Story, die eine perfekte Unterhaltung bietet. Prädikat: Ein must-read-Titel.

Michael Sterzik

Samstag, 15. April 2023

Der Paria - Der stählerne Bund von Anthony Ryan


Es sind doch die Schurken, die Diebe, die dunklen Gestalten, die uns manchmal mehr faszinieren, als die, sagen wir es ruhig, weichgekochten Helden, die keine Verschmutzung auf ihrer weißen Weste dulden. Die Antihelden und Grenzgänger in der Literatur sind interessant, gerade weil sie oftmals tiefgründig, und vom Leben enttäuscht und desillusioniert sind. Meistens sind es keine extrovertierten Menschen, sie sind still, ruhig, verschlagen und hochintelligent, sie besitzen feine mediale Antennen und bezeichnen sich selbst als Einzelgänger. Sie sind die Ausgestoßenen – nicht weil sie es müssen – sondern weil es ihr eigener Wunsch, vielleicht auch ihre Bestimmung ist. Ihr moralischer Kompass bewegt sich zwischen Gut und Böse, ohne auf eine Seite zu tendieren. Ihr Verständnis für Gerechtigkeit, für Moral und Ethik ist vielleicht der Wahrheit näher als vermutet.

Diese Figuren findet man in jedem Genre der Belletristik natürlich in abgewandelter individueller Form, aber die typische Charakteristik ist wie ein traditionelles Rezept.

Anthony Ryan hat in seinem vorliegenden Titel: „Der Paria – der stählerne Bund“ seiner Hauptfigur Alwyn, die Rolle eines gesetzlosen Ausgestoßenen förmlich auf den Leib geschrieben.

Ein Verrat trifft den Gesetzlosen Alwyn wie ein Blitz und führt auf einen Pfad voller Blut und Rache. Es dauert nicht lange, da findet er sich als Gefangener und Arbeiter in den Erzminen wieder, wo er unter den verwahrlosten Gefangenen Sihlda kennenlernt, eine Frau,die für diesen Ort seltsam gelehrt ist. Sie bringt Alwyn das Lesen und Schreiben bei. Und dann begegnet er auch noch Evadine, einer Frau, die aus ganz anderem Holz geschnitzt ist und an deren Seite er in den Kampf gegen dunkle Mächte ziehen wird. Beides wird ihn und womöglich das ganze Reich von Albermaine für immer verändern. (Verlagsinfo)

„Der Paria“ ist der Auftakt einer neuen Reihe von Anthony Ryan. Ein Fantasy-Roman, der inhaltlich ohne viel „Magie“ und anmutenden, klassischen unmenschlichen Figuren auskommt. Ebenso könnte die Story sich auch im Mittelalter wiederfinden.

Das Setting, die Ortschaften und Regionen – die verschiedenen Fraktionen, all das weist Parallelen zu historischen und uns bekannten Länder und Städten hin. Selbst die kulturellen und religiösen erdachten Erklärungen, könnte man in unserer, realen Welt adaptieren. Eigentlich alles, selbst das wenige, was an „Magie“ seinen Auftritt hat, könnte man als eine alternative, naturelle Medizin bezeichnen.

Es ist eine teilweise dreckige und natürlich ungerechte Welt, die Anthony Ryan hier erschaffen hat. Bürgerkriegsähnliche Konfrontationen – Machtansprüche verschiedener Herrscher, andere Völker und Kontinente – auch all das stellt eine Verwandtschaft zu unserer realen Welt dar.

Also nichts Spektakuläres, oder – aber man täuscht sich schnell. Die eigentliche Faszination zeichnet sich über die hervorragende Aufstellung und Beschreibung der Charaktere. Allen voran natürlich „Der Paria“ selbst – Alwyn ein zu Beginn jugendlicher Dieb und Räuber, der auch tötet, wenn es sein muss. Zwischen anderen Gesetzlosen aufwachsend, ist er einer der wenigen, die anders sind, die sich innerhalb dieser Gruppe distanzieren und ihren eigenen Weg gehen.

Damit konzentriert sich die Handlung überwiegend nicht auf die Schlachten, die später auch stattfinden, als unser „Paria“ gezwungenermaßen den Karriereweg eines Soldaten gehen muss. Die Story fokussiert sich auf das Schicksal verschiedener Figuren, die ihre Welt maßgeblich beeinflussen.

Nach und nach stellt der Autor seine Figuren zu einem stählernen Bund auf. Ein „Paria“ – ein Ausgestoßener, eine Diebin, ein einfaches versehrtes Mädchen, ein ehemaliger Adeliger und Ritter, der desillusioniert seinen eigenen Weg sucht, ein pflichtbewusster Soldat. Also insgesamt sind dies alles Charaktere mit verschiedenen Talenten, die als „Gemeinschaft“ vieles bewirken können.

Sie alle stellen als Symbol interpretiert, das wirklich „Gute“ dar, die Menschen, die im Schatten stehen, die immer ruhelos nach irgendwas suchen, die sich beklagend unter Einsatz ihres Lebens anderen helfen. Das ist, das eigentlich faszinierende an diesem sehr spannenden und tiefgründigen Roman.

Es gibt genug Actionszenen, doch als Auftakt ist dieser Roman eher ruhig, mit doch sehr spannenden Sequenzen. Sehr interessant sind die Dialoge der Figuren untereinander, das Abwägen zwischen den Entscheidungen, die diese entweder entzweien, oder noch näher zusammenbringen können. Gerade letzteres stellt für diese Schattengestalten einen inneren Konflikt dar.

„Der Paria“ ist damit ein sehr, sehr spannender und tiefgründiger Roman mit noch besseren Figuren. Der nachfolgende Band wird viele offene Fragen und die Schicksale dieser Figuren bestimmen. Es werden neue Gemeinschaften entstehen, und es werden wahrscheinlich auch Opfer gebracht werden müssen.

Die Handlung ist spannend, sie ist manchmal als brutal zu bezeichnen, wirkt aber nicht übertrieben. Die erzählerische Perspektive wird aus der Sicht von Alwyn beschrieben. Das Einzige, was mich wirklich sehr gestört hat, dass der Autor das Schicksal einzelner Nebenfiguren schon prophetisch erzählt.

Fazit

Ein Meisterwerk von Anthony Ryan. Unterhaltsame Spannung mit Figuren, die eine nachhaltige Atmosphäre bilden, denen man sich nicht entziehen kann. Ein großartiger Titel, den man lesen muss.

Michael Sterzik

Samstag, 8. April 2023

Feinde - John Grisham


Das gelobte Land – die Vereinigten Staaten von Amerika. Für viele Einwanderer, eine Möglichkeit sich ein neues Leben aufzubauen. Voller Hoffnung und Vertrauen träumten die Einwanderer aus Europa von einem „freiem“ Leben. Viele hinterließen alles, brachen alle Brücken ab, um neu anzufangen. Mit vielen Vorurteilen und Misstrauen hatten Sie es nicht leicht. Viele wurden enttäuscht und ihre Träume erfüllten sich nicht. Andere wurden kriminell, wieder andere sehr erfolgreich. Es gibt unzählige positive, wie auch negative Schicksale.

Für viele junge Menschen wurde der Sport zu einem Sprungbrett in den Wohlstand. In der High-School, oder dem College wurde so manches Talent entdeckt und gefördert.

Im vorliegenden Band „Feinde“ von John Grisham erzählt der Autor von dem Auf- und Abstieg zweier Söhne aus Einwandererfamilien.

Biloxi, Mississippi: Die Einwandersöhne Keith und Hugh wachsen in den Sechzigerjahren gemeinsam auf, verbunden durch eine scheinbar unverbrüchliche Freundschaft. Bis sie sich auf den verschiedenen Seiten des Gesetzes wiederfinden: Keith hat Jura studiert und ist Staatsanwalt geworden. Hugh dagegen arbeitet für seinen Vater, einen Boss der Dixie-Mafia. Eine tödliche Feindschaft entsteht, die vor Gericht ein dramatisches Finale findet.(Verlagsinfo)

Dieser Roman – „Feinde“ von John Grisham unterscheidet sich sehr von seinem vorherigen Werken. Man könnte fast meinen, dass ein anderer Autor unter seinem Namen dieses Buch geschrieben hat.

Die Einleitung gestaltet sich mehr als schwerfällig, die Aufstellung der Figuren, die Beschreibung der ersten Jahre für Keith und Jung, ihre sportlichen Ambitionen und natürlich die Karriere ihrer Väter, die beider Leben selbstverständlich stark beeinflusst haben. Insgesamt völliger überflüssige Passagen, überflüssige Personen und inhaltlich nicht interessant und ohne Spannung verfasst. Viele Informationen, ohne dass diese packend und wertvoll wären.

Zwei Familiengeschichten auf unterschiedliche Seiten des Gesetzes. Zwei Freunde, aus denen erbitterte Todfeinde werden. Die Passagen, die von einer Konfrontation beider ehemaligen Freunde vor dem Gericht erzählen, sind ab.

Wer also einen spannenden Justizthriller erwartet, wird sehr enttäuscht sein.

Die Atmosphäre der 60er Jahren, die von Aufbau, Entbehrungen, Tränen und Freude sprechen, gelingt es wenig zu überzeugen. Die Prohibition, der Auf-  und Ausbau einer mafiaähnlichen Vereinigung, selbst das Heranwachsen und auseinanderdividieren der beiden Protagonisten überzeugte mich nicht. Emotional wird es auch nicht, alles kühl und abgeklärt.

Entweder ist in diesem Roman alles zu viel, oder alles zu wenig erzählt.

Fazit

Der schwächste Band von John Grisham. Viel zu viel überflüssige Inhalte, eine schwache Charakterzeichnung und juristisch auf Sparflamme. Kann ich leider so nicht empfehlen.

Michael Sterzik