Dienstag, 31. Oktober 2023

Opus - Steve Berry


Die Bibel – ist sie nun ein historisches Zeitzeugnis, oder eine Sammlung von paranormalen, blutigen und dramatischen Überlieferungen? Sowohl als auch. Die Protagonisten der Bibel im neuen und alten Testament sind historische Persönlichkeiten, über die die theologischen Wissenschaftler inzwischen vieles recherchieren und nachvollziehen konnten. Bei weitem allerdings nicht alles – die Quellenlage ist sagen wir ambitioniert. Überlieferungen, Notizen usw. sind über die Jahrtausende natürlich nicht erhalten geblieben. Die Evangelien sind in römischer Zeit von Kaiser Konstantin nach seinen Wünschen veröffentlicht worden. Ganze Passagen wurden bewusst nicht ins Neue und Alte Testament aufgenommen, weil diese lange vorher mit Absicht vernichtet wurden. Dieses menschliche Kalkül lädt zu vielen Diskussionen, Vermutungen und Verschwörungen ein. Ein radikaler Schritt – man könnte auch von Manipulation sprechen.

Aber kommen wir zu den historischen Personen zurück. Jesus – seine Apostel, seine Mutter Maria u.a. Menschen – die zu „Heiligen“ wurden. Somit müssen wir unterscheiden – zwischen Fakten und Fiktion. Es entstehen zahlreiche Konflikte um Glauben oder Unglauben – zwischen einer historischen, wissenschaftlichen Wahrheit und einer Sammlung von Legenden und Überlieferungen. Der Vatikan hütet viele Geheimnisse, auch diejenigen, die die Kirche gefährlich werden könnten, wenn man sich mit der Glaubwürdigkeit, oder der Unfehlbarkeit von Kirchenfürsten und Päpsten beschäftigt. Die katholische Kirche ist voller Sünde; Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, Geschäfte mit der Mafia, u.a. – gerade in unserer aktuellen Zeit. Nichtsdestotrotz ist der Vatikan nicht ohne Einfluss in der Politik gewesen und agiert noch immer hinter vielen staatlichen Kulissen.

Im vorliegenden Titel von Steve Berry – Opus – thematisiert der Autor die Figur und das Wirken von Jesus Mutter Maria – eine ambivalente Figur, und weitere Themen wie z.B. der Missbrauch von Priestern, oder die Vernichtung der Katharer usw. Viele Themen – alle allerdings auch gut recherchiert und erklärt.

Nicholas Lees Job ist so einzigartig wie die Artefakte, die er beschützt: Für die UNESCO bewahrt er das kulturelle Erbe der Welt vor Kriminellen. Doch als ein Teil des weltberühmten Genter Altarbilds zerstört wird, führt ihn die Spur ausgerechnet in ein Nonnenkloster. Noch ahnt Lee nicht, was auf ihn zukommt, aber die Verschwörung reicht bis in die höchsten Kreise des Vatikans. Wieso sollte das Kunstwerk zerstört werden? Enthält es wirklich verschlüsselte Hinweise auf ein Jahrtausendes altes Geheimnis, das die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern könnte? (Verlagsinfo)

Die Spannung des Romans entwickelt sich über die Thesen der Kirchen- und Kunstgeschichte. „Opus“ spielt in der Gegenwart – katapultiert den Leser aber auch immer durch die Jahrhunderte voller historisch belegten Ereignissen, die auch von allerlei Sünden und Geheimnissen getragen werden. Dass versteckte Botschaften sich auf, oder in Motiven bekannter Künstler verstecken, ist belegt. Deren Bedeutung, oder Botschaften sind allerdings noch lange nicht final analysiert. Wer sich schon mit den Romanen von Dan Brown beschäftigt hat, wird unweigerlich auf Parallelen stoßen. Maria – Die Mutter Gottes – ist sie nun eine historische Person, oder nicht? War sie eine Jungfrau und frei von Sünde – oder eine fehlbare, ja auch sterbliche Frau?!  Wo und wie hat sie nach der Kreuzigung ihres Sohnes Jesus gelebt?  

Und die alles entscheidende Frage – warum ist ihr Schicksal dem Vatikan so wichtig?

Der Vatikan zeigt sich im vorliegenden Roman nicht von seiner besten, heiligen Seite, sondern agiert sehr weltlich. Es gibt außer dem Vatikan – noch andere religiöse Interessengruppen und Vereinigungen, die mit der Kirche in Rom nicht unbedingt und kompromisslos paktieren, oder deren Gesetze und Geheimnisse achten. Diese Inkonsequenz lässt die Kirchenfürsten und ihre persönlichen Interessen aufhorchen.

Die große Stärke des Romans liegt an den verwendeten Themen der Kirchenkunst und deren Geschichte. Spione von Königen und Kardinälen, die zu Geheimnisträgern werden, einer Kirche, die für ihr Überleben tötet – leider nicht Fiktion, sondern eine Faktenreiche Sammlung einer höchst interessanten Vergangenheit, die noch immer Auswirkungen auf die Gegenwart haben.

Die Figuren sind interessant, aber spielen ihr Potenzial nicht aus und sind leider oberflächlich in der Story eingebaut. Die Vermengung von verschiedenen Themen, von einer radikalen Kirche, sündenbehaftete Priester, selbstbewussten und wehrhaften Nonnen, bewaffneten Dominikanern und noch mehr Interpretation von Kunstwerken gelingt ganz gut, wenn man aus der Perspektive der Spannung verfolgt. Aber auch wenn die Recherche von Steve Berry solide ist, so geht er manchmal einen recht freien Weg in seiner Sichtweise.

Geholfen hätten einige Illustrationen dieser Kunstwerke, um die Story fassbarer zu machen. Unweigerlich geht man dann als interessierter Leser selbst ins Netz und auf eine Recherchereise.

Als Thriller gesehen, ist der vorliegende Roman manchmal zu harmlos. Es gibt Actionszenen, und das Ende ist abwechslungsreich, doch irgendwie konnte sich der Autor nicht entscheiden – Spannung, und (oder) wissenschaftliche, kulturelle und religiöse Themen?!

Fazit

Ein Roman für Leser, die gerne von Kirchengeheimnissen und Geheimbünden mehr wissen möchten. Eine versteckte Symbolik in Bildern – nicht neu – aber spannend und informativ erklärt. Gut zu empfehlen.

Michael Sterzik




Sonntag, 29. Oktober 2023

Felix Blom - Der Schatten von Berlin - Alex Beer

 Dass ehemalige Diebe, bzw. Verbrecher die Seiten wechseln und entweder Detektive werden, oder verdeckt für die Polizei ermitteln, ist gar keine wilde Räuberpistole, sondern tatsächliche Realität. Wer kennt denn die Verbrechersyndikate, Hehler, und kriminelle Strukturen besser als ein ehemaliger Insider ?!

Diese Grenzgänger haben es nicht leicht – in der Mitte zwischen Gesetz und Verbrechen – zwischen harter Arbeit
und der Versuchung schnell zu Geld zu kommen, und dann ist da noch der moralische Kompass, das blöde Gewissen, das sich meldet und der Wunsch vielleicht doch aus dem Schatten der Unterwelt auszutreten, um eine Familie zu gründen. Also so unkompliziert ist es nicht über seinen Schatten springen zu wollen.

Die preisgekrönte, in Österreich lebende Autorin Alex Beer hat nun ihren zweiten Kriminalroman der Reihe um den Meisterdieb und ehemaligen Gauner Felix Blom veröffentlicht – Der Schatten von Berlin.

Berlin, 1879: Der ehemalige Gauner Felix Blom und seine Geschäftspartnerin Mathilde Voss stehen kurz vor dem Bankrott. Da kommt den beiden Detektiven ein lukrativer Auftrag sehr gelegen: Sie sollen herausfinden, wer in die Gruft eines kürzlich verstorbenen Archäologie-Professors eingedrungen ist. Der Sarg wurde aufgebrochen, jedoch nichts gestohlen. Kurz darauf wird ein Kleinganove brutal ermordet, und die Fälle scheinen miteinander verbunden zu sein. Die Spur führt ausgerechnet zu Bloms einstigem Mentor, dem gerissenen Gangsterboss Arthur Lugowski. Felix und Mathilde ahnen nicht, dass sie bald zwischen die Fronten rivalisierender Banden geraten und Blom den Fall nicht nur mit legalen Mitteln lösen kann …(Verlagsinfo)

Der zweite Band dieser Reihe gehört mit den zu besten Kriminalromanen, die ich je gelesen habe. Alex Beer bezaubert den Leser mit einer atmosphärischen Stimmung, die einen von der ersten bis zur letzten Seite völlig einnimmt. Sei es, das historische Stadtbild Berlin, oder Hinterhöfe und ärmeren Viertel in denen Menschen mit Charakter, aber wenig Geld leben – so stimmungsvoll eine Bühne zu erschaffen, dass habe ich schriftstellerisch selten erlebt. Man spürt hier deutlich das historische Flair und den Atem vergangener Zeiten. Vorab sei zu sagen, dass die Story nicht fiktiv ist, sondern auf wahren Begebenheiten konzipiert ist.

Aber was wären die Schauplätze ohne die Figuren, die diese mit Leben füllen. So stimmungsvoll und intensiv diese sind, so finden wir diese erzählerische Tiefe auch wieder, wenn man sich mit den Figuren beschäftigt. Der „Held“ dieser Reihe ist „Felix Blom“ – aber auf ihn konzentriert sich die Handlung nicht zwangsläufig. Der sympathische und schlitzohrige, ehemaliger Dieb, der vor kurzer Zeit aus dem Gefängnis Moabit entlassen wurde, hat in dem ehemaligen Freudenmädchen Mathilde Voss eine souveräne Kollegin gefunden. Diese Zigarrenrauchende und manchmal burschikose, junge Frau – tritt sehr selbstbewusst auf und weiß sich durchaus in der dominanten Welt der Männer durchzusetzen. Sie ist die Stimme der Vernunft in diesem ungleichen Duo. Ihre Vergangenheit wird nicht allzu rückblickend thematisiert – doch zeigt es sich, dass sie noch etwas zu verarbeiten hat.

Felix Blom ist hervorragend konzipiert. Sehr auf sein Aussehen bedacht, und ein großer Genießer von Schnupftabak hat dieser nicht nur schnelle Finger, sondern ist auch ein schneller Denker. Er ist ein Schlitzohr und sein eigener Schatten liebäugelt doch allzu gerne wieder mit den Gedanken und der Versuchung lange Finger zu machen.

Alex Beer hat ebenso viel Wert darauf verwendet, den Nebenfiguren eine erzählerische Seele zu geben. Großartig ist die Darstellung des alten, aber herzensguten Gangsterboss Lugowski gelungen, der ganz schnell noch schneller sympathisch um die Ecke kommt – aber auch andere um die Ecke bringen kann, wenn es nötig sein sollte. Die Seite des Gesetzes ist auch durch zwei Kommissare gut besetzt. Ein alter Erzfeind von Felix Blom und sein Kollege, der gerade einen Kulturschock erlebt, da er jahrelang in Afrika gelebt hat.

Insgesamt ist der zweite Band ein absolutes Lesevergnügen. Die Story ist sehr spannend, abwechslungsreich und auch mal emotional gestaltet. Die Dialoge sind brillant – und alles in allem wirkt es fein abgestimmt. Inhaltlich keine erzählerischen Längen, oder Szenen die sich später als überflüssig erweisen.

Von der Vergangenheit der handelnden Personen erfährt man nicht viel – man vermisst es auch allerdings nicht. Alex Beer erzählerischer Stil hebt sich sehr positiv hervor – kurz – knapp – präzise, auf das wesentliche konzentriert und inhaltlich so vielseitig und atmosphärisch, dass man am Ende sich verzweifelt fragt: Wann es weitergeht mit Felix Blom.

Fazit

Spannende Schattenspiele – vielseitige Figuren. Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. Unbedingte Leseempfehlung.

Michael Sterzik

Sonntag, 22. Oktober 2023

Attika - Die Verteidiger Athens - Conn Iggulden

 

Die alten Griechen – die Wiege der Demokratie, gleichbedeutend mit dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Gewissenhafte und ambitionierte Ziele, die bis in unsere heutige Epoche ihren Weg gefunden haben, allerdings mal mehr – mal weniger gut umgesetzt. Der Streubereich dieser Wahrheit ist weit ausgebreitet.

Das persische Reich unter dem Großkönig Xerxes versuchte Griechenland mit brutaler Waffengewalt zu erobern. Eine Schneise der Verwüstung flutete mit den Truppen durch das Festland und die vielen Inseln. Es galt das Gebot der Abschreckung und dem Willen unter allen Umständen Griechenland ins Reich der Perser zu holen.

Griechenland war nicht unbedingt als „Nation“ geeint, die politischen Interessen und auch die militärische Stärke waren oftmals sehr unterschiedlich. Und gemäß ihrem moralischen Kompass, aber auch in ihrer Souveränität wurden Vorurteile gegenüber anderen Stämmen erstmal in die zweite Reihe geschickt. Es galt, die Invasoren abzuwehren. Der Preis war hoch und der Dank an die Menschen, die einen großen Anteil an dem Erfolg und der späteren Blütezeit Griechenlands war, verräterisch gering. Doch dazu später mehr.

Nur um Haaresbreite ist Athen 480 vor Christus einer Katastrophe entgangen – dank der Todesmutigen. Krieger aus Sparta, die den Pass bei den Thermopylen lange genug gehalten hatten, um die Stadt zu evakuieren.
Doch die persische Übermacht unter dem Großkönig Xerxes I. ist nach wie vor entschlossen, Griechenland endgültig in die Knie zu zwingen. Und der griechische Feldherr Themistokles wird zwar vom Volk verehrt – der Adel begegnet ihm jedoch immer wieder mit Misstrauen und Ablehnung. Mit nur 300 griechischen Schiffen stellt Themistokles sich schließlich in der Meerenge von Salamis den 1.200 Kriegsschiffen der Perser entgegen …(Verlagsinfo)

Conn Iggulden ist ein Meister der Erzählkunst und auch hier zeigt sich sein schriftstellerisches Talent von seiner besten, auch qualitativen Seite. Historisch gesehen und die Quellenlage ist nicht einfach, ist der vorliegende Roman gut aufgebaut. „Die Verteidiger Athens“ ist bisweilen eine griechische Tragödie. Die Story wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt – die Griechische, wie auch die persische Perspektive hat ihre Berechtigung. Und wer meint – hier wird nur gekämpft, getötet und gestorben – hat sich geirrt, denn der Autor lässt auch viel Politische Konfrontation und Diskussion zu. Conn Iggulden erklärt und nicht die griechische Philosophie, doch beschreibt er sehr genau das politische System und die schwierigen Bündnisse mit Sparta, die der Lebensart der übrigen Griechen eher distanziert begegnet.

Genau diese Elemente in der Handlung sind es dem Roman Substanz vermitteln und langweilig sind diese überhaupt nicht. Persönliche Fehden, abwechselnde Sympathien und Antipathien bei den Protagonisten zeigen die menschliche Fehlbarkeit mit ihren Erfolgen und Verlusten. Ja, es wird auch emotional und das auch nicht nur untergeordnet.

Eindimensional ist die Geschichte allemal – Gut und böse sind hier national eingeteilt. Die Perser werden einstimmig als erbarmungslos, machtbesessen und mordend dargestellt – vielleicht war es auch so. Doch auch in wenigen Parts werden die Ängste des Großkönigs thematisiert, der letztlich flieht und den Befehlt an einen General weitergibt. Auf dessen Schultern lastet dann auch das Versagen der Perser. Leider wird im späteren Teil nicht viel über die weitere Eroberungspolitik von Xerxes zu lesen sein.

Die Geschichte wird von Siegern geschrieben, allerdings mit einem bitteren Nachgeschmack. Ganz stark widmet sich Conn Iggulden der Schicksale von Politikern und späteren Feldherrn, die alles und viele dafür gaben, dass Griechenland die Invasion der Perser abwehren konnte. Demokratie hin und oder her, aber auch vor mehreren tausenden von Jahren gab es Neid, Missgunst und Eifersucht – es gab manipulative Spielchen, um Menschen zu diskreditieren und persönlich fertigzumachen. Unabhängig davon, welche Erfolge diese Männer auf den Schlachtfeldern erzielten – und unabhängig von deren persönlichen Einsatz und Verlusten. Diese Emotionalität, die der Autor hier sehr intensiv beschreibt, ist großartig.

Die Abwechslung innerhalb der Handlung, zwischen den Schlachten, den politischen Auseinandersetzungen und der Lebensart der verschiedenen Stämme ist spannend und hervorragend umgesetzt. Diese Reihe ist also mit dem zweiten Band auch als abgeschlossen zu betrachten.

Fazit

Eine griechische Tragödie – ein Schlachtengemälde – ein Drama in mehreren Akten. Spannende Auseinandersetzung mit dieser Epoche und dem alten Griechenland – neu interpretiert und absolut lesenswert.

Michael Sterzik



Samstag, 21. Oktober 2023

Der Totengräber und der Mord in der Krypta - Oliver Pötzsch


Ende des 19. Jahrhundert war der spirituelle Glaube stark verbreitet. In Séancen wurden Verstorbene aus dem Jenseits kontaktiert – Ein Kanal dafür waren bestimmte Personen, die als Medium fungieren und durch ihr Talent befähigt waren, Botschaften aus dem Jenseits zu interpretieren. Weitere Phänomene waren Telekinese, Levitation und selbstverständlich wurden Geister auch fotografiert. Die Teilnehmer einer Séance wurden teilweise suggeriert, Außenstehenden über diese Veranstaltungen nichts zu berichten.

Man kann sich also vorstellen, dass hier viel Lug, Betrug stattfand, um die Illusion zu perfektionieren. Eine Séance wurde oft bei schummrigem Kerzenlicht, oder auch in völliger Dunkelheit durchgeführt. Das Medium und ggf. auch dessen Komplizen waren ungeheuerlich einfallsreich, um in dieser Atmosphäre den Jenseitskontakt herstellen zu können. Mit dieser Betrügerei konnte man trauernden Personen, die sich danach sehnten, ein „Überlebenszeichen“ über den Tod hinaus von ihren liebenden, verstorbenen Menschen zu erhalten, viel Geld verdienen. Alles in allem, also eine „Geistreiche“ Veranstaltungen, nur halt ohne die Hauptdarsteller, die weniger dämonische, oder gespenstische Züge aufwiesen, sondern trickreiche Betrüger waren.

Im vorliegenden Roman von Oliver Pötzsch wird das Thema u.a. auch thematisiert.

Wien, 1895: In der Gruft unter dem Stephansdom finden Touristen zwischen Knochen und Schädeln eine männliche Leiche: Das Gesicht vor Entsetzen verzerrt, ansonsten unversehrt. Ist der Mann vor Angst gestorben? Was hat ihn dermaßen in Panik versetzt? Während im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts der Spiritismus grassiert und an jeder Ecke Séancen abgehalten werden, pochte der Tote – ein Gelehrter – auf die Naturwissenschaften und deckte Schwindler auf. Hat er sich dabei die Finger verbrannt? Parallel zu den von Leopold von Herzfeldt geführten Ermittlungen wird der Totengräber Augustin Rothmayer durch seine Adoptivtochter Anna auf etwas anderes aufmerksam: Im Waisenhaus der Stadt verschwinden immer wieder Kinder ... Vergreift sich jemand an den Schutzlosen oder geht wirklich ein Geist um in der Donaumetropole? (Verlagsinfo)

Oliver Pötzsch widmet sich in dieser Reihe gerne dem Übernatürlichen, doch diesmal geht es nicht um den Glauben an Vampire, Untote, oder um wandelnde Mumien und todbringende Flüche –  diesmal besuchen „Geister“ aus der paranormalen Welt die Handlung. Das Ermittlertrio besteht wie in den beiden Bänden zuvor aus dem adeligen jungen Baron von Herzfeldt, der Polizeifotografin Julia, und dem äußerst intelligenten Totengräber Augustin, der trotz der Nähe zu dem Tod, nicht an Geister glaubt.

Oliver Pötzsch ist ein großartiger Erzähler von historischen Geschichten – zumal es sich um Kriminalgeschichten handelt. Die Hauptstadt Österreichs – Wien – ist wieder alleiniger Schauplatz der Handlung, die um die Jahrhundertwende spielt. Neben den Hauptpersonen finden sich zwei neue Charaktere ein; die Mutter von Leopold von Herzfeldt und der Schöpfer von Sherlock Holmes – der Brite Arthur Conan Doyle. Seinen Charakter schildert Oliver Pötzsch absolut authentisch. Es stimmt also das dieser, Wien öfters besuchte und neben seiner Recherche für seine kommenden Werke, den Spiritismus äußerst zugetan war.

Diese beiden Charaktere bringen viel verspielten Humor mit und wirken souverän als Bereicherung. Oliver Pötzsch ist bekannt für sein detailliertes, historisches Fachwissen, das er absolut selbstverständlich einbaut. Die Handlung ist spannend, kommt aber inhaltlich mit den beiden Vorgängerromanen nicht mit. Zum Teil liegt es daran, dass die drei Hauptfiguren sich charakterlich nicht weiterentwickeln. Die Liebelei zwischen Leopold und Julia plätschert munter vor sich hin, mit den gleichen Herausforderungen, Wünschen und Ängsten der beiden Liebenden. Der Totengräber Augustin findet sich inhaltlich in der zweiten Reihe wieder. Sehr schade – denn dieser hat das größte Potenzial, dass einfach nicht vollendens ausgespielt wird.

Am Ende des Romans stehen wir an einem Scheideweg bei den Figuren und ich bin gespannt, wie es mit dem Trio weitergehen könnte. Wenn es weitergeht – müssen die Figuren, die wir kennen- und lieben gelernt haben, sich verändern, bzw. neue Wege einschlagen.

Fazit

Eine faszinierende geistreiche Geistergeschichte, die Spannung garantiert und uns in eine Zeitmaschine setzt. Eine großartige Reihe, die man als Couchkriminologe lesen muss.

Michael Sterzik

 

Samstag, 30. September 2023

Refugium - John Ajvide Lindqvist

 


Der Autor des vorliegenden Titels: „Refugium“ – John Ajvide Lindqvist ist in seinem Heimatland ein sehr bekannter Autor. Viele seiner Werke – Kurzgeschichten, Romane wurden international vermarktet.

Wenn man es nicht vorher wüsste, empfindet man beim Lesen des Romans immer den Eindruck; irgendwo habe ich mal etwas Ähnliches gelesen, oder gesehen? Diese gewissen Parallelitäten kommen nicht von ungefähr. Lindqvist war ein potenzieller Kandidat, um die „Millennium-Reihe“ von Stieg Larsson weiter fortzuführen. Nach David Lagercrantz der den sechsten Teil verfasst hatte, und durchaus erfolgreich war – suchte der Verlag eine Abwechslung. Laut dem Autor hätte er sich durchaus gefreut, Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist neue Abenteuer erlebe zu lassen. Sein Skript wurde allerdings vom Verlag abgelehnt.

Tja, was macht man nun also mit einer Handlung und Figuren, die eigentlich vielversprechend sind und die man dann nicht veröffentlichen darf. Man schreibt diese um.

Ursprünglich sollte Kim Ribbing, der die Spuren eines tiefen Traumas in sich trägt, die ehemalige Polizistin Julia Malmros bei Recherchen unterstützen. Doch dann erschüttert ein Verbrechen das sommerliche Leben in den Schären. Mittsommer. Der längste Tag. Die dunkelste Nacht. Nicht weit von Julias Ferienhaus werden die Gäste eines Mitsommerfests grausam hingerichtet. Nur Astrid Helander, der Tochter der Familie, gelingt es, sich zu retten. Aber das junge Mädchen ist verstummt. Für Julia ist die Zeit gekommen, zu handeln. Während Kim sich auf die Spur der Täter setzt und ihnen im World Wide Web und rund um den Globus folgt, nutzt Julia ihre Kontakte zur Kriminalpolizei. Ausgerechnet ihr Exmann Johnny ist mit den Ermittlungen betraut. Wer steht hinter den Auftragskillern? Und was hat Kim Ribbing zu verbergen, der immer wieder im Alleingang arbeitet (Verlagsinfo)

Lindqvist tauscht die Geschlechter und damit auch deren Talente und Eigenschaften aus. Obwohl man den schriftstellerischen Stil, seinen Ausdruck und seine Sprache von Stieg Larsson nicht ersetzen, oder kopieren kann, ist der vorliegende Band herausragend erzählt. Eine Reihe, die durch unterschiedliche Autoren erzählt wird, sollte man die verschiedenen Stile nicht vergleichen. Unabhängig davon besteht doch die offensichtliche Möglichkeit, die Figuren weiterzuentwickeln, obgleich die Substanz dieses Charakters erhalten bleiben soll.

Sollte man „Millennium“ nicht kennen, so findet man hier einen hervorragenden und abwechslungsreichen Spannungsroman. „Refugium“ ist aber trotz der Spannung keinen Roman, der sich zu ernst nimmt. Der schlitzohrige Humor des Autors findet hier seine Bühne. Vergleicht man charakteristische Tiefe der beiden Hauptakteure Julia und Kim – so werden beide gleichen Einblicke in ihre Vergangenheit und Gegenwart geben. Julia Malmros ist das alte Ego ihres Schöpfers Lindqvist – es ist wohl eine persönliche Aufarbeitung und Abrechnung der scheinbar schmerzlichen Absage, dass Erbe von Stieg Larsson nicht anzutreten.

Es sind die Geheimnisse und die Distanziertheit die Kim mit sich trägt, die den Leser völlig einfangen und auch faszinieren werden. Seine traumatisierte Vergangenheit wird aufgearbeitet, seine Persönlichkeit hat sich noch lange nicht vollständig offenbart. Viele Szenen und auch die Figuren sind manchmal polarisierend – das ist allerdings auch so gewollt. Mit dem zweiten kommenden Band dieser Reihe werden die Altlasten sicherlich abgearbeitet sein und die Figuren werden sich womöglich von einer anderen Seite zeigen. Besonders gut gelungen sind die emotionalen Themen, wenn nicht nur die Figuren Gefühle zeigen, sondern auch die atmosphärische Stimmung, deren man sich nicht entziehen kann.

Die Beziehungsebene zwischen den beiden ist liebenswert chaotisch. Wohin der Weg der beiden als Duo, als Paar, als Freunde gehen wird, ist absolut offen.

Der Zeitgeist – die aktuellen Themen, die uns bewegen, Klimaschutz, Wirtschaft, Energiekrise, Korruption und die politischen Interessen findet man ansatzweise thematisch in „Refugium“ auch wieder. Größere Ansprüche werden hier nicht bedient – also bitte die ggf. hohe Erwartungshaltung minimieren.

Der zweite Band könnte die historischen Traumata von Kim als Grundstein haben. Wie seine literarisch verwandte Seele Lisbeth Salander verfolgt er den Weg einer Abrechnung mit seinen früheren Peinigern. Das dürfte interessant werden.

Fazit

Erfrischende Spannung – zwei tolle Figuren, die zusammen mehr Fragen aufwerfen, als beantworten. Ein sehr eigensinniger Schreibstil – der frech und munter ein Talent offenbart. Damit empfehle ich diesen Titel, denn er gehört absolut zu den stärksten Thrillern dieses Jahres.

Michael Sterzik

 

 

Samstag, 23. September 2023

Pietà - Steinerner Tod - von Alex Thomas


Das in Bremen lebende Autorenehepaar hat im Gmeiner-Verlag eine neue Thriller-Reihe gestartet. Diesmal ohne klerikalen Touch, also ohne paranormale Elemente in die Story einzubauen. Auch die erzählerische Bühne ist regional auf Berlin begrenzt, nur in kleineren Rückblenden taucht Rom wieder auf, hat aber keine weitere, tiefere Bedeutung. Nichtsdestotrotz findet man Akzente in der Handlung, die bestätigen, dass die Autoren der Kunst, der Kultur, und der Literatur viel Geltung beimessen. Es gehört faktisch zu Ihnen wie ein guter Anzug, oder eine Lieblingsbrille. Das ist auch gut so, denn nur so kann man einer Geschichte viel erzählerische Tiefe geben und sich von anderen manchmal recht oberflächlichen Titeln abgrenzen.

In Best Practice ist „Pietá“ im Aufbau ein ganz klassischer Spannungsroman.

Als an einem Wintermorgen unter dem Brandenburger Tor die blutüberströmte Leiche eines Mannes in den Armen einer Frau entdeckt wird, schrillen bei Ex-Kriminalkommissar Magnus Böhm sämtliche Alarmglocken. Er hat diese Skulptur aus Menschenkörpern schon einmal gesehen, 14 Jahre zuvor in Rom. Die Presse stürzt sich auf den Fall und spricht von der Berliner Pietà. Doch dieses Mal gibt es einen entscheidenden Unterschied: Das weibliche Opfer hat überlebt. (Verlagsinfo)

Viel Aufmerksamkeit und Detailtreue hat sich das Autorenduo den fast schon liebevollen Charakteren gewidmet. Magnus Böhm und seine Assistenten, die noch junge und unerfahrene Kommissarin Annetta Niedlich sind ein tolles, innovatives Team. Die Figurenzeichnung ist toll, vom Alter abgesehen, ergänzen sich beide. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten erkennen beide die jeweiligen Stärken des anderen, sie vertrauen sich langsam und verfolgen das gleiche Ziel – einen offensichtlichen Serienmörder zu finden, bevor dieser erneut morden kann.

Den Ansatz, auch den Täter und seine Opfer perspektivisch erzählen zu lassen, vervollständigt und bekräftigt nur noch die ausgesprochen intensive Atmosphäre. Gemäß unserem jetzigen Zeitgeist wird die Story auch sehr blutig und drastisch beschrieben. Die Autoren sind in der Darstellung und Beschreibung sehr konsequent, aber die Brutalität wirkt nicht zu überdosiert. Der Mörder offenbart sich seinem leserlichen Publikum sehr schnell. Das nimmt aber der Story keinesfalls die Spannung, denn diese konzentriert sich fast ausschließlich auf die junge Frau, die das Martyrium überlebt hat. Als Einzelgängerin und ehemaliges Bandenmitglied ist sie war von den Erlebnissen der Folter traumatisiert – aber ambitioniert genug um Rache zu suchen und ihren Peiniger am besten gleich zu liquidieren.

Ihre Figur ist die stärkste und diejenige die am stärksten verletzt wurde – körperlich, wie auch seelisch.

Es gibt ein paar Nebenschauplätze und da liegt die Konzentration bei Magnus Böhm, der introvertiert und teilweise verbittert aus seinem sozialen Dornröschenschlaf aufgeweckt wird. Sehr sympathischer Charakter, nicht unbedingt eine Vaterfigur für Annetta Niedlich – doch der einsame Wolf mit seiner Erfahrung ist doch in gewisser Weise ein Vorbild. Trotzdem hat Annetta ein starkes Selbstbewusstsein und behauptet sich in dieser dominanten Welt der Männer ganz souverän.

Die Methoden des Mordermittelns sind gut erzählt. Es gibt auch nicht viel Kritikpunkte, ein paar inhaltliche logische Versäumnisse und der erzählerische Part des Mörders hätten stärker ausgebaut werden müssen. Als Auftakt einer neuen Reihe aber absolut gelungen.

Ich freue mich auf weitere Teile dieses neuen Ermittlerduos. Gleichzeitig vermisse ich dann doch den klerikalen Touch – es gibt so viele Geheimnisse um die Kirche, so viele Möglichkeiten – dass ich ein zurück zu den Wurzeln mehr wie sehr begrüßen würde.

Fazit

Keine böhmischen Dörfer und keine niedlichen Szenen, dafür aber ein hohes Maß an Spannung und tolle Figuren, die die Story an allen Ecken und Kanten stärken. Perfekte Unterhaltung, noch leicht ausbaufähig – aber absolut zu empfehlen.

 

Michael Sterzik

 


Samstag, 16. September 2023

Verderben - Karin Smirnoff nach Stieg Larsson


Der vorliegende Roman „Verderben“ ist der siebte Band der Millennium-Reihe um den investigativen Journalisten Mikael Blomkvist und der hochintelligenten Hackerin Lisbeth Salander. Der verstorbene Journalist und Autor Stieg Larsson ist der Schöpfer dieses ungleichen Ermittlerduos. Die ersten drei Teile sind erfolgreich verfilmt worden. Die Erbengemeinschaft beauftragte den amerikanischen Schriftsteller David Lagercrantz die Reihe fortzuführen. Drei weitere Bände sind unter seiner Feder entstanden und sind auch inhaltlich recht spannend. Stieg Larsson hinterließt viele Skripte und Notizen, sodass diese wohl die Basis nachfolgender Story bildeten. Mikael (Kalle) Blomkvist und Lisbeth Salander sind längst schon Kultikonen im Genre Thriller/Krimi geworden. Das Konzept wurde oftmals von anderen Autoren adaptiert und die Reihe gilt als Meilenstein skandinavischer Kriminalliteratur.

Im Genre Thriller und Krimi werden mitunter nun aktuelle Themen aus der Politik, dem sozialen Umfeld und ganz groß im Kommen scheint das Thema nachhaltiger Umwelt- und Klimaschutz zu werden. Auch in dem vorliegenden Band geht es, um den Trend weitere Windräder regional aufzubauen. Die Interessen und Finanzierungen der Industrie können also durchaus mit dem der Einwohner kollidieren. 

Mikael Blomkvist reist von Stockholm in den hohen Norden zur Hochzeit seiner Tochter. Im Zug erfährt er von Entwicklungen, die den Enthüllungsjournalisten neugierig machen: Abseits des medialen Rampenlichts tobt dort oben ein Kampf internationaler Firmen um natürliche Ressourcen und Billigstrom. Zur selben Zeit begibt sich Lisbeth Salander nach Nordschweden, um ihre Nichte kennenzulernen. Die junge Svala hat sich geschworen, ihre verschwundene Mutter, eine Sami, zu finden und sich endlich gegen ihren Stiefvater zu wehren. Denn wie ihre Tante ist Svala furchtloser und genialer, als sie aussieht. Nach Jahren treffen Salander und Blomkvist wieder aufeinander und befinden sich bald im Auge eines Sturms.(Verlagsinfo)

Die sozialkritischen und industriellen Brennpunkte sind allzu offensichtlich. Allerdings schafft es Karin Smirnoff überhaupt nicht, die spannende Atmosphäre der Trilogie von Stieg Larsson aufzubauen. Ihre Konstruktion der Handlung ist fürchterlich schlecht umgesetzt. Um ihren Schreibstil und ihren Ausdruck zu beschreiben, bedarf es nur ein Wort: Chaos – unstrukturiert, undiszipliniert, inhaltlich viel zu kurze Sätze die so viel Spannung erzeugen wie das abendliche Sandmännchen. Sprunghafte Dialoge denen man schwerlich folgen kann.

Vergleicht man die beiden Handlungsebenen, so liegt der Schwerpunkt bei Lisbeth Salander und ihrer Nichte Salva. Mikael Blomkvist Part ist eher sekundär. Hinzu kommt, dass Karin Smirnoff diesen beiden Figuren zu keinem Zeitpunkt gerecht wird. Charakterlich sind diese nicht tiefgehend erzählt. Es gibt fast keine erzählerischen Brücken in die Vergangenheit, die den Figuren Substanz geben. Ganz anders verhält es sich mit Lisbeths Schützling Salva – die wie ihre Tante selbst hochintelligent ist und einen gefährlichen Aktionismus lebt. Ihr Charakter ist überzeugend.

Analysieren wir die Handlung, so kann gerne die Motivation der Autorin loben, die „Grüne“ aktuelle Themen verwendet und somit auch in gewisser Art und Weise eine politische Botschaft hinterlassen möchte. Korruption, Amtsmissbrauch, Erpressung – willkommen also im Reallife. Trotzdem findet sich hier keine Spannung wieder. Zu kompliziert und in abschnitten geschrieben, zu schlecht verteilt sind die einzelnen Handlungsebenen. Ein instabiles Kartenhaus mit inflationären Optimierungsmöglichkeiten – dass ist die Quintessenz von „Verderben“. Karin Smirnoff Versuch, an dem schriftstellerischen Talent eines Stieg Larsson anzuknüpfen, ist auf allen Ebenen mehr wie nur misslungen.

Fazit

Verderben – ist das mangelhafte, teils ungenügende Ergebnis eines Versuches eine Reihe fortzuführen, um seinen eigenen Anspruch gerecht zu werden. Das ist so schlecht gelungen, dass ich weitere Bücher der Autorin nicht mehr lesen möchte und ich hoffe, dass diese Reihe von Karin Smirnoff nicht weitergeführt wird – denn dann heißt der letzte Band womöglich „Verwüstung“ einer großartigen Reihe.

Michael Sterzik