Donnerstag, 21. August 2025

Der Totengräber und die Pratermorde - Oliver Pötzsch


Der vorliegende vierte Band der Totengräber-Reihe führt die bekannten Haupt- und Nebenfiguren fort. Dass Oliver Pötzsch die Charaktertiefe zeitlich auch hervorragend ausarbeitet, ist für die Geschichte enorm wichtig, denn auch die Figuren werden älter, wenn auch nicht unbedingt weiser. Schauplatz ist das Wien um 1896, genauer gesagt das Vergnügungsviertel mit dem venezianischen Themenpark, den Kinematographen und anderen Attraktionen, die die Bühne dieser Geschichte bilden.

Diese literarische Zeitmaschine funktioniert ausgesprochen gut: Wenig später ist man mitten in den Vergnügungen und spürt die atmosphärische, historische Kulisse der österreichischen Hauptstadt. Oliver Pötzsch recherchiert und beschreibt diese Szenen hervorragend und vervollständigt mit seinem Verständnis für die kleinsten Details den Unterhaltungswert.

Der Prater war damals eine eigene Welt und Schauplatz der skurrilsten Attraktionen. Damit war er auch ein Sammelsurium von Menschen, die ausgegrenzt wurden und unter ihresgleichen eine Familie fanden. Glücksspieler, Zauberer und Menschen mit Missbildungen lebten und starben in dieser parallelen Zwischenwelt.

Wien, 1896: Ausgerechnet bei dem Zaubertrick „Die zersägte Jungfrau” stirbt die junge Bühnendarstellerin vor dem schockierten Publikum. Inspektor Leopold von Herzfeldt ermittelt. Ihm dicht auf den Fersen ist die Reporterin Julia Wolf, seine unglückliche große Liebe. Rund um den Prater werden weitere Frauen getötet. Junge Dirnen und Dienstmädchen, die niemand groß vermisst. Jede der Toten ist anders verkleidet. Ist es ein und derselbe Mörder? Leo braucht Unterstützung und wendet sich an seinen Freund Augustin Rothmayer. Der Totengräber des Wiener Zentralfriedhofs arbeitet an einem neuen Buch mit dem Titel Was uns die Toten erzählen und ist in Experimente vertieft. Doch nur gemeinsam können Leo, Julia und Augustin das grausame Spiel des Mörders aufhalten. (Verlagsinfo)

In diesem vierten Band stehen eher das Ziehkind des Totengräbers, Anna, und die junge Reporterin Julia Wolf im Mittelpunkt, die nun für eine Zeitung arbeitet. Dabei entstehen langatmige und ziellose Szenen und Dialoge, die überflüssig sind und die Handlung nicht wirklich vorantreiben.

Dadurch wirkt die Spannung wenig steigerungsfähig. Manchmal ist das Privatleben eines pubertierenden Mädchens und einer verschmähten Frau eben doch nicht von Interesse – zumindest nicht für Leser, die sich spannende Unterhaltung wünschen. Die Perspektiven der anderen Personen werden dagegen weniger intensiv aufgezeigt und wie immer kommt der sympathische Totengräber Augustin viel zu kurz. Selbst die Kollegen von Leopold von Herzfeldt haben nur minimale Auftritte, was schade ist, denn sie waren in den letzten Bänden doch außerordentlich vielversprechend.

Historische Themen wie der aufkommende Antisemitismus spielen eine tragende Rolle in der Wiener Soziologie. Besonders gut lässt Oliver Pötzsch die authentischen Personen, ihre Berufe und ihre Talente lebendig werden – und zeigt damit auch, wie gründlich er recherchiert hat. Augenzwinkernd wirft er auch einen Blick auf die Revolution der bewegten Bilder, also den technischen Fortschritt, der nicht nur Vergnügen verspricht. Betrachtet man die Figur der Julia Wolf, so sieht man die personifizierte Emanzipation.

Der vierte Band ist also leider der schwächste der Reihe, wobei die Reihe angesichts der Auswahl an historischen Romanen auf dem deutschen Buchmarkt noch immer zu den besten gehört.

Vielleicht sollte man den Schauplatz Wien austauschen und einen Ausflug in die Vergangenheit von Leopold machen. Denn noch immer weiß man nicht, warum er seinen besten Freund bei einem formalen Duell getötet hat. Auch die Vergangenheit des Totengräbers bleibt ein Rätsel.

Fazit

Ein souveräner historischer Spannungsroman, der leider einige Längen hat. Wenn Sie jetzt darüber nachdenken, diesen Titel zu kaufen, sollten Sie die Reihe unbedingt von Anfang an lesen. Sie werden überrascht sein, wie phänomenal gut die ersten drei Bände waren.


Michael Sterzik

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