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Donnerstag, 1. Januar 2026

Felix Blom - Mord an der Spree - Alex Beer


Wir leben in einer Ära der allwissenden Forensik. Ein winziges Hautschüppchen, ein digitaler Fußabdruck, eine Überwachungskamera an der Straßenecke – heute ist der „perfekte Mord“ fast eine Unmöglichkeit geworden. Die Netze der Justiz sind eng gewebt, Daten rasen in Sekunden um den Globus. Doch was passiert, wenn wir diese technologischen Krücken wegnehmen? Wenn wir die Zeit zurückdrehen, in eine Welt aus Gaslicht, Pferdekutschen und tiefen Schatten?

Berlin, 1879. Die Stadt boomt, ist dreckig, laut und gefährlich. Und genau hierhin entführt uns Alex Beer in ihrem dritten Band um den Meisterdieb und Privatdetektiv Felix Blom.
Es ist eine Zeit, in der Mörder noch im Schutz der Dunkelheit verschwinden konnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Wie viele Verbrechen blieben damals ungesühnt, einfach weil den Ermittlern die Werkzeuge fehlten? Wie viele Täter entkamen, weil Intuition das Einzige war, was einem Detektiv zur Verfügung stand? In diesem Spannungsfeld zwischen archaischer Ermittlungsarbeit und menschlichen Abgründen entfaltet sich der neue Fall.

Bislang war Felix Blom, der charmante Gauner und „Schatten von Berlin“, oft derjenige, der die Fäden zog. Doch diesmal verschiebt sich der Fokus auf seine Partnerin, Mathilde Voss. Der Fall beginnt vermeintlich klassisch: Der Mord an einer ehemaligen Prostituierten soll aufgeklärt werden. Doch für Mathilde ist dies kein Auftrag wie jeder andere. Er ist ein Spiegel ihrer eigenen, schmerzhaften Vergangenheit.

Als ehemalige Edelprostituierte kennt Mathilde die plüschigen Salons und die brutale Realität dahinter. Sie hat überlebt, wo andere zerbrochen sind. Doch nun, neun Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden einer engen Freundin, scheinen sich die Ereignisse auf unheimliche Weise zu verknüpfen. Hinweise tauchen auf, die suggerieren, dass die Geister der Vergangenheit nicht ruhen. Jemand da draußen bewahrt ein düsteres Geheimnis und ist bereit, dafür sprichwörtlich über Leichen zu gehen.

Alex Beer gelingt es meisterhaft, die psychologische Bedrohung greifbar zu machen. Es geht nicht mehr nur um beruflichen Erfolg oder das Lösen eines Rätsels – es geht um Mathildes Existenz. Die Gefahr rückt näher, wird persönlich, bedrohlich intim.

Um diesen übermächtigen, unsichtbaren Gegner zu stellen, muss Felix Blom das Undenkbare tun. Er muss sich mit dem Mann verbünden, der ihn am liebsten hinter Gitter sehen würde: seinem alten Widersacher, Kommissar Bruno. Hier zeigt sich die große Stärke des Romans: Die „Beziehungskiste“ zwischen dem Meisterdieb und dem preußischen Polizisten. Beide glauben fest an die Unschuld Mathildes, und dieses gemeinsame Ziel zwingt sie in eine Zweckgemeinschaft, die so spannungsgeladen ist wie ein Pulverfass. Sie werden vielleicht keine Freunde fürs Leben, aber in den Gassen Berlins entsteht eine Form von Respekt, die auf der bloßen Notwendigkeit beruht.

Fazit

„Felix Blom – Mord an der Spree“ ist mehr als nur ein Krimi. Es ist eine atmosphärisch dichte Zeitreise. Alex Beer hat wie gewohnt exzellent recherchiert; man riecht förmlich den Ruß der Öfen und den Dunst der Spree. Sie zeigt uns, dass sich zwar die Methoden der Kriminalistik revolutioniert haben – von der simplen Beobachtung zur DNA-Analyse –, aber eines gleich geblieben ist: Der Mensch als größte Fehlerquelle und als gefährlichstes Raubtier.
Ein Roman für alle, die Spannung lieben, aber auch für jene, die verstehen wollen, wie sehr unsere Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmt. Man kann sich verstecken, man kann leugnen – doch am Ende holt einen die Wahrheit immer ein.

Michael Sterzik 

Dienstag, 8. Oktober 2024

Die weisse Stunde - Alex Beer


Der Erste Weltkrieg ist verloren - Deutschland und Österreich haben wirtschaftliche Probleme. Die Veteranen des schrecklichen Krieges sind traumatisiert, enttäuscht und fühlen sich verraten. Das „alte“ Wien trotzt der neuen Zeit, die, wie wir wissen, noch schrecklicher sein wird, ein Aufbäumen der alten Gesellschaftsschichten, die es desillusioniert auch nicht wahrhaben wollen. Die einfachen Menschen sehen oft keine Motivation, keinen Sinn im Weiterleben. Die Zahl der Selbstmorde steigt. Viele stürzen sich von den Donaubrücken in den Tod. Nicht alle werden identifiziert. Viele Tote werden auf dem Friedhof der Namenlosen begraben.

Aus der Asche des verlorenen Krieges erheben sich die Vorboten des Nationalsozialismus. Die Menschen sehnen sich nach nationalistischem Selbstbewusstsein, nach wiedergewonnener Ehre und nach der Suche nach Schuldigen. 

Glanz und Gloria stehen Verzweiflung und Angst gegenüber. Die sympathische Autorin Alex Beer zeigt uns das historische Wien mit einer tollen Atmosphäre und interessanten Charakteren, die hier leben und sterben.

Wien 1923. Die Stadt gleicht einem Pulverfass, die politischen Lager haben sich radikalisiert, die Hakenkreuzler sind auf dem Vormarsch. Mitten in dieser angespannten Situation geschieht ein aufsehenerregender Mord: Marita Hochmeister, eine stadtbekannte Gesellschaftsdame, wird brutal erschlagen in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Einen Tag später weist ein pensionierter Kriminalinspektor den Ermittler August Emmerich auf eine ungelöste Mordserie hin – damals, vor zehn Jahren, wurden drei Frauen auf ähnlich grausame Weise getötet wie das Opfer. Kann es sein, dass der Mörder zurückgekehrt ist? Und wenn ja, kann Emmerich ihn stellen, bevor er erneut zuschlägt? (Verlagsinfo) 

Die Geschichte ist hervorragend erzählt. Alex Beer nimmt uns mit auf eine Zeitreise - in ein Wien um 1923. Inflation, Arbeitslosigkeit, Kriegsniederlage - es fehlt an vielem, nicht nur an Lebensmitteln oder Medikamenten, sondern auch am Lebenswillen. Historische Schauplätze wie der Friedhof der Namenlosen, die Innenstadt etc. werden sehr anschaulich dargestellt. 

Aber es sind nicht nur die regionalen Beschreibungen, die diesen Roman so gut machen, sondern auch die Perspektiven der Figuren, die von sich und ihrer alltäglichen Umgebung erzählen. Diese Stimmung überträgt sich schnell auf den Leser und lässt alle Situationen und Ereignisse in der Phantasie lebendig werden.

Die Figuren Emmerich und sein Assistent Winter sind in ihrem Zusammenspiel perfekt. Ihr eigener Bußgeldkatalog, der immer wieder bei Flüchen erwähnt wird, das fast väterliche Verhalten Emmerichs, der neben seiner unkonventionellen Ermittlungsarbeit auch Emotionen zeigt. Emmerichs private Situation ist eine kleine Nebengeschichte, die auch in diesem Band kein Ende findet.

Die Handlung ist spannend, aber wenig realistisch - eine kleine Räuberpistole mit hohem Unterhaltungswert. Die Dialoge sind kurzweilig, aber auch immer wieder mit feinem Humor gespickt. Alex Beer legt in ihren Romanen großen Wert auf Authentizität - das merkt man auch hier auf jeder Seite. 

In „Die weiße Stunde“ gibt es nur wenige Nebenhandlungen, dafür aber interessante Nebenfiguren im Umfeld der Ermittler, die auch in den anderen Bänden immer wieder auftauchen und vielleicht auch in einer Fortsetzung ihren Auftritt haben werden.

Alex Beer zeigt auch die Perspektive der verschiedenen Berufsgruppen und das Aufbrechen der alten „Stände“ und das Aufkommen des Geldadels. Viele Traditionen und Moralvorstellungen werden hier beschrieben, vieles ist für uns vielleicht nur schwer nachvollziehbar - z.B. die Rolle der Frauen im Beruf, die damals keine Möglichkeit hatten, sich gegenüber den Männern zu behaupten. 

Es ist ein Vergnügen, diese Serie zu lesen. Alex Beer versteht es hervorragend, historische Themen mit einer spannenden Geschichte zu verbinden.

Fazit

Spannende Zeitreise - die nicht nur Gebäude, sondern auch Menschen ihrer Zeit zu Wort kommen lässt. Unterhaltsam - unbedingt lesenswert.


Michael Sterzik 

Sonntag, 31. Oktober 2021

Der letzte Tod - Alex Beer


Historische Kriminalromane sind im Genre „Krimi/Thriller“ inzwischen stark vertreten. Gemordet wurde halt auch in der Vergangenheit und das nicht zu wenig. Eine historische Bühne kann für den Autor atmosphärisch wirkungsvoll verwendet werden. Dieses Ambiente überträgt sehr schnell die Stimmung einer ganzen Bevölkerung und kann somit politisch, kulturell, wie auch mit sozialen Aspekten reizend eingebaut werden. Nebenschauplätze und Nebenfiguren wird hier eine Bühne gebaut, die ggf. für die Story von größerer Bedeutung sein können, als wenn eine Story in unserer Zeit spielt. Das Interesse an einer Zeitreise in vergangene Epochen ist noch immer von großem Interesse.

Alex Beer lässt seinen neuesten, historischen Kriminalroman vor fast genau 100 Jahren spielen. 1922 – ist Wien nach dem Krieg noch immer schwer gezeichnet. Eine Inflation, die Lebensmittelknappheit, die Verbreitung von Krankheiten steigern die Wut der Bevölkerung auf die Amts- und Würdenträger der Stadt. Damit ist die Atmosphäre der Handlung sehr schnell präsent und bildet ein hervorragendes Stimmungsbild der Bevölkerung.

Wien im September 1922: Die Inflation nimmt immer weiter Fahrt auf, die Lebenshaltungskosten steigen ins Unermessliche, und der Staatsbankrott steht kurz bevor. Unterdessen haben Kriminalinspektor August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter es mit einem grausigen Fund zu tun: Auf dem Gelände des Wiener Hafens wurde in einem Tresor eine mumifizierte Leiche entdeckt. Und dabei bleibt es nicht, denn der Mörder tötet nach einem abscheulichen Muster, und er hat sein nächstes Opfer schon im Visier. Doch damit nicht genug: Ein alter Feind aus Emmerichs Vergangenheit taucht wieder auf – und er trachtet dem Ermittler nach dem Leben …(Verlagsinfo)

Der Autor Alex Beer legt viel Wert darauf, seinen Kriminalroman so perfekt zu inszenieren, wie es ggf. möglich ist. Das fängt wie oben beschrieben bei dem gewählten Schauplatz an und setzt sich weiter fort, wenn wir die Haupt- und Nebenfiguren betrachten.

Besonders die Hauptfigur, der Ermittlungsbeamte August Emmerich trägt vieles, ggf. alles dazu bei, die Story nicht nur spannend, sondern auch emotional zu erzählen. Seine (Un)Sensibilität ist für ihn Fluch und Segen zugleich. Er ist der Schrecken aller Nachbarn, aller Vorgesetzten und manchmal auch seiner eigenen Familie.

Es ist schwer zu sagen, ob der Kriminalfall nun spannender ist, wie das manchmal katastrophale, aber unterhaltsame Auftreten des eigensinnigen Inspektors. Sehr förderlich ist die angespannte Atmosphäre in der Stadt Wien. Selbst einen feinen Humor hat Alex Beer eingebaut , z.B. wenn sich August Emmerich mit seiner Nachbarin unterhält, die mit ihrer Zankerei Bürgerkriege entfachen könnte. Der Roman ist kein touristischer Guide für Wien, aber vermittelt doch viel Wissenswertes um die Hauptstadt Österreichs. Leider wiederholt sich Alex Beer mit einigen Informationen, das wirkt oft so künstlich eingebaut und damit fehl am Platze.

Spannend ist „Der letzte Tod“ – auch in seinen Nebengeschichten – und damit nimmt das persönliche Leben des August Emmerich, der eigentlichen Haupthandlung die Luft weg. Ein alter Feind, ein altes Trauma, alte Verletzungen – lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Selbst seine persönliche Suche herauszufinden, wer seine Eltern waren, warum er als Findelkind in einem Heim aufgewachsen ist – raubt der eigentlichen Storyline die Präsenz.

Was ich sehr vermisst habe, ist das viel zu wenig der sprachliche Dialekt verwendet wurde. Im Buch ggf. nicht viel von Bedeutung, denke ich allerdings an ein „Hörbuch“ so würde dies der Atmosphäre mehr wie guttun. Das Stimmungsbarometer würde explosionsartig ansteigen. Aber nun gut.

Authentisch ist die Handlung allemal – aber wenig originell. Nichts was man ggf. von anderen Titeln bekannter Autoren schon versucht hätte.

Fazit

Schön, dass die privaten Schlachtfelder eines Ermittlungsbeamten im Vordergrund stehen!? Ein souveräner, manchmal sehr schwacher Kriminalroman, der letztlich doch nur über eine tolle Atmosphäre und seiner Figuren überzeugt. Der Unterhaltungswert ist nicht nachhaltig genug. Ein netter Krimi mit zu wenigen Fokussierungen, oder mit viel zu viel privaten Herausforderungen. Kann man sehen wie man will.

Michael Sterzik