Freitag, 1. Februar 2019

Wundbrand - Cilla & Rolf Börjlind


Das schwedische Autorenehepaar Cilla & Rolf Börjlind sind erfolgreiche Drehbuchautoren und über die skandinavischen Grenzen hinweg sehr bekannt. Seit einigen Jahren schreiben sie ebenfalls Kriminalromane – „Wundbrand“ ist der fünfte Band der Reihe um die beiden Protagonisten Olivia Rönning und Tom Stilton. Die Erwartungshaltung ist enorm hoch, denn die Vorgängerromane sind nicht nur unheimlich spannend, sondern demnach auch sehr erfolgreich. Der erste Roman „Springflut“, bei dem das schwedische Ehepaar natürlich das Drehbuch verfasste, wurde als Serie fantastisch umgesetzt.

Die Reihe überzeugt sowieso durch eine faszinierende Charakterzeichnung. Im ersten Band studierte Oliva Rönning noch auf der Polizeihochschule und widmete sich schicksalshaft einen alten Cold-Case-Fall. Und es war genau dieser ungelöste Mord, der den erfolgreichen und charismatischen Kommissar Tom Stilton das soziale Leben unter den Füßen wegriss. Zerbrochen, verzweifelt, sich selbst verlierend lebte er von nun an als Obdachloser auf der Straßen Stockholms, verkaufte Zeitungen und (über)lebte irgendwie. 

In den folgenden Bänden festigte sich nur beider Leben im beruflichen, wie auch privaten Sinne, sondern auch die Freundschaft zwischen ihnen und anderen involvierten Personen. Der Personenkreis ist überschaubar, aber geschickt entwickelt das schwedische Autorenehepaar mit und ihnen eine komplexe Welt mit einer immensen Tiefenwirkung. Die Schicksale dieser Nebenfiguren wie Mette und ihr Mann Marten, oder Stiltons Freund – der ehemalige Messerwerfer Abbas übernehmen nicht den Hauptpart der Story, aber als eigenständige Figuren sind diese der letzte Feinschliff.

„Wundbrand“ erfüllt sämtliche vorsichtigen Erwartungshaltungen und eröffnet ein dynamisches Labyrinth von Haupt- und Nebengeschichten. Als ein Ehepaar, mitsamt ihrer Tochter bei einem Bombenattentat ums Leben kommt ist der Leser schon an der Seite von Olivia Rönning, die nun als Ermittlerin im Team von Mette tätig ist. Terror in Stockholm? Ein terroristischer Akt – oder einfach ein Racheakt und wenn letzteres – steht hier ein großes „Warum“ herum.

Cilla und Rolf Börjlind schreiben mit einer Mischung aus Strategie und Taktik und verwenden allerlei aktuellen Themen, denen wir im Alltag begegnen. Vergeltung und Rache als Dreh- und Angelpunkt in Kombination mit der Me-Too-Diskussion, Drogen im Goldenen Dreieck und Tom Stilton mittendrin, flankiert von Sextourismus und dunklen Begierden. Klingt nicht unbedingt überschaubar, oder?! Ist es auch nicht – irgendwann verliert man sich in diesem Storydschungel und es braucht ein wenig, bis man ein Lichtung erreicht. Doch verdammt – es lohnt sich allemal.
Der Part von Tom Stilton, der sich nach den letzten Ereignissen wieder zurückzieht, ist deutlich kleiner. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin versucht der Ex-Kommissar auf einer Yogamatte – seine „goldene Mitte“ wiederzufinden. Zweifel drängen sich an die Oberfläche – also runter von der Yogamatte und auf in ein wildes Abenteuer. Willkommen in der Selbstfindungsphase.

Tja, und genau dieser Part – besagte Selbstfindungsphasen beherrschen die Nebengeschichten außerordentlich unterhaltsam. Auch Olivia sucht sich noch selbst, findet auch etwas um dass sie sich kümmern möchte und geht konsequent ihren Weg Schritt um Schritt weiter. Manchmal stolpernd, manchmal wird ihr unter die Arme gegriffen – aber eigentlich immer gut unterwegs auf den Boden der Tatsachen.

„Wundbrand“ ist großartig – eine grandiose Vorgeschichte und eine Positionierung – ein Ausgangspunkt für den hoffentlich bald sechsten Band dieser brillanten Kriminalreihe. Diese Reihe gehört mit zu den besten Kriminalreihen unserer Zeit – Protagonisten sind keine klischeeversehende Anti-Helden, keine James-Bonds, und sind weit davon entfernt charakterliche Züge eines Sherlocks Holms anzunehmen.

Die Handlungen der Protagonisten sind authentisch – die Grundidee der Story in Kombination mit Schicksal und Kommissar Zufall, grenzen manchmal etwas ins fantastische ab. Aber nun gut – Logik und Authentizität mal ausgeklammert – überzeugt „Wundbrand“ und garantiert ein großes Lesevergnügen.

Fazit

„Wundbrand“ von Cilla und Rolf Börjlind hat eine Sogwirkung, der den Leser keine Ausweichmöglichkeiten lässt, also anzufangen und nicht aufhören zu wollen. Diese Reihe ist einer der wenigen, die nicht inflationär erscheinen und die qualitativ das Prädikat „Hochspannung“ nicht nur verdienen, sondern ausleben.

Michael Sterzik

Samstag, 26. Januar 2019

Vespasian - Der falsche Gott - Robert Fabbri


Der in London und Berlin lebende Autor Robert Fabbri lässt den späteren Römischen Kaiser Vespasian – im dritten Band dieser großartigen Reihe „Der Falsche Gott“ aufleben.
Vom einfachen Bauernjungen, der er einmal war und keinen Gedanken daran verschwendete, eine militärische Laufbahn einzuschlagen, findet sich Vespasian inmitten der politischen und militärischen Mühle der Weltmacht Rom wieder.

Als Kaiser Tiberius stirbt, ergreift Caligula konsequent die Macht und erklärt sich zum faktisch zum Gott. Viele Versprechungen richtet er an das einfache Volk und den Senat Roms, nur um diese wenig später als Gottkaiser völlig unkontrolliert und willkürlich zu kippen. Mehr und mehr entwickelt sich Caligula als ein Gewaltherrscher, der dekadent zu einem Despoten wird. Leben und Tod – werden durch seine wechselhaften Launen gesteuert. Ausschweifende sexuelle Orgien, grausame – tödliche Spiele in seinem Palast, eine Atmosphäre der Angst und des Todes umgeben die Senatoren und die militärischen Größen dieses Imperiums. Auch Vespasian – einst und immer noch ein enger Freund des Wahnsinnigen bekommt einen Auftrag – Mission impossible – Er soll den Brustpanzer von Alexander dem Großen aus dessen Grab stehlen….

Robert Fabbri bedient sich allerhand historisch verbürgter Personen. Selbst die Inhaftierung und Kreuzigung von Jesus finden hier im Prolog eine thematische Interpretation. Parallel dazu die angespannte Situation der römischen Besatzung in Jerusalem und die innere Politik und Interessen der jüdischen Priester. Selbst Maria Magdalena wird erwähnt – eine interessante Theorie, die nicht neu ist, aber originell eingepasst. Selbst Saulus/Paulus sprengt mit seiner arg gewaltvollen Auffassung einer Idee des aufkommenden Christentums den Rahmen. Das Besondere an diesen ganzen Theorien, die der Autor hier beschreibt ist – sie sind absolut nachvollziehbar und plausibel.

Wie schon in den beiden vorigen Bänden, beschreibt der Autor sexuelle und gewaltstarke Szenen konsequent plakativ und resolut. Ebenfalls übermittelt der Autor hervorragend die Gefühle seiner Protagonisten: Wut, Angst, Erschöpfung, Hoffnung, Trauer..usw. Diese hohe Konzentration an stilistischer Feinarbeit entwickelt eine solche, großartige Atmosphäre, die den Leser einfängt und fesselt – Spitzenklasse.

Selbst der Humor kommt nicht zu kurz. Marius – dass Gewissen, der Schutzengel, der Beschützer und Freund Vespasian ist mitunter der schlauste Kopf von allen. Als Nebenfigur konzipiert, übt er insgesamt großen Einfluss auf und gewinnt damit alle Sympathien. Vespasian dagegen ordnet sich der sozialen, politischen und militärischen Struktur unter. Gezwungenermaßen macht er für sich allerdings das beste aus der jeweiligen Situation – Pragmatisch.

Die historische Figur des wahnsinnigen Caligulas ist erschreckend (Gut) interpretiert. Alle antiken Quellen sind sich einig, dass er ggf. Geisteskrank war. Größenwahnsinnig sowieso – ein brutaler Machtmensch, der zu seinem persönlichen Spaß willkürlich mordete. Herr über Leben und Tod zu diesem Zeitpunkt der Story beschrieben. Interessant allerdings wird es, wenn er sich selbst am Ende des Romans im Beisein Vespasian analytisch charakterisiert. Ganz, ganz starke Szene.

„Fazit“

„Vespasian – Der falsche Gott“ von Robert Fabbri ist hochspannend. Historisch – wie auch die anderen Bände großartig umgesetzt. Ganz starke Figurenzeichnung – spannende Story, die absolut kompromisslos, konsequent aufgebaut ist. Pures Lesevergnügen mit einer Unterhaltungsgarantie.

Michael Sterzik

Samstag, 19. Januar 2019

Rache der Orphans - Gregg Hurwitz


Auftragsmörder – Killer sind eine feste Größe in der Belletristik – vorwiegend im Genre Krimi/Thriller. Manchmal sind diese gar nicht so unsympathisch, gefallene Helden mit reduzierter Moral und Ethik. Enttäuscht vom Leben, traumatisiert durch ihren Beruf, ggf. gejagt von Behörden, von Konkurrenten, oder schlichtweg verlangt man nach Vergeltung. So oder so – sie polarisieren stark und als „outlaw“ strahlen diese eine gewisse faszinierende Attraktivität aus.

Gregg Hurwitz hat mit seiner erdachten Figur Evan Smoak einen Killer auf die literarische Bühne der Thriller gebracht, der nicht so einfach einzuordnen ist, und vielseitige Eigenschaften mitbringt. Sozial gesehen wandert der tödliche Killer allerdings noch immer mit Kinderschuhen durch die emotionale Welt und tritt auch gerne mal in diverse Fettnäpfchen. Tödlich – aber manchmal naiv hilflos.

„Rache der Orphans“ von Gregg Hurwitz ist der dritte Band dieser spannenden Reihe. Doch jetzt ist Evan Smoak ein gejagter Jäger – diesmal ist es persönlich. Als Nowhere Man bekannt ist er von Verbrechern gefürchtet – seine Lösungen sind endlicher Natur – sterben und sterben lassen – so oder so ist der ehemaliger Killer, der schon in Kindheitstagen dazu geformt wurde, einer der gefährlichsten Todesboten.

Diesmal sind seine Gegner ebenfalls Killer – wie er sind sie „Orphans“. Ausgebildete Killer der amerikanischen Regierung, effiziente Tötungsmaschinen, die die Drecksarbeit einer Demokratie erledigen. Das „Orphan-Programm“ ist beendet und in gewissen Kreisen der Regierung, möchte man diese ehemaligen Agenten loswerden. Orphan – gegen Orphan – und Evan Smoak ego Orphan X weiß viel zu viel.

Gregg Hurwitz Figur – „Orphan X“ ähnelt sehr der Figur des „Equalizers“ – es gibt hier durchaus Parallelitäten. Neben der Spannung, die der Titel: „Rache der Orphans“ garantiert, gibt es viel Action und überraschenderweise viel Sensibilität und selbst der Humor kommt nicht zu kurz. Manche Dialoge laden zum Schmunzeln ein – Evan Smoak ist immer bewaffnet, aber wenn es um alltägliche Situationen und soziale Verhaltensweisen geht – ist der Killer nichts anderes als ein hilfloses Kind. Seine Beziehung zu seinem gefundenen Mündel – ein junges Mädchen von 16 Jahren ist zugleich sehr ernst und humoristisch erzählt. Ebenfalls eine durch die Regierung ausgebildete Killerin, trotzdem noch immer hilflos, kindlich naiv und sich selbst suchend, erinnerst diese Evan daran, wie verletzlich er psychisch noch immer ist. Ein Fingerzeig „Menschlichkeit“.

Evan Smoak ist ein vielseitiger Charakter – dass zeigt sich in allen drei Bänden dieser großartigen Reihe. Weit entfernt davon ein Moralapostel zu sein, hinterfragt er sich ständig selbst, träumt von einem anderen Leben – weiß allerdings auch, dass es zu spät für ihn ist. Seine Taten sühnt er dadurch, für verzweifelte Menschen endliche Lösungen zu finden. Dies Lösungen sind verdammt brutal – skrupellos und kaltblütig tötet Evan Smoak, und Gewissenbisse hat er nicht. Seine Vorstellungen von Gut und Böse sind ziemlich einfach und geradlinig.

„Rache der Orphans“ ist so vielseitig wie die Hauptfigur es zeigt. Die Story ist es auch – allerdings weist diese auch keine Überraschende Wendungen auf. Geradlinig spannend – tolle Dialoge und gut eingesetzte Situationskomik, sowie ein trockener Humor sind die großen Stärken des vorliegenden Romans.

In der Reihe gibt es eine ganze Reihe von Protagonisten – viele davon Orphans und hier zeigt sich auch, wie selbstgefällig und eiskalt berechenbar sich die Regierung um seine ehemaligen und aktiven Agenten kümmert – Gar nicht. Werkzeuge – die benutzt und verschleißt ausrangiert werden.

„Rache der Orphans“ ist der dritte Band, dieser bisherigen Trilogie. Es kann der letzte Band sein – muss es ggf. aber nicht. Der Grundgedanke des Autors lädt dazu ein, diese Reihe entweder weiterzuführen, oder neu – aus anderen Perspektiven zu erzählen.
Es gibt nur wenig zu kritisieren, dadurch das Evan Smoak nun persönlich involviert ist, geht sein Idealismus als Nowhere Man bis eine kleine Zwischensequenz verloren. Schade – denn das ist die eigentliche Stärke und Schwäche dieser großartigen Figur.

Fazit

„Rache der Orphans“ ist ein ganz starker, dritter Band dieser Reihe. Spannende Action, trockener Humor – großartige Figuren. Ein Thriller den man sich nicht entgehen lassen sollte – aber lesen fangen Sie bitte bei Band 1 an. Unbedingt.

Michael Sterzik



Samstag, 12. Januar 2019

Stream - Derek Meister

Derek Meister ist nicht nur ein erfolgreicher Autor, der mit seinen Krimi-Reihen: „Die Fälle des Patriziers Rungholt“, die als historischer Krimi in der schönen Hansestadt Lübeck spielen, oder der: „Knut Jansen und Helen Henning – Reihe“ großartige Erfolge feiern konnte. Nein, er schreibt auch Drehbücher zu abendfüllenden Serien und Filme fürs Fernsehen. 

Mit seinem neuesten Titel: „Stream“ lässt sich Derek Meister auf ein neues Genre ein. Waren die beiden letzten Reihen im Genre Krimi zu finden, geht nun die literarische Reise weiter in die Thriller-Landschaft. 

Schauplatz und Bühne der Handlung in „Stream“ ist die Millionenmetropole Berlin. Frank Banta gehörte mit einer Sondereinheit der Nato an. Jawohl „gehörte“ – denn nun arbeitet er zusammen mit seinem Partner Jan und weiteren Spezialisten als Freelancer in der Sicherheitsbranche. Darauf spezialisiert Entführungsopfer diplomatisch, wie auch mit undiplomatischer Waffengewalt zu befreien. Vor Jahren ging allerdings eskalierte ein Auftrag und er verlor unter dramatischen Umständen seine Frau Anna. Jetzt – inzwischen wieder aus der Lethargie und der Verzweiflung erwacht sieht er seine totgeglaubte Frau in einem Chat-Roulette, einem Videostream wieder. Sie wird gefoltert und ihr Ehemann Frank Banta erfährt, dass er nur noch 52 Stunden Zeit hat seine Frau ein zweites Mal zu retten....

Im Grunde überrascht die Handlung nicht, es ist nichts neues. Ein Katz-und-Maus Spiel unter Zeitdruck. Ein verzweifelter, ehemals gebrochener Held, der seine Liebste retten möchte. Soweit – so gut – allerdings feuert Derek Meister ein rasantes Actionfeuerwerk ab. Das ohne „Werbepausen“ und ohne langweilige nicht zum Ziel führende Dialoge. Klar, finden hier Ermittlungen statt – der Chat muss analysiert werden, gibt es Hinweise auf die Region, kann das Signal verfolgt werden etc. Neben der harten Action gibt es dann auch noch den Passus der freundschaftlichen Beziehungskisten und darüber hinaus. Wem ist zu trauen – wer von den Teammitgliedern weiß ggf. mehr, wer verheimlicht etwas und herzlich willkommen bei den Todsünden: „Gier“, „Hass“ und „Zorn“ diese sind ebenfalls personell vertreten. Es gibt Romane, da erkennt der Leser relativ fix – den Grundgedanken, den Weg und auch die Auflösung der Story. Derek Meister schleudert allerdings seine Leser in ein Labyrinthisches Mehrfamilienhaus – eine überschaubare Anzahl an Protagonisten, verteilt auf unterschiedlichen zwischenmenschlichen Ebenen, unterminierte Gedanken, Risikoreiche Ausgänge und  gefährliche Sackgassen.

„Stream“ von Derek Meister ist ungewohnt hart – zwar gab es in den letzten Romanen „Blutebbe“, „Die Sandwitwe“ u.a. schon Situationen, die neben einer grandiosen Spannung, auch eine Brutalität zeigten, die vieles abverlangte – doch mit „Stream“ verlässt der Autor auch diese (Komfort)Zone. „Stream“ ist brillant konsequent und kompromisslos – es ist keine heile Welt, die sich einfach weiterdreht. Sie dreht sich weiter – allerdings nicht für alle. 

Derek Meister konzipiert meisterlich – Raffinierte Entwicklung, die ungemein fesselnd ist. Es gibt Rückblenden, die einzelnen Beziehungsebenen sehr offen zeigen und die Perspektive der Handlung konzentriert sich nur auf Frank Banta, sondern schlüsselt sich in andere Personen auf. 

Es ist nicht bekannt, ob „Stream“ der erste Band einer neuen Reihe ist, oder ob die Geschichte endet. Beides ist hier möglich – letztlich ist allerdings großes Potenzial. Allerdings muss Derek Meister dann seine „überlebenden“ Protagonisten völlig neu aufstellen – andere Stadt – eine Region und vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungskisten müssen samt und sondern kalibriert werden. 

Fazit

„Stream“ von Derek Meister ist ein mehrstufiges Actionfeuerwerk, mit brillanter, orchestraler Dramatik. Hart – konsequent, kompromisslos und fürchterlich spannend. 
Ein Titel – der vielleicht nicht Stream heißen sollte – sondern einfach nur „HASS“. 

Absolut empfehlenswert. Hochklassiger Spannungsroman, in dem alles an passender Stelle eingearbeitet wurde.

Michael Sterzik


Samstag, 5. Januar 2019

Die Ballade von Max und Amelie - David Safier

Haben Tiere ein Bewusstsein? Und wenn ja – was denken und fühlen zum Beispiel Hunde, die treuesten Freunde des Menschen? Treue und Freundschaft – überhaupt die elementarsten Werte, die man geben, nehmen und überhaupt empfinden kann. 

David Safiers Helden in seinem Roman: „Die Ballade von Max und Amelie“ sind diesmal tierisch gute Protagonisten. Wir reden hier von zwei sehr unterschiedlichen Hunden: Max – ein Rüde und wohlbehütet wohnhaft bei einem liebenden Frauchen und Herrchen, nebst liebevoller Tochter und dann „Narbe“ – oder auch Amelie, die in ihrem Hundeleben nicht anderes kennengelernt hat, als das (Über)Leben im Rudel auf einer Müllkippe. 

Wer hier erwartet eine humorvolle Handlung wiederzufinden, sei gewarnt – er ist nicht vergleichbar, gar nicht vergleichbar mit Titeln wie „Mieses Karma“ und ähnlichen humorvollen Erzählungen des Autors. Der vorliegende Roman ist sehr emotional, dramatisch, bewegend und nachhaltig besinnlich. Das David Safier vielfältiges Talent hat, steht spätestens seit seinem fantastischen und erfolgreichen Roman: „28 Tage“ völlig außer Frage. 

Eine Geschichte zu erzählen aus der Perspektive eines Hundes ist nichts neues in der Belletristik, doch David Safiers Bühne und seine Figuren gehen auf diesen Roadtrip ungewöhnliche Wege. Eine Liebe für die Ewigkeit – eine Liebe in den Wogen von Zeit und Raum, die den Tod überleben?!  David Safier gibt seinem Thema: „Reinkarnation“ eine neue Perspektive. Die Suche der beiden so unterschiedlichen Hunde wird zu einer Odyssee, einer Reise zu sich selbst und zu den Werten Liebe und Freundschaft. Vielleicht sieht der eine oder andere Hundebesitzer seinen tierischen Freund mit anderen Augen – Tiere sind halt auch nur Menschen. 

„Die Ballade von Max und Amelie“ bewegt sich manchmal an den Grenzen zum Kitsch, aber schafft gerade noch so eben die Ausfahrt und belohnt den Leser am Ende des Buches. Denn dieser wird unweigerlich zum Nachdenken animiert. Kitsch hin oder her, traurig, lustig, eine Freundschaft und Liebe für die Ewigkeit – hier kein Mitgefühl aufkommen zu lassen, wird schwierig sein. 

Fazit

„Die Ballade von Max und Amelie“ von David Safier ist ein tierisch guter Roman. Eine hoch emotionale Handlung und eine Reise, auf die sich der Leser ruhig einlassen sollte. Hier ist der Weg das eigentliche Ziel und am Ende des Weges – sieht man vielleicht sein eigenes Schicksal und das des liebenden, mit ganz anderen Augen. Danke David Safier für Denkanstöße die sich Raum und Zeit einfach mal so Wiedersetzen.

Michael Sterzik  



Freitag, 4. Januar 2019

Headhunt - Feldzug der Rache - Douglas Preston & Lincoln Child

Douglas Preston & Lincoln Child haben mit Ihrer Figur des Special Agent Aloysius Pendergast eine Kultfigur geschaffen. Derartig wandlungsfähig und voller Überraschungen und Geheimnissen, ist dieser ambivalenter Charakter inzwischen ein spannender Part in den Romanen. 

Im vorliegenden Band „Headhunt – Feldzug der Rache“ ist der blasse, immer in schwarz gekleideter Bundesagent nicht persönlich involviert. 
Schauplatz der Handlung ist diesmal New York und hier treibt ein hochintelligenter Serienmörder sei perfides Spiel. Opfer des oder der Täter, sind mächtige Persönlichkeiten, die sich professionell darauf verstehen sich zu schützen – allerdings sind diese Sicherheitsmaßnahmen für den Mörder kein Hindernis. In Big Apple grassiert die Angst – wer ist das nächste Opfer des Mörders, der als Trophäe den Kopf des getöteten behält? Vincent D’Agosta und Aloysius Pendergast werden durch den Bürgermeister unter Druck gesetzt...die Mordserie muss beendet werden...schnellstens...

Der 17. Band entwickelt sich sehr langsam. Trotz der Ermittlungen geschehen weitere Morde und überwiegend ist das Ermittlerduo in der Defensive. Bei aller Intelligenz von Pendergast – ist dieser nun auf einen Gegner getroffen, der ihm wirklich gefährlich werden könnte?! Pendergast ist durch die jüngsten, persönlichen Ereignisse und seinen Gefühlen zu Constance aufgewühlt. Auch wenn er meint, immer Herr der Situation zu sein – diesmal nicht – diesmal muss sich Pendergast auf das konzentrieren, was ihm wichtig ist und gibt schon so im Epilog einen Fingerzeit, wie es mit ihm persönlich weitergeht.

„Headhunt“ ist weniger mysteriös oder paranormal wie vergleichbar andere Titel aus dieser Reihe. Der oder die Täter sind zwar hochintelligent, mit einigen Talenten versehen, aber bedienen sich nicht phantastischer Elemente oder Eigenschaften. Derartig weltlich ging es in wenigen Romanen des Schriftstellerduos zu. Auch bekannte andere Persönlichkeiten, aus den anderen Vorgängertiteln, stehen hier nicht unmittelbar auf der Bühne. Abwechslung muss sein, aber ein Titel bei dem alle anderen überlebende Feinde und Freund sich einfinden, wäre faszinierend. 

So schwach sich die Handlung auch entwickeln mag, zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse. Pendergast wäre nicht er selbst, wenn er hier keinen Ausweg finden würde, aber selten habe ich diesen so derartig ängstlich in einer Ecke stehen sehen. Seine altgewohnte, traditionelle Stärke offenbart sich erst, als es schon fast zu spät ist – und nicht alle von den „Guten“ überleben am Ende. 

D’Agosta ist ebenfalls nicht besonders stark involviert in der Handlung. Immer hinter Pendergast herlaufend ist seien Figur zu einer Nebenfigur korrigiert. Schade eigentlich – denn seine Figur hinkt den Anforderungen einer spannenden Handlung sprichwörtlich hinterher. Hier muss bald etwas geschehen, was in ggf. auch persönlich fördert und fordert. 

Fazit

„Headhunt – Feldzug der Rache“ ist nicht stärkste Band der Reihe. Der Showdown ist ein faszinierendes High Noon in einer spektakulären Kulisse. Spannendes intellektuelles Duell mit Kugeln und Köpfchen. Der Preis – innerer Frieden und ggf. nur nicht den Kopf verlieren. Starker Plot – schwache Handlung – brisantes Ende. 

Michael Sterzik 

Montag, 31. Dezember 2018

Die Blutchronik - Liliana Le Hingrat

Im Historischen Genre gibt es viele Länder, vor allen Europäische in denen die Handlungen spielen. Vorweg höchstwahrscheinlich England, aber auch Deutschland gewinnt durch immer mehr deutsche Autoren an Gewichtung. Ob diese nun historisch korrekt sind, der Unterhaltungswert soweit passt, ist immer individuell subjektiv in der Analyse. Doch was wissen wir über unsere osteuropäischen Nachbarn. Viel zu wenig – nur ein kleiner Bruchteil findet hier eine literarische und unterhaltsame Aufmerksamkeit.

Das Osmanische Reich – die Bedrohung die Europa jahrelang wie ein schwingendes Damoklesschwert durchschnitt. Seien wir ehrlich – wir wissen nicht wirklich viel.
Im vorliegenden Band: „Die Blutchronik“ von Liliana Le Hingrat, wird die Lebensgeschichte von Vlad III. Draculea abschließend erzählt. Es ist ein großes Stück mittelalterliche Geschichte, die sich die aus Rumänien stammende Autorin vornimmt. Es ist ebenfalls ein dunkles Kapitel – von dem wir nicht vieles wissen. Allerdings wissen wir, dass die historische Person „Vlad III.“ von irischen Autor Bram Stoker inspiriert wurde und dieser ihn sprichwörtlich „untot“ immer wieder durch seinen Welterfolgsroman „Dracula“ auferstehen ließ. Jede Legende, jede Sage hat einen wahren Kern und diesen thematisiert Liliana Le Hingrat wirkungsvoll.

Der Ritter des Drachenordens, den man in Quellen auch als „Sohn des Teufels betrachtet – ist ein rumänischer Volksheld. Soviel erstmals zu dem Personenkult. Im Film, in der Literatur, in Comics usw. wird Dracula als „Untoter“ dargestellt, als Vampir der gerne das Blut von jungen, schönen Frauen trinkt. Eine Schreckensgestalt, die unsterblich wurde. Es gibt aber auch Varianten, die den Ritter und Fürsten als tragische, traurige und betrogene Person darstellen. In der Kunst ist halt alles erlaubt. Aber kommen wir zurück zu den authentischen Fakten.

Liliane Le Hingrat gibt in „Die Blutchronik“ ihrer Figur Vlad III. Tepes – auch genannt der Pfähler, ein authentisches Bild. Widerstandskämpfer? Bollwerk gegen die Osmanische Eroberungspolitik? Ehrenvoller Mensch – mit Mann voll der edlen Werte? Ein brutaler Mörder? Ein Politiker, der über Leichen geht? Ein Kriegsverbrecher? Ein liebender Ehemann und Vater?

Ja und Nein – Der Leser wird sich ein eigenes Bild von dieser Person machen müssen. Die Autorin beschreibt die Lebensgeschichte sehr authentisch, wenn auch sehr komprimiert, dazu aber später mehr. Eines ist sicher: Liliana Le Hingrat räumt auf mit dem Mythos dieser stark polarisierenden Person. Die Autorin belebt dieses dunkle Kapitel sehr effektiv und drastisch. Sie nimmt dabei kein Blatt vor dem Mund und begibt sich erzählerisch plakativ gerne inmitten einer blutigen Schlacht. Sicherlich darf an dieser Stelle auch die „Liebe“ nicht fehlen, doch diese verschwindet im Strudel von politischen Machtkämpfen und Intrigen zur Bedeutungslosigkeit. Spannend ist „Die Blutchronik“ allemal und legt ein hohes Tempo vor.

Allerdings geht es in „Die Blutchronik“ primär um den eigenen Thronanspruch Vlad III, weniger um die Bedrohung durch die Osmanen. Hier drängt sich die historische Person: Janos Hunyadi deutlich hervor. Der ungarische Staatsmann und Heerführer ist das eigentliche Bollwerk gegen die Bedrohung. Er und andere Charaktere sind deutlich sympathischer und aktiver, als Vlad III. Leider ist diese Perspektive also relativ einseitig, erst in den letzten Kapiteln geht Vlad III. in die Offensive und stellt sich dem osmanischen Heer. Etwas mehr Perspektiven wären intensiver gewesen.

Historisch gesehen ist Vlad III. kein Volksheld – er war ein brutaler, egoistischer Mörder, ein Kriegsverbrecher der durch Angst und Abschreckung regierte. Auch das erzählt die Autorin sehr drastisch, ohne allerdings eine persönliche Wertung abzugeben.

Liliane Le Hingrat hat außerordentlich gut recherchiert. Natürlich ist sie durch ihre Nationalität äußerst motiviert und kann durch ihr Studium auf Quellen eingehen, die sich anderen ggf. verschließen. Viele historischen Begebenheiten und noch mehr historische Personen finden sich ein. Das wirkt sich natürlich sehr, sehr positiv auf die Handlung aus. Natürlich interpretiert die Autorin anhand ihrer persönlichen Recherchen die eine oder andere Situation, oder die politische Lage.

„Die Blutchronik“ umfasst knappe 680 Seiten und wirkt im letzten drittel außerordentlich gehetzt. Das liegt allerdings nicht an der Autorin, sondern am Verlag, der diesen Roman um knappe 250 Seiten kürzte. Schade – vielleicht kommt mal ein Directors Cut.

Die Figur des „Dracula“ ist vielseitig, aber so finde ich auch bei allen Grausamkeiten, die aufgezeigt werden, noch viel zu sympathisch gezeigt. Ambivalent in jedem Fall – aber er ist ein negativer Anti-Held – ein Monster – zwar kein Vampir – aber trotzdem machthungrig, brutal, tödlich, menschenverachtend.

Der Roman „Die Blutchronik“ ist großartig, wenn auch manchmal analytisch in der Perspektive gesehen zu eindimensional. Das Osmanische Reich – die Motivation des Sultans usw., die machtpolitischen Interessen anderer Könige, Regionen und nicht zuletzt der Kirche sind zu wenig ausgebaut.

Fazit

Liliana Le Hingrat ist eine großartige Erzählerin, die allerdings mit ihrem Talent nicht den Höhepunkt erreicht hat. Aber ich glaube, dass wird Sie und ich hoffe, dass das nächste Romanprojekt ein anderes Zeitfenster und einen anderen Mittelpunkt hat.

Empfehlung: Lesen Sie: „Das dunkle Herz der Welt“ und „Die Blutchronik“ schnell nacheinander. Prädikat: Empfehlenswert - historische Spannung wird garantiert.

Michael Sterzik