Samstag, 9. Juli 2022

Der Schnitter und der Löwe - Toni Garber

 


Von 1618 bis 1648 verwüstete der Dreißigjährige Krieg weite Teil Deutschlands. Der Konflikt begann als Religionskrieg in Europa und endete schließlich als Krieg um verschiedene Territorien. Protestanten und die Katholische Liga kämpften verbissen um die Vorherrschaft auf dem Kontinent Europa. Das Heilige Römische Reich, wie auch die protestantische Union führten einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg. Ganze Städte und Dörfer wurden ausgelöscht, die Brutalität der marodierenden Söldner, die auch immer wieder die Seiten wechselten, kannte keine Grenzen.

Ein Menschenleben war in dieser Epoche nichts wert. Viele Menschen wurden in den Anfängen des Krieges geboren und starben inmitten dieser Zeit. Einen „Frieden“ kannten diese nicht. Das Sterben, die Angst, das Töten, der Verlust der Familie und Freunde wurden fester Bestandteil manchen kurzen Lebens. Der Dreißigjährige Krieg ist das Urtrauma der deutschen. Doch auch „ausländische“ Herrscher trachteten nach Macht und Einfluss: Schweden, Spanien, Österreich, Niederlande und Dänemark – verwandelten Europa in eine blutgetränkte Trümmerlandschaft.

Im vorliegenden historischen Roman „Der Schnitter und der Löwe“ kommt auch eine historische Figur vor: die des schwedischen Königs - Gustav ll. Adolf, auch genannt, der Löwe aus Mitternacht. Eine charismatische Figur – ein Anführer, der selbst auf dem Schlachtfeld unter seinen Soldaten kämpft. „Der Schnitter“ ist ein junger Mann, der einen „Dämon“ in sich trägt und vortrefflich mit seinem Sarazenenschwert auf dem Schlachtfeld einen Tanz des Todes aufführt. Respektiert und gefürchtet – vergisst er auf dem Schlachtfeld seine Menschlichkeit und verstümmelt und tötet schnell und effektiv. Erst nach der Schlacht – gelingt es seiner eigenen Persönlichkeit – wieder die Oberhand zu gewinnen. Zurückbleibt ein schwer traumatisierter junger Mann – der sich seiner Taten schämt, aber als Kind des Krieges nichts anderes kennt als die Gewalt.


Heiliges Römisches Reich, 1631
Man nennt ihn den Schnitter, weil er von einem Dämon besessen ist. Er ist jung und dennoch bereits eine Legende unter den Handwerkern des Todes. In den Wirren des Krieges ist der junge Söldner auf der Jagd nach einem Serienmörder, um zu beweisen, dass nicht sein Dämon die Schuld daran trägt. Könnte das Mädchen, das er liebt, das nächste Opfer sein? (Verlagsinfo)

Toni Garber, der sich literarisch in vielen Genres bewegt, konzentriert sich nun, mit seinem aktuellen Roman, auf den historischen Sektor. „Der Schnitter und der Löwe“ ist eine höchst temporeiche Geschichte, der die Leser inmitten des Dreißigjährigen Krieges katapultiert. Toni Garber erzeugt wenig Spannung in seinem Roman – primär interpretiert stehen hier die Grausamkeiten des Krieges im Fokus Es wird getötet, verstümmelt und gestorben – erzählerisch sehr detailreich und auch wenn diese Brutalität auf den Leser verstörend wirken sollte – die Realität des Lebens und Sterbens in diesem Vernichtungskrieg, diesen Schrecken kann man mit Worten wahrscheinlich nicht transportieren.

Dabei versteht es Toni Garber vortrefflich nicht nur vom Töten zu erzählen, sondern erzählen die Protagonisten von einem Leben vor dem Krieg, von zerstörten Familien, von Kleinigkeiten in „früheren“ Leben, an die sich die vernarbten Seelen der Mörder verzweifelt klammern. Es zeigt ein wenig die Menschlichkeit, die in diesem Konflikt faktisch nur wenig Raum eingenommen hat.

Unter Mördern einen „Mörder“ zu suchen und zu finden – ist in etwa so wie eine bestimmte Nadel im Nadelhaufen zu ermitteln. Dieser kleine Kriminalfall ist aber nicht der Mittelpunkt des Geschehens – sondern eher alte Rechnungen, Rache und Aufarbeitungen, die letztlich der Tod abschließt.

Der Roman mit einer Seitenstärke von knappen 300 Seiten lässt nicht viel Raum, um die Figuren eine erzählerische Tiefe zu geben. Schade – denn genug Potenzial wäre vorhanden. Die Hauptfiguren haben zwar Gelegenheit sich zu erklären, aber das gelingt nur sehr oberflächlich. Schade -denn Toni Garber hat großartiges Talent seinen Figuren eine „Seele“ zu geben und auch eine Geschichte zu erzählen, die perfekte Unterhaltung bietet. Es ist ein wenig so, als wäre „Der Schnitter und der Löwe“ ein erster Versuch – ein persönlicher Prototyp, um selbst zu ermitteln, ob er das Genre beherrscht. Toni Garber – sollte sich ruhig auf dieses Genre konzentrieren und sich weiter ausprobieren.

„Der Schnitter und der Löwe“ ist leider kurzweilig, aber verdammt gut und sehr, sehr unterhaltsam erzählt. In puncto erzählerische Qualität hält sich Toni Garber nicht mit Nebensächlichkeiten auf. Seine bildhafte, kompromisslose und vor allem konsequente Sprache vom Töten, Sterben und (Über)leben zu schreiben, ist sehr gut.

Neben dem Tod – kommt auch die Liebe und Dramatik nicht zu kurz, wird aber im Schatten von Gewalt und Angst nicht romantisiert. „Der Schnitter und der Löwe“ ist als Einzelband gedacht – schade eigentlich, denn die Figuren würde ich gerne in weiteren Teilen sehen.

Probieren Sie sich bitte weiter aus, Herr Garber. Ihre Art uns inmitten einer Epoche zu werfen, die Europa geprägt hat, in einer Welt der Grausamkeiten, aber auch der Hoffnung, konnte mich gut überzeugen. Lassen Sie also den Schnitter und seine Freunde die Gelegenheit, sich noch mehr als „Mensch“ zu zeigen – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Fazit

Ein kurzweiliger, aber sehr, sehr guter Roman – der beispiellos konzentriert den Dreißigjährigen Krieg präsentiert. Schnell – brutal – authentisch und hochunterhaltsam. Ein Roman den ich sehr, sehr empfehlen kann. Unbedingt lesen.

Michael Sterzik

Dienstag, 5. Juli 2022

Der Libanese - Clemens Murath


Das organisierte Verbrechen in Deutschland – eine kriminelle Schattenwelt in der auch die Politik, die städtische Verwaltung, wie auch die Wirtschaft involviert sind. Der Kampf der militanten, meist ausländischen Familien um die Vorherrschaft in einem Stadtteil, oder gar der Stadt selbst, wird mit harter und brutaler Intensität geführt. Der kriminellen Energie sind hier keine Grenzen gesetzt. An die Grenzen kommen jedenfalls die Polizeibehörden, die das organisierte Verbrechen als eine Hydra bezeichnen. Bekämpfen um jeden Preis – aufhalten ist unmöglich, aber dieser Maschinerie durchaus brauchbare Schäden zuführen – das kann gelingen. Der Preis für diese kleinen Erfolge ist allerdings viel zu hoch: Kaputte Ehen, Drogenmissbrauch mit Alkohol und sonstigen synthetischen Drogen ist nicht selten und als Staatsbeamter mit geringem Gehalt, aber viel persönlichen Risiko ist man vielleicht auch bereit, sich selbst an Drogen und Geldern zu bereichern. Der schmale Grat zwischen Legalität und Kriminalität ist hauchdünn und der Abgrund auf beiden Seiten tief.

Clemens Murath nimmt sich genau diesen Themen an – und zwar allen. Nicht nur dem Verbrechen, sondern auch die Vernetzung mit der Wirtschaft usw. und auch die Anspannungen und Risiken der Polizei werden mit klaren Worten erklärt.

Ein Stück Gegenwartsliteratur, dass dem Leser schonungslos und absolut radikal vor Augen führt, dass selbst die Polizei versucht unter dem Radar die Kriminalität zu bekämpfen, und zwar mit kriminellen Alternativlösungen. Nicht ungemein originell, aber zweckmäßig

Frank Bosman führt mit seinem Team vom LKA einen ziemlich hoffnungslosen Kampf gegen Arslan Aziz, den Kopf einer libanesischen Großfamilie, die das Drogengeschäft in Berlin weitgehend kontrolliert. Als die albanische Mafia aggressiv auf den Markt drängt und Arslans Bruder Tarik einen Konkurrenten ermordet, sieht Bosman die Chance, den ganzen Clan zur Strecke zu bringen. Doch die Festnahme endet blutig, und Bosman kommt schwer unter die Räder. Nicht nur hat er die internen Ermittlungen wegen der tödlichen Schießerei am Bein, sondern er muss sich einer blutjungen Augenzeugin erwehren, die ihn jederzeit in den Knast bringen kann. Als wäre das noch nicht genug, stellt sich heraus, dass sein Schwager Harry, ein windiger Filmproduzent, in den Fall verwickelt ist. Er schuldet Aziz eine Menge Geld, das er nicht zurückzahlen kann ...(Verlagsinfo)

„Der Libanese“ ein Roman, der sich nicht mit Nebenhandlung aufhält, der schnell und einfach erzählt wird, dass man kaum mehr merkt, ob es gerade spannend war, oder noch ist. Diese schonungslosen Beschreibungen, die sehr detailliert sind, diese Mischung aus Sex & Crime ist nicht für jeden etwas. Vielseitig sind die auch die Charaktere – dass Schema „Good Cop and Bad Cop“ wird man hier nicht finden – es sind alles Bad Cops. Alle sind erpressbar, jeder hat gewisse Leichen im Keller, mancher einen ganzen Friedhof voller Sünden, voller Geheimnisse, und Abhängigkeiten. Fällt also ein Beamter – kann er gerne wie ein Lemming gleich mal viele Mitwisser und Dulder mitreißen.

Doch auch die „Bösen“ sind nicht nur eindimensional schlecht. Die Motivation sich dieser kriminellen Spirale zu entziehen, sich auf die helle Seite der Macht einzureihen ist löblich, aber sich aus diesem Sumpf zu befreien kann ebenfalls ein Kampf gegen eine Hydra werden. Dem Autor Clemens Murath gelingt das fabelhaft überzeugend.

Für Action ist gesorgt – Sex und Gewalt findet man auch und diverse andere Todsünden finden sich auch ein. Wie schon gesagt, findet der Autor, aber auch neben seiner brachialen Rhetorik, auch sanfte Worte, die dem Menschen die Maske der Kriminalität entfernen. Darunter zeigt sich dann der Mensch, der ohne Hilfe seiner Familie und Freunde keinen Ausweg finden wird.

Neben der Spannung kommt auch der Humor nicht zu kurz. Dieser ist aber auch genauso schwer zu verdauen und oftmals tiefschwarz.

Vieles ist sehr gut an diesem Roman. Einiges bedient aber auch jedes klassische Vorurteil, an das man denkt – wenn das Wort „Clan-Kriminalität“ fällt. Viele Klischees werden ebenfalls bedient – trotzdem zeigt „Der Libanese“ schonungslos auf, welche internen Strukturen es gibt, wie schmal der Grat zwischen der höheren Gesellschaft und der Kriminalität ist.

Clemens Ausdruck, sein Stil eine Geschichte zu erzählen ist absolut offensiv. Knallharter Roman, der vielleicht mehr zeigt, als er muss und spannende Unterhaltung bietet. Die Figuren sind skurril, aber herrlich (un)sympathisch, dass man doch sehr neugierig ist, wie es denn mit den „Bad Cops“ so weitergeht.

 

Michael Sterzik

Montag, 20. Juni 2022

Blutland - von Kim Faber und Janni Pedersen


Nach den beiden Titeln: „Winterland“ und „Todland“ des dänischen Journalistenpaares, folgt nun mit „Blutland“ der abschließende Band der Trilogie.

Die Autoren verstehen ihr Handwerk und wissen wie und worüber sie schreiben. Sie wissen, wie man eine unterhaltsame Spannung erzeugt und vor allem auch gewissen Überraschungsmomente einbaut. Der vorliegende Roman befasst sich nicht mit geheimdienstlichen Altlasten, oder akute Bedrohungen durch rechtsextreme Terroristen. Diesmal spielt die Vergangenheit zwar auch eine wesentliche Rolle – doch dreht sich jetzt alles um einen alten Kriminalfall, der durch einen neuen Mord wieder reanimiert wird. Diese Reihe um Juncker & Kristiansen gehört zu den derzeit besten skandinavischen Titeln aus dem Genre Krimi/Thriller.

Die Bestie im Menschen – es gibt sie! Sie ist manchmal zahm, man kann sie kontrollieren, zähmen – doch sie kann auch mit Gewalt ausbrechen und fürchterliche Taten vollbringen. Brutal – unmenschlich – rücksichtslos und vernichtet ggf. Existenzen und Leben. Kennen wir den Menschen, mit dem wir ggf. seit Jahren leben, vielleicht zusammenarbeiten, mit dem wir befreundet sind? Manchmal so nah, und doch so fern. Wenn Masken fallen – was bleibt dann übrig?

Martin Juncker ist gerade zur Kopenhagener Polizei zurückgekehrt, da entbrennt in der dänischen Hauptstadt ein Kampf zwischen Neonazis und Rechtsradikalen auf der einen Seite und autonomen Gruppen und Einwandererbanden auf der anderen. Dabei wird ein Neonazi erstochen, und Junckers frühere Partnerin Signe Kristiansen übernimmt die Untersuchung des Mordes. Kurz darauf wird die Leiche einer Frau in einem Naturschutzgebiet gefunden: erdrosselt und sexuell missbraucht. Martin ermittelt in diesem Fall, und zum ersten Mal seit langer Zeit arbeitet er wieder mit Signe zusammen. Denn die beiden vermuten, dass die Taten von demselben Mann verübt wurden – einem eiskalten Killer, der es vermag, auch die erfahrensten Polizisten auf die falsche Fährte zu locken.(Verlagsinfo)

Ich hoffe, dass der dritte Band nicht der abschließende ist. Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am besten ist – aber ein „Ende“ wäre zu verfrüht.

Die Charaktere sind gewachsen in den Storys. Sie sind gereift, aber lange nicht vollkommen und perfekt. Sie begehen Fehler, sind egoistisch, belügen sich und andere usw. Eine große Anzahl auf dem persönlichen Sündenregister – doch sympathisch findet man sie dennoch. Mal mehr – mal weniger.

Die Handlung bzw. die Sexualdelikte in denen Juncker & Kristiansen ermitteln zeigen die „Bestie“ im Menschen. Verbrechen – bei denen die Frauen, die vergewaltigt worden sind, den Tod vorziehen? Nicht nur der Körper ist vergewaltigt – die Seele auch und das mit irreparablen Schäden. Ein Schrecken, den das Buch direkt in die Köpfe der Leser transportiert, und das schonungslos.

Der dritte Band ist auch der spannendste, obwohl die Abgrenzungen eher verschwimmen. Nicht nur die Spannung gehört zum Lesevergnügen, denn auch die Charaktere übernehmen den zweiten Part. Haupt- und Nebenfiguren sind ausgewogen und genau so aufgestellt, dass sie sich weder behindern noch andere verdrängen. Der Fokus liegt bei Martin Juncker – auch sein Privatleben hat seine Kapitel, doch die Dramatik liegt bei diesem Kriminalfall, der auch ganz ohne den Nebendarsteller Kommissar Zufall zurechtkommt.

Zufälle klammern wir also nun aus – allerdings gibt es sehr gute Überraschungsmomente, die die beiden Autoren sich hier sehr raffiniert ausgedacht haben.

Alle Kapitel sind geschlossen – alles ist erzählt? Wenn, dass der Fall ist – so sollte man sich dennoch das Autorenpaar gedanklich notieren. Durch ihre berufliche Vergangenheit, wissen sie genau, welche „Knöpfe“ sie bei dem Leser drücken müssen, um diesen zu unterhalten.

Fazit

Wenn Masken fallen – was bleibt übrig? Vergangenheit und Gegenwart im schrecklichen Einklang. Eine Sinfonie des (Über)Lebens. Eine Thriller- Reihe, die man unbedingt lesen sollte. Prädikat: Pageturner

Michael Sterzik 

Sonntag, 12. Juni 2022

Der gute Samariter - Cilla und Rolf Börjlind


Inzwischen gibt es viele Titel in der Belletristik, die das allgegenwärtige Thema der Covid-Pandemie thematisieren. Viele Autoren meiden das brisante Thema, das die Bevölkerung in zwei Lager spaltet. Die letzten 2 ½ Jahren beherrschte das Virus unser Handeln, unseren Aktionismus, zeigte, wie verletzlich wir waren, und es noch immer sind. Es zwang uns einer Quarantäne, zu vielen Lockdown, zur Eingrenzung von so wichtigen sozialen Kontakten usw. Schaut man hinter den Kulissen war nicht alles schlecht – leider offenbarte es auch bei vielen Menschen ein völlig verwirrtes ideologisches Weltbild. Wilde Verschwörungstheorien ließen uns manchmal sprachlos dastehen. Die Gefahren der Nebenwirkungen, die ggf. eine Impfung mit sich bringt – wurden stark dramatisiert. Man könnte endlos darüber diskutieren – wer, oder wie die Wahrheit aussieht. Aber lassen wir diese Diskussion und widmen uns den 7. Buch der Rönning/Stilton-Reihe – der wieder einmal beweist, wie man hochaktuell, spannend, aufrüttelnd und vor allem unterhaltsam einen Krimi verfassen kann.

Das schwedische Autorenduo nimmt das brisante Thema Covid sehr selbstbewusst auf. Der Titel teilt sich in zwei Handlungen auf, die letztlich dann doch zu einem mutieren und das ganz fabelhaft.

Olivia Rönning ist verschwunden. Ihre Kollegin Lisa Hedqvist ist sich sicher, dass sie entführt wurde. Als Tom Stilton von der Sache erfährt, kehrt er aus seiner selbstgewählten Corona-Isolation in den Stockholmer Schären in die Stadt zurück. Er und Lisa folgen der Spur zu einer einsamen Hütte. Doch als sie sie erreichen, steht das Haus bereits in Flammen. Eine tote Frau wird gefunden. Ist es Olivia? Zur gleichen Zeit koordiniert ihre frühere Chefin Mette Olsäter die Sicherheit der landesweiten Corona-Impfstofflieferungen, doch es gibt Hinweise, dass der Transport sabotiert wurde ...(Verlagsinfo)

In „Der gute Samariter“ konzentriert sich die Handlung auf Olivia Rönning und schickt den ehemaligen Kommissar und früheren Obdachlosen erzählerisch in die zweite Reihe. Das ist sehr, sehr schade denn gerade derer beider Zusammenspielt zeichnet diese hervorragende Krimi-Reihe aus.

Wer die Reihe kennt, merkt auch, dass Oliva Rönning sich schneller entwickelt. Aus der Polizeischülerin ist eine taffe Kriminalbeamtin geworden – aus Tom Stilton ein manchmal in sich ruhender Einsiedler, der zwar die Gesellschaft meidet, aber dessen Herz noch immer sehr stark für die Kriminalistik schlägt. Dieses Ungleichgewicht sollte das Duo schnellstens beheben.

Covid – mit allen sozialen Haupt- und Nebenwirkungen, nimmt hier einen großen Raum ein. Verschwörungstheorien rund um die Impfungen – darum dreht es sich letztlich auch. Flankiert wird das Thema von einer Familie, die ein Faible für das Feuer und Brandstiftung hat. Weiterhin bricht das Autorenduo für das Ärzte- und Pflegepersonal eine Lanze und erzählt von Aufopferung, aber auch von unterschiedlichen Meinungen innerhalb einer Familie.

Die Dynamik und Dramatik in diesem Buch ist fantastisch. Eine hoch spannende Geschichte – ohne viele Nebengeschichten und ohne viele Rückblicke auf vergangene Zeiten. Das dürfte sich allerdings im achten Band deutlich anders darstellen.

Die Ermittlungsarbeit ist hier perfekt in Szene gesetzt. Ein Verhör am Ende des Romans ist atemberaubend spannend und zeigt das ideologische Böse in einer erschreckenden Klarheit. Selbst wenn Täter zu Opfern werden, darf und wird man Mitgefühl entwickeln – diese Sensibilität lässt einen schaudern.

Überhaupt, wenn man jetzt von einer authentischen Handlung spricht – steht der Mensch und nicht Covid im Zentrum des Geschehens und zeigt auch hier mahnend auf, dass es Hoffnung gibt, solange man hofft, glaubt und menschlich handelt.

Ich hoffe, dass Tom Stilton im nächsten Band wieder eine tragende Rolle spielt, und es würde mich freuen, wenn er den Weg in den Polizeidienst wiederfindet.

Fazit

Hochaktueller Roman – der sich etwas traut und durchaus Stellung bezieht. Toller Kriminalfall und die Figuren sind sowieso ein Garant für eine große Unterhaltungsshow.

Die Reihe gehört mit zu den besten im Genre Krimi. Eine Reihe, die man lesen muss – Unbedingt.

Michael Sterzik

Nachts im Kanzleramt - Marietta Slomka


Deutsche Politik – im Kanzleramt und in den Ministerien in Berlin. Ein Leitungsbüro im Herzen Berlins, in das die wenigsten Normalsterblichen Zugang haben. Tag und Nacht werden hier Entscheidungen getroffen, die nicht nur Auswirkungen auf unsere Bevölkerung haben. Die Mühlen der Politik arbeiten nicht hinter einem eisernen Vorhang, aber doch hinter verschlossenen Türen. Das hat weniger etwas mit „Geheimnissen“ zu tun, und viel weniger als was wir uns unter dunklen Machenschaften vorstellen. Es ist ein(e) Beruf(ung). In den Medien gibt es viele Vokabeln, mit der gerade jüngere Menschen noch nicht viel anfangen können. Dieses Wissen legt man sich zu, wenn man sich ggf. für die große und kleine Politik interessiert. In Schule etc. wird das Thema nur bedingt erklärt, und man sich sicher sein, dass die jungen Schüler/innen wenig Interesse an trockenen Erklärungen übrighaben.

Der Blick hinter den Kulissen im Kanzleramt – egal ob zur Tages- oder Nachtzeit hat die bekannte und sympathische Journalistin Marietta Slomka sehr einfach, aber auf den Punkt beschrieben. Nicht ohne Humor erklärt uns die Journalisten das kleine 1x1 der Politik.

Nichtsdestotrotz ist ein Sachbuch geworden. Mariette Slomka schreibt es aus der Motivation, dass ihr Verständnis für die Demokratie kein Selbstläufer ist. Um die Prozesse rund um die Staatsform und ihre Struktur besser zu verstehen – das ist wohl die tragende Botschaft des vorliegenden Titels.

Lohnt es sich überhaupt, wählen oder demonstrieren zu gehen? Ist der Rechtsstaat gerecht? Wer sind die wirklich Einflussreichen in Berlin? Und warum tagen Politiker oft bis in die frühen Morgenstunden? Die Vermittlung komplizierter Sachverhalte für ein breites Publikum ist Marietta Slomkas Beruf. In „Nachts im Kanzleramt“ erklärt sie unterhaltsam und gut gelaunt, wie Politik tatsächlich funktioniert. Sie nimmt ihre Leser mit auf eine Reise von den Grundlagen der Demokratie bis zu den großen Fragen der Weltpolitik und liefert dabei immer wieder praktische Beispiele, die den Politikbetrieb erklären – von Pandemiebekämpfung bis Greenwashing. Nebenbei bietet sie einen „Schnellkurs Wirtschaft“ und Einblicke in die heutige Medienwelt. Wer dieses Buch gelesen hat, ist fit für jede politische Debatte! (Verlagsinfo)

Die Zielgruppe richtet sich deutlich an jüngere Menschen, die sich noch nicht mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, oder wenig. Untermalt werden diese Erklärungen mit ironisch-witzigen Cartoons, die es noch einmal wenig auflockern sollen.

Um das Buch als „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen, sollte man sich selbst an seiner persönlichen Erwartungshaltung orientieren. Als Sachbuch ist es vergleichbar mit einem kleinen Duden der Politik – konzentriert auf den Punkt gebracht und für junge Menschen durchaus unterhaltsam, lehrreich und auch der Humor kommt nicht zu kurz. Wer Marietta Slomka aus dem Fernsehen kennt – wird die Journalistin hier wiedererkennen. Ihr Stil ist manchmal „frech“ – direkt und verfügt über einen wundervollen, manchmal trockenen Humor.

Fazit

„Nachts im Kanzleramt“ ist das kleine 1x1 der politischen Begriffe, der unterhaltsame Duden für ein labyrinthisches „Who's who“ und überhaupt ein wenig von wie, wo, was. Hervorragend, unterhaltsam und sollte sich bitte in den Schulen wiederfinden.

Michael Sterzik

Dienstag, 7. Juni 2022

Rabbits - Spiel um Dein Leben - Terry Miles


Seit der Quantenphysik steht die wissenschaftliche Welt zwar nicht kopflos da, aber viele Fragen können wir noch immer nicht beantworten, vielleicht weil wir etwas übersehen, oder wir noch nicht das „Wissenslevel“ erreicht haben? Gibt es andere Dimensionen neben uns? Das Gefüge Raum und Zeit ist ggf. nicht mehr so starr wie es aussieht – andere Gesetze und dahinter Welten, die wir noch nicht erkannt, oder gesehen haben!

Befinden wir uns philosophisch interpretiert in einem großen „Open World Game“? Ist die Menschheit der Spielplatz einer, oder mehrerer Gottheiten? Ist unsere Seele, unsere Energie aus Gedanken, Erfahrungen usw. unsterblich? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?

All diese Fragen, bzw. die meisten werden mehr oder minder im vorliegenden Buch verarbeitet, ohne allerdings in eine philosophische Tiefe zu gehen. Der Roman von Terry Miles stellt sich als Thriller dar – ist er allerdings zu keinem Zeitpunkt. „Rabbits“, erzählt vieles verspielt, ohne wirkliche Substanz zu besitzen.

Es ist ein normaler Arbeitstag. Du siehst auf die Uhr: 4.44. Du checkst deine Mails, und 44 ungelesene Nachrichten warten auf dich. Schockiert realisierst du, dass heute der 4. April ist – der 4.4. Und als du in dein Auto steigst, um nach Hause zu fahren, zeigt der Kilometerzähler 44.444 an.
Zufall? Oder hast du gerade RABBITS für dich entdeckt?

Seit vielen Jahren hat K keine Familie mehr und kann sich nur noch auf zwei enge Freunde verlassen – Chloe und Baron. Gemeinsam sind sie süchtig nach RABBITS. Niemand weiß genau, seit wann dieses geheime Spiel im Untergrund existiert. Wann endlich die nächste Runde beginnt. Wer mitspielt. Was der Gewinner bekommt. Doch diese eine Regel ist klar: Die Spieler dürfen nicht darüber sprechen. Und wer gegen die Regel verstößt, schwebt in Lebensgefahr. So wie ein berühmter Ex-Spieler, der K einen Auftrag erteilt und plötzlich spurlos verschwindet. Alarmiert schlägt K alle Warnungen in den Wind und fängt an, den Hinweisen zu folgen – ohne zu ahnen, dass die gefährlichste RABBITS-Runde aller Zeiten längst begonnen hat..(Verlagsinfo)

Diese Jagd mit und nach den Kaninchen – das Spiel, dessen Ziel nicht erklärt wird, dessen Regeln nebulös wirken und der Preis nicht klar identifizierbar ist, ist zu keinem Zeitpunkt spannend. Für jeden Gamer – egal ob Brettspiel, oder am Rechner/Konsole mag es interessant sein, doch auch diese werden sich die Frage stellen: Was soll diese ganze Schnitzeljagd eigentlich?

Spannung und Unterhaltung hin oder her – aber übrig bleibt sind konfuse, völlig überdrehte Erklärungen, die, wenn man sich philosophisch und wissenschaftlich mit solchen Theorien auseinandersetzt, mehr wie einfallslos sind. Danke für nichts.

Nicht mal die Rätsel, die sich um Systeme drehen, um geheime Botschaften sind originell ansprechend!? Völlig überdreht und am Ziel mit Bravour vorbeigeschlittert ist die Story allemal.

Was bleibt übrig von diesem Buch?  Nichts – kein Ansatz, dass man über das eine oder andere Thema intensiver nachdenken und recherchieren möchte. Kein illustrierter Gedanke, der einen Aha-Effekt hat. Eine „Mechanik“, die uns die Welt erklärt und näher bringt – an diesen Gedanken lässt uns der Autor nicht teilhaben.

Positiv dagegen sind die Charaktere gestaltet – alle mitsamt gut aufgestellt und wirklich gut in Szene gesetzt, aber retten können sie den Roman nicht.

Fazit

Eine Geschichte, an der man vergeblich den Einstieg und Ausstieg sucht. Philosophisch mangelhaft und ein Labyrinth aus unbeantworteten Fragen.

Leider ein Roman, den ich nicht empfehlen kann.

 

Michael Sterzik

Sonntag, 29. Mai 2022

Der Unbekannte - Christine Brand


Der aktuelle Titel: „Der Unbekannte“ ist der vierte Band einer Reihe um Nathaniel, der Journalistin Milla Nova und dem Ermittler Sandro Bandini. Man kann die drei vorherigen Bände „Blind“, „Die Patientin“ und „Der Bruder“ unabhängig voneinander lesen, aber empfehle ich es nicht, da man sonst die Charaktereigenschaften der Protagonisten nur schwer folgen kann.

Die Story spielt in der Schweiz und siehe da, auch hier erzählt die Autorin von paramilitärischen Einheiten, die von einer geheimen Regierungseinheit gesteuert werden. Alte Sünden ehemaliger Nachrichtenoffiziere und auch der Linksextremismus und die Unterstützung der Terroreinheit RAF werden hier als Themengebiete verwendet. Christine Brand jongliert diesen Themen gekonnt und verbindet sie am Ende alle. Die Perspektive der Opfer und Täter und manche Figuren sind beides – ist sehr spannend gelungen.

Nathaniel ist blind – seit seinem elften Lebensjahr, als sein Vater die gesamte Familie tötete und nur Nathaniel verletzt überlebte. So hat es ihm die Polizei erzählt, an die Geschichte glaubt Nathaniel seit nun drei Jahrzehnten. Er beschließt, sich endlich seiner traumatischen Vergangenheit zu stellen und verlangt Einsicht in die Fallakten. Doch die Unterlagen offenbaren Ungereimtheiten. Es scheint, als ob die Polizei etwas, was damals geschah, unter Verschluss halten möchte. Nathaniel realisiert, dass der wahre Mörder seiner Familie womöglich noch immer auf freiem Fuß ist – und sein Vater unschuldig sein könnte. Doch seine gute Freundin, die TV-Reporterin Milla, scheint ihm dieses Mal nicht helfen zu können, noch dazu da deren Freund Sandro Bandini als Polizist in die Vertuschung der Wahrheit über Nathaniels Familie verwickelt sein könnte. Es scheint, als sei Nathaniel auf sich allein gestellt ...(Verlagsinfo)

Da ich die anderen Titel vor diesem nicht gelesen habe, fällt meine Kritik ggf. etwas hart aus. An dieser Stelle kann ich nur noch einmal dringend empfehlen – die Vorgängertitel zu lesen.

Die Figuren und auch die Story ist mir viel zu oberflächlich ausgemalt.  Letzteres ist mir zu wenig im Detail ausgebaut. Der Hintergrund ist mir zu wenig definiert. Die erzählerische Aussicht ist mir zu unentwickelt, dabei hätten manche Personen so viel zu berichten gehabt.

Die Story wirkt authentisch, ist aber im Grunde natürlich fiktiv. Man kann sich die neutrale Schweiz schwerlich als ehemaligen Geheimdienstposten vorstellen. Das klang bisweilen ein bisschen absurd.

Gegen Ende des Romans nimmt die Spannung und die Unterhaltung wirklich Fahrt auf. Nicht nur ebendiese Spannung, sondern auch viel Sensibilität zeichnen das letzte Drittel aus. Leider gibt es da zu wenig davon – in dem langweiligen Intro passiert zwar viel – aber eben nicht im angemessenen Tempo.

Lobenswert ist der unterschwellige Humor, der in vielen Szenen schmunzeln lässt. Die Situationskomik beherrscht die Autorin und sie hat ein Faible für gesellschaftliche Randgruppen, ein Blinder, eine Kleinwüchsige und einige andere, interessante Charaktere menscheln munter hin und her und ganz klar gibt es viele Sympathiepunkte für die Blindenhündin, die schonmal etwas die Orientierung verliert.

Christine Brand schriftstellerischer Stil, ihr Umgang mit Sprache und Ausdruck ist hervorragend. Spielerisch entwickelt sich neben munterer Situationskomik dann selbstverständlich sehr sensible Szenen, die unter die Haut gehen.

„Der Unbekannte“ ist ein sehr solider, spannender Titel – den ggf. inhaltsvoller, ansprechender empfindet, wenn man die Vorgängertitel gelesen hat.

Fazit

Spannende Vielseitigkeit – intelligenter Humor und eine ansprechende Sensibilität.

Michael Sterzik