Samstag, 17. November 2018

Vespasian - Das Schwert des Tribuns - Robert Fabbri

Rom –26 n. Chr. Es gibt keine Republik mehr, regiert wird das Römische Reich durch Kaiser Tiberius. Und diese Epoche ist nicht weniger blutig und durch politische Intrigen zersetzt, als die vorherigen Bürgerkriege es schon vorgemacht haben. Die Legionen des Kaiserreiches kämpfen an verschiedenen Fronten, um die Grenzen des Imperiums weiter auszudehnen. Viele Staaten wurden mit konsequenter Brutalität annektiert – es gilt die Macht des Stärkeren, immer schon. 

Der britische Autor Robert Fabbri erweckt in seinem Debütroman: „Vespasian – Das Schwert des Tribuns“ erschienen im Rowohlt Verlag, das alte Rom. Es gibt inzwischen im Genre „Historischer Roman“ eine ganze Reihe von Autoren, die diese Epoche reanimieren wollen. Robert Fabbri – ist ein Autor, den man sich gut merken sollte. Sein sehr plakatives und vor allem lebendiges Bild des Kaiserreichs am Tiber, sowie die selbstbewusste und selbstverständliche Authentizität, die Robert Fabbri in diesem vorliegenden Band entwirft, verdienen hohen Respekt. 

Die Jugendjahre des späteren Kaisers Vespasian, der erstaunlicherweise eines natürlichen Todes starb, und seinen Militärischen Aufstieg inmitten einer traditionell verankerten intriganten Politik im Herzen des Imperiums erzählt, sind hochspannend. Als junger Tribun nimmt er Teil an der Zerschlagung einer Rebellion in Thrakien und erlernt dort das effektive und kompromisslose töten der Feinde Roms...

Robert Fabbris Perspektive eines kaiserlichen Roms ist schlichtweg großartig. Der erste Band dieser mehrteiligen Reihe überzeugt durch eine grandiose Spannung und einem hohen Wissen über die damalige Zeit. Er ist einer der wenigen Autoren, denen es gelingt schon in den ersten Kapiteln eine Atmosphäre aufzubauen, die einem völlig fasziniert. Ich war und bin sehr positiv erstaunt mit welcher Selbstverständlichkeit der Autor, dass Leben, die Politik, die Traditionen und auch die Religion in seiner Story einbaut. Absolut perfekt dosiert und faktisch überzeugend beschrieben, bekommt man sofort den Eindruck, dass der Autor weiß, wovon er schreibt. 

Die historischen Quellen, wissen relativ viel von diesen und jenen Kaiser dieser Epoche. Die römischen Historiker konnten uns viel Wissen ermitteln, aber dennoch gibt es Lücken. Im Nachwort zeigt Robert Fabbri darauf auf, dass er sich natürlich der schriftstellerischen Freiheit bedient hat, allerdings sind seine Interpretationen und Ideen absolut nachvollziehbar und entspringen nicht irgendwelchen abgedrehten Phantasien. Ansonsten hält sich der Autor gut an der verbürgten Biographie des späteren Kaisers. 

„Vespasian – Das Schwert des Tribuns“ braucht sich hinter den Werken eines Bernard Cornwell, oder eines David Gilman nicht zu verstecken. Im Gegenteil – absolut ebenbürtig verleiht er dieser römischen Epoche eine erzählerische, spannende Wucht, die überzeugt. Robert Fabbri Schilderung einer römischen Feldschlacht gehen unter die Haut. Historisches Breitbildkino in der man förmlich hört und spürt, wie tausende von römischen Legionären die brutale, militärische Tötungsmaschine Roms in Gang bringen. Der Autor nimmt hier kein Blatt vor dem Mund – der einzelne Legionär zählt nichts, dass Leben eines Soldaten – uninteressant. Die ethischen und moralischen Ideale und Vorstellungen verlieren an Gewichtung, wenn die Legionäre über siebenhundert Sperre den Angreifern entgegenschleudern, oder die Kurzschwerter in einer streng aufgebauten Formation zwischen den Schilden zücken müssen. Ach – und wer das berühmte Wagenrennen von dem Klassiker Ben Hur – noch kennt – das gibt es hier auch – aber um einiges besser geschildert. 

Robert Fabbri ist konsequent – es gibt kein Glanz und Gloria, keine romantisierten Vorstellungen, keine selbstlosen Heldentaten inmitten eines Schlachtfeldes. Es gibt wenige Autoren – die sich nicht davor scheuen, zu beschreiben, wie es ggf. gewesen sein kann – Robert Fabbri gehört ganz gewiss dazu. 

Die Figurenzeichnung von Robert Fabbri ist sehr, sehr gut. Stellenweise überzeichnet, aber Haupt- und Nebenfiguren tragen die inhaltliche Spannung gut verteilt auf den Schultern. Selbst an situativer Komik, die durch eine Nebenfigur immer mal wieder mit einer sarkastischen und frechen Note aufkommt, fehlt es nicht. 

Fazit

„Vespasian  - Das Schwert des Tribuns“ von Robert Fabbri gehört mit zu den besten historischen Romanen, die ich dieses Jahr gelesen habe. Geschichtlich Hochklassig – Unterhaltungswert in der ersten Liga und Spannung allgegenwärtig. 

Zu erwähnen sei noch, dass es dem Autor gelingt, dem Leser diese Epoche so schmackhaft zu machen, dass dieser mehr erfahren möchte. 

Unbedingte Leseempfehlung. Schlichtweg „Brillant“. 

Michael Sterzik



Freitag, 16. November 2018

Totenliste - Harald Gilbers

Der deutsche Autor Harald Gilbers, lässt in seinem neuesten Roman, seine Titelfigur Richard Oppenheimer erneut ermitteln. Schauplatz dieser Story ist das Ende des dritten Reiches – Berlin im Dezember 1946. Die Stadt ist in vier Besatzungszonen aufgeteilt – die alliierten Siegermächte: Amerikaner, Engländer, Briten und Franzosen geben einen zerstörten Deutschland ein Stück Hoffnung. Doch nach Hitlers großem Krieg – liegen die Großstädte im ehemaligen Nazideutschland in Schutt und Asche. Der Wiederaufbau ist ebenfalls eine Zeit der Anstrengungen, des Mangels, des Hungers und des Elends. Ruinen in einem zerbombten Berlin, lange Schlangen vor Geschäften, florierender Schwarzmarkt, eine desillusionierte Bevölkerung. Wo bleibt da der Wille weiterzumachen, neu anzufangen? Wo beginnt auch das Vergeben und Vergessen, wann endet die Angst und wann entzündet sich der Funke zu einer kleinen Hoffnung auf ein besseres, neues Leben!? Doch es gibt auch die Schattenseiten in der Gesellschaft – der elementare Drang nach Vergeltung und Rache....

Wir können es in unserer aktuellen Komfortzone nur schwerlich begreifen, welche existenziellen Sorgen und Nöte unsere Urgroßeltern erlebt haben. Von Glanz und Gloria – nach dem Schrei für einen totalen Krieg – bleiben nur noch Staub und Schatten und eine Schuld, die man nicht wegdiskutieren kann. 

Harald Gilbers schildert in seinem neuesten Roman „Totenliste“, eine finstere kompromisslose Atmosphäre, die den Leser auch nachhaltig wie ein dichter Nebel umfängt. „Totenliste“ ist ein Kriminalroman – aber ebenfalls ein Stück deutscher, historischer Geschichte. Der vierte Band um den jüdischen Ex-Kommissar Richard Oppenheimer handelt von Rachegedanken – Der oder die Täter rechnen kompromisslos mit ihrer Vergangenheit ab. Die Morde sind brutal, die Symbolik identisch – die Täter grausam. Richard Oppenheimer beginnt mit seinen Ermittlungen in einem zerstörten Berlin – finden wird er „zerstörte“ Seelen...

Das realistische Bild von der jüngsten Nachkriegszeit und dem Wiederaufbau wird von Harald Gilbers perfekt projiziert. Das ist zwar unheimlich gut gelungen, allerdings versteckt sich die Spannung hinter diesem historischen Vorhang und kommt auch nur bedingt hervor. Die Story ist derartig zäh strukturiert und künstlich mit vielen Dialogen durchsetzt, dass es schwer ist einen Spannungsbogen zu folgen. 

Befasst man sich mit den Protagonisten, so gibt es davon eine Menge aus den drei vorherigen Titeln. Es sind zwar nur Nebenfiguren, aber dennoch sind diese phasenweise deutlich interessanter aufgestellt, wie die eigentliche Hauptperson „Oppenheimer“ selbst. Der alltägliche Wahnsinn und das Überleben der Bevölkerung sind die fokussierten Themen, die den Roman wirklich inhaltlich tragen. 

„Totenliste“ ist wie gesagt der vierte Band, dieser offenen Reihe und mit viel Abstand der schwächste. Vielleicht ist es auch an der Zeit aufzuhören und sich neuen Themen zu widmen. Ich glaube nicht, dass die Figur des Richard Oppenheimer strukturell und auch inhaltlich, noch viel neue Ideen parat hat. 

Insgesamt ist die Reihe außerordentlich gut – wer sich für diese Epoche interessiert, wird begeistert sein, wie Harald Gilbers nachhaltig eine authentische Stimmung schafft, die uns zeigt, woher wir kommen und welche Verantwortung wir tragen und auch in die nächsten Generationen transportieren sollten. 

Fazit

„Totenliste“ ist der schwächste Band dieser starken Reihe. Ein Kriminalroman ohne wirkliche Spannung – dafür mit einer historischen Wahrheit, die lange nachklingt. 

Michael Sterzik 



Samstag, 10. November 2018

Bluthaus - Romy Fölck

„Bluthaus“ ist der zweite Band um die beiden sehr unterschiedlichen Ermittler Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn. Die Autorin Romy Fölck setzt ihre Handlung nur wenige Wochen nach den Ereignissen in dem Titel „Totenweg“ fort. Gut gelungen, da die erzählerische spannende Grundstimmung aktiv bestehen bleibt. 

Die Handlung spielt regional im norddeutschen Raum und Mittelpunkt der Storyline hat diesmal nichts mehr mit der Vergangenheit der jungen Polizeibeamtin unmittelbar zu tun. Persönlich ist also Frida Paulsen nicht befangen, nicht in erster Instanz. Ihre alte Freund-Feindin Jo(hanna), die in Hamburg als erfolgreiche Privatdetektivin lebt und arbeitet, ist nun auf die Hilfe ihrer Freundin aus Internat Zeiten angewiesen. Eine ehemalige Beamtin des Landeskriminalamts verstirbt, schwerverletzt in ihren Armen. Kein Unfall – eindeutig brutale Verletzungen, die nur den Schluss zulassen, dass sie ermordet wurde. Jo weicht einer Mitarbeit mit Bjarne Haverkorn aus und verschwindet sang- und klanglos. Frida Paulsen versucht, die nun zur Fahndung ausgesetzte Freundin zu finden um den Mordverdacht aufzuklären...

Atmosphärische Spannung weht mit hohem Tempo durch die Handlung. Da die Vergangenheit einer Frida Paulsen nun nicht mehr im Mittelpunkt steht, ist der Personenkreis von Haupt- und Nebenfiguren etwas eingeschränkter. Sicherlich kommen die Eltern von Frida Paulsen vor, aber das war es auch schon an bekannten Nebenfiguren aus dem ersten Band. Insgesamt hat die Autorin Romy Fölck das Tempo ihrer Story stark erhöht. Es gibt Nebengeschichten, die aber weniger inhaltlichen Raum einnehmen und Bjarne steht mit seinen privaten Herausforderungen an erster Stelle. 

Romy Fölck ist eine raffinierte Autorin, sodass sie parallele Wege geht – wir klammern natürlich die Nebengeschichten aus. Die Vergangenheit drängt sich auch diesmal mit einem Mordfall an die Oberfläche und schon kombiniert die Autorin einen komplexen Plot. In dieser „zweiten“ Rahmenhandlung hätte ich mir gewünscht, dass diese mehr Raum einnimmt. „Bluthaus“ ist weniger blutig, dafür ein Stück weit mysteriöser. Ein altes, verlassenes Haus mit einer dunklen, dramatischen Geschichte, inmitten von einer von Wind und Meer geformten Landschaft – perfekt. 

Durch das extreme Tempo das die Autorin vorlegt, verringert sich die Spannung nicht, doch eine weniger rasante Fahrt durch die Handlung, hätte der Story und den Personen mehr tiefe gegeben.
Charakterliche Konzeption ist hochklassig. Spannung perfekt. Tempo...zu schnell. 

Für den nächsten Band empfehle ich, eine Handlung ohne kriminalistische Altlasten aus der Vergangenheit zu verwenden. Romy Fölck ist durchaus konzeptionell so flexibel, dass sie nach „Totenweg“ und „Bluthaus“  - einen neue, originelle Handlung entwickeln kann, zumal mal doch auffällt, dass der Showdown in „Bluthaus“ verwandtschaftliche Ähnlichkeiten zum seinem Vorgänger hat. 

Fazit

„Bluthaus“ ist ein starker Pageturner. Packend, stürmisch, wild und brutal. Minimal schwächer wie der Vorgänger, aber ich bin mir sicher, dass uns der dritte Band mit einer großartiger Spannung überfallen wird. 

Danke Romy Fölck. Großartig – Prädikat: Unbedingt sofort nach „Totenweg“ lesen. 

Michael Sterzik



Sonntag, 4. November 2018

Schwert und Krone - Zeit des Verrats - Sabine Ebert

Auf der Suche nach historischen Romanen, die das deutsche Mittelalter, unsere Vergangenheit unter der Herrschaft von Kaisern, Königen und dem Klerus, thematisieren, wird man auch noch viele Jahre später, die Romanreihe „Schwert und Krone“ von Sabine Ebert finden. 

Nicht nur finden – sondern man sollten sie auch lesen. Die zurzeit in Leipzig lebende Autorin, die bald ihren Wohnsitz nach Dresden verlagert, hat (noch) keinen Lehrstuhl an einer Deutschen Universität, oder Hochschule für das Thema „Mittelalter – Deutsche Geschichte. Mit ihrer Reihe um die familiären Dynastien der Staufer, Welfen, Wettiner u.a. Königshäuser, die das Römisch-Deutsches Kaiserreich regierten hebt sich Sabine Ebert von der breiten Masse des gemütlichen Genre „Historischer Roman“ ab. Kann man diese Reihe noch im Bereich der Belletristik zuordnen, oder transportiert man diese Titel doch besser ein paar Räume weiter in der Ecke mit den nüchternen, vielleicht wenig unterhaltsamen Sachbüchern? 

Die Autorin Sabine Ebert ist eine großartige Erzählerin. Ihr Stil, ihre Erzählkunst optimiert und entwickelt sich von Titel zu Titel weiter. Wenn man den eigenen Ansatz hat, eine Reihe so realistisch und authentisch wie möglich schreiben zu wollen, dann ist es unabänderlich, dass man sich plötzlich als recherchierender Detektiv zwischen Hochschulen, verstaubten Bibliotheken und beschädigten Buchdeckeln wiederfindet. Immer auf der Suche aufkommende Fragen aus irgendeiner Quelle abschließend beantwortet zu bekommen. Genauso geht die Autorin Sabine Ebert vor.

Im vorliegenden Band: „Zeit des Verrates“ beschreibt dieser dritte Romane aus der Reihe „Schwert und Krone“, die ersten Jahre des Königs und späteren Kaisers Friedrich Barbarossa. Der Staufer, der seine familiären Wurzeln auch im Adelsgeschlecht der Welfen hat und nun als gekröntes Oberhaupt über allen steht, hat es in den ersten Jahren schwer, seinen Volk Frieden zu bringen. Die Königs- und Kaiserwürde lastet schwer auf seinen breiten Schultern, aber er ist auch eine Persönlichkeit, die anfangs noch von Freund und Feind unterschätzt wird.

Die Autorin beschreibt die Anfangsjahre seiner Herrschaft geschichtlich absolut authentisch. Sabine Ebert fokussiert sich auf die charakterliche Persönlichkeit des Herrschers. Auch losgelöst von dem Titel Kaiser zeigt sie Friedrich als „Menschen“. Die Interpretation seiner Person ist genau wie die Storyline spannend und tiefgründig. Die Perspektiven der erzählenden Figuren lenken den Leser dazu, die Geschichte vollumfänglich und nachhaltig betrachten zu können. Die Abhängigkeiten, die sozialen und herrschaftlichen Strukturen der Adelshäuser zu beschreiben, war bestimmt die größte Herausforderung, da diese nicht nur über eine Ecke verästelt waren. 

Friedrich Barbarossa – war als Herrscher sehr ehrgeizig, er wirkte polarisierend, stark. Er wurde von seinen Freunden gefeiert und von Feinden gefürchtet, aber auch als Kaiser ist man abhängig von der Freundlichkeit und Gunst seiner Herzöge und Grafen, und ja auch der Papst möchte auf der politischen Bühne keine undankbare Nebenrolle spielen. Das führt natürlich dazu, dass manche Person des Adels aus seiner Komfortzone katapultiert wird und wer gibt schon gerne familiäre Herrschaftsgebiete auf!? Zeit heilt bekanntlich die meisten Wunden, doch Macht und Einfluss verlagert sich und drängelt die Opposition an die Oberfläche. Es kommt eine Zeit des Verrats – eine Zeit der heimlichen Besprechungen, der Funke innerer Rebellion....

Der Roman „Zeit des Verrats“ befasst sich mit dem „Verrat“ auf politischer Ebene, doch der Begriff Verrat beinhaltet noch mehr. Neben Kaisern und Königen, die dem Verrat ausgesetzt sind, handelt der Roman auch von „verratenen“ Frauen, die sich in jener Zeit entweder durchsetzen mussten, oder dramatisch untergegangen sind. Als Ehefrau hatte man ggf. einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf dem Adelsgatten, aber man konnte auch schnell an Macht, Würde und Einfluss verlieren und sich im Exil hinter Klostermauern wiederfinden, oder darauf hoffen, dass man der Milde und Wohltätigkeit eines Gönners hatte und irgendwie, irgendwo überlebte. 

„Zeit des Verrats“ von Sabine Ebert ist ein sehr politisch geprägter Roman. Staats-und Ländergrenzen verschieben sich. Titel verändern sich wenn man in Ungnade fällt und der Kampf um die dänische Königskrone wird nicht unblutig ausgefochten. 

Der Handlungsspielraum bewegt sich innerhalb eines Zeitkreises von fünf Jahren. Das römisch-deutsche Kaiserreich war nicht klein – und somit erweitert die Autorin die Handlung auch um den Einfluss Heinrich des Löwen, der ehrgeizig wie sein kaiserlicher Vetter die Augen auf das Herzogtum Bayern ausrichtet. 

Das Volk der Slawen, der Kampf um die Krone der Dänen, der Polenfeldzug und auch die Reise nach Italien zur Krönung in Rom finden hier ihren Auftritt.
Insgesamt ist der Roman: „Zeit des Verrats“ politischer wie seine Vorgänger, aber verliert zu keinem Zeitpunkt seine spannende Atmosphäre. Sabine Ebert interpretiert die starke Rolle einer Frau im Mittelalter authentisch und geht damit den realistischen Weg. Damit hebt sie sich selbstbewusst von der üblichen, romantisierten Form ihrer Kollegen ab. Ja, es gibt Herz-Schmerz-Passagen, aber die künstliche Theatralik gibt es in dem Drehbuch einer Sabine Ebert zum Glück nicht. Das Schicksal ist die Summe unserer Handlungen – trifft nicht unbedingt auf die Rolle einer Frau im Mittelalter zu. Emanzipation? Na ja...absolut in der Minderheit, doch die Autorin ermöglicht es ihren Leser einen tiefen Einblick in die sozialen und familiären Beziehung eines Adelsgeschlecht zu werfen, auch um diese realistisch zu verstehen. Es gibt da durchaus Abgründe. 

Sabine Ebert lässt ihre Figuren leben und reanimiert damit das Genre historischer Roman. Weiterhin versteht sie sich literarisch als die neutrale Schweiz, und verurteilt ihre Charaktere mit ihren nicht immer tollen Entscheidungen nicht. Sie ist eine neutrale Krisenberichterstatterin – weniger Fotos, dafür aber mit einer Sensibilität und einem Gesamtblick auf das wesentliche. Die Unterhaltung kommt garantiert nicht zu kurz. 

Es gibt aber durchaus auch etwas zu bemängeln: Persönlich fehlen mir hier kurze Momentaufnahmen, die sich auf die Bürger des Kaiserreiches beziehen. Bei all diesen Streitereien um Macht und Einfluss, muss sich das ja unmittelbar auf die Bevölkerung auswirken. Kaufmänner, Handwerk, Landwirtschaft, Bürger, usw. all das wird leider kaum thematisiert. Fiktive Personen, die dass Spiel um die Throne aus der einfachen Perspektive betrachten, wäre außerordentlich interessant. 

Zu guter Letzt und vor dem Fazit: Die Autorin fügt ihrem Werk einen umfassenden Anhang hinzu: Die Stammtafeln der Adelshäuser, die Quellenangaben für weitere Fachliteratur, eine komprimierte Zeittafel und natürlich ihr persönliches Nachwort und Dank runden das Bild ab. Sabine Ebert ist Autorin, aber ich denke, sie könnte sich dazu auch bequemen irgendwann vor Studenten zu referieren. Damit ist sie einer der wenigen nationalen Autoren, die es schaffen den Spagat zwischen Belletristik und Fachliteratur perfekt auszuüben. 


Fazit

„Schwert und Krone – Zeit des Verrats“ von Sabine Ebert ist ein brillantes Werk, dass nachhaltig die deutsche Geschichte Vorurteils- und wertfrei und verdammt spannend erzählt. 

Brillanter Geschichtsunterricht und man hat wirklich Lust auf ein ganz langes Nachsitzen. Danke Sabine Ebert – Sie sind eine Historikerin geworden, die uns brillant gefangen nimmt. Danke für die tolle Unterhaltung.


Michael Sterzik 





Montag, 29. Oktober 2018

Gangster Blues - Joe Bausch

Das Leben schreibt doch die besten, die spannendsten Geschichten. Doch was passiert, wenn das Leben hinter vergitterten Türen und verschlossenen Leben seinen Lauf nimmt?! Die Strafanstalten sind kleine Mikrometropole, in der Verbrecher ihre Strafe absitzen. Sie sollen resozialisiert werden, Buße tun für ihre manchmal gewalttätigen Verbrechen. Es gibt (Spiel)Regeln, nicht nur für die inhaftierten, auch für die Angestellten der Justiz und überhaupt für jeden, der durch die letzte Schleuse, die kleine in sich geschlossene Welt betreten.  Doch nicht nur die reglementierten Menschenrechte und Gesetze finden hier ihre praktische Anwendung. Wie in jeder sozialen Struktur, gibt es auch Richtlinien, ungeschriebene Gesetze, eine Hierarchie an der man sich auf Teufel komm raus, besser orientieren sollte. 

Doch wer ist der Mensch, deren Welt nun auf Jahre hin drastisch eingeschränkt ist? Sind das alles rücksichtslose, brutale Menschen, deren sozialer Kompass versagt hat!? Sollen das alle Monster, oder Bestien sein? Hinter jedem Häftling steckt auch ein persönliches Schicksal. Und fast jeder Mensch benötigt einen kommunikativen Austausch, ein vertrauensvoll geführtes, persönliches Gespräch um seine Seele, vielleicht auch sein schlechtes Gewissen zu entlasten. 

Der bekannte Schauspieler und praktizierender Arzt Joe Bausch gibt als  Leitender Regierungsmedizinaldirektoreinen realistischen Einblick in die hellen und dunklen Seelen seiner inhaftierten Patienten. Seit 1986 ist Joe Bausch hauptberuflich als Arzt in der Haftanstalt Werl tätig. In seinem neuesten Buch „Gangster Blues“ erschienen im Ullstein Verlag erzählt der Mediziner von 12 individuellen Schicksalen die nachhaltig berühren. Der Untertitel „Harte Geschichten“ bewahrheitet sich. 

Selbstverständlich hat der Autor diese außergewöhnlichen Geschichten anonymisiert. Diese erzählen eine manchmal laute oder leise Melodie, einen rhythmischen Blues von Gewalt und Entsetzen. Das Wort Schuld, oder auch unschuldig fällt. Doch vielmehr präsentiert sich die Einsamkeit, die sich auf wenige Quadratmeter uferlos ausbreiten kann, von Reue die man empfindet. Die Geschichten erzählen vom Sterben hinter Gittern. Es gibt gefährliche Begegnungen mit Gefangenen, von Seelen die von sich aus nach einer Sicherheitsverwahrung schreien. Jede Seite, jede Taste der Wut und Enttäuschung wird hier angeschlagen. 

Es sind interessante Momentaufnahmen, die uns Joe Bausch präsentiert. Sie zeigen den „Menschen“ hinter dem Gefangenen und diese gehen unter die Haut. Das Echo dieser individuellen Geschichten, klingt noch lange nach. Das Schicksal ist mit Sicherheit ein verdammt mieser Verräter. Joe Bausch prangert und verurteilt seine inhaftierten Gesprächspartner, die sich vertrauensvoll an ihn gewendet haben, nicht-Ohne auf den Seiten sentimental zu werden, spürt man doch, dass die Geschichten auch dem Autor nahegegangen ist. 

Joe Bausch ist ein Mensch mit Profil, ein harter Hund, aber im inneren auch ein hartgekochtes Weichei und das ist nicht despektierlich gemeint. Viele Schicksale, die er täglich hört, kann man nicht hinter Gittern in eine Zelle einschließen und den Schlüssel wegwerfen. Diesen Geschichten gelingt die Flucht in die Welt außerhalb der Haftanstalten. Sie entfalten sich in ruhigen Momenten und wie ein harter Blues, erreichen die Töne die Seele. Die Klangfarben? Hell und Dunkel – alle Schattierungen vertreten. 

„Gangster Blues“ von Joe Bausch ist auch keine offene Anklage an unser Justizsystem. Keine Feinjustierung – aber es gibt auch kritische Laute, die aber nicht vorrangig das Buch formen.  Nein – der Mediziner und Autor schreibt nicht ohne Gefühl, aber er überlässt es auch dem Leser, welche Melodie diesen berührt. Mitleid und Mitgefühl empfindet man, auch bei einzelnen Passagen kann man schmunzeln, wie gesagt – das Leben schreibt die besten (eingesperrten) Geschichten. Das "Böse" - ja es gibt es, aber man kann es nur beschränkt einschließen. 

Weiterhin erlangt man beim Lesen des Titels unweigerlich einen Einblick in die reglementierte eingeschränkte Welt eines Gefängnisses, die man besser persönlich nicht kennenlernen möchte. 

Fazit

„Gangster Blues“ von Joe Bausch ist anders, eine Sinfonie, die uns einsperren kann. Spannung ist nicht das richtig angewandte Wort, vielmehr und das ist gut so, zeigt es individuelle, abgefahrene Einzelschicksale, und den Menschen, der dafür nun einstehen muss. Die Einsamkeit und die Angst vor einer Freiheit, die man vielleicht gar nicht mehr kennt – sind die größten Dämonen, die heftigste Bestrafung und ein zweites Mal einsperren? Sorry – Antrag abgelehnt. 

„Gangster Blues“ von Joe Bausch ist schlichtweg verdammt gut. Eingesperrt in ein morbides Lesevergnügen....und der Blues klingt lange nach. Danke Joe Bausch.

Michael Sterzik






Mittwoch, 24. Oktober 2018

Totenweg - Romy Fölck

Wann, oder wo endet ein Lebensweg? Welche Wege geht ein „junger“ Mensch, wenn er sich denn entscheidet eine bestimmte Abzweigung zu gehen? Kann man die Konsequenzen absehen, oder betritt man mit jedem Schritt Neuland? Denken wir anders: Manche Wege werden uns auf gezwängt, manche Wege des Lebens muss man beschreiten, eine Fluchtmöglichkeit – eine Ausfahrt zu bequemen Alternativen führen vielleicht noch zu steinigeren Wegen!?

In Ihrem Debütroman;  „Totenweg“ von Romy Fölck gibt es viele Wege, den ihre Protagonisten gehen müssen. Allesamt sind sie allerdings spannend, voller Abzweigungen, manche führen zu dunklen Geheimnissen, manche enden zufriedenstellend, und wiederum sind andere nur Zwischenstopps auf den persönlichen Wegen des Lebens. 

„Totenweg“ ist der erste Band einer Reihe um die junge angehende Kriminalbeamtin Frida Paulsen und dem viel älteren Hauptkommissar Bjarne Haverkorn, dem ein alter ungelöster Mordfall nicht loslässt. 

Die Autorin nutzt diesen alten Kriminalfall als Grundstein für ein vielschichtiges Spannungsgerüst, dass sich als äußerst strapazierfähig herausstellt. Der Mord an Fridas Freundin Marit wurde nie aufgeklärt, aber die junge Beamtin weiß mehr als sie vor dem damals ermittelnden, ehrgeizigen Kommissar Haverkorn zugegeben hat. Ihre Eltern schoben die junge Frida damals in ein süddeutsches Internat ab, weit entfernt von einem Mädchenmörder, weit weg von einer potenziellen Gefahr. Die nun ältere Frida Paulsen trägt das ihren Eltern auch nach knappen 20 Jahren noch nach. Bjarne Haverkorn ahnt, dass die junge Kollegin mehr weiß und helfen könnte diesen Fall endgültig abzuschließen. Als Fridas Vater niedergeschlagen und schwerverletzt im Krankenhaus um seinen Leben kämpft, kehrt die junge Polizistin zurück. Ihr Weg führt sie über den Totenweg in das Dorf ihrer Kindheit. Zurück in die Vergangenheit und ein kleines Stück zurück in die Zukunft. Die Geister, die sie nicht gerufen hat, werden sie tyrannisieren, sie auffordern abzuschließen. Der Weg dahin allerdings ist blutig, steinig und zwischen den Apfelbäumen lauern dunkle Geheimnisse, und eine Schuld die nicht zu gleichen Teilen verteilt wurde...

Romy Fölcks „Totenweg“ ist ein präzises und komplexes, kriminalistisches Meisterstück.  Ein Kriminalroman mit einer starken atmosphärischen Präsenz. Geschickt kombiniert die Autorin – die alte, schicksalshafte Vergangenheit, mit einer aktuellen Gefahr. Perfekt gelungen ist Romy Fölck die Konzeption der Nebengeschichten und Figuren. Dieses Netzwerk von Storyline und Nebenhandlungen und seinen Charakteren ist beeindruckend. Keine Logiklücken, reaktive und aktive Beziehungen ergänzen sich dynamisch und erschaffen eine so spannende Atmosphäre, die einen voll und ganz auf den „Totenweg“ begleitet. 

Betrachtet man die Charaktere in dem Roman, so sind diese absolut realistisch dargestellt. Gerade die Beziehungen und Abhängigkeiten in einem kleinen Dorf, dass von der Landwirtschaft lebt, von Menschen die seit Generationen dort wohnen, kann man davon ausgehen, dass viele Geheimnisse gibt, viele Freund- und Feindschaften. Eine individuelle Persönlichkeit kann auch ruhig ein ganzes Dorf sein. 

„Totenweg“ ist durchtränkt von einer präsenten Spannung. Das liegt auch daran, dass Romy Fölck es ermöglicht all ihren Figuren und Nebenhandlungen eine Bühne zu bauen, in dem jeder eine wichtige Rolle spielt. Selten habe ich das so beobachtet wie bei diesem vorliegenden Band. Selbst die privaten Herausforderungen von Bjarne Haverkorn sind passgenau eingearbeitet und unterhaltsam. 
Frida Paulsen dagegen ist exemplarisch mit einer Hands-on-Mentalität dargestellt. Eine schroffe, sensible und selbstbewusste Frau, allerdings mit einer gewissen sozialen Inkompetenz und einer inneren Unsicherheit sich selbst gegenüber. 

Zurück zu den Wurzeln, die sie stolpern ließen, geht sie ihren Weg konsequent weiter. Über den „Totenweg“ erreicht sie im zweiten Band das „Totenhaus“. Es wird also nicht sterbenslangweilig und todmüde scheint Romy Fölck auch nicht zu sein. 

Fazit

„Totenweg“ ist brillant. Einer der stärksten Kriminalromane in diesem Jahr. Der Spannungsaufbau verhält sich wie ein Schweizer Uhrwerk. Passgenau – Detailreich – tolle Charaktere. Sympathische menschliche Abgründe. 
Prädikat: Ein Thriller, den man lesen muss und eine Autorin, die Spannung garantiert. 

Michael Sterzik 





Montag, 22. Oktober 2018

Vollendet - Die Flucht - von Neal Shusterman

Der Titel „Vollendet – Die Flucht“ von Neal Shusterman wurde in Deutschland schon 2012 veröffentlicht. Nach dem Erfolg der beiden Jugendbuchtitel: „Scythe“ von Neal Shusterman, lässt der Verlag Fischer die Reihe „Vollendet“ neu aufleben. Der Autor, der grundsätzlich moralische Themen in seinen Titeln diskutiert, lässt in dem vorliegenden Roman das Thema „Organspende“ drastisch und dystopisch darstellen. 

In unserer heutigen Zeit, führt die Organspende noch immer zu intensiven Diskussionen. Fakt ist: Es gibt zu wenige Spender. Die Statistiken zeigen, dass die Bereitschaft mit den eigenen Organen nach dem Tode Leben und Hoffnung zu spenden, rückläufig ist. Schon längst ist Deutschland in einer Stiftung „Eurotransplant“ vertreten, in der sich einige europäische Länder organisiert haben. 

Der amerikanische Autor Neal Shusterman thematisiert die moralische und ethische Fragestellung einer Abtreibung um diese dann dramatisch in eine Organspende umzuwandeln? Na verstanden? Hört sich schrecklich an, oder? Ist es auch – in einer nahen Zukunft haben sich die Abtreibungsgegner und die Befürworter auf eine Alternative geeinigt. Die Medizin hat große Fortschritte gemacht, noch gibt es keine Unsterblichkeit, noch gibt es Krankheiten die zum unausweichlichen Tod führen. Doch die Wissenschaftler und Ärzte überlisten den Tod mit einer Organspende etwas makaber, das Thema Abtreibung ist faktisch einfach nur umgangen worden. Die Eltern können ihre Kinder in den Lebensjahren 13 – 18 Jahren nachträglich „abtreiben“. Nett umschrieben nicht man das nicht „Tod“ – sondern freundlicherweise wird man „umgewandelt“. Die zur Abtreibung bestimmt Person spendet all ihre Körperteile und Organe und (über)leben“ weiter. 

Das damit natürlich nicht alle Jugendlichen einverstanden sind, dürfte auf der Hand liegen. Auch der Gedanke, dass sich die Eltern unbeliebten Nachwuchs legal entledigen, ist in sich völlig abgedreht krank. Schlechte Noten? Pubertäre Rebellion? Scheidungskinder – und zack schon wird man von den Eltern „abgetrieben“ und findet sich in einem Erntecamp wieder, in dem man als menschliches Puzzle zerstückelt wird.  

Neal Shusterman erzählt in „Vollendung  - Die Flucht“ die Handlung aus drei Perspektiven junger Menschen, die zur Umwandlung gespendet wurden. Ein „Problemkind“, dass in der Schule nicht durch gute Noten, sondern Prügeleien auffällt, dann ein Waisenmädchen das talentiert aber nicht gut genug das Klavier beherrscht und deswegen aus wirtschaftlichen Gründen „gespendet“ wird. Zu guter Letzt noch ein 13-jähriger Junge, der von seiner religiösen Familie, als Opfer (Zehnt-Opfer-Fest) seiner Bestimmung folgen darf.

Der Autor zeigt ein drastisches Zukunftsbild, mit Moral- und Ethischen Werten, die fragwürdig ist. Was ist ein Leben wert? In diesem Fall nicht viel. Vielen Leben retten, ja klar - aber der Preis erscheint unmenschlich hoch. Die Grundidee wirft eine Welle von Fragen auf, alle Fragen und abzweigende Themen werden leider vom Autor nicht gänzlich beantwortet. Immer wieder gibt es Aspekte die Neal Shusterman anreißt und den Leser dann im Regen stehen lässt. Das ist der größte inhaltliche Schwachpunkt – die Welt um die drei Flüchtlinge, die es schaffen müssen bis zum 18 Lebensjahr in einem Stück zu überleben, ist vollumfänglich nicht gut und ausführlich erzählt. 

„Vollendet – Die Flucht“ ist der Auftakt zu einer Reihe, die vier Bände umfassen soll. Vielleicht werden also die nächsten Bände, die aufkommenden Fragen beantworten können. Es wäre jedoch vorteilhaft bei einem so verstörenden Thema, die komplexe Welt, die Neal Shusterman beschreibt etwas detailreicher zu beschreiben. Es gibt auch keine ausführliche Erklärung der Vergangenheit? Was ist passiert? Welche technische Evolution fand stand? Was ist mit anderen Ländern? In welcher Zeit spielt der Roman eigentlich? Welche gesellschaftlichen Probleme, oder kulturelle gibt es? Man könnte diesen Fragenkatalog noch endlos weiter führen. Antworten dazu gibt es in Band 1 nicht.

Man merkt, dass sich Neal Shusterman als Autor seit 2012 weiterentwickelt hat. Analysiert man die beiden späteren Scythe-Bände, so präsentiert sich ein viel detailreiches Bild. Stil, Ausdruck und Sprache sind deutlich anspruchsvoller und vielschichtiger. 

Spannend ist „Vollendet – Die Flucht“ nicht unbedingt. Man hat den Eindruck, dass die Flucht dieser „Wandler“ (so nennt man die Flüchtlinge, die umgewandelt werden sollen) niemals endet. Dazu gibt es dann Dialoge, die langatmig und manchmal die Geschichte nicht nach vorne bringen. Es gibt wenig bis gar keine Nebengeschichten und Charaktere, die überzeugen. Auch die drei Hauptdarsteller sind etwas sehr blass dargestellt und von ihrer Vergangenheit erfährt man zu wenig, sodass die charakterliche Tiefe nicht ausgebaut ist.

Emotional lässt mich die Handlung einfach kalt, sie berührt mich zu keinem Zeitpunkt. Die Erwartungshaltung bei einem so beängstigenden, verstörenden Thema, scheint zu hoch zu sein. Für Jugendliche Leser allemal geeinigt, aber für Erwachsene, deren Lebenserfahrung und Komplexität größer ist, ist „Vollendet – Die Flucht“ ein unvollendeter Roman. Er hätte groß werden können – dafür ist die erzählte Welt allerdings viel zu klein. 

Michael Sterzik

@fischerverlag