Mittwoch, 27. Oktober 2021

Witness X - Deine Seele ist der Tatort - S.E.Moorhead


Gedankenkontrolle – oder das Nachempfinden von Erfahrungen einer Person und das mit visuellen und Audio-Elementen – als würde man einen Film sehen, in dem man die Emotionen und tatsächlichen Erinnerungen des Protagonisten fühlt, sieht, riecht. Wäre dies realisierbar und wenn ja, in welchen medizinischen, therapeutischen Bereichen könnte man diese einsetzen? Wäre diese auch für die polizeilichen Behörden ein wertvolles Werkzeug um einen Tathergang zu analysieren?

Wir würden dabei ethische und moralische Türen eintreten. Ein Blick in das innerste „Selbst“ – ein psychologischer Offenbarungseid, der mitunter Gefühle und Ereignisse zeigt, die dessen Persönlichkeit verletzen könnten.

Die Idee ist nicht neu – erinnern wir uns an dem Film „Strange Days“ aus dem Jahre 1995. Hier wird die Technologie auf einer Cyberpunk-Bühne verwendet. Übrigens ist der Film sehr zu empfehlen.

Nun im Jahre 2021 angekommen, greift die britische Autorin S.E.Moorhead zu einer sehr ähnlichen Technologie in ihrem Debütwerk: „Witness X – Deine Seele ist der Tatort. Die Story spielt im Jahre 2035 – die digitale Technik hat sich natürlich auch bei Alltagsgegenständen verändert, ist kommunikativer, persönlicher geworden. Dabei ist das vorliegende Buch, aber keine Science Fiction, auch kein Cyberpunkroman mit wilden futuristischen Ideen. Es ist ein Thriller geworden und ein sehr spannender.

Sein Opferprofil: Heilige & Hure
Sein Tatort: London, jeden Februar
Sein Aufenthaltsort: ein Hochsicherheitsgefängnis ... Oder?

Wieder ist es Februar. Wieder wird eine brutal entstellte Leiche gefunden. Neuropsychologin Kyra Sullivan erkennt Parallelen zu den Taten des Februar-Killers, dem vor 14 Jahren ihre Schwester zum Opfer fiel. Sie fürchtet, dass es bald ein zweites Opfer geben wird und der Falsche hinter Gittern sitzt. Eine neue, höchst umstrittene Technologie könnte Kyra helfen, den wahren Killer zu stellen – doch die Folgen für ihre Seele wären schrecklich. (Verlagsinfo)

Ein Neuropsychologischer Thriller – mit wissenschaftlichem Fundament, und dabei noch nicht mal unrealistisch. Ein Erinnerungstransfer ist eine hochemotionale Reise in den Gedankenpalast eines anderen Menschen. Spannend und erkenntnisreich in jedem Fall – doch unsere Psyche ist noch immer in der Medizin zum Teil unentdecktes Land. „Witness X – überzeugt nicht nur über einen hochkomplexen Spannungsbogen, sondern überzeugt durch erzählerische Emotionen, die die Hauptperson Kyra an ihre Grenzen bringt. Diese touristischen Flashbacks in die Gedanken eines anderen funktionieren recht gut – aber die Nebenwirkungen und Effekte sind extrem nachhaltig. Kyra sieht „verstorbene“ Personen – als „Geister“ – als Phänomene. Sie ist sich nicht mal sicher – ob sie das träumt, oder diese real sind und mit ihr interagieren möchte. Hinzu noch erhebliche Vorwürfe, dass sie ihrer Schwester nicht helfen konnte und ist der Killer, den sie ins Gefängnis gebracht hat, wirklich der Täter, oder hat sie sich einfach emotional verwirrt und geirrt?

Die Story ist ungemein spannend und vielfältig. Tolle Dialoge präsentieren sich. Die Atmosphäre, in die uns die Autorin katapultiert, ist zum großen Teil sehr, sehr angespannt, manchmal düster und verzweifelt, aber nicht, ohne dass hier eine Hoffnung und Erlösung entstehen könnte.

Diese Dramaturgie wirkt überzeugend, dass Tempo der Story überschlägt sich nicht in wilden actiongeladenen Szenen. Die Raffinesse sind diese Gänsehautmomente, manchmal plötzlich auftretende explosive Emotionen, die den Leser überfallen.

Die erzählerischen Perspektiven wechseln souverän, sodass sie ein Gesamtbild zeigen bei dem Kyra, der Täter usw. ihre Beweggründe offenbaren. Aus dem wissenschaftlichen, technologischen Bereich erfährt man leider viel zu wenig. Hier hätte ich mir durchaus mehr Hintergrundwissen und Erklärungen gewünscht.

Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Fortsetzung geben könnte. Sicherlich ist es aber – dass ich empfehle den vorliegenden Roman: „Witness X“ zu verfilmen. Es lädt dazu förmlich ein, denn schon beim Lesen formt sich ein sprichwörtliches Kopfkino.

Der schriftstellerische Stil der Autorin ist sehr gut. Klar verständlich – auf den Punkt gebracht und doch sehr komplex erzählt. Haupt- und Nebenfiguren sind abgestimmt und es gibt nichts an überflüssigen Informationen, die ggf. die Story künstlich aufhalten.

Fazit

„Witness X – Deine Seele ist der Tatort“ ist ein Thriller, der emotionale Türen eintritt und gleich den Raum betritt und einfach konsequent bleibt. Großartiger Spannungsbogen – tolle Charaktere und viele Schockmomente, die perfekt inszeniert wurden. Einer der stärksten Thriller in diesem Jahr. Unbedingt lesen.

Michael Sterzik

Montag, 25. Oktober 2021

Der Spezialist - (Jack Reacher Band 23. ) Lee Child

 


Der 23. Band dieser Reihe um den reisenden Einzelgänger Jack Reacher ist etwas anders, verfolgt aber immer wieder bekannten, fast routinierten Klischees.

„Der Spezialist“ ist diesmal „Jack Reacher“ selbst Als personifizierte Ein-Mann-Armee ist der ehemalige Militärpolizist und Offizier weniger ein Gentleman. Wie ein Magnet zieht er den Ärger an – und wenn man ihn reizt, oder er Ungerechtigkeiten sieht, ist es vorbei mit dem Status „Frieden“. Er ist nicht gerade zimperlich mit seinen Feinden – effektiv, konsequent und kompromisslos tötet er seine Gegner.

Zurück zu seinen Wurzeln und auf der Suche nach seiner eigenen Familie führt ihn sein Weg in das Provinznest Laconia. Die kleine Stadt verfügt über eine klassische, soziale Infrastruktur: wenig Ärger, wenig Aufmerksamkeit, alle bleiben bitte unter sich. Besucher werden nicht gerade „Herzlich willkommen“ begrüßt.

»Laconia, New Hampshire« stand auf dem Straßenschild. Obwohl Jack Reacher noch nie hier gewesen war, entschied er sofort, dass er den Ort besuchen würde. Denn hier war sein Vater aufgewachsen, und auch wenn dieser niemals zurückgekehrt war, wollte Reacher sehen, was das für ein Ort war. Als er den Entschluss traf, ahnte Reacher noch nicht, dass es einen guten Grund gab, warum sein Vater Laconia den Rücken gekehrt hatte. Während Reacher in der Vergangenheit herumstochert, gerät er ins Fadenkreuz skrupelloser Männer, die für ihren Profit über Leichen gehen. Doch mit einem Mann wie Jack Reacher haben sie nicht gerechnet.(Verlagsinfo)

Der vorliegende Band gehört nicht zu den starken Titeln dieser Reihe. Es mangelt an neuen, originellen Themen und überhaupt Ideen, welche böse Buben Jack Reacher noch nicht verdroschen hat. Der Plot ist immer der gleiche, die Ereignisse sind vorhersehbar und man kennt sie ggf. auch aus dem einen oder anderen Band im Genre „Thriller“.

Die große Schwäche des Romans ist die unnahbare Hauptfigur – wir wissen noch immer viel zu wenig von diesem Jack Reacher. Charakterliche Entwicklung, Tiefgang und Erklärung von psychologischen, inneren Facetten gibt es einfach nicht. Wir stellen immer nur wieder fest – es wiederholt sich alles. Nur die Bühne ist ein wenig anders aufgebaut, die Nebenfiguren haben die gleichen Merkmale und Eigenschaften – nur der Name ändert sich. Weiterer Schwachpunkt ist – dass es nach Figuren fehlt, die sich das Schicksal mit ihm teilen, die vielleicht immer mal wieder eine Rolle spielen – selbst eine kleine Nebenrolle würden der Hauptstory einen Auftrieb geben. 

Das einzige, was der Unterhaltung dienlich ist, sind die originellen Tötungen eines Jack Reachers. Er ist da recht munter und einfallsreich unterwegs. Wenigstens entsteht hier also so etwas wie keine Langeweile.

Und selbst als Jack Reacher seiner eigenen historischen DNA folgt – seine Familie waren nicht unbedingt die netten Nachbarn von Nebenan und ihren konsequenten Willen wie verdammter Erzengel über dem Gesetz zu stehen und bösen Menschen die Endlichkeit des Lebens zu zeigen – tja – die DNA kann man halt nicht betrügen.

Doch Jack Reacher macht auch kurzen Prozess, wenn es um seine eigene Verwandtschaft geht. Moral und Ethik mal kurz ausgeklammert – seine Familie sucht man sich nicht aus – und zack gibt es einen Reacher weniger.

Wir sprachen von der darzustellenden Bühne – dieses Mal ist es die Provinzstadt Laconia, die diese beschränkte Regionalität aufweist. Eine kleine Arena für „Brot und Spiele“.

Fazit

„Der Spezialist“ bedient sich aus vielen Ideen und Ereignissen der letzten 22 Bände dieser Reihe. Ein wenig unterhaltsamer Titel, mit noch weniger Spannungselementen. Selbst bei der Figur Jack Reachers entwickelt sich nicht viel Neues. Speziell ist hier nur die Langeweile und die folgt gerade Jack Reacher auf Schritt und Tritt.

Michael Sterzik

Sonntag, 17. Oktober 2021

Die Früchte, die man erntet - Hjorth & Rosenfeldt


Der siebte Teil der Sebastian-Bergmann-Reihe ist ein kleiner Exot dieser bekannten und erfolgreichen Kriminalreihe. Im ersten Band „Der Mann, der kein Mörder“ war begegneten wir einen Sebastian Bergmann, der nicht sonderlich sympathisch war. Ein selbstsüchtiger, unbeherrschter Charakter, der mitunter selbstzerstörerisch auftritt. Ein narzisstischer Psychologe, der bei den schwedischen polizeilichen Behörden allerdings auch den exzellenten Ruf hatte, der wohl beste Profiler zu sein. Als er im Ausland bei einem Tsunami seine Frau und sein Kind verliert, reißt er desillusioniert alle gesellschaftlichen und freundschaftlichen Kontakte hinter sich ein.

Erst Jahre später trifft er einen alten Kollegen, der seine Hilfe benötigt und Sebastian Bergmann geht somit beruflich und menschlich neue Wege. Auch wenn der hochintelligente Psychologe  es sich und seinen Mitmenschen alles andere, wie einfach macht.

Sehnsüchtig hat man auf diesen Titel gewartet. Diese Reihe gehört unter den skandinavischen Krimis als eine der besten. Die Bücher funktionierten nicht nur über einen vielseitigen und originellen Spannungsbogen, sondern ebenfalls über die vielen, fast schon familiär agierenden Ermittler. Um der Story mehr Tiefe zu geben, hat das Autorenduo jedem seiner Figuren maßgeschneiderte private Herausforderungen und Schicksale auf den Leib geschrieben. Jetzt im vorliegenden siebten Band kristallisieren sich feine berufliche und private Abgründe – und nein, nicht bei Sebastian Bergmann, sondern bei seinen ehemaligen Kollegen aus der Reichsmordkommission.

Drei Morde innerhalb weniger Tage: Die beschauliche schwedische Kleinstadt Karlshamn wird vom Terror erfasst. Vanja Lithner und ihre Kollegen von der Reichsmordkommission stehen unter Druck, den Heckenschützen zu stoppen, bevor weitere Menschen ums Leben kommen. Aber es gibt keine Hinweise, keine Zeugen und keine eindeutigen Verbindungen zwischen den Opfern.
Sebastian Bergman hat sich für ein ruhigeres Leben entschieden, seit er Großvater geworden ist. Er arbeitet als Psychologe und Therapeut. Doch plötzlich wird seine Welt auf den Kopf gestellt, als ein Australier ihn aufsucht, um seine Erlebnisse während des Tsunamis 2004 zu verarbeiten. Bei dem Sebastian selbst Frau und Tochter verlor.
Seit Sebastians ehemaliger Kollege Billy das erste Mal getötet hat, kann er nicht aufhören. Nun wird er Vater und beschließt, nie wieder zu morden. Aber die Umstände wollen nicht zulassen, dass die Vergangenheit in Vergessenheit gerät. Wie weit wird Billy gehen, um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden?(Verlagsinfo)

„Die Früchte, die man erntet“ teilt sich in zwei Haupthandlungen auf. Der erste Band ist eine wilde Roadshow ala Bonnie & Clyde. Es geht nicht darum, den Ermittlungen zu folgen, um den Täterkreis einzuengen, diesmal ist der Weg das eigentliche Ziel, um die Figuren passgenau aufzustellen. Alte und neue Beziehungen werden auf die Probe gestellt. Vanja als neue Leiterin der Reichsmordkommission steht beruflich vor einer schweren Aufgabe, schließlich war ihr Vorgänger – Chef und Freund, ein erfahrener und respektierter Kollege, ein Idol dessen Fußspuren ihr noch lange nicht passen. Ja – Sebastian Bergmann ist zum Opa geworden. Er ist ruhiger, hat eine Praxis, eine neue Partnerin an seiner Seite – dass Leben könnte eigentlich ganz schön sein, doch noch hat nicht vergessen, dass Billy auf der eigenen Hochzeit eine Katze getötet hat. Diese Beobachtung lässt ihn nicht los – und Billy kann sich nicht kontrollieren.

Die Atmosphäre des Buches ist grundlegend spannend. Wer die vorherigen Titel schon gelesen hat, wird wissen, dass es sehr überraschend zugehen kann. Im Grunde sitzt man in einem virtuellen Lesezimmer und wartet auf genau die eine Katastrophe, die noch kommt. Die eine Wendung, oder ein überraschender Aspekt, den man nicht erwartet hat.

Doch die Reihe hat auch gewisse Ermüdungserscheinungen – auch wenn das Ende „gut“ ist – so wirkt es manchmal allzu sehr konstruiert. Stellt sich die Frage wie geht es mit dieser Reihe weiter – wird ein Kriminalfall wieder im absoluten Vordergrund stehen, oder wird der oder die Tatorte zukünftig im privaten Umfeld der Protagonisten auftauchen. Ich hoffe ersteres, denn Sebastian Bergmann konnte seine Figur diesmal nicht vollumfänglich ausspielen und zeigen, was er psychologisch sehen kann, einfordert, oder manipulieren kann.

Dieser Band hat kein Alleinstellungsmerkmal – und es ist absolut notwendig, die übrigen Teile gelesen zu haben – sonst kann man einzelne Charaktereigenschaften etc. gar nicht deuten und einordnen.

Zurück zu den Ursprüngen seiner selbst – denn sonst überholt sich die Serie leider von ganz alleine.

Fazit

Hochspannend – private Katastrophengebiete vs. Kriminalfall = 1:0. Immer noch gut – immer noch ein Pageturner. Diese Reihe – nicht der Titel als Einzelexemplar – gehört noch immer zu den besten im Genre Krimi.

Michael Sterzik

Dienstag, 12. Oktober 2021

Wahre Verbrechen - Christine Brand


Die Autorin Christine Brand weiß, wovon sie schreibt – es sind keine fiktiven Geschichten, über die sie schreibt. Als Journalistin hat sie die Prozesse vor Gericht begleitet, hat sich mit den Verbrechen auseinandergesetzt, recherchiert, mit Opfern und Polizisten gesprochen – so tief in das „Böse“ eingetaucht und damit in finstere, dunkelste Abgründe gesehen.

Das Leben schreibt die spannendsten und originellsten Geschichten und diese sechs Geschichten, die von Christine Brand erzählt sind nicht nur spannend, sondern vermitteln auch eine Botschaft, über die man sich Gedanken machen muss.

Ein Thema, auf das die Autorin hier eingeht, ist das Justizsystem – ist das Rechtssystem in der Schweiz und Deutschland fehlerfrei und objektiv genug, um damit wirklich „Recht“ zu sprechen, um der Gerechtigkeit zu entsprechen. Es bleiben eine Menge Fragen offen – Fehler in den Ermittlungen führen dazu, dass „Täter“ geschützt werden können, das ist leider auch keine Fiktion. Ein weiteres Faktum ist leider auch, dass unverhältnismäßig und bei offensichtlichen Unregelmäßigkeiten weggeschaut wird – und nicht nur das, über Monate hinweg werden diese merkwürdigen Ereignisse, die jegliche Statistik und Vernunft einfach einäschern, verdrängt und ignoriert. Das Ergebnis davon ist mörderisch. Es hätten mehrere Leben gerettet werden können, und viele Angehörige hätten sich unendliches Leid erspart.  

Ein unauffälliges Ehepaar wird zum tödlichen Duo – mit einem absurden Motiv. Ein Mann gesteht den Mord an seiner Frau und wird doch freigesprochen. Ein kleines Dorf wird von einer unvorstellbaren Tat erschüttert. Christine Brand, Autorin des Bestsellers »Blind« und weiterer Kriminalromane um ein Schweizer Ermittlerduo, war als Gerichtsreporterin bei den Prozessen zu diesen und anderen Fällen hautnah dabei und hat Einblicke in die Geschichten von Tätern, Opfern und Publikum wie kaum jemand sonst. Sie erzählt von den Verbrechen, spannender und oft unglaublicher als jeder Krimi, und davon, wie es ist, im Gerichtssaal zu sitzen und in die tiefsten Abgründe der Menschen zu blicken.(Verlagsinfo)

„Wahre Verbrechen“ von Christine Brand geht tief unter die Haut. Erschreckend, verstörend, beängstigend und es entwickelt sich auch eine gewisse Verärgerung. Die Kriminalfälle sind abgeschlossen – soweit so gut, aber das Leid für die Angehörigen ist allerdings ein Lebenslänglich. Stellt sich die Frage – was passiert mit diesen Angehörigen, wird ihnen geholfen, haben sie eine Begleitung in der schweren Zeit, damit meine ich keine finanzielle Unterstützung, es bringt die Toten nicht zurück?!

Der Blick hinter dem Spiegel des Verbrechens – diese Perspektive, die uns Christine Brand beschreibt, ist authentisch und spannend. Dass diese auch eine faszinierende Unterhaltung ist, steht außer Frage – doch lassen die Geschichten den Leser nicht los. Das Echo der Gewalt, der Wut und des Schreckens hallen noch länger nach.

Die Motive der Täter sind beängstigend – ein Blick in deren psychologischer grausamen Welt ist verstörend. Die Täter sind keine „Monster“ – man sieht  und merkt es ihnen nicht an, dass diese ggf. krankhaft veranlagt sind. Es könnte jeder von uns sein, der Nachbar, der Freund, der Bekannte – eine Person, die man meint zu kennen, aber gefährliche Soziopathen sind.

Christine Brand versucht zu erklären, welche Motive diese Straftäter hatten, welche Vorgehensweise sie gewählt haben, um Menschen bewusst zu töten. Sie erzählt von deren Auftritt vor Gericht, von dem Strafmaß und lässt auch das Leid der Angehörigen wirken. Genau das macht das Buch „Wahre Verbrechen“ zu einem wirklich hervorragenden Titel. Der Gesamtblick auf das Verbrechen – aus verschiedenen Perspektiven – keine dramatischen Momentaufnahmen, die in ein theatralisches Licht gesetzt werden.

Wer mehr über diese Fälle wissen möchte, dem wird es einfach gemacht über das Internet zu recherchieren. Christine Brand gibt es in ihrem Buch selbst ein Stimme – sie erzählt von ihren eigenen Emotionen, von Wut, einer Traurigkeit, von Mitgefühl – es ist auch eine persönliche Aufarbeitung von diesen Fällen, die sie als Journalistin vor Gericht begleitet hat. Völlig loslassen, sich nach dem Verlassen des Gerichtsgebäudes auf den Alltag einzulassen, ich vermute, dass das schwer war und nicht wirklich gut funktioniert.

Fazit

„Wahre Verbrechen“ von Cristina Brand ist exzellent erzählt. Der Schrecken, die Wut –alle Emotionen, die man empfindet, sich „wahr“ – das Echo der Gewalttaten klingt nach. Die Wut und die Verzweiflung der Angehörigen wird ein Podium geschaffen. Es bleiben kritische Fragen übrig, die zwar nicht beantwortet werden – aber die aufrüttelnd sind. Ein sehr, sehr starker Titel aus dem Genre „True Crime“. Prädikat: Unbedingt lesen.

Michael Sterzik

Samstag, 9. Oktober 2021

The Rules of Magic - Eine zauberhafte Familie - Alice Hoffman

 


Es gibt Regeln – ohne diese würde die Menschheit im Chaos versinken. Dabei muss man unterscheiden zwischen offiziellen und inoffiziellen Regeln – oder Gesetzen, als solche kann man diese auch interpretieren.

Alice Hoffman, die Autorin von „The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie“ erzählt wie der Titel es schon ausdrückt, von einer „magischen“ Familie. Hexen und Zauberer, die leider verflucht sind, und sich an Regeln halten müssen. Passiert das nicht, sterben die Partner, die sich die magie begabten Menschen verliebt haben. Damit ist das Drehbuch für Konflikte, pubertäre ich-mache-was-ich-will-Expeditionen“, viel Liebe, Trauer und Tod schon vorgezeichnet.

Die Hexen und Zauberer sind nicht unsterblich, oder tragen so mächtige Magie in sich, dass sie allmächtig sind. Für die drei Kinder der Owens Familie ist ihr magisches Talent Fluch und Segen zugleich. Sie verdrängen den Gedanken, dass sie anders sind als andere Kinder, aber sie spüren es und mit zunehmendem Alter können sie ihre verschiedenen Talente besser kontrollieren.

Das einzige was sich widersetzt ist diese verdammte „Liebe“. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt – und somit eröffnet sich dem jugendlichen Trio ein Kampf um die Liebe und um das Überleben.  

New York, Anfang der 60er Jahre. Franny, Jet und Vincent Owens sind keine gewöhnlichen Kinder, denn sie entstammen einer Familie von Hexen: Die schöne Franny hat blasse Haut und, passend zu ihrem Temperament feuerrote Haare. Jet ist sensibel und kann Gedanken lesen, und der charismatische Vincent verfügt schon in jungen Jahren über eine überwältigende Anziehungskraft auf das andere Geschlecht. Alles riecht nach Ärger, und dass die drei das magische Talent ihrer Vorfahren geerbt haben, macht die Sache nicht besser.
 Von Beginn an gibt ihre Mutter Susanna ihren Kindern deshalb ein paar Regeln mit auf den Lebensweg: keine Spaziergänge bei Mondschein, keine roten Schuhe, keine schwarze Kleidung, keine Katzen oder Krähen im Haus, und das Allerwichtigste: »Verliebt euch nie, niemals!«
 Doch Franny, Jet und Vincent sind jung und voller Tatendrang: Natürlich werden sie jede einzelne Regel brechen – und mit den Folgen leben müssen. (Verlagsinfo)

Der Titel trägt auch die Botschaft in sich, dass man den Tod und das Schicksal nicht vollumfänglich austricksen kann. Hinauszögern schon – aber der Preis ist unendlich hoch. Die Liebe wird durch die drei Geschwister als großes Geschenk, aber auch ein verhängnisvolles Gefühl demonstriert. Da die Geschichte auch in den 60er Jahren spielt, haben wir gesellschaftliche Grenzen und Verständnisse, die längt aufgearbeitet sind. Man muss sich auf den Roman einlassen – denn dann präsentiert er uns eine Tiefe, die herausragend ist. Die Magie steht hier überhaupt nicht im Fokus, ganz im Vordergrund dreht sich alles um die „Liebe“ – Geschwisterliebe, die Liebe zu einem Partner, die Liebe zu Freunden, die Liebe zu Tieren usw. Facettenreich, tiefgründig, dramatisch und mit einer klaren Botschaft – Die Liebe kann nicht alles besiegen – aber es lohnt sich um sie kämpfen.

Die Charaktere – egal ob Haupt- oder Nebenfiguren sind toll besetzt. Ihre Entwicklung mit allen Höhen und Tiefen geht sehr sensibel unter die Haut. Neben der tiefgründigen Story, wenn man sie denn entdeckt, ist der emotionale Faktor faszinierend gut konstruiert.

Man kann sich auch dieser Emotionen nicht entziehen. Alice Hoffman Stil unsere inneren Knöpfe zu drücken ist fast schon psychologisch gesehen – professionell.

Da die „Magie“ nicht in der ersten Reihe sitzt – ist dieser Fantasy-Roman eher eine dramatische Familiengeschichte. Der Titel „Eine zauberhafte Familie“ ist etwas irreführend, denn so locker und leicht dieser Satz auch klingen mag – hinter den Kulissen gibt es wenig Humor.

Fazit

„ A Kind of Magic“ – das trifft es wohl. Das Buch verführt uns, über die Liebe nachzudenken. Berührend und sensibel wie ich es selten gelesen habe. Weniger Fantasy – mehr eine tragische und dramatische Art und zu zeigen – dass die Antwort auf alle Fragen – die Liebe ist.

Michael Sterzik  

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Mein Wille geschehe - Bernd Schwarze

 


Das Böse ist doch vielseitig, oder? Fasziniert es uns deswegen – weil jeder von uns auch etwas „dunkles“ in sich trägt? Normalerweise „leben“ wir unsere Aggressionen nicht aus, und wann dann kanalisiert und unsere innere Sicherheitsschaltung funktioniert, sodass wir uns im Griff haben.  Wir Menschen neigen allerdings auch dazu, dass uns im Affekt die Sicherungen durchbrennen können. Eine Verzweiflungstat mit weitreichenden Folgen, und nicht immer nur für uns selbst.

Pastoren, Priester, usw. also Gottes Bodenpersonal dienen dem „Guten“ aber auch der Dienstherr kann manchmal bei der Besetzung seiner klerikalen Stellen eine Fehlbesetzung haben. Was passiert dann – wenn der Mensch –  in kirchlichen Gewändern, ein schwere Straftet begeht? Wie geht das dann weiter von wegen Vergebung der Sünde? Jetzt wird es also kompliziert.

Ein evangelischer Priester der im Affekt jemanden tötet. Der Mensch der am Sonntag zu seinen „Schäfchen“ der Gemeinde predigt und die Sünde verdammt und von Vergebung und Hoffnung plappert!? Kann das passen, oder könnte so eine Geschichte in die Reihe der Legenden und Fabeln aufgenommen werden? Der Lübecker Theologe Bernd Schwarze lädt uns in seinem Debütwerk dazu ein – hinter die kirchliche Fassade eines Priesters zu sehen – den Menschen und nicht den Priester auf Augenhöhe zu begegnen.

Im Affekt schlägt Pastor Benedikt Theves einem gewalttätigen Ehemann, der ihm ausgerechnet in der Sakristei seiner Kirche ein abscheuliches Video zeigt, das schwere silberne Altarkreuz über den Schädel. Tief erschüttert und gleichzeitig seltsam befreit versteckt der Pastor sein Opfer in der Krypta. Schon bald spürt er eine nie gekannte Energie in sich. Hat ausgerechnet sein Verstoß gegen das 5. Gebot ihm zu Selbstbewusstsein und Charisma verholfen?  Um den Schwachen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schwingt er ab sofort nicht nur das Kruzifix, sondern auch wirkmächtige Reden im Namen des Herrn. Er wird beliebter, seine Kirche platzt aus allen Nähten, aber nicht nur die schöne Frau des Opfers sucht auf einmal Theves` Nähe – sondern auch der misstrauische Hauptkommissar René Wilmers, der dem Pastor ebenso im Nacken sitzt wie sein schlechtes Gewissen … (Verlagsinfo)

„Mein Wille geschehe“ von Bernd Schwarze ist ein theologischer, philosophischer Krimi. Tiefgründig und nachhaltig dazu animierend über das eine oder andere nachzudenken. Moral – Ethik – das „Gute“ und das „Böse“ – Verantwortung – Vergebung und die eine oder andere Sünde spielen hier eine mehr, oder minder tragende Rolle.

Wieviel Last kann ein Mensch tragen, der sein Leben „Gott“ widmet – der tief im Glauben verankert ist? Kann dieser jemand zweifeln, oder seine Berufung verraten – sich abwenden von Gott – aber trotzdem Glücklich sein?!  Was passiert seinem bewussten „Selbst“? All diese herrlich komplizierten Werte offenbaren sich hier in einer Handlung voller Licht und Schatten.

Der Roman ist kein klassischer Krimi. Er ist weit weg davon einer zu sein. Die Spannung ist auch nicht das Produkt der Tötung – man fiebert hingegen mit, wie der Pastor selbst mit einer „Sünde“ umgeht – sagen wir besser Sünden – denn der Teufel kann verführerisch sein. Also was ist er dann – wenn schon kein Krimi.

Als Autor – als Schöpfer seiner literarischen Figuren – hat er diese dann nicht nach seinem Ebenbild geschaffen? Wie viel und welche biografischen Fakten sind hier eingebaut. Ein Schelm also – wer „böses“ denkt.

Ein origineller Titel, der gut ist – und ein Autor, der noch literarisch gesehen noch viel zu lernen hat. Aber Talent ist in jeden Fall vorhanden. Der Roman hat Längen, einige davon, viele überflüssige Szenen und Dialoge – doch schafft er es dennoch interessant  zu sein. Alleine schon die Vorstellung – dass man vor dem evangelischen Pastor seine Sünden „beichtet“ ist eine originelle, vorwitzige Idee.

Eine gewisse psychologische Raffinesse gibt es in „Mein Wille geschehe“ und noch vieles mehr, das den Leser beschäftigen wird. Der Band wird ein einzelner Titel sein. Der Autor könnte aber, und das könnte interessant werden – eine völlig neue Reihe erschaffen. Ich denke, auch in Kirchenkreisen wird viel gesündigt und an Ideen sollte es nicht mangeln.

Fazit

„Mein Wille geschehe“ ist ein philosophischer, tiefgründiger Roman um einen Pastor, der nicht göttlich – aber allzu menschlich daherkommt. Auf seine Art und Weise einmalig und überzeugend. Unterhaltsam auf jeden Fall. Hoffen wir doch das „Gott“ dem Autor Bernd Schwarze inspirierend entgegenkommt.

Michael Sterzik 

 

Samstag, 2. Oktober 2021

Der kalte Glanz der Newa

 


Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Sieg gegen Nazideutschland, den die Russen auch den großen vaterländischen Krieg nannten, begann für das russische Volk eine Ära der Gewalt, des Schreckens, des Terrors unter Stalins Herrschaft. Seine bösartige Willkürlichkeit legitimiere Verbrechen im Namen des Staates. Niemand war in dieser Diktatur sicher, ein falsches Wort, eine kritische Anmerkung, eine Intrige konnten den Tod, oder das Arbeitslager im Gulag bedeuten. Dabei wurden ganze Familien vernichtet, ohne Rücksicht zu nehmen auf unschuldige Kinder. Die stalinistische Herrschaft bedeutete für ca. 9 Millionen Menschen den Tod.

Ben Creed ist das gemeinsame Pseudonym von Chris Rickaby und Barney Thompson. „Der kalte Glanz der Newa“ ist der erste Band um den Ermittler Revol Rossel und ist ein wirklich überzeugender Thriller.

Die Atmosphäre des Titels ist besonders. Die Story spielt in Leningrad – und die Stimmung hat etwas von einer Stadt in Sünde. Dunkelheit, Verzweiflung, Angst – ein eisiger Winter und nicht nur dieser ist erbarmungslos. Auch die Menschen sind es, ohne viel Hoffnung, ernüchternd davon, dass nach dem großartigen Krieg gegen Hitler-Deutschland alles hätte besser sein sollen

Leningrad im eisigen Winter 1951: Wie auf Notenlinien wurden fünf grausam verstümmelte Leichen zwischen drei Bahngleisen arrangiert – ein Anblick, der selbst die hartgesottenen Militärpolizisten um Leutnant Revol Rossel zutiefst erschüttert. Könnte Stalins gefürchtetes Ministerium für Staatssicherheit dahinterstecken?
Leutnant Rossel glaubt, dass er seit dem Krieg und einem Zusammenstoß mit der Geheimpolizei nichts mehr zu verlieren hat – doch als er während der Ermittlungen mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird, muss er erkennen, wie viel für ihn noch immer auf dem Spiel steht.(Verlagsinfo)

Das Autorenduo vermengt Fiktion mit Faktion und dramatisiert die Handlung sehr unterhaltsam. Wie schon oben beschrieben ist das eigentlich böse, ggf. nicht der Mörder, der grausame Taten begangen hat, sondern lässt den Staat unter Josef Stalin stellvertretend als Erzbösewicht dastehen. Unabhängig von der Handlung interpretiert, war es auch so. Diese atmosphärische Stimmung schwingt auf jeder Seite mit. Die Verzweiflung der Ermittler, der einfachen Menschen zeichnet sich aus durch Willkür, Angst, einer Bespitzlung, der immer gegenwärtigen Gefahr verhaftet und gefoltert zu werden.

Diese Stimmung verfestigt sich auch bei allen agierenden Charakteren. Insgesamt also sehr melancholisch, nahezu melodramatisch, wenn es zu Rückblicken in die Vergangenheit kommt. Alte Kriegsgeschichten, leidenschaftliche Beziehungen die in Verrat endeten und der Hauptfigur Revol Rossel geht es nicht besser. Der ehemalige, begnadete Musiker wurde denunziert, verhaftet und gefoltert, sodass er niemals mehr seine eigentliche Berufung als Geigenspieler ausüben kann. Physisch und psychisch gebrochen passt er sich mehr, oder minder an. Sein Überlebenswillen wurde noch nicht gebrochen.

Historisch gesehen wird hier dramatisiert – Momentaufnahmen einer Schreckensherrschaft, die aber gut in Szene gesetzt wurde. Spannung entsteht durch die Ermittlungsarbeit, die Duelle mit dem Geheimdienst um möglichst schnell einen Täter zu identifizieren und zu verhaften – mit einer Wahrheit geht man eher locker um. Spannende Themen sind auch die Erzählungen von Leben und Sterben in Arbeitslagern – von eintätowierten Symbolen die die Laufbahn, dass Schicksal und auch die Zukunft der Häftlinge zeigten. Ein „König der Diebe“ – eine Nebenfigur, die interessant, aber leider zu wenig Raum gegeben wurde.

Die Story spielt nur in Leningrad und dieser entwickelt sich wie gesagt zu einem Spielplatz des Bösen – anscheinend stellvertretend für die übrige Sowjetunion. Das die beiden Autoren, diese Epoche kritisch sehen, spürt man auf jeder Seite. Etwas stereotypisch – aber dienlich für den spannenden Unterhaltungswert.

Die Autoren, die sich hinter dem Pseudonym Ben Creed verstecken haben, mit „Der kalte Glanz der Newa“ einen sehr, sehr spannenden Thriller geschrieben. Es ist auch kritischer Polit-Thriller, der die Verrohrung des Regimes an den Pranger stellt. Verbrechen findet statt – werden durch Mitglieder des Politbüros gedeckt – auch keine wirklich neue Idee – aber wie sie erzählt wird, ist schon großartig.

Die Theatralik spielt in dem vorliegenden Roman eine wesentliche Rolle und manchmal dreht diese gegen Ende der Story frei. Dies ist der erste Band der Reihe, die fortgesetzt wird und ich freue mich auf den zweiten Band, der „Leningrad-Trilogie“.

Fazit

Insgesamt gesehen ein höchst spannender Titel mit einer tollen Figurenzeichnung. Leningrad als Stadt der Sünde – viele Themen die polarisierend sind, aber die spannende Unterhaltung ist garantiert und die Stimmungsmelodie des Titels höre ich noch immer. Absolut zu empfehlen.

Michael Sterzik