Sonntag, 23. Dezember 2018

Fünf plus drei - Arne Dahl

Arne Dahl ist mit einer der erfolgreichsten Kriminalautoren unserer Zeit. Seine Bücher um seine Ermittler – A-Gruppe und auch die Opcop-Serie verkaufen sich weltweit und wurden erfolgreich verfilmt. 

Der vorliegende Band: „Fünf plus drei“ ist der dritte Band um das Ermittlerduo Berger und Blom. Alle drei Bände sind im Verlag Piper erschienen. 

Vorab sei zu sagen, dass man bevor man zu diesem Band greift, die beiden vorherigen Teile: „Sieben minus eins“ und „Sechs mal zwei“ gelesen haben sollte. Arne Dahl schreibt hochkomplex und viele Ereignisse und sowie die Entwicklung der Charaktere – ob nun Feind oder Freund – sind in Summe gesehen, dass Produkt der ersten beiden Bände. 

„Fünf plus drei“ : ist ein wirklich verdammt raffinierter Politthriller, der allerdings auch seine inhaltlichen Schwächen hat. Die Konzeption der Charaktere ist gelungen, allerdings sind die Helden dieses Kriminalromans Berger & Blom – sehr blass entworfen, gegen die charismatischen Bösen, die außerordentlich tiefgründig erscheinen. Rückblickend mag das in den anderen Bänden anders gewesen sein. 

Die Handlung entwickelt sich wie zu einem Stau in der Hauptverkehrszeit. Man weiß, dass man irgendwann ankommt, aber welche Umgehungsstraße man fahren muss, und wann man letztlich ans Ziel kommt, ist relativ ungewiss. Die Storyline ist einfach, die Perspektiven teilen sich mit verschiedenen Personen auf – und das größte Manko ist, dass die erzählerische Ebene der Kontrahenten. 

Auf anderen Ebenen – die Verwicklungen geheimdienstlicher Interessen, kriminelle – mafiöse Vereinigungen, Waffengeschäfte und die Terrorgefahr – gar nicht schlecht erzählt, doch auch hier fehlt ein wenig der durchgehende rote faden. Allzu verworren, also inhaltlich nicht sauber. 

Spannend allemal und auch die Action fehlt nicht. Zuletzt im Showdown – kommt man sich vor wie in einer Wild-West-Show, wer hier Freund oder Feind ist, wer wie viele Sünden geparkt hat und wer letztlich doch nur eine Marionette ist, begreift man herzlich wenig. 

Fazit

Solider Kriminalroma – der vieles möchte und es dennoch nicht schafft. Gehetzt geschrieben – tolle Ideen, aber die Chancen nicht getan. Von Arne Dahl kann man mehr erwarten. 

Michael Sterzik 



  

Montag, 10. Dezember 2018

The Hunger - Alma Katsu

Es gibt viele Expeditionen, die voller Enthusiasmus gestartet sind, und schließlich mit einer hohen Anzahl von Leichen tragisch endete. Es entstanden Legenden um diese Frauen und Männer, die allen Herausforderungen zum trotz, mitsamt ein paar gut gemeinten Warnungen, in eine für sie unbekannte Region reisen wollten. Im vorliegenden Band: „The Hunger“ von Alma Katsu beschreibt die Autorin den Mythos „Donner Party – eine Gruppe von 87 Siedlern, die im Jahre 1846 nach Kalifornien aufbrachen um dort im Land von fließenden Milch und Honig ansässig zu werden. Die Eroberung des Wilden Westen scheiterte katastrophal für den Treck, dem natürlich auch Frauen und Kinder angehörten. 

Die Familien George Donner und James Reed wählten eine angebliche, geheime Abkürzung, von der niemand wusste, ob diese überhaupt mit den vielen Wagen passierbar war. Überrascht vom frühen Wintereinbruch in der Sierra Nevada, saßen die Siedler in der Falle und begannen langsam zu verhungern. Die Hälfte von ihnen starb und jeder Überlebende konnte den Tod nur entgehen, weil er zum Kannibalen wurden. 

Aus den Quellen von Tagebüchern, der dann doch Geretteten wurden dramatische Situationen geschildert. Die Menschen aßen als erstes ihre Zugtiere, dann Haustiere – Katzen und Hunde. Verzweifelt genug landeten später Tierfelle, Knochen- und Lederstücke in dem Topf. Am Ende – es ging nur noch ums Überleben verspeisten diese ihre eigenen Toten.  Ein Schock für das damalige Amerika, dass tief religiös war. Ist Kannibalismus unter solch extremen Bedingungen gerechtfertigt?! 

„The Hunger“ ist ein Parallelroman zu dem Titel: „Terror“ von Dan Simmons – nur halt nicht im ewigen Eis, sondern in der Prärie und den Bergen Amerikas. Der erzählerische Stil von Alma Katsu ist zwar authentisch, aber die Grundstimmung hat einen grundsätzlichen depressiven Charakter. Ähnlich wie bei ihrem Kollegen Dan Simmons kommt das „Grauen“ langsam, aber konsequent auf die Siedler zu. Die Ängste, die Kälte, die Verzweiflung werden gut erzählt, erreichen aber bei weitem nicht die Intensität wie bei dem Titel: „Terror“. Es gibt die eine, oder andere schockierende Szene, doch historisch gesehen erreicht mich diese Handlung nicht. 

Alleine die theoretischen Erklärungen über die grausamen Vorfälle sind total unrealistisch geschildert. Die Protagonisten überzeugen insgesamt auch nicht, dass beschwerliche Leben, die Erwartungshaltung werden nicht durch die Autorin transportiert. Ein Horrorroman in einer historischen Kulisse – mehr ist der Roman nicht – und auch nicht weniger. Eine historische authentizität wird auch nur leicht angekratzt. Tolle Ausgangssituation und etwas copy und paste und wir knüpfen an dem Roman: Terror an!? Weit gefehlt – meilenweit entfernt. 

Thriller, oder historischer Roman? Von beiden etwas – von beiden viel zu wenig. Für die Überlebenden, auch wenn sie denn schon lange gestorben sind, nicht gerade ein Denkmal. Eine historische Aufarbeitung ist „The Hunger“ letztlich auch nicht. Spannung – zäh wie gekochtes Leder. 

Fazit

„The Hunger“ ist der Versuch am Erfolg von: „Terror“ – Dan Simmons anzuknüpfen. Versagt aber und lässt alle fragend im Regen und Schnee stehen. Ein Mythos der sich selbst überholt hat – eine Handlung, die absolut unrealistisch ist. Stil, Ausdruck und Sprache nicht mehr wie durchschnittlich. Nicht empfehlenswert. 
Michael Sterzik 

Sonntag, 9. Dezember 2018

Der Hexenjäger - Astrid Fritz

Die Hexenverfolgung im Spätmittelalter gehört zweifellos zu den unmenschlichsten Verbrechen. In Europa, so schätzen Historiker wurden ca. zwischen 40.000 und 60.000 Menschen als Hexen und Zauberer verbrannt. Der Höhepunkt dieser Hexenverfolgung liegt zwischen 1550 und 1650. 

Es war eine dunkle Zeit für die Bevölkerung, die Pest, Kriege usw. und irgendwer musste ja Schuld sein. Die jüdische Bevölkerung sowieso und der Aberglaube der einfachen Menschen wurde von der katholischen Kirche konsequent gesteuert und manipuliert. Die Angst vor der Strafe Gottes, dem Fegefeuer, eines Satans der sich den Seelen bemächtigt, klingt in unserer Zeit äußerst befremdlich. Leider gab es mit Sicherheit auch viele Menschen, die diese kranke Ideologie als unwiderrufliche Wahrheit interpretierten.

Laut Quellenangaben wird die Zahl der getöteten Hexen und Zauberer in Deutschland auf 25.000 Opfer beziffert. Die Motive, die die Ankläger vorbrachten, sind beispiellos verbrecherisch. Hinzu der Aspekt: Jeder konnte jeden anprangern, denunzieren und an die Kirche verraten. Sicherlich konnte man den einen, oder anderen Konkurrenten mit einer solchen Anklage für immer zum Schweigen bringen, und es ist belegt, dass sogar Kirchenfürsten, oder Amtsinhaber gezielt Opfer denunzierten um an deren Besitz, zum Beispiel das Grundstück zu gelangen. 75% bis 80% der Opfer waren Frauen – ein sexueller Aspekt, ein Motiv ist also auch hier unbestritten. Leider ist es anscheinend Fakt, dass man familiäre, finanzielle und geschäftliche Motive als Hauptgründe ansehen kann. 

Die Justiz, die „Gerichtsbarkeit“ versagte mancherorts total, aber auch hier konnte man sich absprechen, und den „weltlichen“ Gewinn ggf. aufteilen. Geständnisse und Beweise unter der Folter erwirkt – gehört zu den wahr gewordenen Schauergeschichten dieser Epoche. Prozesse wie wir sie kennen, gab es nicht – es war eine Farce. 

Die in Stuttgart lebende Autorin Astrid Fritz hat nun im Verlag Rowohlt, ihren Titel: „Der Hexenjäger“ veröffentlicht. Der Inquisitor und Dominikaner Heinrich Kramer verfasste das im Jahre 1486 veröffentliche Werk: „Der Hexenhammer“. Eine und für  spätere Generationen Legitimation der Hexenverfolgung. 

„Der Hexenjäger“ ist Heinrich Kramer – dessen Lebensgeschichte wird von der Autorin anhand von vorliegenden Quellen erzählerisch interpretiert.  Wer war denn dieser Heinrich Kramer überhaupt? Astrid Fritz stellt den berüchtigten Verfasser in keinem positiven Licht dar. Fakt ist: Er war ein Verbrecher, ein ggf. sexuell frustrierter Mensch mit Minderwertigkeitskomplexen, einer satten Psychose und einen Hass auf Frauen. 

Sein Schicksal, bzw. das er eine Frau aus boshaften Neid und aufgrund ihrer Abweisung, denunzierte ist die eigentliche Handlung des Romans. Die junge schöne und unschuldige Susanne, die nicht den passiven und später aktiven Annäherungsversuchen Heinrich Kramers erliegt, wird schlichtweg von der Obrigkeit entführt, angeklagt und befragt. Beweise – frei interpretiert und ausgelegt, wie es der alte Mann möchte. Vernichtung einer Frau um jeden Preis. 

Der historische Roman: „Der Hexenjäger“ ist eine sehr oberflächige Erzählung, die sich erst zu spät in die richtige Richtung bewegt. Das Schicksal einer einzelnen „starken“ Frau mit dem Hintergrund, der anfänglichen Hexenverfolgung, zu verbinden, ist nicht sehr spannend gelungen. Hier werden auch alles Klischees einwandfrei bedient. Eine schöne, sensible Frau, unschuldig – die Opfer einer dramatischen Intrige wird. Natürlich in Kombination einer totalen, romantischen Liebesgeschichte in Szene gesetzt. Realistisch – ich habe arge Bedenken. 

Worum geht es denn eigentlich: „Hexenverfolgung“ oder die Analyse des Berufsweges eines Priesters der verbrecherisch im vollen Wissen und Überzeugung agiert!? Astrid Fritz schildert gekonnt die persönlichen, psychischen Abgründe eines Heinrich Kramers und stellt ihn als frauenverachtendes Monster dar. Schlichtweg war es auch – und genau diese Schilderungen werden bei den Leser Hass und Abscheu hervorrufen. Anders kann man diese empfundenen Emotionen nicht beschreiben. 

Oberflächlich wird das Thema „Hexenverfolgung“ auch nur angerissen. Ja, die Entstehung seines Titels „Hexenhammer“ findet eine hohe Beachtung, doch insgesamt ist das Schicksal der jungen Frau im Vordergrund der Handlung. Immer mal wieder gibt es Rückblenden, die die Kindheit und Jugend Heinrich Kramers beleuchten und die zielgerichtet erzählen, wie dieser Mann so verbrecherisch und voller Hass zu einem Menschen werden konnte, der nach Macht und Ansehen strebte. 

Wirklich spannend, und fragen wir besser nach nicht nach dem Realismus, sind die letzten Kapitel des Romans. Das Nachwort der Autorin fällt viel zu flach aus, dass Glossar ist in Ordnung. Also was bleibt übrig: Mal wieder ein seichter, historischer Roman, der dass Schicksal einer jungen Frau und einer dramatischen Liebe erzählt. Der historische Aspekt der „Hexenverfolgung“ und die Rolle einer Frau, sowie die der Obrigkeit, der Kirche und des Volkes hinken einfachen sang- und klanglos hinterher. 

Fazit

„Der Hexenjäger“ ist weder spannend noch authentisch, voller Klischees und reiht sich mühelos in die übrigen historischen Frauenschicksale ein. Für mich das schwächste Buch der Autorin und insgesamt nicht empfehlenswert.

Wer sich erzählerisch über die Hexenverfolgung informieren möchte, dem empfehle ich die Romane von Wolfgang Lohmeyer: „Die Hexe“, „Der Hexenanwalt“ und „Das Kölner Tribunal“.  Historisch sehr genial – Unterhaltungswert: Sehr spannend.

Michael Sterzik




Samstag, 1. Dezember 2018

Muttertag - Nele Neuhaus

Wenn aus Opfern Täter werden – was ist in der Vergangenheit passiert, oder gibt es für das „Böse“ keine plausible Erklärung? Können wir Verbrechen: Morde, Folter, psychische Misshandlungen damit entschuldigen, dass in der Kindheit des Täters irreparable, psychische Traumata stattgefunden haben müssen!? 

Profiler der Landes- und Bundeskriminalämter, sowie Psychologen bestätigen, dass hier der Grundstein für spätere Verbrechen gelegt wird, dass Fundament könnte dann eine ganze Reihe von Serienmorden bilden. Leider bestätigt es sich, dass Gewalttäter, die in Serie morden, in ihrer frühen Kindheit und Jugend selbst Opfer gewesen sind. Nicht die Ausnahme – vielmehr leider eine traurig bestätigte Regel. Tierquälerei, Mobbing usw. eine gewisse Aggressivität die latent, vielleicht auch erste Jahre später bei einem gewissen Ereignis ausbricht. Schon in Kindheitstagen werden wir geprägt – durch unsere Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde ...usw. wir können dies nicht abstreiten. Gewisse Rituale und selbst Eigenschaften scheinen in unserem Betriebssystem – unserer DNA fest installiert zu sein. Ganz einfache Erklärung, oder eine Entschuldigung, den Toten ist es egal?! Die Überlebenden, selbst die Angehörigen, oder die Polizeibeamten, die Ärzte und Psychologen berühren diese Schicksale – es gibt keinen psychologischen Panzer der das alles aushalten, kann. Egal ob es sich um einen Haarriss handelt, oder einen Krater in diesem Panzer – das Grauen, dass Böse findet seinen Weg. Nur wir entscheiden dann selbst – ob wir uns helfen lassen. 

Der neueste Krimi der erfolgreichen Bestsellerautorin Nele Neuhaus – Muttertag – erschienen im Ullstein Verlag, behandelt diese Thematik. Der neunte Band um die Ermittler Bodenstein/Sander ist vorab gesagt, ein hochklassiger Pageturner. 

Das besondere an diesem Titel ist, dass es faktisch keine Nebengeschichten gibt. „Muttertag“ besteht aus einer primären Haupthandlung. Selbst im Ensemble der Figuren, gibt es auch hier keine wirklich gesetzten Nebenfiguren. Die Bühne ist bereit, der Vorhang geht auf – dramatische Musik und schon geht es los mit einer ganzen Reihe von Opfern, die zufällig gefunden werden!? 

Nele Neuhaus überlässt hier nichts dem Zufall?! Ja, dass Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten, auch wenn man sie eigentlich gar nicht begreifen kann, oder kopfschüttelnd denkt, dass das nicht wahr sein kann!? Eine Leiche, die aufgefunden wird, ein halbverhungerter, dehydrierter Hund, in einem abgeschlossen Zwinger, und neben ihm menschliche Knochen. Bis dahin – alles gut – aber das Grundstück und die Gebäude waren einst ein Waisenhaus, die Frau des Toten verschwunden, man vermutet Selbstmord und die ehemaligen Kinder dieser Einrichtung – nur mehr oder minder Erfolgreich als Erwachsene, bedürfen einer ganzen Armee von psychologische Behandlungen, Taschentüchern und einer gemütlichen Sitzgelegenheit, ggf. auch mal die Sicherheitsverwahrung. Alles Opfer? Alles Täter?  Alle Unschuldig? 

Muttertag ist hochklassig spannend – eine Atmosphäre, die einen einschließt und den Schlüssel wegwirft. Stil, Ausdruck und Sprache – Dialoge, Szenen, Charakterisierung vom allerfeinsten. Ach ja – Faktor realistische Handlung – Ein sattes „NEIN“ – Die erfahrenen Kommissare haben Verstärkung erhalten: Kommissar Zufall ist Mitglied dieser Sonderkommission. Und es wird noch besser: Kommissar Zufall ist zufällig mit den ermittelnden Kriminalbeamten verwandt – Erklärung: Nein, nicht eine Person, sondern gleich mehrere sind involviert!? Natürlich ist das alles nur ein Zufall...


Abgesehen von dieser absurden, nicht authentischen Handlung, ist diese absolut spannend. Ein Blockbusterkrimi – einer der besten Werke der Autorin.

Gehen wir mal zurück zum Realismus: Meisterlich erzählt, sind die Ermittlungsfortschritte der Kriminalbeamten und die Perspektive einer Berühmtheit im Fachbereich: Verhaltensweisen eines Serienmörders – die den Beamten das Universum eines psychopathischen Serienmörders nahebringen will, außerordentlich spannend. Das sind dann wieder diese großartigen Momente in „Muttertag“ die überzeugen. 

Großartig in Szene gesetzt wurden auch gleich die Verdächtigten, die sich dann in einer A- und B-Mannschaft aufteilen, nebst einer alten Liga von Menschen, denen das Schicksal anderer Menschen kalt lässt, und die teilnahmslos danebenstehen, in dem Wissen: Hey, dass geht eigentlich gar nicht – aber die Profilneurose setzt sich dann leider doch durch. 

Die Hauptprotagonisten, die wie gewohnt auf dem Siegertreppchen stehen, sind Oliver von Bodenstein und seine Kollegin Pia Sander. Sehr gefallen und außerordentlich stark ist die Figur der Frau Dr. Nicola Engel – Kriminaldirektion. Eine Figur, deren Präsenz stark und interessant ist und hoffentlich in den nächsten Bänden mehr Raum einnehmen müsste. 

Fazit

„Muttertag“ ist einer der persönlichen, literarischen Oscar-Anwärter der Autorin Nele Neuhaus. Brillante Spannung – die einen darüber nachdenken lässt, das anberaumte Familienfest ausfallen zu lassen. Ein Pageturner – der auch nachhaltig ist – Schuld und Unschuld – eine Grauzone die einen Parkstrich gleicht. Regt an, einmal nachzudenken, dass wegschauen, oder das Ignorieren eine Straftat ist. Diese kann auch einen lebenslang begleiten.

Michael Sterzik 



Sonntag, 25. November 2018

Vespasian - Das Tor zur Macht - von Robert Fabbri

Weltmacht Rom. Ein Imperium der Politik, der Gewalt und der Dekadenz? Ja stimmt, aber Rom war auch vieles mehr. Wie jede Weltmacht gibt es immer zwei Seiten, die man übergeordnet betrachten und bewerten muss. Das Kaiserreich nach Augustus – insgesamt die Metropole Rom, war eine gefährliche Bühne – Brot und Spiele – Politik und Gewalt – Intrigen, Mord, Eifersucht, Hass. Als ein solcher Mittelpunkt in einer sozialen Struktur, lieferte diese Infrastruktur auch viel Dekadenz. Die sieben Todsünden – müssen sich recht wohl am Tiber gefühlt haben.

„Vespasian – Das Tor zur Macht“ von Robert Fabbri ist der zweite Band um die Person des späteren Kaisers Vespasian. Im Jahre 30. n. Chr. regiert noch immer Tiberius das Weltreich Rom. Der junge Tribun Vespasian der mittendrin in der Intrige um den Kommandeur der Prätorianergarde Seianus steckt, betritt mit seinen Freunden das Tor zur Macht - Rom. Es gibt verschiedene Interessengruppen, die die Nachfolge des Kaiserthrons anstreben und immer tiefer wird er in den Strudel einer hasserfüllten Politik, die auch vor Mord nicht zurückschreckt gezogen. Es gibt keinen Ausweg mehr. 

Wir alle kennen die großen Namen der berüchtigten und berühmten Kaiser von Rom. Augustus, Tiberius, Caligula, Nero...usw. Mit diesen Namen verbindet man viele nicht immer negativen Assoziationen wie: Mord, Krieg, Inzest, Orgien, sexuelle Ausschweifungen, Folter, Misshandlung und vieles mehr. Leider ist vieles davon faktisch überliefert. Höchstwahrscheinlich war es noch schlimmer, als die Quellen der Historiker es berichten. Legen wir darüber einmal den Mantel der Vergangenheit, nicht des Schweigens.

Im vorliegenden Band präsentiert uns der Autor Robert Fabbri ein verdorbenes Rom mit einem völlig psychopathischen Kaiser und der designierter Nachfolger, ist sein Freund und Schüler. Willkommen in der Familie. Rom mag zweifelsfrei dekadent gewesen sein, voll von völlig durchgeknallten Machtmenschen, die willkürlich mit einer bloßen Geste, einer Laune, einem Lächeln den Tod bringen konnten. Diese Botschaft kommt neben einer brillanten Spannung beim Leser an. Gut gemacht Herr Fabbri. Allerdings ist mir das zu einfach interpretiert und viel zu polarisierend. Rom hatte neben dieser dunklen Aura, auch eine sehr helle Seite – diese erreicht in „Vespasian – Das Tor zur Macht“ kaum die Oberfläche, der insgesamt spannenden Handlung. 

Der Unterhaltungswert ist immens groß. Spannend, abwechslungsreich und eine gewisse Konsequenz zeichnen auch diesen zweiten Band aus. Robert Fabbri hat das Talent mit seinem Stil, seinem Ausdruck und seiner zwar einfachen Sprache, einen Blockbuster zu erzählen. Wie auch schon im ersten Band, reihen sich hier  die Actionelemente nahtlos ineinander, aber überziehen die Handlung insgesamt nicht. 

Neben der Spannung, die der Autor transportiert, reitet auch eine prickelnde Angst mit und etwas abgrundtief. verdorbenes zeigt sich auch, als Tiberius sich seinen persönlichen Spielereiehen widmet und die Protagonisten zitternd vor Todesangst versuchen keinen Fehler machen. Hilflos, fast schon panisch – die Atmosphäre allerdings grauenhaft gut erzählt. 

Auch in der Handlung wird mein eine parallel zu dem großartigen Klassiker Ben Hur finden. Schauplatz diesmal nicht der Circus mit einem brutalen Wagenrennen, sondern eine Seeschlacht und natürlich Vespasian mitten drin. 

Durchgängig zeichnet der Autor Robert Fabbri ein authentisches Porträt aus dieser Epoche. Im Nachwort erklärt er auch, dass dieser historische Roman sich an den Historikern Suetonius, Tacitus und Cassius Dio orientiert. 

Robert Fabbris Bild von Rom ist schlüssig, aber auch sehr eindimensional. Rom ist hier nicht das helle Licht – sondern so wie es der Autor schildert – eine abgrundtiefe, mörderische und böse Weltmacht. Bedingt richtig – aber es wäre auch mal toll gewesen, die Vorzüge dieses Imperiums aufzuzeigen. Auch Tiberius hatte seine Erfolge und war höchstwahrscheinlich nicht immer das Monster, als das er hier gezeigt wird.

Herausragend auch hier die Figurenzeichnung. „Vespasian“ ist nun nicht mehr der unschuldige, einfache „Junge“ vom Land. Er tötet – er wird zunehmend kompromissloser, ehrgeiziger, grausamer – aber ist grundlegend noch immer sympathisch. Der Römische Adler hält ihn mal sanft, mal grausam in seinen Krallen. 

Fazit

„Vespasian – Das Tor zur Macht“ von Robert Fabbri ist ein Blockbuster im Genre historischer Roman – Subgenre: Römisches Reich. Sehr actionlastig, mit einer guten Figurenzeichnung überzeugt auch der zweite Band. 

Gute Unterhaltung. Um einiges realistischer als andere Romane – aber auch faszinierend böse.

Michael Sterzik




Samstag, 17. November 2018

Vespasian - Das Schwert des Tribuns - Robert Fabbri

Rom –26 n. Chr. Es gibt keine Republik mehr, regiert wird das Römische Reich durch Kaiser Tiberius. Und diese Epoche ist nicht weniger blutig und durch politische Intrigen zersetzt, als die vorherigen Bürgerkriege es schon vorgemacht haben. Die Legionen des Kaiserreiches kämpfen an verschiedenen Fronten, um die Grenzen des Imperiums weiter auszudehnen. Viele Staaten wurden mit konsequenter Brutalität annektiert – es gilt die Macht des Stärkeren, immer schon. 

Der britische Autor Robert Fabbri erweckt in seinem Debütroman: „Vespasian – Das Schwert des Tribuns“ erschienen im Rowohlt Verlag, das alte Rom. Es gibt inzwischen im Genre „Historischer Roman“ eine ganze Reihe von Autoren, die diese Epoche reanimieren wollen. Robert Fabbri – ist ein Autor, den man sich gut merken sollte. Sein sehr plakatives und vor allem lebendiges Bild des Kaiserreichs am Tiber, sowie die selbstbewusste und selbstverständliche Authentizität, die Robert Fabbri in diesem vorliegenden Band entwirft, verdienen hohen Respekt. 

Die Jugendjahre des späteren Kaisers Vespasian, der erstaunlicherweise eines natürlichen Todes starb, und seinen Militärischen Aufstieg inmitten einer traditionell verankerten intriganten Politik im Herzen des Imperiums erzählt, sind hochspannend. Als junger Tribun nimmt er Teil an der Zerschlagung einer Rebellion in Thrakien und erlernt dort das effektive und kompromisslose töten der Feinde Roms...

Robert Fabbris Perspektive eines kaiserlichen Roms ist schlichtweg großartig. Der erste Band dieser mehrteiligen Reihe überzeugt durch eine grandiose Spannung und einem hohen Wissen über die damalige Zeit. Er ist einer der wenigen Autoren, denen es gelingt schon in den ersten Kapiteln eine Atmosphäre aufzubauen, die einem völlig fasziniert. Ich war und bin sehr positiv erstaunt mit welcher Selbstverständlichkeit der Autor, dass Leben, die Politik, die Traditionen und auch die Religion in seiner Story einbaut. Absolut perfekt dosiert und faktisch überzeugend beschrieben, bekommt man sofort den Eindruck, dass der Autor weiß, wovon er schreibt. 

Die historischen Quellen, wissen relativ viel von diesen und jenen Kaiser dieser Epoche. Die römischen Historiker konnten uns viel Wissen ermitteln, aber dennoch gibt es Lücken. Im Nachwort zeigt Robert Fabbri darauf auf, dass er sich natürlich der schriftstellerischen Freiheit bedient hat, allerdings sind seine Interpretationen und Ideen absolut nachvollziehbar und entspringen nicht irgendwelchen abgedrehten Phantasien. Ansonsten hält sich der Autor gut an der verbürgten Biographie des späteren Kaisers. 

„Vespasian – Das Schwert des Tribuns“ braucht sich hinter den Werken eines Bernard Cornwell, oder eines David Gilman nicht zu verstecken. Im Gegenteil – absolut ebenbürtig verleiht er dieser römischen Epoche eine erzählerische, spannende Wucht, die überzeugt. Robert Fabbri Schilderung einer römischen Feldschlacht gehen unter die Haut. Historisches Breitbildkino in der man förmlich hört und spürt, wie tausende von römischen Legionären die brutale, militärische Tötungsmaschine Roms in Gang bringen. Der Autor nimmt hier kein Blatt vor dem Mund – der einzelne Legionär zählt nichts, dass Leben eines Soldaten – uninteressant. Die ethischen und moralischen Ideale und Vorstellungen verlieren an Gewichtung, wenn die Legionäre über siebenhundert Sperre den Angreifern entgegenschleudern, oder die Kurzschwerter in einer streng aufgebauten Formation zwischen den Schilden zücken müssen. Ach – und wer das berühmte Wagenrennen von dem Klassiker Ben Hur – noch kennt – das gibt es hier auch – aber um einiges besser geschildert. 

Robert Fabbri ist konsequent – es gibt kein Glanz und Gloria, keine romantisierten Vorstellungen, keine selbstlosen Heldentaten inmitten eines Schlachtfeldes. Es gibt wenige Autoren – die sich nicht davor scheuen, zu beschreiben, wie es ggf. gewesen sein kann – Robert Fabbri gehört ganz gewiss dazu. 

Die Figurenzeichnung von Robert Fabbri ist sehr, sehr gut. Stellenweise überzeichnet, aber Haupt- und Nebenfiguren tragen die inhaltliche Spannung gut verteilt auf den Schultern. Selbst an situativer Komik, die durch eine Nebenfigur immer mal wieder mit einer sarkastischen und frechen Note aufkommt, fehlt es nicht. 

Fazit

„Vespasian  - Das Schwert des Tribuns“ von Robert Fabbri gehört mit zu den besten historischen Romanen, die ich dieses Jahr gelesen habe. Geschichtlich Hochklassig – Unterhaltungswert in der ersten Liga und Spannung allgegenwärtig. 

Zu erwähnen sei noch, dass es dem Autor gelingt, dem Leser diese Epoche so schmackhaft zu machen, dass dieser mehr erfahren möchte. 

Unbedingte Leseempfehlung. Schlichtweg „Brillant“. 

Michael Sterzik



Freitag, 16. November 2018

Totenliste - Harald Gilbers

Der deutsche Autor Harald Gilbers, lässt in seinem neuesten Roman, seine Titelfigur Richard Oppenheimer erneut ermitteln. Schauplatz dieser Story ist das Ende des dritten Reiches – Berlin im Dezember 1946. Die Stadt ist in vier Besatzungszonen aufgeteilt – die alliierten Siegermächte: Amerikaner, Engländer, Briten und Franzosen geben einen zerstörten Deutschland ein Stück Hoffnung. Doch nach Hitlers großem Krieg – liegen die Großstädte im ehemaligen Nazideutschland in Schutt und Asche. Der Wiederaufbau ist ebenfalls eine Zeit der Anstrengungen, des Mangels, des Hungers und des Elends. Ruinen in einem zerbombten Berlin, lange Schlangen vor Geschäften, florierender Schwarzmarkt, eine desillusionierte Bevölkerung. Wo bleibt da der Wille weiterzumachen, neu anzufangen? Wo beginnt auch das Vergeben und Vergessen, wann endet die Angst und wann entzündet sich der Funke zu einer kleinen Hoffnung auf ein besseres, neues Leben!? Doch es gibt auch die Schattenseiten in der Gesellschaft – der elementare Drang nach Vergeltung und Rache....

Wir können es in unserer aktuellen Komfortzone nur schwerlich begreifen, welche existenziellen Sorgen und Nöte unsere Urgroßeltern erlebt haben. Von Glanz und Gloria – nach dem Schrei für einen totalen Krieg – bleiben nur noch Staub und Schatten und eine Schuld, die man nicht wegdiskutieren kann. 

Harald Gilbers schildert in seinem neuesten Roman „Totenliste“, eine finstere kompromisslose Atmosphäre, die den Leser auch nachhaltig wie ein dichter Nebel umfängt. „Totenliste“ ist ein Kriminalroman – aber ebenfalls ein Stück deutscher, historischer Geschichte. Der vierte Band um den jüdischen Ex-Kommissar Richard Oppenheimer handelt von Rachegedanken – Der oder die Täter rechnen kompromisslos mit ihrer Vergangenheit ab. Die Morde sind brutal, die Symbolik identisch – die Täter grausam. Richard Oppenheimer beginnt mit seinen Ermittlungen in einem zerstörten Berlin – finden wird er „zerstörte“ Seelen...

Das realistische Bild von der jüngsten Nachkriegszeit und dem Wiederaufbau wird von Harald Gilbers perfekt projiziert. Das ist zwar unheimlich gut gelungen, allerdings versteckt sich die Spannung hinter diesem historischen Vorhang und kommt auch nur bedingt hervor. Die Story ist derartig zäh strukturiert und künstlich mit vielen Dialogen durchsetzt, dass es schwer ist einen Spannungsbogen zu folgen. 

Befasst man sich mit den Protagonisten, so gibt es davon eine Menge aus den drei vorherigen Titeln. Es sind zwar nur Nebenfiguren, aber dennoch sind diese phasenweise deutlich interessanter aufgestellt, wie die eigentliche Hauptperson „Oppenheimer“ selbst. Der alltägliche Wahnsinn und das Überleben der Bevölkerung sind die fokussierten Themen, die den Roman wirklich inhaltlich tragen. 

„Totenliste“ ist wie gesagt der vierte Band, dieser offenen Reihe und mit viel Abstand der schwächste. Vielleicht ist es auch an der Zeit aufzuhören und sich neuen Themen zu widmen. Ich glaube nicht, dass die Figur des Richard Oppenheimer strukturell und auch inhaltlich, noch viel neue Ideen parat hat. 

Insgesamt ist die Reihe außerordentlich gut – wer sich für diese Epoche interessiert, wird begeistert sein, wie Harald Gilbers nachhaltig eine authentische Stimmung schafft, die uns zeigt, woher wir kommen und welche Verantwortung wir tragen und auch in die nächsten Generationen transportieren sollten. 

Fazit

„Totenliste“ ist der schwächste Band dieser starken Reihe. Ein Kriminalroman ohne wirkliche Spannung – dafür mit einer historischen Wahrheit, die lange nachklingt. 

Michael Sterzik