Montag, 23. Mai 2022

Der Verdächtige - John Grisham


Der amerikanische Bestsellerautor und Jurist John Grisham wird auch mit seinem neuesten Werk: „Der Verdächtige“ zum Wiederholungstäter. Lacy Stoltz – bekannt aus dem Titel: „Die Bestechung“ hat hier ihren zweiten Auftritt.

Mit einer kriminellen Bestechung hat die vorliegende Story nicht zu tun, denn nun geht es um den Tatbestand „Mord“. Dass Justitia nicht gerecht ist – sondern auch kriminelle Energie entwickeln kann, ist bekannt. Als Symbol für Gerechtigkeit und Rechtspflege torkelt diese manchmal völlig blind durch die Gerichtssäle und Gesetze.

John Grisham hat in seinen Romanen schon viele Themen verwendet, von Selbstjustiz, über das Pro- und Contra von Todesstrafen usw. Nun steht ein Richter als Verdächtiger vor der Gerichtsaufsichtsbehörde. Ist dieser ein Racheengel, der sich Jahrzehnte später noch immer wegen Beleidigungen, Zurückweisungen und ähnlich mehrere Morde begeht. Als Insider im Rechtssystem verfügt er über Informationen und ein gut aufgestelltes Netzwerk, quasi ein Frühwarnsystem, mit der sich sicher fühlt. Gibt es also den perfekten Mord? Und wenn ja – was muss man tun, um jahrelang über Bundesgrenzen hinweg so eiskalt, gewissenhaft und systematisch zu morden?

„Der Verdächtige“ von John Grisham ist ein solider, spannender Justizthriller, der nicht über die Ermittlungen überzeugt, sondern über einen charismatischen, hochintelligenten Serienmörder.

Lacy Stoltz hat als Anwältin bei der Gerichtsaufsichtsbehörde in Florida schon viele Fälle von Korruption erlebt. Seit sie einer Richterin, die Millionen abkassiert hat, das Handwerk legte, ist sie sogar zu gewisser Berühmtheit gelangt. Doch nun wird sie mit einem Fall konfrontiert, der jenseits des Vorstellbaren liegt: Denn der Richter, gegen den sie ermittelt, nimmt anscheinend keine Bestechungsgelder von Leuten. Er nimmt ihnen das Leben. (Verlagsinfo)

Rache ist der Motivator für den „Verdächtigen“ – alte Rechnungen begleichen, bei denen er erniedrigt, beleidigt, betrogen und nicht wertgeschätzt wurde. Diese persönliche unausgewogene Gerechtigkeit kann er nicht vergessen und nutzt neben seinem mörderischen Talent, auch seine rechtlichen Mittel.

Lacy Stoltz tut sich anfangs sehr schwer, der Tochter eines Opfers zu glauben, doch die Indizien und immer wieder die gleiche Tötungsmethode überzeugen sie, zu ermitteln. Jedes Opfer hatte den Richter gekannt – als Jugendlicher, als junger Anwalt, als Privatmann usw. – ein grausamer Zufall, oder Methode?

Wie schon gesagt, die Ermittlungen sind nicht der Fokus der Handlung. „Der Verdächtige“ nimmt so viel erzählerischen Raum ein, dass er auch mit einer morbiden Atmosphäre ausbaut. Ob der Autor das allerdings genauso so wollte, dass seine Hauptfigur der Lacy Stoltz in die zweite Reihe gestellt wird, sei dahingestellt.

Der Roman ist nicht der stärkste Titel des Autors, aber auch weit davon entfernt, schwach zu wirken. Spannend allemal – wenn auch unlogisch. Dass die Bundesbehörden nicht 1 und 1 zusammenzählen können, hier kein Muster erkennen und nicht konzentriert ermitteln, erschließt sich mir nicht. Die gleiche Methode, das gleiche Mordwerkzeug und niemand fällt es auf, dass es sich hier um einen Serienmörder handeln könnte? Kein polizeiliches System, keinen Kriminalbeamten fällt dies auf – nicht mal dem FBI? Das ist unglaubwürdig und wenn dieser Fall nicht unbedingt fiktiv war, dann war das eine gravierende, historische Ermittlungspanne.

Leider geht John Grisham in keinem Nachwort darauf ein, dass er sich ggf. an realen Fällen orientiert hat. Viele seiner Romane haben ebendiesen Bezug zur Realität.

Fazit

„Der Verdächtige“ ist eine Einladung, die Story zu verfilmen. Eine Miniserie, die überzeugen würde. Ein diabolischer Richter – der letztlich doch seinen eigenen Weg geht.

Michael Sterzik

 

Samstag, 14. Mai 2022

Das Ferienhaus - von C.M.Ewan

 


Ein Kind zu verlieren, auch wenn es ein „Unfall“ war, muss mit das schlimmste sein, was einer Familie geschehen kann. Das Familienfundament kann zerbrechen, und für die trauernden Angehörigen dreht sich die Welt kompromissloser. Dass die Zeit, alle Wunden heilt, ist dann auch nur eine übertriebene Farce. Nichts ist mehr so, wie es einst war. Der vorliegende Roman „Das Ferienhaus“ von C.M. Ewan ist eine Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen, fast schon inflationär wie diese sich die Hand geben.

Der erste Thriller des britischen Autors ist soeben im Verlag Blanvalet erschienen.

Als Tom Sullivan nachts um zwei ein Fenster zerbrechen hört, werden seine schlimmsten Albträume Wirklichkeit: Jemand ist ins Haus eingedrungen und trachtet ihm und seiner Familie nach dem Leben. Sein Feriendomizil mitten im schottischen Nirgendwo, das eigentlich für ein paar Wochen zu einem beschaulichen Urlaubsort werden sollte, bietet keinen Ausweg. Eine atemberaubende Verfolgungsjagd beginnt, während der sich Tom mehr als einmal fragt, ob er denen, die ihm am nächsten sind, wirklich vertrauen kann. Seine Ehefrau Rachel beispielsweise scheint irgendetwas vor ihm zu verbergen ...(Verlagsinfo)

Ein Buch ist ja immer ein Stück „Kunst“ – die Verarbeitung der Ideen des Autors. Handlung, Setting, Charaktere, Nebengeschichten – ein guter Roman verbindet all diese Elemente und damit ist dann der Unterhaltungswert sehr hoch. Ausgewogen muss ein Roman sein – er muss überraschen, durch Spannung überzeugen und originell sein. „Das Ferienhaus“ von C.M.Ewan hat leider von alledem nichts.

Die Story ist nichts Neues: Ein Überfall in einem Ferienhaus. Das Überleben der armen Opfer, ihr heldenhafter Mut, vielleicht auch ein Opfer bringen zu müssen. Eine spannende, dramatische Atmosphäre, voller Wendungen, vielleicht mit Überraschungen, mit denen man nicht gerechnet hat? Auch all das findet man in dem vorliegenden Roman nicht.

Die gesamte Storyline ist völlig übertrieben. Weder authentisch noch originell. Eine abstruse Aneinanderreihung von Logikbrüchen und viel künstlicher Dramaturgie. Die Story erzählt C.M.Ewan fast schon minutiös, damit wirken dann auch die Dialoge völlig inhaltslos.

Besonders schlecht sind die Charaktere. Eine depressive Selbsthilfegruppe, die jammert und klagt, sich in Selbstmitleid suhlt. Die Handlung ist auch maßlos überdreht, eben weil die Figuren allesamt nervig sind und so dumme, unüberlegte Handlungen ausführen. Actioneinlagen retten dann die Story auch nicht mehr. Der intelligenteste und sympathischste Charakter ist dann wohl der Hund in diesem Roman. Auf den kann man sich wenigstens verlassen.

Eine Spannung entsteht gar nicht – schon im Intro, das sich quälend hinzieht, fragt man sich: Was soll das jetzt alles? Nebengeschichten und Nebenfiguren unterstützen nicht und wirken deplatziert.

Stil, Ausdruck und Sprache wirken amateurhaft und manchmal gehetzt. Der Autor konnte sich offensichtlich nicht entscheiden, wie er schlussendlich seine Story konzipiert.

Fazit

Es gibt nichts Positives an diesem Roman zu bewerten. Sparen Sie sich bitte die Lebenszeit. Von dem Autor möchte ich auch keine weiteren Bände mehr lesen wollen. Zu wenig Talent – vielleicht sollte er selbst in die Ferien gehen und einen Autorenkurs besuchen, das war eher dilettantisch.

Michael Sterzik

Mittwoch, 11. Mai 2022

Das zweite Geheimnis - Titus Müller


Die DDR gehört zur deutsch-deutschen Geschichte. Ein marxistisches, kommunistisches System, dass im Kalten Krieg zwischen den damaligen Großmächten, der USA und der Sowjetunion, eine wesentliche Rolle spielte. Der Klassen- und Systemfeind der BRD steht stellvertretend für eine koordinierte und systematische Kontrolle ihrer Bevölkerung. Mit allem Mitteln wurden alle Register gezogen, alles an kriminelle Energie aufgewendet, um ein idealistisches, politisches System durchzusetzen. So, oder so war es zum Scheitern verurteilt – auch die Führung wusste es, sie bediente sich gerne aus dem Warenkorb des Westens und verdrängte den Schrei nach Freiheit – der immer lauter wurde. Jetzt 33 Jahre später gibt es noch immer den Schatten dieses Staates in den Köpfen vieler Bewohner. Es wird noch Generationen benötigen, bis Vorurteile, Vorbehalte und Klischees aus dem Weg geräumt sind. Wer waren diese Menschen, die systemtreu Verbrechen verübten? „Das zweite Geheimnis“ von Titus Müller ist der zweite Band der Trilogie, die dieser furchtbaren Beziehung zweier Bruderstaaten eine Stimme gibt.

„Die fremde Spionin“ – spielt kurz vor dem Mauerbau – der vorliegende spielt im Jahr 1973 – die Weltfestspiele der Jugend werden in der DDR ausgetragen. Diese „Tor“ zum Westen ist auch für die DDR ein Versuch, an Prestige zu gewinnen. Mit dem Wohle der Jugend, der sportlichen Fairness und der Freiheit hat es weniger zu tun. Titus Müller erzählt die Geschichte von Ria Nachtmann und ihrer Familie konsequent weiter. Die ehemalige Spionin reaktiviert sich selbst, nachdem ihr Schwager, ein Grenzsoldat auf der Flucht angeschossen und nun inhaftiert wurde. Auch ihr innerer Drang sich an dem Regime zu rächen ist nicht gänzlich verschwunden, aber die Liebe zu einem westdeutschen Journalisten und die Schwierigkeiten mit ihrer Tochter Annie lassen sie ein zweites Mal zwischen die Fronten der beiden deutschen Lände kommen.

Zwölf Jahre nach dem Mauerbau führt Ria Nachtmann ein weitgehend angepasstes Leben in Ostberlin. Niemand würde vermuten, dass sie einst als Spionin für den Bundesnachrichtendienst aktiv war. Nur eines hat die Jahre überdauert: ihre Liebe zu Jens, einem westdeutschen Journalisten. Doch Verbindungen mit dem Klassenfeind sind streng verboten. Als Ria ein geheimes Treffen arrangiert, wird sie bereits beobachtet. Ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt ...(Verlagsinfo)

Titus Müller gibt dieser Epoche eine bildgewaltige, auch brutal ernste Atmosphäre. Themen wie Folter in der Haft, Verhör- und Beschattungstechniken, die erpresserische Manipulation von Freunden und Familienmitglieder, der Verrat usw. spielen wichtige Rollen in dem vorliegenden Roman. Natürlich wird auch das Doping thematisiert und sowieso die Hintergründe und Methoden dieses Systems angesprochen. Für viele Leser sind diese geschichtlichen Aspekte und Details schwer zu verstehen. Sie sind nicht nur spannend und unterhaltsam, insgesamt sind diese auch emotional aufwühlend. Besonders die erzählerische Perspektive einer Stasi-Agentin die verbissen Rita jagt, um diese zu entlarven – ist unglaublich intensiv beschrieben.

Titus Müller erzählt auch von Spionage und Gegenspionage – von gefährlichen Unternehmungen und Situationen, die ggf. Lebensgefährlich sind, aber mit Sicherheit zu einer langen Haftstrafe führen könnten. Neben der Stasi-Agentin, lässt auch Rias Schwager – der verräterische Grenzsoldat, ein ehemaliger Offizier tief in seine Seele blicken. Seine Verzweiflung, sein Begreifen seines eigenen Versagens lassen auch die Szenen um Rita etwas in die zweite Reihe driften.

Neben der Unterhaltung sind die Charaktere erstklassig konzipiert. Haupt- und Nebenakteure bilden ein komplexes Gesamtkonstrukt, das jeglicher Erwartungshaltung entsprechen sollte. Wie schon im ersten Band kommen auch historische Ereignisse und Personen.

Die Guillaume-Affäre, der wohl politisch bedeutsamste Spionagefall wird, hier erzählt. Günter Guillaume war einer der engsten Mitarbeiter im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt. Ein DDR-Agent im Kanzleramt. Das Leben schreibt eben doch die besten Geschichten.

„Das zweite Geheimnis“ ist atmosphärisch ungemein gut. Beim Lesen entstehen allerhand Fragen, auf die Titus Müller noch keine Antwort gibt. Wer waren diese Menschen bei der Stasi – die linientreu Verbrechen begingen? Was machen diese wohl zu Zeit und wie gehen diese mit ihrer Vergangenheit um. Diese Trilogie wird viele Menschen dazu animieren, hinter den eisernen Vorgang der DDR zu schauen. Sie werden erstaunt sein, sie werden überrascht sein, sie werden sich erschrecken.

Titus Müller erzählerischer Stil ist großartig. Konzentriert entwirft er gleich mehrere Spannungsbögen und jongliert damit fehlerfrei. Der dritte Roman dieser Reihe erscheint im Mai 2023 und wird im Jahre 1989 spielen – der Fall der Berliner Mauer, der das Ende der DDR einläutet und wenig später zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten führt.

Im Nachwort geht Titus Müller auf die historischen Ereignisse ein und bietet dem Leser damit viele, sehr interessante Hintergrundinformationen.

Fazit

„Das zweite Geheimnis“ ist ein Echo der deutsch-deutschen Vergangenheit. Spannende Unterhaltung mit viel Emotionen, die unter die Haut gehen. Diese Trilogie gehört zu den wichtigsten Romanen in diesem Jahr. Pageturner.

Michael Sterzik

 

Donnerstag, 5. Mai 2022

Die fremde Spionin - Titus Müller


1989 – ein historischer Tag – das Tag der Deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Zwei getrennte Staaten – oftmals sind auch Familien getrennt und Freunde. Vereint in der Vergangenheit – getrennt durch zwei politische Ideale und Wertvorstellungen. Das Wort „Freiheit“ hat hier unterschiedliche Bedeutungen. Eine kriminelle, unmenschlich erzwungene Kontrolle von Menschen, eine definitive Manipulation des Zusammenlebens und der politischen Meinung und des Verständnisses für ein Miteinander. Die DDR war ein politisches System, das gefoltert und getötet hat – ein Regime der Lüge, der Propaganda und des Verdrängens. Eine Spaltung durch das Land, durch die Stadt Berlin und letztlich auch eine Disharmonie, die auch jetzt nach 33 Jahren noch spürbar ist in Ost und West.

Titus Müller hat in seinem Roman: „Die fremde Spionin“ dem Kalten Krieg, der baldigen Trennung der beiden deutschen Staaten eine besondere Atmosphäre eingefangen. Eine Geschichte in der Geschichte – Fiktion in Fakten, die authentisch verarbeitet wurden. Eine tolle Figurenzeichnung, in der auch historische Personen auftreten und somit der ohnehin schon intensiven Story noch den letzten Schliff gibt.

Für die Generation, die nach 1989 geboren ist, ist der vorliegende Roman ein erschreckender Bruchteil der deutschen Geschichte. Der Kalte Krieg der Geheimdienste ist auch eine Auseinandersetzung zwischen Wertevorstellungen – dass merkt man spürbar schnell und fängt dabei auch die Zerrissen- und inneren Unsicherheit der Menschen auf, die in der damaligen DDR gelebt haben.

Ria ist zehn Jahre alt, als ihre Eltern von der Staatssicherheit abgeholt werden. Sie wird von ihrer kleinen Schwester getrennt und in einer Adoptivfamilie untergebracht. Seither führt Ria in Ostberlin ein scheinbar angepasstes Leben. Erst als der BND sie als Informantin rekrutiert, sieht sie ihre Chance gekommen. Mithilfe des westlichen Geheimdienstes will Ria sich an der DDR rächen und endlich ihre Schwester wiederfinden. Doch dann erfährt sie im Sommer 1961 von einem ungeheuerlichen Plan, der ihr Schicksal und die Zukunft beider deutscher Staaten für immer verändern könnte …(Verlagsinfo)

Rache und Vergeltung ist die Motivation der Hauptfigur Ria, aber das ist noch bei weitem nicht alles. Der Hass geht tiefer, der Unmut nicht frei leben, reden und handeln zu können sitzt tief und ist für die junge Frau Fluch und Segen zugleich.

Als Spionin des BND verfügt sie über großes Talent, aber gerät trotzdem als Mitarbeiterin des Ministeriums für Außenhandel der DDR zwischen den Fronten in Lebensgefahr. Die durchdringende Spannung die Titus Müller hier spürbar und fesselnd transportiert ist großartig. Es ist ein authentisches Spiegelbild – nicht nur der Geschichte, sondern auch der Lebenseinstellung, des Gefühls und dem Schrei nach Freiheit – der 1989 dann doch die Berliner Mauer zu Einsturz bringt.

Doch Titus Müller erzählt nicht nur von idealistischen Gefechten, sondern schildert auch den Alltag der Menschen in der DDR. Ein gut strukturiertes Gesamtbild, dass allerdings den Fokus „Den Bau der Berliner Mauer“ nicht verliert. Damit kommen dann historische Persönlichkeiten wie Walter Ulbricht, Erich Honecker und John F. Kennedy zu Wort.

Es ist auch kein klassischer Spionageroman – aber Titus Müller beweist auch hier erzählerische Tiefe und erzählt von Verhörtechniken, von toten Briefkästen und der Handhabung von Minikameras u.ä. Werkzeugen.

Die Dialoge sind brillant – besonders wenn die Hauptakteurin Rita Nachtmann Situationen und Gefühle beschreibt, ist die Dramatik der Ereignissee absolut authentisch. Im vorliegenden Band: „Die fremde Spionin“ findet sich keine künstliche Theatralik wieder. Spannung hin oder her – die sensible Stimmung, das alltägliche Grauen, die Verzweiflung und auch das Aufgeben der Menschen werden hier genauso erzählerisch dicht beschrieben – wie die Hoffnung auf Freiheit, die innere Rebellion, die gesellschaftliche Anpassung an ein verlogenes System.

Man mag sich fragen, warum die Menschen sich so instrumentalisiert haben lassen – Titus Müller beantwortet diese Frage nicht – die Gründe dafür liegen auf der Hand, aber sind nicht so einfach zu begreifen, schon gar nicht in Romanform.

„Die fremde Spionin“ spiegelt vieles positives, wie auch negatives aus dieser Zeit. Ein wichtiges Buch, das aufwühlt, das aufklärt, ohne abwertend zu wirken.

Fazit

„Die fremde Spionin“ ist ein nachhaltiges, geschichtliches Echo zweier deutscher Staaten, die getrennt worden sind. Ein Zeitzeugnis, das unterhaltsam aufklärt, warum wir heute sind, wie wir sind. Großartig.

Michael Sterzik 

Samstag, 30. April 2022

Schwarzlicht - Camilla Läckberg und Henrik Fexeus


Die Psychologie des Täters, des gesamten Mordfalls und dessen Umfelds ist für die Ermittler oftmals schwer einzuordnen. In jedem Fall, sprichwörtlich gesehen hangelt man sich von Vermutungen, Beobachtungen, Indizien und Beweisen in Kombination mit Verdächtigen Personen und Angehörigen, Familienmitgliedern, sowie Freunde und Bekannte zum Ziel. Beweise sind Fakten – aber auch gerade die Kommunikation mit diesen Personenkreisen, ob nun verbal, oder nonverbal muss der Ermittler auch psychologisch interpretieren.

Es kann auch zu psychologischen Gefechten zwischen den Ermittlern und Verdächtigen, oder dem Täter kommen. Im Genre „Thriller und Krimi“ tummeln sich ja viele Ermittler, die Psychologen, Fallanalytiker zur Unterstützung haben. Und sehen wir das aus der realistischen Perspektive, so gehört dieser Aspekt weniger ins Reich der Fabeln und Mythen als vielleicht angenommen.

Der Titel „Schwarzlicht“ von der Autorin Camilla Läckberg und dem Mentalisten Henrik Fexeus ist der erste Band der Dabiri-Walder-Reihe.

Interessant ist, dass Henrik Fexeus ein brillanter Kommunikationsexperte ist. Die populäre Psychologie der nonverbalen Kommunikation, der Körpersprache, der Gestik und Mimik beherrscht der Experte fast schon magisch. Sein Talent der Suggestion, der Manipulation, aber auch die kommunikative Psychologie wirkt auf andere befremdlich, magisch. Doch daran ist nichts Zauberhaftes – es ist schlichtweg einfach eine Wissenschaft, die neben dem Talent viel Übung bedeutet.

„Schwarzlicht“ befasst sich ganz, ganz stark mit der Psychologie. Nicht nur mit der des Verbrechens, nicht nur mit dem des Täters, sondern auch mit der Kommissarin Mina Dabiri und dem Mentalisten Vincent Walder.

Wer ermordet eine Frau, indem er sie in eine Kiste sperrt und mit mehreren Schwertern durchbohrt? Weil der Fall an einen grausam missglückten Zaubertrick erinnert, zieht die Stockholmer Kommissarin Mina Dabiri den Profiler Vincent Walder hinzu, der selbst als Mentalist auftritt. Doch wie Mina kommt auch Vincent mit Menschen nicht sonderlich gut zurecht. Erst als eine weitere Leiche auftaucht und Vincent einen Code entschlüsselt, der auf einen Countdown hindeutet, beginnen Mina und er einander zu vertrauen – und die beiden müssen feststellen, dass ihre eigenen dunklen Geheimnisse im Zentrum des Falls stehen. (Verlagsinfo)

So spannend und rätselhaft, so listenreich und abwechslungsreich habe ich seit langem keinen Titel gelesen. Der Roman „Schwarzlicht“ ist ein psychologischer Entertainer in diesem Genre, mit einem unheimlich großen Unterhaltungswert. Die Story überzeugt nicht nur mit einer großartigen Spannung – die Charaktere sind es, die größtenteils der Story die Show stehlen. Beide sind so skurril in ihrem privaten Umfeld, dass sie sich wie Magneten abstoßen, oder auch anziehen. Mina Dabiri hat ein hygienisches Problem, über das der Leser schmunzeln mag, aber für sie selbst ist es im Umgang mit anderen und sich selbst höchst anspruchsvoll. Vincent Walder, ein Illusionist und Mentalist. Populär in den Medien durch seine Shows, verheiratet mit der Schwester seiner Exfrau. Also genug Material, um die beiden Hauptfiguren so richtig interessant und vielseitig interagieren zu lassen. Letzterer ist durch sein Talent für seine Familie und seine Freunde ein emotionales Minenfeld. Mathematisch versucht er Kombinationen und Muster zu erkennen – und selbst seine Kinder haben von diesem Talent etwas abbekommen. Die DNA belügt man halt nicht. Allein schon diese beiden Charaktere sind filmreif konzipiert. Alle Dialoge im Buch sind so tiefgehend spannend und interessant, so vielseitig und sympathisch gestaltet, dass es eine Freude ist, deren Perspektive einzunehmen.

Es gibt wenig Nebengeschichten und es gibt keinen Einblick in den Gedankenpalast des Täters. Diese bleibt bis Ende der Story unter dem Radar. Die erzählerische Perspektive teilt sich auf, aber nicht nur Vincent und Mina lassen uns daran teilhaben, sondern auch die eine, oder andere Nebenfigur. Das könnte für die beiden nachfolgenden Titel interessant werden. Camilla Läckberg und Henrik Fexeus lassen aber auch viel Humor zu. Situationskomik und in den Dialogen findet sich das immer wieder.

Die Story bzw. die Suche nach dem Täter ist eine symbolische, mathematische Schnitzeljagd, die mitunter auch psychologisch so verdammt erfrischend ist. Die Idee das die Polizei von einem psychologischen Berater oder Profiler ist ja nicht neu – aber hier schlagen die Autoren einen völlig neuen Weg ein. Das so effektiv, dass der vorliegende Band „Schwarzlicht“ durchaus Nachahmer finden wird, die diese „Idee“ aufgreifen möchten.

Die Auflösung ist etwas ambivalent und ich hoffe, dass in den beiden Folgebänden, die Vergangenheit von Mina und Vincent nicht Grund, Ursache usw. der Mordfälle sind. Das wäre dann mit Sicherheit auch unterhaltsam, aber hätte etwas mehr von einer gut erzählten „Räuberpistole“. Einen wirklichen Cliffhanger gibt es nicht - und man kann überhaupt nicht ahnen, oder Schlüsse ziehen, in welcher Richtung sich die Story in Band 2 bewegen wird.

Fazit

Hohe Unterhaltung par excellence. Illusionen, Magie und Psychologie und fertig ist ein zauberhafter, intelligenter Krimi. „Schwarzlicht“ ist der Krimi, der Licht in die Nacht bringt.

Unbedingte Leseempfehlung. Schon jetzt unter meinen Top 10 für das Jahr 2022

Michael Sterzik

Samstag, 23. April 2022

Ostseekreuz - Eva Almstädt


Der 17. Fall der Kommissarin Pia Korittki schließt mit seiner Handlung unmittelbar an den vorherigen „Ostseefalle“ an. Dieser war ja für Pia sehr, sehr persönlich – und ihre Schöpferin Eva Almstädt verfrachtet ihre Figur kurzerhand für eine kurze Auszeit in ein selbstauferlegtes kurzes Sabbatical hinter Klostermauern. Fast ausgebrannt und mit den Nerven am Ende versucht die junge Kommissarin und Mutter Abstand von ihrer Gefangenschaft und der Konfrontation mit ihrem Erzfeind zu finden.

Ein Krimi hinter Klostermauern? Ist ja nichts Neues – aber Eva Almstädt öffnet in diesem klerikalen Krimi recht originell ein paar gut platzierte Sünden. Und auch ohne göttlichen Beistand findet sie unter den „Heiligen“ und den Besuchern des Klosters den Mörder und verfrachtet diesen ins Fegefeuer-Gefängnis. Das der Mörder überführt und gefunden wird, ist ja logisch – der Weg dahin, aber ist interessant.

Und bevor dies passiert und Pia ein paar Pluspunkte auf ihr Karmakonto bekommt, gestaltet sich die Story durchweg spannend. Eine Nebenstory befasst sich dann mit der Suche nach ihrem Erzfeind, der sich ins Ausland abgesetzt hat – hier kann sich Pia allerdings zurücklehnen und sich von einem Kollegen über den Status Q informieren lassen.

Kommissarin Pia Korittki nimmt sich eine Auszeit in einem Ostsee-Kloster. Das ruhige, beschauliche Leben mit den Mönchen und einigen wenigen Gästen soll ihr helfen, sich von einem traumatischen Erlebnis zu erholen. Doch die Ruhe wird jäh durch das Läuten der Totenglocke gestört. Ein Novize hat einen der Mönche leblos in der Kirchenbank kniend gefunden. Schnell ist klar, dass Bruder Zacharias ermordet wurde. Pia will sich aus den Ermittlungen heraushalten, doch als auch noch ein Gast spurlos verschwindet, muss sie handeln - und macht in einem Kellerraum eine schreckliche Entdeckung ...(Verlagsinfo)

Der 17. Fall ist ruhiger – weniger dramatisch für alle Protagonisten. Ein Atemholen für alle, auch wenn man nicht gerade hinter Klostermauern nach sich selbst sucht. Die Atmosphäre ist ruhiger, aber nicht weniger spannend. Das bringt wahrscheinlich auch das Kloster mit sich, dass sich natürlich an der Ostsee befindet. Wer das Kloster Cismar kennt, dass die Autorin als Vorlage genommen hat, wird die Atmosphäre der Story spüren können. Nebenbei bemerkt – absolut sehenswert.

Neben der Spannung erzählt Eva Almstädt noch ein wenig vom alltäglichen Klosterleben der Mönche. Diese Interna ist interessant, aber leider etwas zu oberflächlich. Vielleicht hätte man hier die „Nebengeschichte“ einfach ausgelassen und sich mehr auf die Hauptstory konzentriert.

Alles in allem war dieser Roman aber auch notwendig, um den Nachfolgebänden eine Bühne zu geben. Alles auf „0“ – alles abgeschlossen und es gibt keinen Cliffhanger. Somit kann Pia beruflich und privat andere, neue und sicherlich auch entscheidende Wege beschreiten, die nicht nur ihre Figur weiter vervollständigen können. Das ist genau die Stärke dieser Reihe – das Menschliche in allen Abstufungen und die privaten, menschlichen Beziehungen und Konflikte, ihr Sohn usw. machen das Bild zwar nicht rund, aber genau diese Ecken und Kanten lassen die Figuren „leben“.

Die Protagonisten – Mönche und Besucher sind authentisch aufgestellt. Souverän und sicher nehmen sie ihre Rolle an.

Diese Reihe überzeugt aber auch über die Region. Lübeck – die Ostsee, eine raue und abwechslungsreiche Landschaft, mit interessanten Menschen und einer historischen Geschichte und Stadtbildern, die man auch gesehen haben sollte. Für alle, die wie ich diese Region kennen und lieben – für genau diese Leser ist die Reihe ein Heimspiel, ein nach Hause kommen, ein spannender Wohlfühlfaktor.

Insgesamt ist die Nebenstory, der einzige Kritikpunkt, denn diese Erzfeindschaft entwickelt sich zum Ende hin zu unspektakulär, erstmal….wer weiß, was durch ein eventuelles Hintertürchen noch auf Pia zukommt.

Fazit

„Ostseekreuz“ ist ein spannender Roman, der alles auf „0“ setzt. Ein bisschen „Zurück in die Zukunft“ für Pia und Co. Einer der besten, deutschen Krimireihen – ever.

Michael Sterzik 

 

 

Montag, 18. April 2022

Talberg 1935 - Max Korn

 


Die vorliegende Kriminalreihe ist originell. Eine Ortschaft – drei Zeitzonen – 1935 – 1977 – 2022 – drei Kriminalfälle, die laut dem Autor ineinandergreifen. Aber widmen wir uns in dieser Buchkritik dem ersten Band – Talberg 1935. Ein fiktiver Ort – aber es gibt es ein Dorf Thalberg, der stellvertretend hier als Pate zur Verfügung stand. Dieses in Bayern, nahe Passau gelegenes kleines Dorf kennt der Autor Max Korn recht gut und hat sich inspirieren lassen. Ansonsten sind jegliche Personen und Situationen natürlich nur eine Fiktion des Schriftstellers.

Max Korn erste Band dieser Trilogie ist düster, grausam, fast schon dämonisch zu beschreiben „Sin City“ in Bayern – ein kleines Dorf, in dem die sieben Todsünden fast schon nachbarschaftlich auftreten. Die Atmosphäre um das Jahr 1935, vor allem in einem Dorf, in dem sich jeder kennt, ist absolut düster. Im gesamten Buch gibt es keinen wirklichen Lichtblick. Verzweiflung – Angst – Abhängigkeiten – Neid – lassen hier den Bewohnern wenig bis gar keine positiven Zugeständnisse. Nach dem 1. Weltkrieg und kurz vor dem nächsten Weltenbrand ist das Stimmungsbild so dunkel wie ein Grab.

Der Lehrer Steiner hat einen Turm bauen lassen. Angeblich für Vermessungszwecke. Doch im Wirtshaus erzählen sie sich, er beabsichtige, seine Frau dort hinunterzuwerfen. Aber dann liegt er selber unten, mit zerschmettertem Schädel und leeren Augen. Wer hat seinen perfiden Plan für sich missbraucht? Und wer erbt jetzt den Hof, den der Lehrer nie haben wollte? Seine Frau? Oder der ungeliebte Bruder, dessen Name voreilig ins Kriegerdenkmal gemeißelt worden war? Doch er kehrte zurück, und statt seines Lebens hat er nur einen Arm im Krieg gelassen – und jegliche Menschlichkeit.

Talberg ist ein kleiner abgelegener Ort am äußersten Rand der deutschen Provinz. Fernab der großen Zentren und im Schatten eines gewaltigen Berges gelegen, scheint sich hier über die Jahrzehnte hinweg das Böse immer wieder zu sammeln. Drei Romane spielen zu unterschiedlichen Zeiten in diesem Ort. Vier ortsansässige Familien bestimmen das Geschehen – wechselweise sind sie mal Opfer, mal Täter, mal Ermittler. Und natürlich sind alle Fälle miteinander verbunden …(Verlagsinfo)

„Talberg 1935“ ist schlichtweg ein depressiver Roman. In jedem Kapitel geht es um Macht und Missbrauch, um Erniedrigung, um Lügen und Abhängigkeiten….eine Feudale Herrschaft, die Angst verbreitet und gezielt einsetzt. Alter Aberglaube um Hexen und dunklen Gestalten – lassen neue „Geister“ den Fortschritt und Veränderung bedeuten könnten im Keim ersticken. Diese Beschreibung betrifft nicht nur das ganze sehr überschaubare Dorf, sondern gleich alle Personen mit.

Damit ist die Grundstimmung des Romans wie gesagt eine depressive. Hinzu kommt, dass Max Korn sich treuen Klischees bedient, die also wenig originell sind und die Story mehr wie vorhersehbar ausrücken. Die Charaktere handeln so eindimensional und sind so einfach gestaltet, dass sich eine Tiefgründigkeit oder eine Sympathie gar nicht zeigt.

Der Unterhaltswert, oder eine Spannung ist letztlich da – aber auch nur sehr oberflächlich, trotzdem wird sich der Leser am Ende fragen – wie es mit den einzelnen Familien weitergeht. Jede Familie scheint hier mehr als nur ein paar „Leichen“ im Keller zu haben, es wird Geheimnisse geben – alte Schulden die sicherlich in der Zukunft mit Blut bezahlt werden.

Fazit

Ein Dorf, in dem sich jeder Sünder wohlfühlen dürfte. Eine Versammlung von depressiven Charakteren in einem Ort in dem es scheinbar keine Sonne gibt.

Unterhaltsam ja – und er macht neugierig – aber der zweite Band „Talberg 1977“ muss jetzt ein bisschen optimistischer werden.

Michael Sterzik