Samstag, 22. Januar 2022

Die Bosheit - Mattias Edvardsson


Die lieben Nachbarn – diese können bestenfalls Freunde sein, schlimmstenfalls ein hartnäckiger, boshafter Feind, der das Leben mitunter zu einer ganz privaten Hölle umgestalten kann. Dem Grad der Feindschaft sind hier keine Grenzen gesetzt.

Sieht man das diese Situationen nun mit einer positiven, oder negativen Perspektive, so ist das soziale Gefüge, eine schmale Spur in einem emotionalen Minenfeld. Wörter können zu Waffen werden, Zäune zu Grenzen, Grundstücke mutieren zu Befestigungsanlagen. Aber es muss ja auch nicht immer zu einer negativen Krise werden. Oberflächlichkeit hin und her – dass private Leben des anderen ist nur eine Momentaufnahme, die man so, oder so interpretieren kann.

Der schwedische Autor Matthias Edvardsson hat schon den Grusel, oder das „Böse“ in seinen vorherigen Romanen Alltags-getreu verarbeitet. Die Banalität des abgrundtiefen Bösen versteckt sich gerne hinter einer lockeren Maskerade, die man zwar wahrnimmt, aber nicht wahrnehmen möchte, oder sie einfach übersieht.

Mikael ist mit seiner Familie in ein kleines Nest in Südschweden gezogen, wo er einen Neuanfang wagen will. Die Nachbarn sind ausgesprochen reizend, doch die heile Vorstadtidylle trügt: Jeder verbirgt dunkle Geheimnisse, heimliche Sehnsüchte und sogar kriminelle Schandtaten. Dann ereignet sich ein schrecklicher Unfall. Mikaels Frau wird von einem Auto angefahren und ringt mit dem Tod. Sein Verdacht erhärtet sich: Es war kein Unglück, sondern eine vorsätzliche Tat. Doch welcher Nachbar will Mikaels Frau tot sehen – und welches Geheimnis hütet er selbst? (Verlagsinfo)

Der Autor versteht sein schriftstellerisches Handwerk und verarbeitet diese Themen souverän. Der vorliegende Roman „Die Bosheit“ spielt in einer eng strukturierten Nachbarschaft statt. Die Bühne also klein und überschaubar, das Ensemble gut ausgewählt und ebenfalls im kleineren Rahmen.

Der Roman unterhält durch seine Charaktere. Die Story ist hier so schmal und irgendwie auch nur nebensächlich. Für einen Thriller reicht es nicht, ein Krimi ist „Die Bosheit“ auch nicht. Was dann? Eher ein überzeichnetes Drama in mehreren Akten. Eine Spannung entsteht nicht unbedingt – dass besondere ist bei der Einordnung der Figuren, dass niemand wirklich „unschuldig“ ist. Jeder Protagonist hat so die eine oder andere Fehlfunktion seines moralischen Kompasses. Gerechtigkeit und der eigene Blickwinkel, den der Autor hier beschreibt, sind allerdings sehr schleppend. Viele Nebengeschichten von jeder einzelnen Figur sollen dem Charakter eine gewisse Tiefe verleihen – aber zielführend sind diese zu keinem Zeitpunkt. Die Beziehungsebenen sind authentisch und realistisch und hier wird auch jedes klassische Klischee bedient, dass einem einfällt, wenn man eine „Nachbarschaft“ beschreiben möchte. D

Manchmal wirkt die Story unstrukturiert, überladen und übertrieben. Eine besondere Sympathie, oder überhaupt Mitgefühle entwickelt man hier auch nicht. Ich sprach vorhin von Drama – auch das ist misslungen und ist nur oberflächlich. Es ist insgesamt nicht spannend genug. Die Story fängt einen nicht ein, und selbst die Lösung ist am Ende doch allzu offensichtlich, denn viele Alternativen gibt es schlussendlich auch nicht.

Dabei ist der Stil des Autors sehr gut. Ausdrucksstark, wortgewandt, doch atmosphärisch muss hier noch viel passieren.

 

Fazit

Phasenweise unterhaltsam. Viele inhaltlichen Schwächen. Wenig Struktur im Aufbau. Eine Kurzgeschichte des Themas wäre einprägsamer gewesen

Michael Sterzik 

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Montag, 17. Januar 2022

Gefrorenes Herz - Line Holm und Stine Bolter


Spendenskandale – Missbrauchsskandale – Finanzskandale – und ja diese gibt es auch auf der „Guten“ Seite der Hilfsorganisationen. Malteser, Johanniter, Rotes Kreuz – auf nationaler, wie auch internationaler gibt es hier einiges an Unstimmigkeiten, die ggf. auch verbrecherisch zu nennen sind.

Auch in Dänemark gab es verschiedene Skandale um diese Hilfsorganisation, deren humanitäre Botschaften man ggf. arg bezweifeln könnte. Der vorliegende Kriminalroman – „Gefrorenes Herz“ nimmt sich u.a. diesem Thema an und verarbeitet es sehr spannend.

Die beiden Autorinnen kombinieren also historische Themen mit einem aktuellen Mordfall. Das bringt dann auch „alt“ und „jung“ auf der personellen Seite zusammen. Die Polizeihistorikerin, die von Colt-Case-Fällen absolut fasziniert ist und ein neues Ermittlerduo, dass sich erst noch finden muss. Die Figuren sind damit aufgestellt und das sogar ganz originell.

Polizeihistorikerin Maria Just bereitet gerade eine Ausstellung zum Thema »100 Jahre ungelöste Mordfälle« im Polizeimuseum von Kopenhagen vor. Da wird mitten in der Stadt der Generalsekretär des Roten Kreuzes auf bestialische Art ermordet. Der Tote hängt gekreuzigt an einem Geländer, auf seinem Körper wurde ein rätselhaftes Zeichen eingeritzt. Die Polizei ermittelt unter hohem Druck von Presse und Politik. Doch es ist Maria, die schließlich eine Verbindung zu einem ungeklärten Doppelmord entdeckt, der über fünfzig Jahre zurückliegt. Ein dunkles Kapitel dänischer Geschichte dringt ans Licht. So dunkel, dass jemand auch nach Jahrzehnten noch Vergeltung sucht. Kann Maria den Rachefeldzug stoppen, bevor es zu spät ist? (Verlagsinfo)

Beide Autorinnen sagen von sich, dass sie viele Erfahrungen in den letzten Jahren sammeln konnten. Auf der investigativen Seite des Journalismus und als Kriminalreporter dürften sie dem „True Crime Genre“ manchmal nähergekommen sein, als sie es ggf. wollten. Sie legen viel Wert auf ein authentisches Setting, einem realistischen Bild der Ermittlungsarbeiten.

Ein Skandal um die Hilfsorganisation ruft selbstverständlich dann auch gleich die politischen Strömungen und Interessen hervor. Also ist damit dann gleichbedeutend der Tatort fast schon öffentlich und die Medien haben ihr ganz eigenes Interesse jemanden verantwortlich medial hinzurichten, wenn es denn nötig ist. Der Ermittlungsdruck dürfte dann für die Beamten und auch den amtierenden Politikern er- und bedrückend hoch sein.

„Gefrorenes Herz“ ist sehr spannend – ungewohnt ruhig für einen Kriminalfall – aber tiefgründig und konstant unterhaltsam. Die schon erwähnte Ermittlungsarbeit steht damit nicht im Vordergrund – atmosphärisch auf hohem Niveau ist die Verknüpfung von historischen Todesfällen und dem aktuellen. Eine gewisse Symbolik spielt hier eine wesentliche Rolle.

Es gibt nicht viel Nebenfiguren und auch die Nebenhandlungen sind überschaubar gruppiert. Sie bilden nicht die „Basis“ für den eigentlichen Plot, oder sind damit über einige Ecken und Kanten verbunden. Sie dienen höchstens, das charakterliche Bild der Figuren zu verstärken.

Überhaupt ist hier jedes Element, jede Handlung und Figur reduziert auf das wesentliche. Das wirkt allerdings manchmal recht starr, da hier wenig Abwechslung ist und wirkliche Überraschungen stellen sich nicht ein.

Man mag gespannt sein auf einen zweiten Teil, denn die Figuren schaffen es dennoch auch mit diesen kleinen Defizienten zu überzeugen. Sehr lobenswert ist die politische Brisanz und die Darstellung der historischen Fehler, die so manches Leben zerstörten. Die Mischung macht es also aus – und die Vernetzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist gut geglückt.

Fazit

Ein Roman in einer spannenden Schockstarre. Als Debütwerk absolut solide und man darf gespannt sein auf einen zweiten Band, der aber noch deutlich steigerungsfähig sein sollte.

Michael Sterzik

Dienstag, 11. Januar 2022

Todland von Kim Faber und Janni Pedersen


Nach „Winterland“ hat nun das dänische Autorenpaar den zweiten Titel „Todland“ im Münchner Verlag
  Blanvalet veröffentlicht. Die Storyline knüpft unmittelbar an den ersten Teil an. Der inländische dänische Geheimdienst PET hat der Mordkommission und seinen Beamten einen Maulkorb angelegt und Beweismittel wie Rechner etc. beschlagnahmt. Mit der Gesamtsituation nicht zufrieden, verstricken sich die Ermittler Martin Juncker und Signe Kristiansen dennoch tiefer in den brisanten Terroranschlag.

Das Autorenehepaar versteht es imposant seine Leser urplötzlich in die Handlung zu schleudern. Das geschieht so schnell und plötzlich – und zack findet man sich wieder in einem Schattenkrieg der Geheimdienste und der politischen Ströme. Die Reihe zeigt sich allerdings nicht als eine klassische Agenten-/Spionagereihe. Das Autorenduo legt viel Wert auf eine authentische und realistische Atmosphäre, die nicht mal ansatzweise fiktional klingt. Damit zeigt sich auch eine gewisse Aktualität und offenbart, dass das Thema „Terrorismus“ auch in den skandinavischen Ländern durchaus eine Bedrohung darstellt – und nicht nur islamischer Terror, sondern auch rechtsextreme Nationalisten, die jedes kriminelle Element und jede Methode dafür verwenden, ihre Interessen zu zeigen.

Der schreckliche Terroranschlag in Kopenhagen wirft immer noch seinen Schatten auf den Ermittler Martin Juncker: Während er im Fall eines toten Anwalts zu ermitteln beginnt, erhält seine Frau Charlotte einen anonymen Hinweis: Der Anschlag sechs Monate zuvor hätte verhindert werden können – und Martin soll in die Vertuschung verwickelt gewesen sein.

Als Journalistin konfrontiert Charlotte ihren Mann, doch der bestreitet alles. Insgeheim fürchtet er um sein eigenes und Charlottes Leben, wenn sie die Story weiterverfolgt. Einzig Martins ehemalige Kollegin Signe will der Reporterin helfen, doch ihr Antrieb ist ein persönlicher … Als Charlottes Informant brutal ermordet wird, beschließt Signe, dass es an der Zeit ist für die Wahrheit. Und so kommt sie einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur, die bis in die höchsten Kreise der dänischen Politik reicht und in die auch Martin Junckers Mordopfer verwickelt ist …(Verlagsinfo)

Die Story teilt sich auf zwei Ebenen auf – der Kriminalfall, den Juncker bearbeitet und der ihn ein Stück weit in die kindliche Vergangenheit treibt und Signe, die Junckers Frau Charlotte behilflich ist. Die investigative Journalistin wird von einem Whistleblower kontaktiert, der geheimdienstliche Informationen zu dem Terroranschlag hat.

Man erahnt schon, wohin der Weg der beiden Ermittler geht – in ein lebensgefährliches Labyrinth, bei der an jeder Ecke der berufliche, oder auch der persönliche Tod winkt. Die Story ist insgesamt spannend, doch die Nebengeschichten und damit meine ich das Talent von Juncker und Kristiansen sich über Gebote, Anweisungen, moralische Etikette, und gut gemeinten Ratschlägen einfach hinwegzusetzen, sind faktisch die Schlüsselmomente. Das wirklich unterhaltsame ist bei den beiden, dass die kein emotionales, vergangenes und gegenwärtiges Minenfeld umfahren, sondern mit einer ignoranten Selbstverständlichkeit so mir nichts, dir nichts, mit Anlauf da reinspringen.

Diese Explosionen erzeugen dann wilde, verfahrene Situationen und erzeugen damit eine Spannung, der man sich nicht entziehen kann.

Die charakterliche Tiefe der beiden ist sympathisch, doch sind die beiden auch exemplarisch als typische Einzelgänger und Antihelden zu verstehen. Pragmatischer Egoismus in Kombination mit einer rebellischen Note und fertig sind die laufenden Katastrophengebiete.

Damit ist der Unterhaltungswert hochklassig. Man fragt sich allerdings am Ende des Buches – was die beiden im dritten, ggf. abschließenden Band anstellen werden. Abgesehen von einem Kriminalfall, haben beide noch private Herausforderungen, die es nicht leichter machen werden. Ideen sind also mehr als genug da und analysiert man die Eskalationsspirale, die sich in „Todland“ deutlich schneller bewegt, so könnte Band 3, der im Mai diesen Jahres im Buchhandel erscheint, noch spektakulärer werden.

Die große beschriebene Stärke ist ggf. auch der einzige Kritikpunkt, den ich habe. Die persönlichen Minenfelder der beiden sind zu ausufernd dargestellt. Die tatsächliche Storyline um den Terroranschlag, der Verwickelung des Inlandsgeheimdienstes stehen weit abseits in der zweiten Reihe. Schade.

„Todland“ hat auch kein Alleinstellungsmerkmal und vorher sollte der Leser definitiv zum ersten Band „Winterland“ greifen. Es gibt zu viele Ereignisse, Situationen und charakterliche Merkmale, die der Leser nur dann vollumfänglich begreifen kann, wenn er etwas informiert ist.

Fazit

Juncker und Kristiansen sind Chaos & Anarchie. Hochaktuell und originell unterhaltsame Spannung. Hier ist überhaupt nichts ruhig, selbst der Leser wird emotional eine Achter- oder Geisterbahn machen und wenig später nach „mehr“ schreien. Lesen.

Michael Sterzik

Samstag, 8. Januar 2022

Bloodles - Grab des Verderbens - Douglas Preston und Lincoln Child


Die Thriller des amerikanischen Autorenduos Preston & Child überzeugen durch eine spannende Storyline, seinen sehr bizarren Charakteren und den wissenschaftlichen Themen, die sich die beiden talentierten Autoren bedienen.

Apropos Wissenschaft – reden wir einmal über die zeitlichen Perspektiven der Wissenschaft. Gehen wir in 100 Jahren Schritten epochal in der Geschichte zurück. Was wir heute im Bereich der Technik – der Physik, der Chemie, der Naturwissenschaft für Erkenntnisse und Wissen erlangt haben, wäre noch vor 200 Jahren im Bereich des Paranormalen, des Unmöglichen angesiedelt gewesen. Unsere wissenschaftlichen Grenzen verschieben sich immer wieder, und viele Forschungen auf ganz verschiedenen Gebieten können wir noch nicht vollumfänglich erklären. Entweder sind wir dazu intellektuell noch nicht bereit, sind zu vorsichtig, oder haben noch Vorbehalte moralische und ethische Grenzen außer Kraft zu setzen.

Der vorliegende Roman „Bloodless – Grab des Verderbens“ ist der 20. Band der Aloysius Pendergast – Reihe. Diese Figur ist inzwischen zu einer Kultfigur geworden. Hochintelligent, charismatisch, unabhängig – dazu noch extrem distanziert und exzentrisch – und immer umgibt ihn eine geheimnisvolle Aura. Das Besondere an diesem Charakter ist auch seine menschliche Fehlbarkeit, seine Verletzlichkeit, die bei all seiner Überlegenheit – seine Achillesferse ist. Flankiert und unterstützt wurde dieser Spezialagent des FBI von ganz unterschiedlichen Partnern. Im vorliegenden Band ist es der indianisch stämmige Agent Coldmoon, der auch in den letzten Romanen eine Nebenrolle spielte.

In den Straßen von Savannah im Süden der USA tauchen Leichen auf, die vollkommen blutleer sind. Kein Wunder, dass eine alte Legende der Stadt plötzlich nicht nur wohligen Grusel verursacht: Geht etwa tatsächlich der »Vampir von Savannah« um? Special Agent Pendergast und sein Partner Agent Coldmoon werden mit dem bizarren Fall betraut und erkennen bald, dass es einen Zusammenhang mit einer nie aufgeklärten Flugzeug-Entführung aus dem Jahr 1971 gibt. Doch weder Pendergast noch Coldmoon ahnen, dass hinter beiden Fällen etwas steckt, das unfassbar viel böser ist als ein Vampir. Und längst ist nicht mehr sicher, ob die FBI-Agents Jäger oder Gejagte sind. (Verlagsinfo)

„Bloodless – Grab des Verderbens“ ist spannend, aber nicht der stärkste Band diese sonst hervorragenden Reihe. Die Wissenschaft spielt ja immer eine wesentliche Verwendung, allerdings ist sie hier etwas sehr bizarr. Man könnte fast meinen Aloysius Pendergast ist im Marvel-Universum angekommen. So zwischen Fakten und Fiktion ist die Story wirklich am stark am Rande der Authentischen. Zwischen S.F. und Fantasy – Thriller und Krimi ist es arg überzeichnet, fast schon abstrus.

Neben Pendergast treffen wir auch auf Agent Coldmoon und Constance Green. Ihre Rolle als hilfreiche Assistenten ist etwas deplatziert. Agent Coldmoon ist überflüssig und Constance Greens Rolle ist zu klein geraten. Gerade ihr Charakter, so alt und tiefgründig beschrieben, beinhaltet so viel Potenzial, dass die Autoren noch lange nicht ausgeschöpft haben. Schade – ist das vielleicht ein Indiz, sie in einer eigenständigen Reihe zu implementieren. Es wäre interessant zu sehen, wie sie sich durch eine Story ohne Pendergast bewegt. 

Ich finde es ja immer ansprechend, wenn sich Autoren mit wissenschaftlichen Themen beschäftigen, über die man nachdenkt, und die vielversprechend auf einen wirken, sodass man ggf. mehr darüber erfahren möchte. An dieser Stelle muss ich jedoch sagen, wird es mir zu fremd und passt nicht in das Gesamtbild dieser Reihe.

Die Spannung ist solide – nicht mehr, und weniger und erfüllt den Unterhaltungswert. Wobei zu sagen ist, dass der Ausblick auf den nächsten Band interessanter und spannender ist, wie die eigentlich Storyline des vorliegenden Romans.

Nebenschauplätze und Nebenfiguren gibt es zu wenig und Agent Coldmoon würde ich empfehlen sprichwörtlich zu versetzen und nicht mehr in nachfolgende Titel einzubauen.

Fazit

„Bloodless – Grab der Verderbens“ ist leider etwas blutleer und die Spannung ist abwechslungsreich wie ein stillgelegtes Grab. Es ist Zeit – neue Wege zu gehen. Es wäre zu schade, dass eine Kultfigur sich selbst in Pension schickt.

Michael Sterzik




 

Donnerstag, 23. Dezember 2021

In ewiger Freundschaft - Nele Neuhaus


Freundschaft – neben der Liebe ist diese für uns überlebenswichtig, denn sie bindet uns auf sehr positiv an Menschen, denen wir vertrauen, für die wir (fast) alles tun würden. Loyalität und eine vertrauliche Atmosphäre fordern wir ein und wird natürlich auch von uns selbst eingefordert. Unerschütterlich geben wir uns, und können doch auch brutal enttäuscht werden, wenn wir merken, dass die Grundfesten der Freundschaft instabil sind. Verrat – die andere Seite, die dunkle der Medaille Freundschaft.

Um eine Freundschaft – genau darum handelt der 10 Band der Krimi-Reihe „Bodenstein-Kirchhoff. Seit 2006 und 2007 die ersten beiden Bände erschienen sind, ist viel geschehen. Nele Neuhaus lässt ihre Protagonisten wie eine Familie wirken. Auch hier entstehen „Freundschaften“ – allerdings auf einer anderen, eher beruflichen Basis. Gerade wegen dieser Beziehungsebenen gelingt es der Reihe eine authentische Atmosphäre zu schaffen. Die beiden Kommissare Oliver von Bodenstein und Pia Sander sind überaus fein aufeinander abgestimmt. Ihr Revier ist der Taunus – eine bildgewaltige Wohlfühloase im Rhein-Main-Gebiet. Kontrastreiche Landschaftsformen, eine kulturelle Vielfalt, die dazu einlädt, die vielen Städte und Dörfer zu besuchen. Schon die alten Römer waren begeistert von den Thermal-und Mineralquellen, die man ebenfalls vorfindet.

Neben diesem malerischen Ambiente sind die Romane allesamt spannend erzählt und beinhalten immer wieder aktuelle zeitgenössische Themen. Selbst das Privatleben der beiden Ermittler ist auf einem spannenden Niveau und lässt auch zu, dass beide Fehler machen, überreagieren und so hin und her menscheln, dass man sie gleich sympathisch findet.

In dem vorliegenden Band lässt Nele Neuhaus uns einen Blick in die komplexe Verlagswelt werfen. Dass damit natürlich Nele Neuhaus einen entsprechenden Heimvorteil hat, liegt auf der Hand – schließlich ist das ja genau ihr eigener Tatort.

Eine Frau wird vermisst. Im Obergeschoss ihres Hauses in Bad Soden findet die Polizei den dementen Vater, verwirrt und dehydriert. Und in der Küche Spuren eines Blutbads. Die Ermittlungen führen Pia Sander und Oliver von Bodenstein zum renommierten Frankfurter Literaturverlag Winterscheid, wo die Vermisste Programmleiterin war. Ihr wurde nach über dreißig Jahren gekündigt, woraufhin sie einen ihrer Autoren wegen Plagiats ans Messer lieferte – ein Skandal und vielleicht ein Mordmotiv? Als die Leiche der Frau gefunden wird und ein weiterer Mord geschieht, stoßen Pia und Bodenstein auf ein gut gehütetes Geheimnis. Beide Opfer kannten es. Das war ihr Todesurteil. Wer muss als nächstes sterben?  Pia und Bodenstein jagen einen Täter, der ihnen immer einen Schritt voraus zu sein scheint ...(Verlagsinfo)

„In ewiger Freundschaft“ ist mit Sicherheit einer der stärksten Bände der Reihe. Was anfänglich wie eine Flucht, oder ein Vermisstenfall wirkt, wird im schnellen Tempo eine rotierende Eskalationsspirale. Die Dynastie dieses Verlagshauses tragen eine dunkle Vergangenheit huckepack. Das ist auch nicht überraschend – vielmehr werden dem Leser im weiteren Verlauf der Geschichte viele Ereignisse, Situationen und Verbindungen über den Weg laufen, die eine perfekte Dramaturgie bilden.

Sehr fein und detailliert beschrieben ist auch die Ermittlungsarbeit, obwohl ich hier die zwischenmenschlichen Spannungen, die sich ergeben, wenn man eben nicht immer eine Meinung ist, kritisiere. Mir ging das alles viel zu leicht – eingespieltes Team, hin oder her.

Der Humor kommt auch nicht zu kurz, dafür sorgt der Ex-Mann und Rechtsmediziner, der im besagten Verlag seine Kriminalromane veröffentlicht. Raten Sie mal, welche Personen er sich als Vorbild nimmt? Großartig! Nicht jeder ist mit seiner literarischen Alten-Ego-Biographie zufrieden.

Die privaten Minenfelder von Bodenstein, die an mancher Stelle einfach hochgehen, sind nicht nur authentisch, sondern auch spannend ausgemalt. Man darf gespannt sein, wie sich das Privatleben des bodenständigen Bodensteins entwickelt. Vielleicht „Zurück in die Zukunft“.

Die Auflösung des Kriminalfalls verwundert dann doch am Ende und ist so total genial konzipiert. Der Epilog ist sensibel und fast schon als Familienfeier zu bezeichnen, wenn sich Fakten und Fiktion miteinander vermengen.

Fazit

So muss ein Krimi sein – genauso abwechslungsreich, tiefgründig, überraschend und originell. Ein Buch, das wieder mal zeigt, dass Nele Neuhaus ihre Tatorte literarisch und spannend erzählen kann. Perfekt

Michael Sterzik

 

 

Samstag, 18. Dezember 2021

Abgetrennt - Michael Tsokos


Der vierte Band der True-Crime Serie von Michael Tsokos – „Abgetrennt“ um den Rechtsmediziner Dr. Paul Herzfeld.

Bezeichnet für diese Reihe sind die tatsächlich geschilderten und auf faktenbasierte, realen Tötungsdelikte. Ebenfalls sind die Rechtsmedizinischen Untersuchungen und die Ermittlungsarbeit absolut authentisch erzählt. Alle Bände zeichnet dabei neben dieser informativen Erzählung auch eine unterhaltsame Spannung aus.

In diesem vierten Band, der auch der letzte der Reihe ist, begegnet dem Leser der alte Erzfeind und ehemalige Kollege Prof. Dir. Schneider. Ein hochintelligenter, wenn auch psychisch und ggf. etwas wahnsinnigen Mörder, ist jedes Mittel recht Herzfeld umzubringen. Sieht er doch in Herzfeld, den personifizierten Grund, seiner Demaskierung und der Beendigung seiner Karriere als Rechtsmediziner und Serienmörder.

In einem privaten medizinischen Lehrinstitut werden Leichenteile beschlagnahmt. Es besteht der Verdacht der illegalen Beschaffung.
In der Kieler Rechtsmedizin erkennt Paul Herzfeld auf einem der beschlagnahmten Arme ein auffälliges Nazi-Tattoo wieder: eine schwarze Sonne. Der versierte Rechtsmediziner beweist anhand von DNA-Untersuchung und Blutprobenvergleich, dass er den Mann, zu dem dieser Arm gehört, schon einmal seziert hat.
Verkauft einer seiner Kollegen etwa Leichenteile? Oder stammen die Körperteile von Mord-Opfern? Auf der Suche nach Antworten kommt Herzfeld den Schuldigen so gefährlich nahe - allen voran einem Mann, der buchstäblich über Leichen geht -, dass auf einmal sein Leben nur noch an einem seidenen Faden hängt... (Verlagsinfo)

Das private Umfeld von Paul Herzfeld, ist in diesem vorliegenden Band, anteilmäßig gering ausgefallen. Der Fokus liegt auf diesem „medizinischen Lehrinstitut“ und dem Rachefeldzug von Dr. Schneider. Beide Handlungsstränge verlaufen parallel und finden sich im Showdown wieder.

Michael Tsokos Fachwissen ist herausragend und in Kombination mit seinem Talent dieses mit fiktiven Elementen spannend in einer Geschichte zu verpacken ist brillant. Erschreckend dabei ist leider der Umstand, dass man vor Augen geführt bekommt, was Menschen anderen für tödlichen Schaden zuführen können. Egal ob es sich hier um eine Affekthandlung handelt, oder der Mord einen Plan vorausging. Das Leben und der Tod sind immer noch die besten Geschichtsgeber.

„Abgetrennt“ ist der vierte Band und inhaltlich auch der schwächste – der oberflächliche in jedem Fall. Es gibt erzählerische Längen, nicht weiter tragisch, aber sie sind vorhanden. Es ist gut, dass die Reihe auch hier ein gutes Ende findet und ich bin mir sicher, dass wir Dr.Herzfeld in späteren Werken von Michael Tsokos als Nebenfigur sehen werden. Das Tempo überholt trotz der aufzuweisenden Längen die Spannung. Der Unterhaltungswert ist allerdings noch immer überdurchschnittlich hoch angesetzt.

Die Figuren und viele, fast alle sind dem Leser schon durch die Vorgängerromane bekannt. Auch hier keine originellen Überraschungen, oder neue Entwicklungen. Man merkt als Leser, dass es thematisch und inhaltlich auch alles erzählt ist. Weitere Teile um den fiktiven Rechtsmediziner wären überflüssig, und würden den Anspruch einer erzählerischen Realität nicht genügen.

Der Showdown, bzw. dass Setting lädt zum Schmunzeln ein. Es geht in einer Wild-West-Atmosphäre zu Ende. Das Shootout ist spektakulär und vielleicht augenzwinkernd etwas ambivalent überzogen.

Die erzählerische Perspektive verspricht eine souveräne Abwechslung. Leider auch hier manchmal recht oberflächlich – gerade die des flüchtigen Schneiders findet zu wenig Substanz.

Fazit

Diese Reihe lebt durch das unterhaltsame „leben und sterben“ . Michael Tsokos ist der beste authentische Aufschneider. Seine Bücher sind Spannungsgaranten. Hochklassige Spannungsliteratur. Absolut zu empfehlen.

Michael Sterzik 

Sonntag, 12. Dezember 2021

Bluttat - Thomas Enger und Jorn Lier Horst


Nach dem beiden vorherigen Titeln: „Blutzahl“ und „Blutnebel“ ist dies der dritte Band des erfolgreichen Autorenduos.

Der Verlag sagt, man könne die Bücher der Reihe unabhängig voneinander lesen. Allerdings empfehle ich dies nicht. Die Figuren; die Reporterin Emma Ramm und der Kriminalbeamte Alexander Blix sind zu komplex aufgebaut – als Einzelcharakter und im Zusammenspiel der beiden. Interessant ist dabei zu beobachten, dass diese nicht unbedingt miteinander harmonieren. Ihre gemeinsame Vergangenheit beeinflusst sie beide in ihrem Denken und Handeln und das nicht nur positiv. Auch ihre Charaktere sind eher sehr konträr zueinander. Was beide allerdings gemeinsam haben, ist ihre Hartnäckigkeit und ihr Talent komplexe Zusammenhänge zu analysieren, zu erkennen – wo andere nicht einmal ansatzweise in diesem Tempo mithalten können.

Beide vorherigen Teile waren sehr spannend, sehr originelles Storytelling und eine teils sehr, sehr düstere Atmosphäre. Der Unterhaltungswert in einer Top-Liga, wenn man sich im Genre Thriller orientiert. Neben der Spannung war in den letzten Titel die Emotionalität mächtig stark in die Handlung eingefügt.      

Vorab sei zu sagen, dass die Spannung und die Emotionalität noch viel stärker in dem Titel „Bluttat“ ausgeprägt sind. Ein weiteres Kriterium stellt allerdings alles Bisherige in den beiden Vorgängertitel in den Schatten.                               

Eine rätselhafte Mordserie beschäftigt die Ermittlerin Sofia Kovic. Sie zieht ihren Partner Alexander Blix ins Vertrauen – und nur ihn, denn sie fürchtet, die Osloer Polizei könnte eine Rolle in diesem blutigen Spiel einnehmen. Wenig später wird Kovic Opfer eines Mordanschlags und grausam hingerichtet. Hat sie mit ihren Nachforschungen in ein Wespennest gestochen? Vier Tage danach stehen Blix und die Kriminalreporterin Emma Ramm im Zentrum der Ermittlung, denn Alexander hat einen Mann erschossen, während Emma der blutigen Tat beiwohnte. Wie konnte es dazu kommen? Wem kann Blix vertrauen? Und hat er womöglich den Falschen getötet? (Verlagsinfo)

„Bluttat“ beginnt spannend – geht spannend weiter und diese findet auch kein Ende. Erst am Ende, beim Beenden der letzten Seiten findet man seinem Atem und Puls wieder in einem Normalzustand wieder. Doch die Spannung ist nichts gegen die angespannte Dramatik und die Emotionsexplosionen, bei denen man wahrlich in der ersten Reihe sitzt. Hier begegnen wir spannendem Top-Niveau. Analysiert und interpretiert man alle drei Teile dieser Reihe – so ist der vorliegende mit großem Abstand der Beste. Hochklasse, wie die beiden Autoren es schaffen eine solch tiefgehende Dramaturgie zu entwickeln, und diese mit viel Tragik in einem Feuerwerk von Tränen, Blut, Tod und Schmerz hochgehen zu lassen. Die Reihe ist als Trilogie entworfen, aber es könnte unter Umständen noch weitergehen – denn der Schwachpunkt dieser Reihe ist genau das – ein plötzliches „Ende“.  Damit bilden sich eine ganze Menge an Fragen, deren Antwort man sich als Leser zwar individuell stellen kann, wenn man sich diese selbst beantwortet – aber dieses Vakuum ist etwas unbefriedigend.

Eine Emotionalität entwickelt sich, da man den Schmerz der Protagonisten nachempfinden kann. Das reiht sich in die Komponente „Tragik“ ein. Die Story ist authentisch und keine überzeichnete „Räuberpistole“. Der Kriminalfall ist der Mantel der Story, ein persönlicher Verlust und viele egoistische Fehler bilden den Kern.

Originell aufgebaut ist die Handlung, mit zeitlichen Rückblenden, die allerdings die gegenwärtige Story noch spannender darstellen. Das Tempo der Handlung befindet sich auf der Überholspur, die Ereignisse überschlagen sich nicht – aber gehen Hand in Hand.

Emma Ramms Rolle in diesem Spiel ist eher untergeordnet, obwohl sie es zum Teil auch ist, die die Eskalationsspirale anstößt. Das Schicksal von Alexander Blix ist der absolute Fokus.

Diese Reihe gehört mit zu den aktuell stärksten, skandinavischen Thrillern. Der dritte Band ist einer der absolute, tragischste und traurigste Thriller den ich je gelesen habe.

Fazit

„Bluttat“ ist ein harter, emotionaler Thriller. Die Spannung ist so präsent, dass das diese einen nachhaltig umzingelt, ohne Chancen auszubrechen. Ein Pageturner – eine Reihe, die so authentisch ist, dass das Ende schmerzt.

Michael Sterzik