Dienstag, 14. Februar 2023

Buchtipp: Früher war mehr Verbrechen - Nina Batram und Katharina Kolvenback

Buchtipp: "Früher war mehr Verbrechen - von Nina Batram und Katharina Kolvenbach.


Haben wir wirklich dazugelernt? Sind wir vernünftiger geworden? Nicht mehr ganz so kaltblütig, oder sagen morden wir zivilisierter?
"Früher war alles besser"?! Kann man sehen wie man will, aber werfen wir mal mit dem vorliegenden Buch ein Blick in die Vergangenheit. Historische Kriminalfälle und das durch einige Jahrhunderte hinweg. Mit viel Ironie erzählen die Autoren von "Verbrechen" - an die man sich ggf. erinnert.
Perfide Mord-Komplotte, grausame Hexen-Verfolgung oder blutige Dienstmädchen-Morde: Die Prähistorikerinnen Nina Batram und Katharina Kolvenbach versammeln in ihrem ersten True-Crime-Buch spektakuläre Fälle, darunter sowohl die besten Folgen aus dem Podcast als auch exklusive historische Kriminalfälle, die noch nicht im Podcast diskutiert wurden. Die Autorinnen berichten von spannenden historischen Verbrechen und deren Hintergründen, skizzieren mögliche Lösungen weit zurückliegender Cold Cases und die Relevanz der Fälle für die heutige Zeit - stets respektvoll, mit viel Empathie und Sachverstand - und immer auch mit einer Prise (Selbst-) Ironie.
Die einzelnen Fälle wurden gründlich recherchiert. Die Leserinnen und Leser werden stets mit neuen Einblicken in längst vergangene Gräueltaten und Schicksalsschläge und in die jeweilige Epoche überrascht. Wohlbekannte, aber auch nicht geläufige Kriminalfälle werden bei diesem detailreichen Streifzug durch die Jahrhunderte unter die Lupe genommen.
Der Blick in die Vergangenheit lohnt sich, um heutige Kriminalfälle und die Psychologie der Täter besser zu verstehen. (Verlagsinfo)
Viel Spaß und gute Unterhaltung mit dieser Zeitreise.
Michael Sterzik


Samstag, 11. Februar 2023

Der Kriminalist - Tim Sullivan


 Es gibt immer wieder Menschen mit besonderen Inselbegabungen und Talenten, die uns faszinieren, verwundern und manchmal können wir diese auch nicht erklären. Menschen mit dem Asperger-Syndrom haben eine neuronale Störung – es ist eine besondere Form des Autismus. Ihre Wahrnehmungen von Situationen und die Verarbeitung verschiedener Reize beeinträchtigen ihr Leben. Sie sind überempfindlich und leben scheinbar in ihren eigenen Strukturen, deren Muster ihnen eine gewisse Sicherheit geben.

Doch gerade diese Menschen können Hochbegabt sein, oder eine Inselbegabung haben, z.B. ein Fotografisches Gedächtnis, mathematisches Talent für Strukturen und Muster und vieles mehr. Doch das Asperger-Syndrom lässt diese Menschen, die „andersartig“ sind, zu Einzelgängern werden, je nachdem wie stark es ausgeprägt ist.

Ihre „soziale“ Wahrnehmung der Mitmenschen ist oft mehr wie anstrengend für sie, da sie die analogen Kommunikationsformen Blickkontakt, Gestik und Mimik nicht erkennen, einordnen und definieren können. Auch sprachlicher Humor, Wortspiele, Witze, Ironie und Sarkasmus – damit können sie nicht umgehen. Das wirkt auf andere Menschen befremdlich, ungeschickt und oftmals werden sie für „Freaks“ gehalten. Diese Vorurteile, oder das Nicht-Wissen der anderen – über das Syndrom, machen diesen sensiblen und intelligenten Menschen das Leben manchmal sehr schwer.

Im vorliegenden Kriminalroman von Tim Sullivan „Der Kriminalist“ ist die Hauptperson DS George Cross, ein Ermittler der Polizei mit einer Form des Asperger-Syndroms die Schlüsselgestalt und der eigentliche Bezugspunkt der Story.

DS George Cross kann mit sozialen Konventionen nichts anfangen, für seine Kollegen ist er oft schwierig im Umgang. Doch dank seiner Besessenheit für Logik, Muster und jedes noch so kleine Detail, ist seine Aufklärungsrate die beste der ganzen Einheit. Und so hegt er sofort Zweifel, als seine Kollegen nach einem Leichenfund in einem Bristoler Park zu dem Schluss kommen, dass der Tod des Mannes die Folge eines Streits unter Obdachlosen sein muss. Cross beginnt, in der Vergangenheit des Opfers zu graben, und merkt schnell, dass es Verbindungen zu einem alten Fall gibt. Einem Mord, der fünfzehn Jahre nicht aufgeklärt wurde. Und der Täter hat nicht vor, sich nach so vielen Jahren von diesem exzentrischen Kommissar das Handwerk legen zu lassen …(Verlagsinfo)

Der Titel „Der Kriminalist“ ist wenig attraktiv gewählt – der Original-Titel „The Dentist“ wäre angebrachter gewesen. Nichtsdestotrotz ist der Roman großartig geworden. Das liegt aber nicht einer spannenden Story, sondern ist dem Hauptdarsteller DS George Cross zu verdanken. Der Autor Tim Sullivan hat mit dieser Figur einen Ermittler konzipiert, der in der gegenwärtigen Spannungsliteratur mit seiner autistischen Inselbegabung eine „Insel“ ist. Aber eine sehr attraktive, tiefsinnige und vielfältige Figur darstellt.

Kommen wir aber erst zur Story, die ist ausgefeilt und komplexer, als man es vielleicht vermutet. Wendige Überraschungen und vieles, was sich im ersten Moment als vorhersehbar bezeichnen könnte – ist es dann letztlich doch nicht. Das Ensemble der Figuren ist ebenfalls interessant – egal ob es sich um eine weitere Hauptperson handelt, oder nur eine einfache Nebenfigur ist, alle zusammen bilden ein komplex gut eingestelltes Orchester, bei dem jeder seinen Part perfekt beherrscht. Die junge Polizistin, die hoch motiviert versucht vor George Cross zu glänzen und erstmal mit ihrem wunderlichen Chef klarkommen muss. Die Partnerin von George Cross, die immer wieder zwischen den Menschen und ihm als emotionale „Übersetzerin“ fungiert und Cross immer wieder erklären muss, was die Menschen mit denen er zu tun hat, durch Gestik, Mimik oder Wortwahl eigentlich aussagen wollen. Dann gibt es noch den Vater von George Cross – eine sympathische Nebenfigur, die eine „Heimat“ für seinen Sohn darstellt.

Der eingesetzte Humor ist erstklassig und resultiert natürlich durch George Cross selbst, der halt für Smalltalk, soziale Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen wenig übrig hat. Er „lernt“ zwar dazu, aber trotzdem produziert er größere und kleinere Fettnäpfchen in dieser er wie ein Dinosaurier im Porzellanladen selbstverständlich reintritt. Das wirkt sensibel, trägt einen gewissen Humor bei und ist der „Fokus“ der Handlung.

Die Dialoge sind rhetorisch toll in Szene gesetzt. Egal, mit wem auch immer George Cross spricht, wird es spannend und bietet eine Unterhaltung auf hohem Niveau. Sein Talent „, Muster“ zu erkennen und definieren machen aus dem Polizisten George Cross eine Verhörspezialisten, den man als Gesprächspartner selbst überhaupt nicht durchschauen kann. Seine Nachteile – zeigen sich also als Vorteile in dieser Art von Ermittlungen.

Tim Sullivan zeigt George Cross aber nicht nur als wunderlichen, intelligenten Ermittler, sondern auch als einen „Menschen“ der versucht Brücken zu seiner Persönlichkeit zu entwickeln. Diese Hilflosigkeit ist so wunderbar beschrieben, so sympathisch gezeichnet.

Damit ist „Der Kriminallist“ kein Ermittler von der Stange, sondern schon etwas Besonderes. Die Reihe wird fortgesetzt, so hoffe ich doch. Tim Sullivan weiß als erfolgreicher Drehbuchautor, wie man die Menschen unterhält.

Für mich ist „Der Kriminalist“ einer der Romane in diesem Jahr, der mich positiv überrascht hat. Auch wenn die Story abwechslungsreich und wirklich gut und spannend ist, so hätte diese noch besser sein können. Aber wir warten mal die weitere Entwicklung ab.,

Fazit

Ein wunderlicher, hilfloser Ermittler, der eine intelligente und humorvolle Unterhaltung bietet. Eine innovative Insel im Genre „Kriminalliteratur“ – die großartig ist.

Michael Sterzik



Samstag, 4. Februar 2023

Tanz mit dem Tod - Christian v. Ditfurth


Das Berlin der 1930 Jahre, war politisch, kulturell und sozial gesehen ein gefährlicher, unruhiger Ort. Als Machtzentrum liefen hier alle Fäden des anfänglichen, dritten Reiches zusammen. Die NSDAP, die SA, die SS – sie alle formierten sich, um ihrem Führer dienlich zu sein und um ein neues Deutschland zu erschaffen. Dafür waren diesen alle Mittel recht, sie scheuten nicht vor Mord zurück, ihre Weltordnung musste durchgesetzt werden. Ein totalitärer, verbrecherischer Staat, der in den 30-Jahren gebildet wurde, und der 1939 den zweiten Weltkrieg entfachen sollte. Die deutsche Bevölkerung war depressiv, verunsichert, in ihren Augen gedemütigt und hatte kein Ziel vor Augen. Eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte vor, Veteranen des 1. Weltkrieges und demoralisierte Politiker waren sich uneins – einzig und allein einte sie die Verzweiflung und die Suche nach einem „Schuldigen“ für die Situation Deutschlands.

Es gab schon damals Widerstand in der Bevölkerung, sie sahen schon das schreckliche Antlitz eines neuen Krieges vor Augen, doch sie spielten fast alle mit, sie verrieten sich, ihre Mitmenschen, ihre Moral und Gerechtigkeit und Gesetzte wurden vielmehr zu Richtlinien, die nicht mehr die Kraft hatten, sich aufzulehnen.

Das vorliegende Buch von Christian v. Ditfurth „Tanz mit dem Tod“ spiegelt, die atmosphärische Angst der Menschen, aber nicht der Angst, sondern auch das verbrecherische Denken und Handeln.  

Berlin-Wedding, November 1932: Sieben SA-Männer stürmen eine Kneipe und erschießen Kurt Esser, Redakteur des KPD-Blatts »Rote Fahne«. Dem jungen Kriminalpolizisten Karl Raben gelingt es, den Anführer der Mörder, Gustav Fehrkamp, zu stellen. Doch kaum ist Hitler 1933 an der Macht, kommt Fehrkamp auf freien Fuß. Raben hat fortan nur noch einen Gedanken: Gerechtigkeit. Für sein Vorhaben geht er einen Pakt mit dem Teufel ein und arbeitet für die gerade gegründete Geheime Staatspolizei. Damit ist sein Leben in der Hand von Gestapo-Chef Reinhard Heydrich. Genauso wie das seiner Frau Lena, die jüdischer Herkunft ist. Wie kann ein Polizist für Gerechtigkeit sorgen, wenn das Unrecht die Macht ergreift?»Tanz mit dem Tod« ist der fulminante Auftakt einer historischen Krimireihe in Berlin. In den folgenden Bänden jagt Karl Raben Essers Mörder in den Zeiten des Aufstiegs und des Untergangs des Nationalsozialismus und löst den letzten Fall in der gerade gegründeten Bundesrepublik.(Verlagsinfo)

In der Geschichte begegnen wir einen Zeitgeist mit vielen Facetten und Christian v. Ditfurth öffnet die Büchse der Pandora und konfrontiert uns mit der Überlegung: „Wie hätten wir gehandelt“ – wären wir angepasste Mitläufer gewesen, oder Widerständler, denen jeden Tag bewusst ist, dass sie in Lebensgefahr sind?

Der Hauptcharakter Karl Raben vermischt sich in beidem. Sein Gerechtigkeitssinn lässt es zu, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Um den Roman geschichtlich zu intensiv wie möglich zu erzählen, begegnen wir den Schlüsselgestalten des Nazi-Regimes, Heydrich, Himmler, Röhm, Göbbels – die zusammen und gegeneinander um die Gunst des „Führers“ kämpfen, und natürlich auch eine Machtposition einzunehmen. Es ist erschreckend zu lesen, wie sehr diese Figuren die Menschen um sich manipulieren, verängstigen und wie Schachfiguren auf einem politischen Schachspiel ausnutzen. Kraftvoll, sensibel und verzweifelt kämpfend zeigen sich Karl Raben und seine Frau Lena, die sich mal anpassen, müssen, um nicht in den Mühlen des Regimes zerfetzt zu werden.

Christian v. Ditfurth zeichnet ein trauriges, aber reelles Bild dieser Zeit. Man braucht etwas an Zeit, um sich mit dem erzählerischen Stil des Autors zu akklimatisieren. Und auch wenn eine gewisse Hoffnungslosigkeit in jedem Kapitel zu finden ist – berühren einen die Dialoge der beiden Eheleute Karl und Lena – die auch nicht ohne Humor sind. Gerade der Part von Lena, ist aufmüpfig, frech und frisch und sehr, sehr selbstbewusst – doch auch sie kommt an ihre Grenzen.

Das „Richtige“ tun in einer Diktatur? Sich dem „Bösen“ bedienen, um eine andere „Bösartigkeit“ zu eliminieren? Heiligt der Zweck diese Mittel – der Roman gibt keine Antworten darauf. Alles in allem ist einer der Hauptdarsteller die „Dramatik“.

Die Ideologie der Nazis, die aus dem Quadrat Heydrich, Himmler, Goebbels und Röhm spricht, lässt einen schaudern. Allein dieser machtvolle Personenkult, der diese umgibt – und keiner sieht hinter den Kulissen und erkennt die Gefahr!? Erschreckend.

Das Buch besitzt durchaus Längen, da konnte der historische Kern des Autors, den Unterhaltungskünstler einfach mal ausstechen. Insgesamt aber animiert das Ende und des Romans den Leser sehr, auch zum zweiten Band zu greifen, wenn dieser veröffentlicht wird. Christian v. Ditfurth verleiht seinen Figuren eine so inhaltliche und charakterliche Tiefe, dass es ein Vergnügen ist, mit diesen zu leiden und zu leben.

Fazit

Der Pakt und der politische Tanz mit vielen Teufeln – ein spannendes Buch mit einem nachhaltigen, erzählerischen Echo.

Michael Sterzik



Freitag, 27. Januar 2023

Jagd nach Vergeltung - J.H. Gelernter

 

Die Erzfeindschaft zwischen England und Frankreich wurde munter auch zur Zeit des kleinen Korsen Napoleon weitergeführt. In Europa besiegte der französische Kaiser und Diktator nach und nach fast alle Gegner und zwang ihnen seinen Willen auf. Doch wenn uns die Geschichte eines zeigt – so ist es, dass alle Tyrannen fallen, und das sehr schmerzhaft. Aber so weit sind wir im Jahre 1803 noch nicht.

Der gerade geschlossene Frieden zwischen England und Frankreich ist nicht wirklich stabil. Zähnefletschend beobachteten sich die beiden Staaten und diese Spannungen führten und das war jedem klar, zu einem weiteren Krieg.

Napoleon Bonaparte plante also eine Invasion, um England letztlich in die Knie zu zwingen. Logistisch, militärisch durchaus eine Herausforderung. An der Kanalküste wurden 150.000 Soldaten zusammengezogen. Transportschiffe sollen Menschen, Waffen und Material über den Kanal bringen – doch England war als Seemacht immer noch äußerst stark und letztlich besiegten sie Frankreich und seinen spanischen Verbündeten in einer Seeschlacht. Eine Invasion wurde also abgesagt.

Man kann sich also gut vorstellen, dass auf beiden Seiten des Kanals die Spione und Agenten beider Länder gut ausgelastet sein dürften. J.H. Gelernter beschreibt in seinem Debütroman „Jagd nach Vergeltung“ diese unruhige Zeit.

England, 1803. Thomas Grey, Kapitän der britischen Marine und Spion im Dienste seiner Majestät, hat sich nach einem schweren Schicksalsschlag zurückgezogen und möchte nach Amerika auswandern. Der kürzlich mit den Franzosen geschlossene Frieden verspricht eine gefahrlose Überfahrt. Plötzlich kommt es jedoch zu einem Feuergefecht mit einem französischen Schiff. Grey überlebt und landet in Portugal, wo er auf einen Anwerber des französischen Geheimdienstes trifft. Dieser bietet dem Spion eine hohe Summe, damit er die Seiten wechselt. Grey willigt ein und gibt sich als Überläufer aus – nicht, um sein Land zu verraten, sondern um die einmalige Gelegenheit wahrzunehmen, sich an seinem schlimmsten Feind zu rächen, der ihm alles nahm …(Verlagsinfo)

„Jagd nach Vergeltung“ ist (k)ein klassischer Seekriegsroman, viel mehr ein actionreicher Spionageroman mit typischen Szenen und Situationen, die auch James Bond 200 Jahre später erlebt hat. Ein Kartenspiel, bei dem Thomas Grey – unsere Hauptperson, mathematisch gekonnt die richtigen Schlüsse und Karten zieht. Ein Duell unter Gentleman, die Infiltration einer französischen, kultivierten Familie usw. Es wird nicht besonders leise, entspannt und langweilig um Thomas Grey – der als Spion hier gleich mehrere Register seines Könnens zieht.

Seine Motivation ist die gute, alte Rache, die man ihn aber nicht unbedingt abnimmt. Er ist kein Soziopath, aber auch nicht meilenweit davon entfernt – selbstbewusst und kaltschnäuzig – verletzlich – aber irgendwie auch körperlich und seelisch kugelsicher. Es gibt zwar keinen Q – aber einfallsreich ist Thomas Grey selbst auch.

Ein kurzweiliger und schneller Titel, dessen Handlung manchmal stark überzogen wirkt. Besonders gut sind die geschichtlichen, kulturellen und militärischen Gegenstände, Prozess usw. eingestreut. Auch dass der Autor einen feinen Humor haben muss, merkt man – allerdings vermisse ich eine starke Dramaturgie. Die Dialoge sind schnell erzählt und bilden mitnichten einen Schwerpunkt.

Der Charakter von Thomas Grey ist der größte Kritikpunkt. Er sieht zwar kein „Rot“ und katapultiert sich unausweichliche Eskalationen, aber ein Mann mit so einer Vita – traue ich nicht unbedingt die Motivation für eine Jagd nach Rache und Vergeltung zu.

Leichen pflastern den Weg nach Vergeltung. Meistens kommt es zu spektakulären Schießereien und manchmal kommt auch der Degen (nicht das Schwert) zum Einsatz. Es scheint Thomas Grey auch völlig egal zu sein, wenn er tötet – und auch das führt nicht unbedingt dazu, den Thomas-Grey-Fanclub um Aufnahme zu bitten.

Auf die Erwartungshaltung kommt es an! Erwartet man einen Spion mit der Lizenz zum Töten – dann viel Spaß mit einem satten Action-Rodeo. Rechnet man mit einer intelligenten Story, so wird man enttäuscht sein.

Alles in allem ein kurzweiliger und schneller Roman, nicht unbedingt spannend, denn man ahnt das Ende schon am Anfang, dafür aber sehr unterhaltsam.

Fazit

J.H.Gelernter muss noch ein bisschen lernen einen historischen Roman zu schreiben. Hier steht die Action im Vordergrund – vielleicht wird aus Thomas Grey noch der Spion, den man liebt – aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Seichte und gute Unterhaltung – nicht mehr – nicht weniger.

Michael Sterzik

Mittwoch, 25. Januar 2023

Der dunkle Erbe - Tom Melley


Wer sich mit der mittelalterlichen, englischen Geschichte befasst, wird unweigerlich auf berühmte, königliche Persönlichkeiten stoßen. Parallel existieren enorm viele Legenden, trotz oder vielleicht, auch weil es so zahlreiche Quellen und schriftliche Zeitzeugnisse gibt. Diese geben Historikern und Archäologen ein umfassendes Spiegelbild aus dieser Zeit. Es gibt allerdings auch viele überzeichnete Figuren mit vielen Halbwahrheiten, Vermutungen und immer wieder trifft man auf Klischees, die wie die Figur selbst geschichtlich unsterblich geworden sind.

Die Robin Hood Legende beförderte König Richard Löwenherz in ein idealisiertes, romantisierendes Abziehbild eines Bilderbuchritters. Sein verräterischer Bruder John, auch genannt „Ohneland“ wurde absolut negativ und als tyrannischer, machtbesessener und „böser“ Mensch und späterer Nachfolgekönig charakterisiert. Diesen verhängnisvollen „Stempel“ werden die Figuren auch nicht mehr los – zu viel davon wurde medial verarbeitet. Doch wie werden diese beiden Figuren von der aktuellen, gegenwärtigen Forschung interpretiert? Fassen wir uns kurz – Richard Löwenherz, war ein exzentrischer, machtbesessener und wenn man seine Regierung bewertet – ein schlechter König. Ein guter, legendärer, mutiger Kämpfer – ohne Zweifel – aber weit davon entfernt als ein stilisierter, ehrenvoller Ritter und König zu sein. König Johann Ohneland war allen Anschein nach, kein wirklicher Sonnenschein. Er hatte zwar viel Regierungserfahrung und kannte sich im Umfeld des Adels gut aus – aber auf seiner Art war er ebenso exzentrisch. Seine Fehlurteile führten dazu die Normandie zu verlieren, einen Bürgerkrieg zu entfachen, einen Verwandten getötet zu haben usw. Viele uneheliche Kinder, ein Weiberheld, und mit Geld konnte er nicht unbedingt gut umgehen (wie viele seine Vorgänger und Nachfolger ebenfalls nicht).

Das königliche Haus „Plantagenets“ wurde von einem besonderen Mann unterstützt -. Dem Königsmacher, vielleicht dem größten Ritter seiner Zeit: „William Marshal – 1.Earl of Pembroke. Seine Treue, sein Verständnis für Ehre, aber auch sein kämpferischer Mut und Talent mit dem Schwert und der Lanze machten ihm zum größten Ritter seiner Zeit, ohne übertreibend zu klingen. Seine Geschichte ist fast untergegangen, aber nur fast.

Tom Melley hat die beiden Figuren „König Johann ohne Land“ und „William Marshal“ eine literarische Bühne gegeben. In seinem neuesten historischen Roman: „Der Dunkle Erbe“ erzählt der erfolgreiche Autor von geschichtlichen Momentaufnahmen dieser beiden Legenden.

Normandie 1199. Nach dem Tod von Richard Löwenherz verhilft der einflussreiche William Marshal, der berühmteste Ritter aller Zeiten, dessen Bruder John zum englischen Thron.
Doch seine Hoffnung auf Frieden wird jäh enttäuscht, kaum an der Macht, stürzt der neue Herrscher das Land in einen Krieg gegen das mächtige Frankreich.
Vom unberechenbaren John wird Marshals Treue auf harte Proben gestellt, dennoch kämpft er für ihn, um einen Zusammenbruch des Reiches zu verhindern.
Bis der König eine verhängnisvolle Untat begeht, die nicht nur Marshals Schicksal entscheidend verändert …(Verlagsinfo)

„Der Dunkle Erbe“ ist als historischer Roman auch ein Polit-Thriller. Es ist kein Action-Kracher, kein Mantel-und-Schwert-Roman – sondern eine hervorragende Analyse zweier Menschen ihrer Zeit. Ein König und sein Ritter – beide Streben nach Macht und Einfluss in ihren individuellen Räumen und eigenen Gedankenpalästen.

Ihre Beziehung – ein Mit- und Gegeneinander ist der Fokus der Story. William Marschal ist ein Mann von Ehre – aber konzentriert sich auch darauf, seiner Familie und sich selbst so politisch und wirtschaftlich aufzustellen, dass er dabei äußerst gut wegkommt. Risiken geht er wohl ein – aber als ein kluger Stratege und Taktiker hat er immer einen Plan B im Köcher. Berechnend agiert er diplomatisch im Kreise des Adels – sein Netzwerk ist nicht unbedingt groß, aber er weiß, wem er sich anbietet, von wem er sich fürchten sollte und wer erst einmal zu beobachten ist.

König John (Johann ohne Land) wird beschrieben, wie er laut der aktuellen Quelllage wirklich gewesen sein müsste. Aufbrausend, verletzlich, unsicher in seinem Handeln – vielleicht war er auch immer ein Muttersöhnchen. Zeit seines Lebens stand er tief im Schatten seiner Brüder. Seine Bündnisse und Freundschaften brachten ihm nicht viel ein – außer noch mehr Ärger und Komplikationen, denen er ggf. auch lieber, trunken vom Wein tänzelnd auswich.

Der Roman lebt von vielen Dialogen, von politischen und militärischen Entscheidungen, aber auch von der Beschreibung einzelner Kämpfe auf dem Schlachtfeld. Sehr gelungen ist auch die erzählerische Perspektive von König Philip von Frankreich. Diese epochale Erzfeindschaft – der Kampf um die Normandie, ist der Mittelpunkt des Romans. Auf diese Art und Weise ist der Roman auch spannend – es ist ein Duell verschiedener Motive und Motivationen. Tom Melley gibt auch keine eigene Wertung ab – es waren Figuren ihrer Zeit, deren Handlungen wir weder politisch, kulturell, religiös, militärisch und letztlich auch menschlich mit unserem Wissen nicht unbedingt nachvollziehen können.

Mit den Vorgängerromanen ist „Der Dunkle Erbe“ keinesfalls zu vergleichen. Weniger kämpferisch – dafür mehr politisch durchdrungen – doch der Unterhaltungswert ist sehr, sehr hoch. Hervorzuheben ist die konsequente Verarbeitung von Fakten – und sich nicht an Legenden und vielen „Vielleicht“ zu orientieren.

Atmosphärisch sehr gut aufgebaut und feinem Humor gibt es auch zwischendurch. Viele Figuren sind geschichtlich authentisch – viele Schicksale schlüssig und in sich logisch interpretiert erzählt. Wer hier ggf. eine klassische Liebelei erwartet – dürfte enttäuscht werden. Die Liebe zeigt sich in unterschiedlichen Facetten – aber sie ist da. Die Liebe zu dem Land – für Freunde – für eine Ehefrau usw.

Persönlich finde ich es schade – dass das Leben dieser Hauptfiguren zu einem Zeitpunkt erzählt wird – bei der beide schon in der Vergangenheit Angst und Schrecken und weiteren Unfug betrieben haben. Stoff für weitere Romane – sollte also mehr wie genug vorhanden sein. Für John ist der Zeitpunkt des Romans – der Anfang vom Ende. Aus der Perspektive von William Marshal auch – aber als ehemaliger und erfolgreicher Turnierritter – ist er das Gewinnen ja sowieso gewohnt.

Fazit

Politischer Thriller mit viel Menschlichkeit. Spannende Unterhaltung von Menschen, deren Handlungen wir nicht unbedingt verstehen, aber die viel, viel Unterhaltung bieten. Absolut zu empfehlen.

 

Michael Sterzik

 


 

Samstag, 21. Januar 2023

Das Protomolekül - James Corey

 


The Expanse“ – Diese Buchreihe ist von amazon prime hervorragend umgesetzt worden. Bei dieser Buchadoption merkt man, dass die beiden Autoren, die unter dem Pseudonym „James Corey“ diese Reihe verfasst haben, ebenfalls an der filmischen Umsetzung beteiligt sind. Science Fiction – die von einer wahrscheinlichen Entwicklung nicht weit entfernt sein dürfte. Neben der intensive und spannenden Handlung wurde auch viel Wert darauf gelegt – die technische Physik und die Naturgesetze nicht allzu fantastisch darzustellen. Beraten wurden die Autoren von Wissenschaftlern der NASA – für die Buchreihe und die Fernsehserie.

Die bisher 9-teilige Buchreihe ist derartig komplex, dass viele Hintergrundinformationen und Figuren nicht die Möglichkeit hatten, ein Blick zurück in ihre Vergangenheit werfen zu können. Viele Handlungsfelder sind zwar konzentriert erklärt – doch am Ende blieben dann doch noch viele Fragen offen. Das vorliegende Buch: „Das Protomolekül“ versucht diese erzählerischen und chronologischen Lücken etwas aufzuarbeiten. Die acht Kurzgeschichten bringen bekannte Figuren wieder ins Expanse-Universum zurück mit einem interessanten und kurzweiligen Blick hinter ihre persönlichen Kulissen.

Unser Sonnensystem, die nahe Zukunft: Ein linientreuer Offizier der UN-Weltraumflotte muss zusehen, wie aus einem Kampfeinsatz ein Massaker wird – und er zum Mitschuldigen. Auf dem Mars hat ein Ingenieur eine geniale Idee und testet einen völlig neuen Raumfahrtantrieb – mit ungeahnten Folgen. Und auf einem Planeten jenseits des Sonnensystems versucht ein Gouverneur, Recht und Ordnung herzustellen – und muss erkennen, dass die Zivilisation, die zu bringen er gekommen ist, auf dieser Welt bereits existiert, nur in anderer Form. (Verlagsinfo)

Nicht alle dieser kurzen Novellen sind qualitativ so spannend wie die Buchreihe selbst, doch spannend und vor allem informativ sind sie allemal. Ob es nun um die Gürtler geht, um die politischen und militärischen Spannungen mit der Mars-Kolonie, oder dem Epstein-Antrieb und nicht zuletzt den Ereignissen auf der Anderson-Station – das Massaker, das Fred Johnson zu verantworten hat – manch kleiner Kreis schließt sich somit.

 „The Expanse“ ist zu einem Meilenstein in diesem Genre geworden. Ein Klassiker – der ohne fantastische Aliens daherkommt, ohne mit unrealistischen technischen Möglichkeiten und Entwicklungen zu spinnen. Diese erzählerische Klasse überzeugt gerade, weil sie sich realistisch anfühlt. Vielleicht ist „The Expanse“- die Buchreihe und die filmische Umsetzung ein Geheimtipp – in jedem Fall lohnt es sich, sich damit zu befassen, auch für Leser und Filmliebhaber, die mit dem Genre Science Fiction nicht vertraut sind.

Fazit

Für jeden Fan dieser Reihe ist das Buch ein Titel, den er lesen sollte. Er komplimentiert diese Reihe um so mehr.

Michael Sterzik

 

 

Montag, 9. Januar 2023

Das dunkle Lied der Toten - Ben Creed


Am Ende des Zweiten Weltkrieges begann auch der Wettlauf um das technische Wissen brillanter deutscher Wissenschaftler. Die alliierten Siegermächte überredeten, erpressten und bedrohten die führende Akademiker-Elite für sie zu arbeiten. Die Waffenforschung, die Medizin, technische Ideen und Entwicklungen – die Jagd nach genau diesem Wissen war die größte Belohnung für den Blutzoll, den sie in all den Jahren entrichten mussten.

Die Nachkriegszeit war für die Russland auch eine Zeit der „Säuberung“. Politische innere Feinde, Randgruppen, Intellektuelle und Künstler – es gab keine Grauzone. Entweder war man für den Personenkult „Stalins“, oder nicht? Letzteres bedeutete den Tod, oder die fürchterlichen Straflager im Gulag, wobei dieser schlimmer sind als ein schneller Tod. Diese Straf- und Arbeitslager bedeutete volkswirtschaftlich zu viel für Russland. Förderung von Bodenschätzen und Metallen, die Häftlinge bauten, Verkehrswege und Kraftwerke und vieles mehr. In diesen starben ca. 2,7 Millionen Häftlinge unterschiedlicher Nationen, natürlich waren auch Kriegsgefangene darunter, oder ethnische Minderheiten.

Das Autorenduo „Ben Creed“ verarbeitet das Leben und Sterben in einem dieser Lager im vorliegenden, zweiten Roman der Leningrad-Reihe: „Das dunkle Lied der Toten“.

Der erste Band: „Der kalte Glanz der Newa“ war ein Überraschungserfolg und erinnerte stellenweise sehr an den Klassiker „Gorki Park“ von Martin Cruz Smith.

Die Hauptfigur Leutnant Revol Rossel überzeugte durch eine hohe Beobachtungsgabe und einem gewissen leidenschaftlichen und später verhängnisvollen Ehrgeiz.

Winter 1953: In der weißen Hölle eines sibirischen Gulags ist der ehemalige Leutnant Revol Rossel dem Tod näher als dem Leben, als er überraschend gerettet wird – ausgerechnet von dem Mann, den er mehr als jeden anderen hasst: Major Nikitin. Seinetwegen wird der virtuose Geiger Revol nie wieder eine Violine halten können.

Zusammen mit der Fliegerin Tanja Vasilievna sollen Revol und der Major in Leningrad einen Killer stoppen, der den Leuten wie ein rachsüchtiger Geist aus einem slawischen Märchen erscheint. Er schneidet seinen Opfern die Zunge heraus und ersetzt sie durch eine Papierrolle mit italienischen Versen.

Der Fall ist allerdings mit einem weitaus tödlicheren Rätsel verknüpft, das die Verschwörer in Stalins Kreml um jeden Preis lösen wollen: Im fernen Berlin führt eine verschlüsselte Nachricht zu jenem brillanten Nazi-Physiker, der den Bauplan für die Wasserstoffbombe kennt …(Verlagsinfo)

Russlands Tragödie ist die stille Traurigkeit, die verzweifelte Hingabe an die politische Ideologie und Führung der Staatenlenker. Die Partei, dass kommunistische Leitbild – kommt zuerst, dann der Glaube, dann ggf. die Familie. Russland bedeutet auch eine Melancholie ohne Exit, eine Akzeptanz, die ggf. aus einer Gewohnheit und einem Grundstein der Angst herführt. Das Autorenduo fängt atmosphärisch genau diese Stimmung ein, das Buch ist förmlich durchtränkt von einer selbstauferlegten Traurigkeit und Verzweiflung.

Besonders gut erzählt ist der Part im Arbeitslager, in der sich der gefallene, ehemalige Leutnant Revol wiederfindet. Das Reich des Gulags eröffnet sich dem Leser mit einem brutal erzählten Realismus. Mithäftlinge, die getötet werden, um deren Leben bei einem Kartenspiel unter herrschenden Dieben gespielt wird. Enthaltsamkeit was Nahrung, medizinische Versorgung und Kleidung angeht. Hygiene – dafür ist mal selbst verantwortlich und sich selbst nicht zu schade, einen toten Freund und Mithäftling wenige Minuten später auszurauben und zu entkleiden. Alles ist kostbar – alles an Kleidung, Güter usw. Jedes falsche Wort, eine Geste, ein Blick könnte das Ende bedeuten. Vielleicht ist der Tod am Grenzzaun doch gleichbedeutend mit der Erlösung?!

Die Schilderung der Serienmorde und die Ermittlungen dazu sind ebenfalls gut, aber manchmal ziehen sich diese auch unerwartet in die Länge. Die natürliche und logische Konsequenz, dass die Politik hier involviert ist, liegt auf der Hand und ist keine Überraschung. Die Hoffnung, dass (Über)Leben im Lager hinter sich gelassen zu haben, ist der Motor für Leutnant Revol, ganz egal, dass er Hand in Hand mit Major Nikitin ermitteln soll – der Mann, der ihn gefoltert hat. Diese verschwörerische und verschworene Schicksalsgemeinschaft ist packend erzählt und man fragt sich immer wieder, wer wird das Duell am Ende dieser geplanten Trilogie noch leben ?!

Die politische Stimmung, die Kultur von Russland um 1953 ist fantastisch intensiv erzählt. Schauplatz ist aber nicht nur das „fremde“ Russland, sondern auch noch ein ungeteiltes Berlin, das Kriegsgefangenengefängnis Spandau in der man auch einem charismatischen Albert Speer, der helfen soll, einen alten Code zu entschlüsseln.

Diese Rückblicke in die Vergangenheit sind neben den Beschreibungen des Gulags der Höhepunkt des Romans.

Fazit

Eine spannende Zeitreise in ein konsequent dunkles Russland. Die Hoffnung ist der Leuchtturm aller Figuren, die (über)leben wollen. Martin Cruz Smith – hat einen Nachfolger gefunden. Ben Creed.

Michael Sterzik