Buchtipp: "Früher war mehr Verbrechen - von Nina Batram und Katharina Kolvenbach.
Haben wir wirklich dazugelernt? Sind wir vernünftiger geworden? Nicht mehr ganz so kaltblütig, oder sagen morden wir zivilisierter?
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Buchtipp: "Früher war mehr Verbrechen - von Nina Batram und Katharina Kolvenbach.
Doch gerade diese Menschen können Hochbegabt sein, oder eine Inselbegabung haben, z.B. ein Fotografisches Gedächtnis, mathematisches Talent für Strukturen und Muster und vieles mehr. Doch das Asperger-Syndrom lässt diese Menschen, die „andersartig“ sind, zu Einzelgängern werden, je nachdem wie stark es ausgeprägt ist.
Ihre „soziale“ Wahrnehmung der Mitmenschen ist oft mehr wie anstrengend für sie, da sie die analogen Kommunikationsformen Blickkontakt, Gestik und Mimik nicht erkennen, einordnen und definieren können. Auch sprachlicher Humor, Wortspiele, Witze, Ironie und Sarkasmus – damit können sie nicht umgehen. Das wirkt auf andere Menschen befremdlich, ungeschickt und oftmals werden sie für „Freaks“ gehalten. Diese Vorurteile, oder das Nicht-Wissen der anderen – über das Syndrom, machen diesen sensiblen und intelligenten Menschen das Leben manchmal sehr schwer.
Im vorliegenden Kriminalroman von Tim Sullivan „Der Kriminalist“ ist die Hauptperson DS George Cross, ein Ermittler der Polizei mit einer Form des Asperger-Syndroms die Schlüsselgestalt und der eigentliche Bezugspunkt der Story.
DS George Cross kann mit sozialen Konventionen nichts anfangen, für seine Kollegen ist er oft schwierig im Umgang. Doch dank seiner Besessenheit für Logik, Muster und jedes noch so kleine Detail, ist seine Aufklärungsrate die beste der ganzen Einheit. Und so hegt er sofort Zweifel, als seine Kollegen nach einem Leichenfund in einem Bristoler Park zu dem Schluss kommen, dass der Tod des Mannes die Folge eines Streits unter Obdachlosen sein muss. Cross beginnt, in der Vergangenheit des Opfers zu graben, und merkt schnell, dass es Verbindungen zu einem alten Fall gibt. Einem Mord, der fünfzehn Jahre nicht aufgeklärt wurde. Und der Täter hat nicht vor, sich nach so vielen Jahren von diesem exzentrischen Kommissar das Handwerk legen zu lassen …(Verlagsinfo)
Der Titel „Der Kriminalist“ ist wenig attraktiv gewählt – der Original-Titel „The Dentist“ wäre angebrachter gewesen. Nichtsdestotrotz ist der Roman großartig geworden. Das liegt aber nicht einer spannenden Story, sondern ist dem Hauptdarsteller DS George Cross zu verdanken. Der Autor Tim Sullivan hat mit dieser Figur einen Ermittler konzipiert, der in der gegenwärtigen Spannungsliteratur mit seiner autistischen Inselbegabung eine „Insel“ ist. Aber eine sehr attraktive, tiefsinnige und vielfältige Figur darstellt.
Kommen wir aber erst zur Story, die ist ausgefeilt und komplexer, als man es vielleicht vermutet. Wendige Überraschungen und vieles, was sich im ersten Moment als vorhersehbar bezeichnen könnte – ist es dann letztlich doch nicht. Das Ensemble der Figuren ist ebenfalls interessant – egal ob es sich um eine weitere Hauptperson handelt, oder nur eine einfache Nebenfigur ist, alle zusammen bilden ein komplex gut eingestelltes Orchester, bei dem jeder seinen Part perfekt beherrscht. Die junge Polizistin, die hoch motiviert versucht vor George Cross zu glänzen und erstmal mit ihrem wunderlichen Chef klarkommen muss. Die Partnerin von George Cross, die immer wieder zwischen den Menschen und ihm als emotionale „Übersetzerin“ fungiert und Cross immer wieder erklären muss, was die Menschen mit denen er zu tun hat, durch Gestik, Mimik oder Wortwahl eigentlich aussagen wollen. Dann gibt es noch den Vater von George Cross – eine sympathische Nebenfigur, die eine „Heimat“ für seinen Sohn darstellt.
Der eingesetzte Humor ist erstklassig und resultiert natürlich durch George Cross selbst, der halt für Smalltalk, soziale Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen wenig übrig hat. Er „lernt“ zwar dazu, aber trotzdem produziert er größere und kleinere Fettnäpfchen in dieser er wie ein Dinosaurier im Porzellanladen selbstverständlich reintritt. Das wirkt sensibel, trägt einen gewissen Humor bei und ist der „Fokus“ der Handlung.
Die Dialoge sind rhetorisch toll in Szene gesetzt. Egal, mit wem auch immer George Cross spricht, wird es spannend und bietet eine Unterhaltung auf hohem Niveau. Sein Talent „, Muster“ zu erkennen und definieren machen aus dem Polizisten George Cross eine Verhörspezialisten, den man als Gesprächspartner selbst überhaupt nicht durchschauen kann. Seine Nachteile – zeigen sich also als Vorteile in dieser Art von Ermittlungen.
Tim Sullivan zeigt George Cross aber nicht nur als wunderlichen, intelligenten Ermittler, sondern auch als einen „Menschen“ der versucht Brücken zu seiner Persönlichkeit zu entwickeln. Diese Hilflosigkeit ist so wunderbar beschrieben, so sympathisch gezeichnet.
Damit ist „Der Kriminallist“ kein Ermittler von der Stange, sondern schon etwas Besonderes. Die Reihe wird fortgesetzt, so hoffe ich doch. Tim Sullivan weiß als erfolgreicher Drehbuchautor, wie man die Menschen unterhält.
Für mich ist „Der Kriminalist“ einer der Romane in diesem Jahr, der mich positiv überrascht hat. Auch wenn die Story abwechslungsreich und wirklich gut und spannend ist, so hätte diese noch besser sein können. Aber wir warten mal die weitere Entwicklung ab.,
Fazit
Ein wunderlicher, hilfloser Ermittler, der eine intelligente und humorvolle Unterhaltung bietet. Eine innovative Insel im Genre „Kriminalliteratur“ – die großartig ist.
Michael Sterzik
Es gab schon damals Widerstand in der Bevölkerung, sie sahen schon das schreckliche Antlitz eines neuen Krieges vor Augen, doch sie spielten fast alle mit, sie verrieten sich, ihre Mitmenschen, ihre Moral und Gerechtigkeit und Gesetzte wurden vielmehr zu Richtlinien, die nicht mehr die Kraft hatten, sich aufzulehnen.
Das vorliegende Buch von Christian v. Ditfurth „Tanz mit dem Tod“ spiegelt, die atmosphärische Angst der Menschen, aber nicht der Angst, sondern auch das verbrecherische Denken und Handeln.
Berlin-Wedding, November 1932: Sieben SA-Männer stürmen eine Kneipe und erschießen Kurt Esser, Redakteur des KPD-Blatts »Rote Fahne«. Dem jungen Kriminalpolizisten Karl Raben gelingt es, den Anführer der Mörder, Gustav Fehrkamp, zu stellen. Doch kaum ist Hitler 1933 an der Macht, kommt Fehrkamp auf freien Fuß. Raben hat fortan nur noch einen Gedanken: Gerechtigkeit. Für sein Vorhaben geht er einen Pakt mit dem Teufel ein und arbeitet für die gerade gegründete Geheime Staatspolizei. Damit ist sein Leben in der Hand von Gestapo-Chef Reinhard Heydrich. Genauso wie das seiner Frau Lena, die jüdischer Herkunft ist. Wie kann ein Polizist für Gerechtigkeit sorgen, wenn das Unrecht die Macht ergreift?»Tanz mit dem Tod« ist der fulminante Auftakt einer historischen Krimireihe in Berlin. In den folgenden Bänden jagt Karl Raben Essers Mörder in den Zeiten des Aufstiegs und des Untergangs des Nationalsozialismus und löst den letzten Fall in der gerade gegründeten Bundesrepublik.(Verlagsinfo)
In der Geschichte begegnen wir einen Zeitgeist mit vielen Facetten und Christian v. Ditfurth öffnet die Büchse der Pandora und konfrontiert uns mit der Überlegung: „Wie hätten wir gehandelt“ – wären wir angepasste Mitläufer gewesen, oder Widerständler, denen jeden Tag bewusst ist, dass sie in Lebensgefahr sind?
Der Hauptcharakter Karl Raben vermischt sich in beidem. Sein Gerechtigkeitssinn lässt es zu, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Um den Roman geschichtlich zu intensiv wie möglich zu erzählen, begegnen wir den Schlüsselgestalten des Nazi-Regimes, Heydrich, Himmler, Röhm, Göbbels – die zusammen und gegeneinander um die Gunst des „Führers“ kämpfen, und natürlich auch eine Machtposition einzunehmen. Es ist erschreckend zu lesen, wie sehr diese Figuren die Menschen um sich manipulieren, verängstigen und wie Schachfiguren auf einem politischen Schachspiel ausnutzen. Kraftvoll, sensibel und verzweifelt kämpfend zeigen sich Karl Raben und seine Frau Lena, die sich mal anpassen, müssen, um nicht in den Mühlen des Regimes zerfetzt zu werden.
Christian v. Ditfurth zeichnet ein trauriges, aber reelles Bild dieser Zeit. Man braucht etwas an Zeit, um sich mit dem erzählerischen Stil des Autors zu akklimatisieren. Und auch wenn eine gewisse Hoffnungslosigkeit in jedem Kapitel zu finden ist – berühren einen die Dialoge der beiden Eheleute Karl und Lena – die auch nicht ohne Humor sind. Gerade der Part von Lena, ist aufmüpfig, frech und frisch und sehr, sehr selbstbewusst – doch auch sie kommt an ihre Grenzen.
Das „Richtige“ tun in einer Diktatur? Sich dem „Bösen“ bedienen, um eine andere „Bösartigkeit“ zu eliminieren? Heiligt der Zweck diese Mittel – der Roman gibt keine Antworten darauf. Alles in allem ist einer der Hauptdarsteller die „Dramatik“.
Die Ideologie der Nazis, die aus dem Quadrat Heydrich, Himmler, Goebbels und Röhm spricht, lässt einen schaudern. Allein dieser machtvolle Personenkult, der diese umgibt – und keiner sieht hinter den Kulissen und erkennt die Gefahr!? Erschreckend.
Das Buch besitzt durchaus Längen, da konnte der historische Kern des Autors, den Unterhaltungskünstler einfach mal ausstechen. Insgesamt aber animiert das Ende und des Romans den Leser sehr, auch zum zweiten Band zu greifen, wenn dieser veröffentlicht wird. Christian v. Ditfurth verleiht seinen Figuren eine so inhaltliche und charakterliche Tiefe, dass es ein Vergnügen ist, mit diesen zu leiden und zu leben.
Fazit
Der Pakt und der politische Tanz mit vielen Teufeln – ein spannendes Buch mit einem nachhaltigen, erzählerischen Echo.
Michael Sterzik
Die Erzfeindschaft zwischen England und Frankreich wurde munter auch zur Zeit des kleinen Korsen Napoleon weitergeführt. In Europa besiegte der französische Kaiser und Diktator nach und nach fast alle Gegner und zwang ihnen seinen Willen auf. Doch wenn uns die Geschichte eines zeigt – so ist es, dass alle Tyrannen fallen, und das sehr schmerzhaft. Aber so weit sind wir im Jahre 1803 noch nicht.
Der gerade geschlossene Frieden zwischen England und Frankreich ist nicht wirklich stabil. Zähnefletschend beobachteten sich die beiden Staaten und diese Spannungen führten und das war jedem klar, zu einem weiteren Krieg.
Napoleon Bonaparte plante also eine Invasion, um England letztlich in die Knie zu zwingen. Logistisch, militärisch durchaus eine Herausforderung. An der Kanalküste wurden 150.000 Soldaten zusammengezogen. Transportschiffe sollen Menschen, Waffen und Material über den Kanal bringen – doch England war als Seemacht immer noch äußerst stark und letztlich besiegten sie Frankreich und seinen spanischen Verbündeten in einer Seeschlacht. Eine Invasion wurde also abgesagt.
Man kann sich also gut vorstellen, dass auf beiden Seiten des Kanals die Spione und Agenten beider Länder gut ausgelastet sein dürften. J.H. Gelernter beschreibt in seinem Debütroman „Jagd nach Vergeltung“ diese unruhige Zeit.
England, 1803. Thomas Grey, Kapitän der britischen Marine und Spion im Dienste seiner Majestät, hat sich nach einem schweren Schicksalsschlag zurückgezogen und möchte nach Amerika auswandern. Der kürzlich mit den Franzosen geschlossene Frieden verspricht eine gefahrlose Überfahrt. Plötzlich kommt es jedoch zu einem Feuergefecht mit einem französischen Schiff. Grey überlebt und landet in Portugal, wo er auf einen Anwerber des französischen Geheimdienstes trifft. Dieser bietet dem Spion eine hohe Summe, damit er die Seiten wechselt. Grey willigt ein und gibt sich als Überläufer aus – nicht, um sein Land zu verraten, sondern um die einmalige Gelegenheit wahrzunehmen, sich an seinem schlimmsten Feind zu rächen, der ihm alles nahm …(Verlagsinfo)
„Jagd nach Vergeltung“ ist (k)ein klassischer Seekriegsroman, viel mehr ein actionreicher Spionageroman mit typischen Szenen und Situationen, die auch James Bond 200 Jahre später erlebt hat. Ein Kartenspiel, bei dem Thomas Grey – unsere Hauptperson, mathematisch gekonnt die richtigen Schlüsse und Karten zieht. Ein Duell unter Gentleman, die Infiltration einer französischen, kultivierten Familie usw. Es wird nicht besonders leise, entspannt und langweilig um Thomas Grey – der als Spion hier gleich mehrere Register seines Könnens zieht.
Seine Motivation ist die gute, alte Rache, die man ihn aber nicht unbedingt abnimmt. Er ist kein Soziopath, aber auch nicht meilenweit davon entfernt – selbstbewusst und kaltschnäuzig – verletzlich – aber irgendwie auch körperlich und seelisch kugelsicher. Es gibt zwar keinen Q – aber einfallsreich ist Thomas Grey selbst auch.
Ein kurzweiliger und schneller Titel, dessen Handlung manchmal stark überzogen wirkt. Besonders gut sind die geschichtlichen, kulturellen und militärischen Gegenstände, Prozess usw. eingestreut. Auch dass der Autor einen feinen Humor haben muss, merkt man – allerdings vermisse ich eine starke Dramaturgie. Die Dialoge sind schnell erzählt und bilden mitnichten einen Schwerpunkt.
Der Charakter von Thomas Grey ist der größte Kritikpunkt. Er sieht zwar kein „Rot“ und katapultiert sich unausweichliche Eskalationen, aber ein Mann mit so einer Vita – traue ich nicht unbedingt die Motivation für eine Jagd nach Rache und Vergeltung zu.
Leichen pflastern den Weg nach Vergeltung. Meistens kommt es zu spektakulären Schießereien und manchmal kommt auch der Degen (nicht das Schwert) zum Einsatz. Es scheint Thomas Grey auch völlig egal zu sein, wenn er tötet – und auch das führt nicht unbedingt dazu, den Thomas-Grey-Fanclub um Aufnahme zu bitten.
Auf die Erwartungshaltung kommt es an! Erwartet man einen Spion mit der Lizenz zum Töten – dann viel Spaß mit einem satten Action-Rodeo. Rechnet man mit einer intelligenten Story, so wird man enttäuscht sein.
Alles in allem ein kurzweiliger und schneller Roman, nicht unbedingt spannend, denn man ahnt das Ende schon am Anfang, dafür aber sehr unterhaltsam.
Fazit
J.H.Gelernter muss noch ein bisschen lernen einen historischen Roman zu schreiben. Hier steht die Action im Vordergrund – vielleicht wird aus Thomas Grey noch der Spion, den man liebt – aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Seichte und gute Unterhaltung – nicht mehr – nicht weniger.
Michael Sterzik
Die Robin Hood Legende beförderte König Richard Löwenherz
in ein idealisiertes, romantisierendes Abziehbild eines Bilderbuchritters. Sein
verräterischer Bruder John, auch genannt „Ohneland“ wurde absolut negativ und
als tyrannischer, machtbesessener und „böser“ Mensch und späterer
Nachfolgekönig charakterisiert. Diesen verhängnisvollen „Stempel“ werden die
Figuren auch nicht mehr los – zu viel davon wurde medial verarbeitet. Doch wie
werden diese beiden Figuren von der aktuellen, gegenwärtigen Forschung
interpretiert? Fassen wir uns kurz – Richard Löwenherz, war ein exzentrischer,
machtbesessener und wenn man seine Regierung bewertet – ein schlechter König.
Ein guter, legendärer, mutiger Kämpfer – ohne Zweifel – aber weit davon
entfernt als ein stilisierter, ehrenvoller Ritter und König zu sein. König
Johann Ohneland war allen Anschein nach, kein wirklicher Sonnenschein. Er hatte
zwar viel Regierungserfahrung und kannte sich im Umfeld des Adels gut aus –
aber auf seiner Art war er ebenso exzentrisch. Seine Fehlurteile führten dazu
die Normandie zu verlieren, einen Bürgerkrieg zu entfachen, einen Verwandten
getötet zu haben usw. Viele uneheliche Kinder, ein Weiberheld, und mit Geld
konnte er nicht unbedingt gut umgehen (wie viele seine Vorgänger und Nachfolger
ebenfalls nicht).
Das königliche Haus „Plantagenets“ wurde von einem
besonderen Mann unterstützt -. Dem Königsmacher, vielleicht dem größten Ritter
seiner Zeit: „William Marshal – 1.Earl of Pembroke. Seine Treue, sein
Verständnis für Ehre, aber auch sein kämpferischer Mut und Talent mit dem
Schwert und der Lanze machten ihm zum größten Ritter seiner Zeit, ohne
übertreibend zu klingen. Seine Geschichte ist fast untergegangen, aber nur
fast.
Tom Melley hat die beiden Figuren „König Johann ohne Land“
und „William Marshal“ eine literarische Bühne gegeben. In seinem neuesten
historischen Roman: „Der Dunkle Erbe“ erzählt der erfolgreiche Autor von
geschichtlichen Momentaufnahmen dieser beiden Legenden.
Normandie 1199. Nach dem Tod von Richard Löwenherz verhilft
der einflussreiche William Marshal, der berühmteste Ritter aller Zeiten, dessen
Bruder John zum englischen Thron.
Doch seine Hoffnung auf Frieden wird jäh enttäuscht, kaum an der Macht, stürzt
der neue Herrscher das Land in einen Krieg gegen das mächtige Frankreich.
Vom unberechenbaren John wird Marshals Treue auf harte Proben gestellt, dennoch
kämpft er für ihn, um einen Zusammenbruch des Reiches zu verhindern.
Bis der König eine verhängnisvolle Untat begeht, die nicht nur Marshals
Schicksal entscheidend verändert …(Verlagsinfo)
„Der Dunkle Erbe“ ist als historischer Roman auch ein
Polit-Thriller. Es ist kein Action-Kracher, kein Mantel-und-Schwert-Roman –
sondern eine hervorragende Analyse zweier Menschen ihrer Zeit. Ein König und
sein Ritter – beide Streben nach Macht und Einfluss in ihren individuellen
Räumen und eigenen Gedankenpalästen.
Ihre Beziehung – ein Mit- und Gegeneinander ist der Fokus
der Story. William Marschal ist ein Mann von Ehre – aber konzentriert sich auch
darauf, seiner Familie und sich selbst so politisch und wirtschaftlich
aufzustellen, dass er dabei äußerst gut wegkommt. Risiken geht er wohl ein –
aber als ein kluger Stratege und Taktiker hat er immer einen Plan B im Köcher.
Berechnend agiert er diplomatisch im Kreise des Adels – sein Netzwerk ist nicht
unbedingt groß, aber er weiß, wem er sich anbietet, von wem er sich fürchten
sollte und wer erst einmal zu beobachten ist.
König John (Johann ohne Land) wird beschrieben, wie er laut
der aktuellen Quelllage wirklich gewesen sein müsste. Aufbrausend, verletzlich,
unsicher in seinem Handeln – vielleicht war er auch immer ein Muttersöhnchen.
Zeit seines Lebens stand er tief im Schatten seiner Brüder. Seine Bündnisse und
Freundschaften brachten ihm nicht viel ein – außer noch mehr Ärger und
Komplikationen, denen er ggf. auch lieber, trunken vom Wein tänzelnd auswich.
Der Roman lebt von vielen Dialogen, von politischen und
militärischen Entscheidungen, aber auch von der Beschreibung einzelner Kämpfe
auf dem Schlachtfeld. Sehr gelungen ist auch die erzählerische Perspektive von
König Philip von Frankreich. Diese epochale Erzfeindschaft – der Kampf um die
Normandie, ist der Mittelpunkt des Romans. Auf diese Art und Weise ist der
Roman auch spannend – es ist ein Duell verschiedener Motive und Motivationen.
Tom Melley gibt auch keine eigene Wertung ab – es waren Figuren ihrer Zeit,
deren Handlungen wir weder politisch, kulturell, religiös, militärisch und
letztlich auch menschlich mit unserem Wissen nicht unbedingt nachvollziehen
können.
Mit den Vorgängerromanen ist „Der Dunkle Erbe“ keinesfalls
zu vergleichen. Weniger kämpferisch – dafür mehr politisch durchdrungen – doch
der Unterhaltungswert ist sehr, sehr hoch. Hervorzuheben ist die konsequente Verarbeitung
von Fakten – und sich nicht an Legenden und vielen „Vielleicht“ zu orientieren.
Atmosphärisch sehr gut aufgebaut und feinem Humor gibt es
auch zwischendurch. Viele Figuren sind geschichtlich authentisch – viele
Schicksale schlüssig und in sich logisch interpretiert erzählt. Wer hier ggf.
eine klassische Liebelei erwartet – dürfte enttäuscht werden. Die Liebe zeigt
sich in unterschiedlichen Facetten – aber sie ist da. Die Liebe zu dem Land –
für Freunde – für eine Ehefrau usw.
Persönlich finde ich es schade – dass das Leben dieser
Hauptfiguren zu einem Zeitpunkt erzählt wird – bei der beide schon in der
Vergangenheit Angst und Schrecken und weiteren Unfug betrieben haben. Stoff für
weitere Romane – sollte also mehr wie genug vorhanden sein. Für John ist der
Zeitpunkt des Romans – der Anfang vom Ende. Aus der Perspektive von William
Marshal auch – aber als ehemaliger und erfolgreicher Turnierritter – ist er das
Gewinnen ja sowieso gewohnt.
Fazit
Politischer Thriller mit viel Menschlichkeit. Spannende
Unterhaltung von Menschen, deren Handlungen wir nicht unbedingt verstehen, aber
die viel, viel Unterhaltung bieten. Absolut zu empfehlen.
Michael Sterzik
Die bisher 9-teilige Buchreihe ist derartig komplex, dass
viele Hintergrundinformationen und Figuren nicht die Möglichkeit hatten, ein
Blick zurück in ihre Vergangenheit werfen zu können. Viele Handlungsfelder sind
zwar konzentriert erklärt – doch am Ende blieben dann doch noch viele Fragen
offen. Das vorliegende Buch: „Das Protomolekül“ versucht diese erzählerischen
und chronologischen Lücken etwas aufzuarbeiten. Die acht Kurzgeschichten
bringen bekannte Figuren wieder ins Expanse-Universum zurück mit einem
interessanten und kurzweiligen Blick hinter ihre persönlichen Kulissen.
Unser Sonnensystem, die nahe Zukunft: Ein linientreuer
Offizier der UN-Weltraumflotte muss zusehen, wie aus einem Kampfeinsatz ein
Massaker wird – und er zum Mitschuldigen. Auf dem Mars hat ein Ingenieur eine
geniale Idee und testet einen völlig neuen Raumfahrtantrieb – mit ungeahnten
Folgen. Und auf einem Planeten jenseits des Sonnensystems versucht ein
Gouverneur, Recht und Ordnung herzustellen – und muss erkennen, dass die
Zivilisation, die zu bringen er gekommen ist, auf dieser Welt bereits
existiert, nur in anderer Form. (Verlagsinfo)
Nicht alle dieser kurzen Novellen sind qualitativ so
spannend wie die Buchreihe selbst, doch spannend und vor allem informativ sind
sie allemal. Ob es nun um die Gürtler geht, um die politischen und
militärischen Spannungen mit der Mars-Kolonie, oder dem Epstein-Antrieb und
nicht zuletzt den Ereignissen auf der Anderson-Station – das Massaker, das Fred
Johnson zu verantworten hat – manch kleiner Kreis schließt sich somit.
„The Expanse“ ist zu
einem Meilenstein in diesem Genre geworden. Ein Klassiker – der ohne fantastische
Aliens daherkommt, ohne mit unrealistischen technischen Möglichkeiten und
Entwicklungen zu spinnen. Diese erzählerische Klasse überzeugt gerade, weil sie
sich realistisch anfühlt. Vielleicht ist „The Expanse“- die Buchreihe und die
filmische Umsetzung ein Geheimtipp – in jedem Fall lohnt es sich, sich damit zu
befassen, auch für Leser und Filmliebhaber, die mit dem Genre Science Fiction
nicht vertraut sind.
Fazit
Für jeden Fan dieser Reihe ist das Buch ein Titel, den er
lesen sollte. Er komplimentiert diese Reihe um so mehr.
Michael Sterzik
Die Nachkriegszeit war für die Russland auch eine Zeit der
„Säuberung“. Politische innere Feinde, Randgruppen, Intellektuelle und Künstler
– es gab keine Grauzone. Entweder war man für den Personenkult „Stalins“, oder
nicht? Letzteres bedeutete den Tod, oder die fürchterlichen Straflager im
Gulag, wobei dieser schlimmer sind als ein schneller Tod. Diese Straf- und
Arbeitslager bedeutete volkswirtschaftlich zu viel für Russland. Förderung von
Bodenschätzen und Metallen, die Häftlinge bauten, Verkehrswege und Kraftwerke
und vieles mehr. In diesen starben ca. 2,7 Millionen Häftlinge
unterschiedlicher Nationen, natürlich waren auch Kriegsgefangene darunter, oder
ethnische Minderheiten.
Das Autorenduo „Ben Creed“ verarbeitet das Leben und
Sterben in einem dieser Lager im vorliegenden, zweiten Roman der
Leningrad-Reihe: „Das dunkle Lied der Toten“.
Der erste Band: „Der kalte Glanz der Newa“ war ein
Überraschungserfolg und erinnerte stellenweise sehr an den Klassiker „Gorki
Park“ von Martin Cruz Smith.
Die Hauptfigur Leutnant Revol Rossel überzeugte durch eine
hohe Beobachtungsgabe und einem gewissen leidenschaftlichen und später
verhängnisvollen Ehrgeiz.
Winter 1953: In der weißen Hölle eines sibirischen Gulags
ist der ehemalige Leutnant Revol Rossel dem Tod näher als dem Leben, als er
überraschend gerettet wird – ausgerechnet von dem Mann, den er mehr als jeden
anderen hasst: Major Nikitin. Seinetwegen wird der virtuose Geiger Revol nie
wieder eine Violine halten können.
Zusammen mit der Fliegerin Tanja Vasilievna sollen Revol
und der Major in Leningrad einen Killer stoppen, der den Leuten wie ein
rachsüchtiger Geist aus einem slawischen Märchen erscheint. Er schneidet seinen
Opfern die Zunge heraus und ersetzt sie durch eine Papierrolle mit
italienischen Versen.
Der Fall ist allerdings mit einem weitaus tödlicheren
Rätsel verknüpft, das die Verschwörer in Stalins Kreml um jeden Preis lösen
wollen: Im fernen Berlin führt eine verschlüsselte Nachricht zu jenem brillanten
Nazi-Physiker, der den Bauplan für die Wasserstoffbombe kennt …(Verlagsinfo)
Russlands Tragödie ist die stille Traurigkeit, die
verzweifelte Hingabe an die politische Ideologie und Führung der Staatenlenker.
Die Partei, dass kommunistische Leitbild – kommt zuerst, dann der Glaube, dann
ggf. die Familie. Russland bedeutet auch eine Melancholie ohne Exit, eine
Akzeptanz, die ggf. aus einer Gewohnheit und einem Grundstein der Angst
herführt. Das Autorenduo fängt atmosphärisch genau diese Stimmung ein, das Buch
ist förmlich durchtränkt von einer selbstauferlegten Traurigkeit und
Verzweiflung.
Besonders gut erzählt ist der Part im Arbeitslager, in der
sich der gefallene, ehemalige Leutnant Revol wiederfindet. Das Reich des Gulags
eröffnet sich dem Leser mit einem brutal erzählten Realismus. Mithäftlinge, die
getötet werden, um deren Leben bei einem Kartenspiel unter herrschenden Dieben
gespielt wird. Enthaltsamkeit was Nahrung, medizinische Versorgung und Kleidung
angeht. Hygiene – dafür ist mal selbst verantwortlich und sich selbst nicht zu
schade, einen toten Freund und Mithäftling wenige Minuten später auszurauben
und zu entkleiden. Alles ist kostbar – alles an Kleidung, Güter usw. Jedes
falsche Wort, eine Geste, ein Blick könnte das Ende bedeuten. Vielleicht ist
der Tod am Grenzzaun doch gleichbedeutend mit der Erlösung?!
Die Schilderung der Serienmorde und die Ermittlungen dazu
sind ebenfalls gut, aber manchmal ziehen sich diese auch unerwartet in die
Länge. Die natürliche und logische Konsequenz, dass die Politik hier involviert
ist, liegt auf der Hand und ist keine Überraschung. Die Hoffnung, dass
(Über)Leben im Lager hinter sich gelassen zu haben, ist der Motor für Leutnant
Revol, ganz egal, dass er Hand in Hand mit Major Nikitin ermitteln soll – der
Mann, der ihn gefoltert hat. Diese verschwörerische und verschworene
Schicksalsgemeinschaft ist packend erzählt und man fragt sich immer wieder, wer
wird das Duell am Ende dieser geplanten Trilogie noch leben ?!
Die politische Stimmung, die Kultur von Russland um 1953
ist fantastisch intensiv erzählt. Schauplatz ist aber nicht nur das „fremde“
Russland, sondern auch noch ein ungeteiltes Berlin, das
Kriegsgefangenengefängnis Spandau in der man auch einem charismatischen Albert
Speer, der helfen soll, einen alten Code zu entschlüsseln.
Diese Rückblicke in die Vergangenheit sind neben den
Beschreibungen des Gulags der Höhepunkt des Romans.
Fazit
Eine spannende Zeitreise in ein konsequent dunkles
Russland. Die Hoffnung ist der Leuchtturm aller Figuren, die (über)leben
wollen. Martin Cruz Smith – hat einen Nachfolger gefunden. Ben Creed.
Michael Sterzik