Donnerstag, 3. März 2022

Der Mann aus dem Schatten - David Lagercrantz


Seit der Verfilmung des Titels „Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris sind Psychologen, Forensiker und Profiler ein fester Bestandteil von Thrillern. Der kultivierte Psychologe Dr. Hannibal Lecter ist eine Musterfigur, des wahnsinnigen, brillanten Denkers und Analytikers, der mit dem FBI zusammenarbeitet, um einen Serienmörder auszuschalten.

Dass Fiktion und Wahrheit mehr, oder weniger eng verbunden ist, liegt auf der Hand. Im vorliegenden Roman bedient sich der schwedische Autor David Lagercrantz einer ähnlichen Figur – des Spezialisten für Verhörtechniken Hans Rekke. Interessant dabei ist, dass dieser von einer jungen, unerfahrenen Streifenpolizisten unterstützt wird. Also eine ähnliche Darstellung der Figuren, wie bei dem Werk von Thomas Harris. Das war es dann auch schon an Gemeinsamkeiten.

Stockholm 2003: Ein Schiedsrichter der Fußballjugend wird erschlagen aufgefunden. Der Verdacht fällt sofort auf einen überengagierten Vater, doch es fehlen Beweise. Der neue Polizeichef holt daraufhin zwei Außenseiter ins Team: die junge Streifenpolizistin Micaela Vargas, die aus demselben Problemviertel wie der Verdächtige stammt, und den renommierten Psychologen Hans Rekke, ein brillanter Beobachter und Spezialist für Verhörtechniken. Rekke folgt bald einer ganz anderen Spur und gibt nicht nur Vargas Rätsel auf. Doch nur wenn beide an einem Strang ziehen, haben sie eine Chance gegen übermächtige Gegner. Denn dieser Fall ist weit größer als anfangs angenommen. (Verlagsinfo)

„Der Mann aus dem Schatten“ beginnt mit einer erzählerischen Wucht, die überrascht. Die weitere Handlung verspricht aber keine spannende Unterhaltung. Die einzelnen Abschnitte plätschern fast schon inhaltslos vor sich hin. Viele Worte – aber wirklich auf den Punkt gebrachte, spannende Informationen gibt es nicht.

Überhaupt wirkt die Story an den Haaren herbeigezogen, denn es wird sehr politisch und natürlich sind Geheimdienste involviert. Die Unterdrückung von Informationen, die dem Image des Staates und der Behörden schaden, steht im Vordergrund. Der erzählerische Bogen wird hier überspannt: Der Schlüssel zu dem Opfer liegt in seiner Vergangenheit, in der Musik und in Afghanistan usw. Ja klar, das könnte authentisch, realistisch sein – allerdings wird hier zu viel Verwirrung gestiftet und die ganze Story mehr als unnötig aufgeblasen. Man vermisst eine dramatische Note und eine gewisse angespannte Theatralik

Dass der vorliegende Roman langweilt, liegt auch daran, dass David Lagercrantz es nicht geschafft hat, seine beste Figur des Psychologen Hans Rekke in den Vordergrund zu stellen. Sein Auftakt war brillant erzählt, das war großartig, aber diese kurze Momentaufnahme war schon das eigentliche Highlight der gesamten Geschichte. Danach verschwinden die Figuren mit ihrer Story förmlich ungesehen.

Die einzigen Lichtreflexe in dieser dunklen gelassenen Story, sind die Auftritte von Hans Rekke. Brillanter Kopf – und tendiert immer etwas zwischen Genie und Wahnsinn. Diese Figur birgt so viel unerschöpfliches Potenzial und leider wurden diese Chancen nicht ausgeschöpft. Und die zweite Figur Micalea Vargas ist eine nette Nebendarstellerin, aber weit davon entfernt sich als eine Hauptfigur zu positionieren.

Trotzdem wird es interessant sein, welche Richtung die Story im zweiten Band nehmen wird. Innerhalb des Storytellings muss mehr passieren. Diese endlosen Diskussionen und nichtssagenden Dialoge waren nicht unterhaltsam, nicht informativ und absolut nicht spannend. Neugierig auf den zweiten Band bin ich – aber es muss eine Steigerung erkennbar sein.

Fazit

Erschreckend langweilig. Die Story wirkt leer und die Charaktere spielen ihr Potenzial nicht aus. Schade.

Michael Sterzik

Donnerstag, 24. Februar 2022

Nebelopfer - Romy Fölck


Der vorliegende Roman „Nebelopfer“ von Romy Fölck, ist der fünfte Band der erfolgreichen Elbmarsch-Reihe, bzw. die Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn Reihe.
Romy Fölck hat als Autorin einen gewissen geografischen Heimvorteil. Die fruchtbare Elbmarsch lebt von der Landwirtschaft und der Viehhaltung. Aber nicht nur die Viehzucht ist hier von einer großen Bedeutung. Seit über 200 Jahre bringt eine blühende Pferdezucht immer wieder erfolgreiche Hannoveraner hervor, also für den Reitsport eine wichtige Adresse. Romy Fölck lässt die Elbmarschen aufleben, die raue Landschaft, die Felder, die Obstplantagen, die kleinen Dörfer und verträumten Höfe. Eine Landschaft, die, auch wenn sie manchmal nicht einladend wirkt, doch einen vielseitigen und tiefen Charakter haben. Die Menschen sind wie das Land selbst, freundlich, bisweilen stur und temperamentvoll, sie haben gelernt, mit der Natur im Einklang zu leben. Ein sprichwörtliches, selbstverständlichen Geben und Nehmen.
Diese Reihe von Romy Fölck überzeugt durch eine vielseitige, absolut authentische Figurenzeichnung. Keine verzweifelten, narzisstischen, einsame Antihelden mit gebrochenen Herzen, die sich eigentlich auf der Couch eines Seelenschraubers wiederfinden sollten. Die beiden Hauptcharaktere bilden fast schon eine stabile Symbiose, eine berufliche und private „Mauer“, zwischen dem kein Blatt passt. Flankiert werden diese von Frida Paulsens Familie, die alle „Herzlich willkommen“ heißen und deren Herzen so weit sind, wie die Elbmarschen selbst.
In den vorherigen vier Bänden spielte das Privatleben, die persönlichen Prüfungen der Figuren eine tragende Rolle. Sie formten die Figuren und schlichen sich damit schnell und nachhaltig in die Köpfe und Herzen der Leser. Diese familiäre „Bande“ als Vereinigung und Gefühl ist nicht nur sinnvoll, sondern auch sinnig erzählt.
Vorab sei schon jetzt zu sagen, dass der fünfte Band mit einer der stärksten dieser Reihe ist und auch als Autorin hat sich das sympathische Nordlicht Romy Fölck autodidaktisch gleich selbst einen Meilenstein gesetzt.
An einem nebligen Februarmorgen wird zwischen den Dörfern der Geest an einem uralten Galgenbaum eine Leiche gefunden. Am Hals des Toten baumelt ein Schild, das Kriminalkommissarin Frida Paulsen Rätsel aufgibt: Ich gestehe, im Prozess gegen Cord Johannsen falsch ausgesagt zu haben. Ihr Kollege Haverkorn erinnert sich sofort an den Fall. Vor vielen Jahren wurde der Bauer Johannsen für den kaltblütigen Mord an seiner Familie verurteilt, seither sitzt er im Gefängnis. Als kurz nach dem Leichenfund in der Geest ein weiterer Zeuge getötet wird, der im Prozess gegen Johannsen aussagte, ahnen die beiden Kommissare: Sie müssen den wahren Täter von damals finden, sonst wird es weitere Opfer geben …(Verlagsinfo)
Im Genre Krimi sind Cold Case Fälle hochaktuell, alte nicht abgeschlossene Fälle, die das LKA und BKA und ihre Kommissare archivieren. Aber auch die Ermittler haben dazu noch offene Fragen, keine Antworten, haben Zweifel am Tatgeschehen, oder schlimmstenfalls zweifeln sie selbst daran alles richtig zu haben.
Romy Fölck kombiniert im vorliegenden Roman, die nebulöse Vergangenheit mit der mörderischen Gegenwart und das funktioniert ungehindert fantastisch. Doch nicht nur die Story funkt mit einer Originalität, sondern auch die Ermittler bekommen durch eine charismatische, neue Figur. Diese ist nicht nur stark konzipiert, sondern hat auch starke Auftritte und auch Bjarne Haverkorn bekommt einen „Neuanfang“ und einen neuen Partner.
Am Ende gibt es neue Grenzen, unerforschtes Land und viele neue Möglichkeiten und Herausforderungen. Ein Scheideweg für die Figuren – und ich hoffe es geht weiter, denn so perfekt, spannend und tiefgründig, wie diese Charaktere in der Handlung agieren, habe ich es selten erlebt.
Der Unterhaltungswert bewegt sich auf höchstem Niveau, das nicht nur wegen der spannenden Atmosphäre, sondern weil einfach das Gesamtbild perfekt ist. Die wechselnden Erzählperspektiven und nicht zuletzt die Überraschungen und Wendungen machen „Nebelopfer“ zu einem der besten Krimis auf dem gegenwärtigen Buchmarkt.
Sehr vorteilhaft ist das Verhältnis von privaten Nebengeschichten und der eigentlichen Story. Ausgewogen und selbst die Nebengeschichten werden aller Voraussicht nach dem Ausgangspunkt für den nächsten Band bilden. Kommissar Zufall hat hier zum Glück keinen großen Auftritt – die Handlung ist authentisch und es gibt auch keine logischen Brüche, sondern nur menschliche Fehler und selbst diese sind verständlich.
Diese Reihe wird bestimmt das Interesse wecken, diese zu verfilmen. Leider, oder auch zum Glück würde ich das nicht empfehlen. Die Reihe besitzt eine erzählerische Seele, die vom Film nicht erfasst und „gelebt“ werden kann.
Es gibt nicht viel zu bemängeln, ggf. dass die Ermittler bei ihren Nachforschungen nicht alles bedacht hatten in der Vergangenheit und der Gegenwart, aber das mindert, oder verärgert überhaupt zu keinem Zeitpunkt das Vergnügen, das Buch zu lesen.
Fazit
Verdammt ist „Nebelopfer“ gut. Ein Buch, das einen die Nacht mit aller Macht durchlesen lässt. So muss ein Krimi sein.
Michael Sterzik

Sonntag, 20. Februar 2022

Das Reich der Macht - Tom Clancy und Marc Cameron


Der vorliegende Roman ist der 25 Band des Jack Ryan – Universums. Seit Jahrzehnten werden in dieser hervorragenden Reihe politische und militärische Themen und Bedrohungen beschrieben. Der amerikanische Autor Tom Clancy, der inzwischen verstorben ist, hatte ein prophetisches Talent – da erzählte, fiktive Situationen wie Terroranschläge usw. dieser Reihe später zur erschreckenden Realität wurden.

Sein schriftstellerisches Erbe teilen sich nun verschiedene Autoren, die aber die Reihe chronologisch weiterführen und darauf bedacht sind hinlänglich der Charakterentwicklung keinen Break herbeizuführen. Ein Klischee allerdings bleibt immer bestehen – die USA ist die Weltmacht und immer noch die Weltpolizei und die klassischen Feindbilder sind islamistische Terrorzellen, Russland und jetzt auch das kommunistische China.

Tom Clancy war bekannt und berüchtigt Szenarien zu erzählen, die auch beispiellos provokativ waren. Er traute sich schon etwas – allerdings immer im Spielraum einer vielleicht zu entstehenden Realität. Genau das fehlt dieser Reihe leider inzwischen, aber es hängt wohl auch damit zusammen, dass Tom Clancy ein politischer und militärischer Fachexperte gewesen ist, sein persönliches Netzwerk als Werkzeug war ihm sicherlich von Nutzen.

Der vorliegende Band beschäftigt sich nur rudimentär mit einem brisanten, kosmopolitischen Thema. China ist diesmal das „Feindbild“ – doch die wahren bösen Buben sind Kriminelle, die sich der Prostitution und des Menschenhandels schuldig gemacht haben.

In China ist eine neue Regierung an der Macht – zunächst scheint ihr globaler Einfluss schwach. Jack Ryan junior und John Clark können sich einen Vorsprung im Kampf gegen chinesische Triaden erkämpfen. Doch der Schein trügt: Schon bald gibt es zahlreiche militärische Bewegungen der Volksrepublik, die die USA in eine heikle Lage bringen. Präsident Jack Ryan senior muss schnell handeln, bevor der anstehende G-20-Gipfel zum Desaster wird.(Verlagsinfo)

Wie gewohnt finden sich die gleichen Protagonisten wieder, die man schon aus früheren Titeln dieser Reihe kennt. Dass diesmal allerdings Jack Ryan Senior endlich als Präsident der USA eine größere Rolle spielt, ist hervorragend. Damit ist der Unterhaltungswert gleich um ein Vielfaches höher. Spannend ist der Roman allemal, aber wieder einmal wird der „Anführer der freien Welt“ gerettet, es werden politische Intrigen und Verschwörungen aufgeklärt und ganz nebenbei, wird der verbrecherische Bodensatz von John Clark liquidiert. Der „alte“ Krieger radiert in einem persönlichen Kreuzzug „Gnadenlos“ einen Menschenhändlerring aus. Damit schließt sich ggf. seine Karriere, bzw. ein altes Trauma aus einem der ersten Bände.

Ja, es ist etwas irritierend, den der „Klappentext“ erzählt eine ganz andere Geschichte. Damit driftet der Roman „Das Reich der Macht“ etwas aus der Reihe. Viel Politik kommt leider nicht vor, dafür versteht der Leser dann etwas mehr, was die Aufgaben des Secret Service angeht, bekommt etwas an Waffenbezeichnungen mit und kann nun auch militärische Dienstränge besser zuordnen. Marc Cameron plaudert hier scheinbar munter aus seinem persönlichen Umfeld.

Und damit streichen wir auch den Begriff „Politik“ aus diesem Band und ersetzen diesen durch „Selbstjustiz im Wilden Westen“ in Kombination mit „Ein Mann sieht rot“.

Unterhaltsam in jedem Fall, aber ein typischer „Jack Ryan Roman“ ist der nicht. Zu wenig Raum, wenn man sich darauf eingestellt hat, politische und militärische Themen spannend erzählt zu bekommen. Es entsteht zwar eine spannende Atmosphäre – aber viel zu eindimensional.

Jack Ryan junior wandelt noch immer in den breiten Spuren eines James Bonds und stellt sich seine Lizenz zum Töten gerne selbst aus. Also alles beim Alten.

Souveräne Story – und nicht originelles, oder überraschendes. Schade.

Fazit

„Das Reich der Macht“ ist an Spannung begrenzt, aber noch immer unterhaltsam. Es ist zu empfehlen, dass sich Marc Cameron und ggf. weitere Co-Autoren darauf besinnen sollten, was Tom Clancy erzählen wollte.

Spannende Unterhaltung aus den „Grenzwelten“ der Politik, der Spionage, des Militärs und nicht pure Action, die zwar unterhält, aber nicht nachhaltig genug ist, sich abzugrenzen.

Michael Sterzik

Montag, 14. Februar 2022

Future - Die Zukunft gehört Dir - von Dan Frey


Was bringt uns die Zukunft? Was wird morgen sein, oder übermorgen, nächste Woche, oder in den nächsten Monaten!? Das sind alle Fragen, die wir uns eher mehr, wie weniger ständig fragen, oder! Die Antworten kennen wir nicht – zum Glück, oder würden wir versuchen, die Zukunft zu unseren Gunsten verändern zu wollen? Der Blick in die Zukunft aus technischer, philosophischer, oder moralischen Perspektive ist (noch) nicht möglich. Physikalische Gesetze – das Wissen um das Raum-Zeit-Gefüge, die Ansätze der Quantenmechanik – all das schränkt uns ein, die Landkarten der Zeit zu entdecken und zu bereisen  !?

Das unentdeckte Land – Die Zukunft ist sicherlich komplexer als wir es uns mit unserem Verständnis und unserer Intelligenz vorstellen können. Jede Handlung, oder auch das Verweigern, entwickelt Wellen, die wir weder aufhalten noch manipulieren können. Ist damit unser Schicksal schon festgeschrieben und wir haben nicht die Möglichkeit auszubrechen und gemäß einem freien Willen zu handeln? Nun betreten wir die Landkarte der Philosophie und würden uns durch Jahrhundertealte Diskussionen, ohne ein plausibles und zufriedenstellendes Ende bewegen.

Und technisch gesehen? Die Quantenmechanik steckt noch in den Kindergartenschuhen und unser Verständnis für dieses Thema gleich mit. Ist unser Geist reif, das Universum mit Raum und Zeit gänzlich zu verstehen!?

Der amerikanische Drehbuchautor Dan Frey vermengt wissenschaftliche,  technische und philosophische Ansatzpunkte in seinen neuesten Roman: „Future – Die Zukunft gehört Dir“.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen könnten, würden Sie es tun? Für Ben Boyce und Adhi Chaudry lautet die Antwort auf diese Frage eindeutig Ja. Sie gründen ein Start-up, um ihren Quantencomputer zu vermarkten, der auf das Internet, wie es in einem Jahr sein wird, zugreifen kann. Das ist super, wenn man wissen will, wen man daten wird, und lukrativ, wenn man sein Geld in Aktien anlegen will. Schnell finden sie Kunden, die große Summen in diese digitale Kristallkugel investieren. Ben und Adhi glauben sich auf dem Gipfel des Erfolges, doch dann bemerken sie, dass die Zukunft nicht ganz so rosig ist, wie es scheint. Etwas wird passieren, das das Internet – und möglicherweise die Menschheit selbst – vernichtet. Und nur Ben und Adhi sind in der Lage, die Katastrophe zu verhindern (Verlagsinfo)


Der Stil des Romans ist origineller und sicherlich schneller dargestellt, als wir es ggf. erwarten. Die Dialoge sind eine Aneinanderreihung von Email- und Textnachrichten, von Blogeinträgen, Kommentaren und Mitschnitten einer Kongressanhörung. Diese Art der Kommunikation entwickelt ein hohes Tempo und lässt keine Nebengeschichten zu. Der Roman ist auch nicht der klassischen Science-Fiction zuzuordnen. Vielmehr befasst sich die Story mit philosophischen Fragestellungen, die uns nachdenken lassen, aber schlussendlich wenig aussagefähig sind. Die Gefahr, dass wir die Zukunft beeinflussen wollen, aber es ggf. nicht können – ist für mich der Dreh- und Angelpunkt – und weckt die alles umfassende Frage: „Haben wir einen eigenen Willen? Und wenn nicht – welch größere Macht lenkt und steuert und beeinflusst uns? Hängen wir alle an den unsichtbaren Ketten eines, oder mehrere Universen und sind Marionetten in einem kosmischen Drama? 

Was ebenfalls vom Autor beschrieben wird, ist die Beziehung der beiden Hauptfiguren. Ist es eine Freundschaft, oder eine gewagte Koexistenz, die nur ein Mittel zum Zweck ist? Daraus wird man nicht ganz schlau. Vielleicht ist es und gehört es ggf. auch zur Strategie des Autors uns in heftigen: Was wäre wenn? – Spekulationen zu treiben!?  Neben der Freundschaft gibt es dann auch die treibende Kraft des Ruhms, des Geldes und des Profits – die natürlich auch Klippen darstellen, an der eine Freundschaft, oder was auch immer man es bezeichnen möchte – zerschellen kann.

„Future – Die Zukunft gehört Dir – ist mit Sicherheit auch ein provokanter Roman, der uns dazu animiert über den Rand unseres eigenen, persönlichen Universums zu blicken. Die Verantwortung trägt man also nicht nur für sich selbst – denn jede Entscheidung eröffnet eine Gleichung mit einer Schnittmenge von vielen unbekannten Faktoren, die die Grenzen unserer Mathematik und unser Wissen von Raum und Zeit auf die Probe stellen.

Unterhaltsam ist der vorliegende Roman allemal. Das Wort „Spannung“ verwende ich nicht, da es sich hier um keine klassische Story handelt.

Fazit

Ein Zukunftsroman, der uns mit einer gegenwärtigen Botschaft daran erinnert, darüber nachzudenken – dass wir die Vergangenheit nicht mehr verändern können, aber die Gegenwart zu beeinflussen, um die Zukunft zu gestalten.

Kein Roman für zwischendurch – dafür geht er, wenn man es denn zulässt, philosophisch zu tief.

Michael Sterzik

 

Samstag, 12. Februar 2022

Natrium Chlorid von Jussi Adler Olsen


Das Sonderdezernat Q mit Carl Mørck und Assad bewegt sich nun in seinen neunten, spannenden Kriminalfall. Die Reihe des dänischen Bestsellerautors Jussi Adler Olsen ist ein Spannungsgarant in dem Genre Krimi. Schon längst hat die erfolgreiche Reihe, die sich mit alten Cold Case Fällen beschäftigt, einen gewissen Kultstatus erarbeitet. Selbst die filmische Umsetzung ist bestens gelungen, was nicht selbstverständlich ist. Literatur und Film überzeugen absolut über ihre vielseitigen, und geheimnisvollen und manchmal schrulligen Protagonisten. Das nordische Ensemble ist mit den letzten Titeln gewachsen, und die Figuren reihen sich mühelos in Story und Beziehungsebenen ein.

Der Begriff „Natrium Chlorid“ steht schlicht und ergreifend für „Kochsalz“. In der Story begegnen den Ermittlern auch an vergangenen und gegenwärtigen Tatorten diese Substanzen und schnell wird es klar, dass hier eine gewisse Symbolik eine wegweisende Bedeutung spielt. Das „Salz“ in dieser Tatortsuppe führt das Team zu einem Serienmörder, der schon seit Jahrzehnten effektiv mordet.

An ihrem 60. Geburtstag begeht eine Frau Selbstmord. Ihr Tod führt zur Wiederaufnahme eines ungeklärten Falls aus dem Jahr 1988, der Marcus Jacobsen mit seinem besten Ermittler Carl Mørck zusammengeführt hat. Carl, Assad, Rose und Gordon ahnen nicht, dass der Fall das Sonderdezernat Q an die Grenzen bringt: Seit drei Jahrzehnten fallen Menschen einem gerissenen Killer zum Opfer, der tötet, ohne dass ihm ein Mord nachgewiesen werden kann. Er wählt Opfer und Todeszeitpunkt mit Bedacht und Präzision. Dreißig Jahre lang konnte niemand ihn stoppen. Und während die Corona-Maßnahmen die Ermittlungsarbeiten zusätzlich erschweren, bewegt der alte Fall sich auf Carl zu wie eine Giftschlange, die Witterung mit ihrer Beute aufgenommen hat …(Verlagsinfo)

Der Mörder präsentiert sich recht schnell in dem vorliegenden Band. Und seine Erzählperspektive ist im Vergleich zu den weiteren erzählenden Personen recht stark ausgeprägt. Die Handlung orientiert sich an einer gewissen Aktualität und damit ist „Corona“ auch hier in dieser Story angekommen. Und das auch nicht gerade wenig. Das Corona auch Polizeibeamten in ihren Dienst, ihn ihren Ermittlungen bremst, ist logisch, doch ich empfand diese Erklärungen und Anspielungen als zu präsent. Es nervte denn letztlich doch sehr und brachte inhaltlich die Story auch überhaupt nicht weiter.

Auch vergangene Situationen und Erlebnisse holen die Beamten des Sonderdezernats Q ein. Assad, der jetzt seine traumatisierte Familie in Dänemark hat, kämpft mit den Mühlsteinen der Bürokratie. Gegen Carl Mørck wird intern ermittelt. Damit sind die Nebengeschichten gesetzt und führen das Team am Ende an einen gewissen Scheideweg, der zwar nicht überrascht, von dem aber die Zukunft dieser Ermittlungseinheit und seinen Personen abhängen wird.

„Natrium Chlorid“ von Jussi Adler Olsen ist ein spannender Roman und vielleicht auch der einzige ohne wirkliches Tempolimit, denn die Ereignisse überschlagen sich.

Eine Tradition setzt sich souverän fort – die Running Gags von Assads „Versprechern“ lassen einen schmunzeln. Was leider etwas untergeht, ist die erzählerische Perspektive von Carl Mørck, auch seine Gedankenmodelle waren immer in den letzten Bänden dieser großartigen Reihe originell.

Originell verwendet Jussi Adler Olsen allerdings aktuelle medialen Themen. Ethik, Moral, Verantwortung, die Schnelllebigkeit und Brisanz von Einschaltquoten, Auflagen usw. Die Popularität hat Ihre Grenzen und tobt sich auch gerne an schwächeren Personen unserer demokratischen Gesellschaft aus. Hier entstehen irreparable Schäden, aber lesen sie am besten selbst.

Die Brücke zur Vergangenheit – zu dem ersten Band ist ausschlaggebend und nicht undramatisch. Aber die Quadratur des Kreises ist noch abgeschlossen und Carl Mørck wird im nächsten Band wohl seinen persönlichsten Cold Case-Fall erleben.

Assad, Rose und Gordon tendieren zwischen Neben- und Hauptfiguren, aber die beiden erstgenannten bekommen nicht ihre alte, bekannte Bühne zurück. Schade.

Fazit

Schnelle Story, dramatische Entwicklungen und ein Ende, dass einen zwingt, den nächsten Roman dieser hervorragenden Reihe lesen zu müssen. Es fehlt ein wenig die Ausgewogenheit – aber noch ist alles im positiven Rahmen.Damit empfehle ich diesen Roman „Natrium Chlorid“ gerne weiter.

Michael Sterzik

 

Dienstag, 1. Februar 2022

Das Chalet - Ruth Ware


Mord im Orient-Express“ von Agatha Christie dürfte von allen Freunden der Literatur vertraut sein. Und wenn man diesen nicht gelesen hat, dann hat man ihn mit einer hohen Wahrscheinlichkeit im Fernsehen, oder im Kino gesehen. Das Setting eines Mordes auf einem „begrenzten“ regionalen Gebiet und eine lockere, zahlenmäßig überschaubare Anhäufung von denkbaren Tätern – dürfe auch schon vertraut sein.

Jeder kann der Mörder sein, oder womöglich ein enger Komplize. Jedenfalls ist die Atmosphäre sowieso schon angespannt, denn wer ist ggf. das nächste Opfer. Die Frage nach einem vermeintlichen Motiv ist erstmal ganz nach hinten gestellt. Die Angst geht um und schleicht sich in die Köpfe der „Überlebenden“. Wen kann man vertrauen? Wer hat etwas zu verbergen? Diese Spannungsmomente reihen sich dann auf wie auf einer unstabilen Kette. Die Spannung und eine gewisse Verängstigung dürften fast schon greifbar sein – sind sie aber nicht. Das „Böse“ treibt ein morbides, psychologisches Versteckspiel.

Die britische Autorin Ruth Ware verwendet genau diese Storyline für ihren neuesten Roman: „Das Chalet“. Wie ihre begnadete Autorenkollegin Agatha Christie orientiert sie sich an eben genau diesem Setting. Es ist allerdings kein fahrender Orient Express, sondern ein Hotel in den französischen Alpen, dass aufgrund einer vernichtenden Lawine, von der Außenwelt förmlich abgeschnitten und nun eingeschneit ist. 10 junge Menschen eines IT-StartUp Unternehmens wollen hier über die Vergangenheit und eine vielversprechende Zukunft diskutierten. Angestellte und Firmeninhaber mit entsprechenden Anteilen bilden allerdings auch unterschiedliche Interessengruppen, schließlich gibt es lukratives Übernahmeangebot, das millionenschwer ist.

Ein Luxus-Chalet in den französischen Alpen mitten im tiefsten Winter. Die Mitarbeiter eines erfolgreichen Social-Media-Start-ups haben sich hier eingemietet, um über das Übernahmeangebot eines großen Unternehmens zu diskutieren. Die Stimmung ist angespannt. Alle hier haben etwas zu verlieren. Und manche viel zu gewinnen. Dann beginnt das Grauen: Ein Mitglied der Gruppe nach dem anderen wird ermordet oder verschwindet. Nach einem Lawinenabgang ist das Chalet von der Außenwelt abgeschnitten, es gibt keinen Handyempfang. Der Killer muss einer der Gäste sein…(Verlagsinfo)

Der Thriller ist wenig originell, schließlich dürfte man etwas Ähnliches schon gelesen, oder gesehen haben. Spannend ist „Das Chalet“ – aber auch nur ausreichend, denn wer der Mörder ist, stellt sich recht schnell heraus. Selbst die psychologische Anspannung, eine Atmosphäre der unfassbaren Angst unter den Figuren stellt sich nicht ein. Zu ruhig, manchmal fast schon teilnahmslos, in einer Erwartungshaltung verharrend und paralysiert, passiert hier zu wenig. Die Beziehungsebenen sind auch nicht umfassend aufgeklärt und letztlich überschlagen sich die Ereignisse und fokussieren sich auf zwei Teilnehmer. Ein psychologisches Duell auf Augenhöhe, dessen Verlauf und Ende leider nicht überrascht. Die Dialoge sind auch nicht ausführlich und der Story angemessen und tiefer gehender erzählt.

Auseinandersetzungen, zu wenig Perspektivwechsel. Denn genau das wäre für die Story mehr wie dienlich gewesen. Eine anschauliche und in die Tiefe gehende Interpretation der Figuren gibt es auch nicht. Interessant allerdings ist die Technologie, die Idee dieses jungen Unternehmens. Das ist auch der einzige bleibende und nachhaltige Gedanke, wenn man das „Das Chalet“ beendet hat.

Das Motiv ist etwas wild konstruiert – das Ende durchaus vorhersehbar und in sich auch nicht befriedigend, da man als Leser nicht weiß, was wird aus diesen Charakteren denn nun werden. Fassen wir also zusammen, das Tempo ist zu hoch, die Beziehungsebenen nicht ausgearbeitet, die Story vorhersehbar, die Figuren damit oberflächlich.

Fazit

„Das Chalet“ konnte mich nicht beeindrucken, oder überzeugen. Die Spannung wurde wie von einer Lawine begraben, die Figuren sind dabei wohl erstickt. Wenig unterhaltsam und man auch nicht nichts verpasst, wenn man diesen Thriller nicht gelesen hat.

Michael Sterzik

 

 

Samstag, 29. Januar 2022

Never - Die letzte Entscheidung - von Ken Follett


Die atomare Bedrohung und Abschreckung funktioniert (noch). Die Großmächte, allen voran die USA, Russland und China verfügen über ein Arsenal von Atomwaffen, die unsere Welt, gleich mehrfach in die Apokalypse bomben kann.

Wir haben dieses Damoklesschwert einer atomaren Vernichtung in den letzten Jahren verdrängt. Zu viele kleinere und größere Kriege, Terroranschläge, Naturkatastrophen usw. haben uns fast schon vergessen lassen, dass wir per „Knopfdruck“ unseren blauen Planeten in eine nuklear verseuchte Wüstenlandschaft verwandeln könnten. Müssen wir uns, wenn wir die aktuellen politischen und militärischen Entwicklungen beobachten, Sorgen machen? Die Antwort ist ein schnelles, konkretes und kompromissloses Ja. Eine Abrüstung dieser Vernichtungswaffen ist zurzeit indiskutabel. Die Militäretats jeglicher Länder wurden aufgestockt. Es ist noch keine Mobilmachung, aber wir stehen kurz davor.

Ken Folletts neuer Titel – „Never – Die letzte Entscheidung“ ist ein Gegenwartsroman mit einem großen Schreckenspotenzial. Es ist auch definitiv keine Panikmache oder eine überspitzte fiktive Story. Der Roman ist faktisch, authentisch, schlüssig, eine Aneinanderreihung von menschlichen Fehlentscheidungen, und des Versagens. Ein „Wargames“ um Macht und Einfluss. Ken Follett zeigt uns, dass die Staatsoberhäupter der Großmächte in diesem Fall die USA und China in eine Eskalationsspirale getrieben werden, die gleich dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung reagieren.

In der Sahara folgen westliche Geheimdienstagenten der Spur mächtiger Drogenschmuggler. Die Amerikanerin Tamara und ihr französischer Kollege Tab gehören zu ihnen. Für ihre Liebe riskieren sie ihre Karriere – und im Einsatz für ihr Land ihr Leben. Nicht weit entfernt macht sich die junge Witwe Kiah mit Hilfe von Schleusern auf den Weg nach Europa. Als sie sich gegen Übergriffe verteidigen muss, hilft ihr ein Mitreisender. Doch er scheint nicht zu sein, was er vorgibt.

In China kämpft der hohe Regierungsbeamte Chang Kai gegen die kommunistischen Hardliner. Er hat ehrgeizige Pläne, und er befürchtet, dass die Kriegstreiberei seiner Widersacher das Land und dessen Verbündeten Nordkorea auf einen Weg leitet, der keine Umkehr zulässt.

In den USA führt Pauline Green, die erste Präsidentin des Landes, ihre Amtsgeschäfte souverän und bedacht. Sie wird alles tun, was in ihrer Macht steht, um zu verhindern, dass die USA in einen unnötigen Krieg eintreten müssen. Doch wenn ein aggressiver Akt zum nächsten führt, wenn alle diplomatischen Mittel ausgereizt sind, die letzte Entscheidung gefallen ist – wer kann dann noch das Unvermeidliche verhindern? (Verlagsinfo)

Alles oder nichts !? Das Tempo des Romans ist gedrosselt, die kleineren und größeres Krisenherde in Nord- und Südkorea, im Tschad in Afrika deuten zwar darauf hin, dass die Zündschnur brennt, aber noch kann man das Schreckgespenst eines dritten Weltkrieges, eines Atomkrieges bannen. Wenn wir diese Entwicklung später betrachten, verstehen wir auch besser, warum sich der Autor vom Ersten Weltkrieg inspirieren hat lassen. Die Parallelen sind deutlich – niemand will einen Weltkrieg, aber Schritt für Schritt und Stück für Stück rutschen wir in eine Katastrophe.

„Never – Die letzte Entscheidung“ ist geschickt konstruiert und orientiert sich tatsächlich an der Gegenwart. Eine Präsidentin der USA, die innenpolitisch unter enormen Druck steht. Das kommunistische China - der politische Kampf zwischen älteren, erzkonservativen Nationalisten und Modernisierern, die mit Vernunft und Verantwortung sich alten Dogmen und Fahrgefühlen entgegenstellen. Terrorzellen im Tschad, die von Spionen ausfindig gemacht werden und dabei immerwährend in Todesgefahr sind. Jede Geschichte ist für sich spannend und außerordentlich komplex.

Der Roman ist für Ken Follett kein typischer. Jede Figur ist nicht nur realistisch interpretiert, ist weder besonders heroisch, oder handelt aus edlen Gründen. Es sind Menschen, die in Tragödien geschubst werden, die zu Entscheidungen gedrängt werden, dass unter einen auffallenden Zeitdruck.

Das Buch ist mit knapp 880 Seiten ein großes Werk. Bei aller spannenden Brisanz der Haupthandlungen sind die Nebengeschichten allerdings recht fehl am Platze. Das Privatleben einzelner Personen, die pubertäre Entwicklung der Präsidententochter, die Eheprobleme, oder dem Erfolgsdruck einer charmanten chinesischen Schauspielerin spielen auf dieser Bühne – in der die Vernichtung der Menschheit auf dem Spiel steht, keine Rolle. Ja klar, diese Nebengeschichten dienen dazu, den Leser nach spannenden Ereignissen wieder etwas zu „erden“ – aber letztlich sind diese deplatziert.

Die klassische Rollenverteilung gibt es in diesem Roman auch nicht. Eine Präsidentin der USA, eine CIA-Agentin, die erfolgreich ist, eine junge Afrikanerin, die von einem Leben in Europa träumt – allesamt starke Figuren, auch die der männlichen in nichts nachstehen.

Besonders gut gelungen ist das politische Katz-und-Maus-Spiel. Das Abwägen von politischen Entscheidungen, von Verantwortungen, von Reaktionen auf tägliche neue Entwicklungen sind nicht nur spannend, sondern auch spektakulär erschreckend dargestellt.

Am Ende schließt man das Buch und hält den Atem an. Der Tanz auf dem Vulkan, das Ende der Menschheit – rückt gedanklich viel näher als man lieb ist. Das Schreckgespenst ist nun weniger ein Albtraum – es ist ein vorherrschendes Thema.

Fazit

Never – Die letzte Entscheidung – ist zweifellos eines der wichtigsten Bücher in diesem Jahr. Eine Botschaft – eine Mahnung und eine Atmosphäre, die unsere Emotionen erschreckend gut explodieren lassen.

Bitte lesen Sie diesem Roman. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Weltuntergangsuhr wenige Sekunden vor 12 Uhr steht.

Michael Sterzik