Montag, 4. Mai 2026

Minnesota - Jo Nesbo

 


Die Kriminalliteratur hat sich längst von der reinen, mechanischen Tätersuche emanzipiert. Sie fungiert heute als Seismograph für menschliche Abgründe. Es lohnt sich, genauer zu betrachten, warum der gebrochene Ermittler – der klassische Anti-Held – eine derart magnetische Anziehungskraft auf uns ausübt. Oft ist er ein physisches und psychisches Wrack, gezeichnet von einer beinahe rituellen Selbstzerstörung durch Alkohol, Drogen oder flüchtige Affären. Doch diese Laster sind keine bloßen Requisiten, sie sind Symptome einer tief verwurzelten Tragik. Meist liegt der Kern seiner Zerrissenheit in einem unverzeihlichen Verlust oder einer drückenden Schuld verborgen. Dieser Ermittler polarisiert, er ignoriert Dienstvorschriften und bricht gesellschaftliche Konventionen. Doch genau diese ungeschönte, rohe Imperfektion macht ihn zutiefst menschlich. Wir empfinden Sympathie für ihn, weil er unsere eigenen, tiefsten Ängste vor dem Scheitern und dem Verlust verkörpert – und trotzdem jeden Tag aufs Neue aufsteht, um sich dem Bösen entgegenzustellen.

Transatlantische Seelenverwandtschaft: Von Oslo nach Minneapolis Jo Nesbø hat diesen Archetyp mit seinem legendären norwegischen Kommissar Harry Hole meisterhaft geprägt. Für seinen Stand-Alone-Thriller „Minnesota“ wählt er jedoch bewusst einen radikalen Tapetenwechsel: Er verlässt die kühle Melancholie Skandinaviens und taucht ein in das pulsierende, zerrissene Herz der Vereinigten Staaten des Jahres 2016. In diesem ungewöhnlichen Setting präsentiert er uns Ermittler Bob Oz. Vergleicht man Hole und Oz, offenbart sich schnell eine tiefe, transatlantische Seelenverwandtschaft. Auch Bob Oz ist ein Getriebener, laut, unangenehm und von einer tiefen Melancholie umhüllt. Für beide Männer ist ihr Beruf kein Karriereweg, sondern ein existenzieller Rettungsanker, der sie davor bewahrt, endgültig in den Strudel ihrer eigenen Dämonen gerissen zu werden.

Bob Oz: Ein Leben im Echo der Tragödie Das Jahr 2016 in Minneapolis markiert für Oz den absoluten Tiefpunkt. Seit dem tragischen Unfalltod seiner erst dreijährigen Tochter ist sein Leben zu einer Ruine verkommen. Die Ehe hielt dem unerträglichen Schmerz nicht stand, das soziale Netz aus Freunden ist längst zerrissen. Oz wandelt als Geist durch sein eigenes Leben. Nur in der knallharten, kompromisslosen Ermittlungsarbeit findet er noch Momente der Klarheit. Die Jagd nach Kriminellen bietet ihm die einzige Möglichkeit, den ohrenbetäubenden Lärm seiner eigenen Schuldgefühle für wenige Stunden zum Schweigen zu bringen. Er schlägt physisch wie psychisch permanent über die Stränge, doch gerade dieses völlige Fehlen von Selbsterhaltungstrieb macht ihn zu einem brillanten, furchtlosen Ermittler.

Das Duell der Schatten: Psychologie statt Pulverdampf Ein derart komplexer Charakter erfordert einen ebenbürtigen Antagonisten. Nesbø konfrontiert Oz mit einem Mörder, der keinen blinden Terror sät, sondern einem hochgradig kalkulierten Rachefeldzug folgt. Die Opfer: Drogenbosse und Waffenhändler. Dieser Täter agiert mit erschreckender Präzision auf Augenhöhe des Chefermittlers. Er trickst moderne Überwachungssysteme aus, platziert chirurgisch genau irreführende Spuren und scheint dem traumatisierten Oz immer einen fatalen Schritt voraus zu sein. Nesbø verzichtet hierbei auf plakative Gewaltexzesse und ermüdende Schießereien. Die eigentliche Spannung des Romans destilliert sich aus der psychologischen Raffinesse dieses Katz-und-Maus-Spiels und den unheimlich dichten, messerscharfen Dialogen. Als schließlich ein geplanter Anschlag auf den Bürgermeister von Minneapolis aufgedeckt wird und Oz eine Falle stellt, verschwimmen die Grenzen vollends: Wer ist hier der Jäger, wer der Gejagte?

Gesellschaftsstudie im Gewand eines Thrillers Was „Minnesota“ letztlich zu einem herausragenden Werk macht, ist Nesbøs Fähigkeit, den Thriller als Vehikel für einen tiefschürfenden gesellschaftspolitischen Diskurs zu nutzen. Der Autor schlüpft in die Rolle eines scharfsinnigen Beobachters und nimmt die amerikanische Kultur, insbesondere im politisch aufgeladenen Jahr 2016, ins Visier. Der Roman seziert mit analytischer Präzision die tiefen Grauzonen der amerikanischen Waffengesetze. Nesbø zwingt den Leser, sich mit den hochaktuellen und oft paradoxen Fragen des US-amerikanischen Selbstverständnisses auseinanderzusetzen:

Das Recht auf Waffen: Wie legitim ist das tief verankerte Recht eines jeden Amerikaners, eine Waffe zu kaufen, zu tragen und im Zweifel auch einzusetzen?

Schutz oder Gefahr: Ab welchem Punkt kippt das Motiv, sich und seine Liebsten beschützen zu wollen, in eine tödliche Bedrohung für die Gesellschaft um?

Moralische Ambivalenz: Wo verläuft die feine, oft unsichtbare Grenze zwischen verhältnismäßiger Notwehr und blinder Selbstjustiz?

Nesbø agiert dabei durchaus als moralische Instanz, ohne jedoch in platte Vorverurteilungen zu verfallen. Er nutzt das Genre des Spannungsromans meisterhaft, um ein hochbrisantes Zeitgeschehen in ein packendes, literarisches Kammerspiel zu übersetzen.


Fazit


Psychologisch spannendes und persönliches Duell zwischen Gut und Böse, die faktisch auch Freunde hätten sein können. Formvollendet konzipiert – und eine Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. 


Michael Sterzik

Sonntag, 19. April 2026

Die Geheimen Archive des Vatikans - Hubert Wolf


Der Vatikan – eine Festung der Geheimnisse, umwoben von Mythen und Spekulationen. Hinter seinen jahrhundertealten Mauern lagern nicht nur Geschichte, sondern auch Sprengstoff. Der Heilige Stuhl hütet Dokumente, Korrespondenzen, Zeugnisse und päpstliche Briefwechsel, die das Potenzial haben, unser Verständnis der Weltgeschichte zu erschüttern. Es ist der Schatzsaal der Macht und der menschlichen Fehlbarkeit, denn auch jeder Kirchenfürst ist letztlich nur ein Mensch mit seinen Geheimnissen. Die Rede ist vom Apostolischen Archiv – jenem Ort, der oft fälschlicherweise noch als „Geheimarchiv“ bezeichnet wird, weil er viele Wahrheiten hinter verschlossenen Türen für sich behält.
85 Kilometer Akten und detektivischer Spürsinn

Achtzig Kilometer Akten aus über einem Jahrtausend – das Vatikanische Archiv ist das größte und älteste der Welt. Es ist kein Ort für freies Stöbern. Hier setzt man auf detektivischen Spürsinn, und genau diesen bringt Hubert Wolf, renommierter Professor für Kirchengeschichte in Münster, in seinem fesselnden Buch zum Einsatz. Wolf ist international bekannt für aufsehenerregende Funde, die schonungslos hinter die Kulissen von Tradition und dem Dogma der Unfehlbarkeit blicken lassen. Seine „Tiefenbohrungen“ in den Archiven enthüllen verstörende Skandale, die unser Bild der Kirche nachhaltig verändern:

Von vergessenen mächtigen Frauen bis zu verborgenen Missbrauchsfällen (wie im römischen Nonnenkloster Sant’Ambrogio).
Zu folgenschweren Entscheidungen bezüglich Bücherverboten, Inquisitionsverfahren, dem Zölibat und dem Unfehlbarkeitsdogma.

Der wohl brisanteste Teil befasst sich mit der Haltung des Vatikans zu Nationalsozialismus und Holocaust: Hat Papst Pius XII. geschwiegen, was wusste er? Die jüngst freigegebenen Akten aus seinem Pontifikat liefern Aufschluss: Wolf fand Tausende anrührender Bittbriefe jüdischer Verfolgter an den Papst. Der Weg dieser Briefe durch die vatikanischen Instanzen macht das Ausmaß der Informationen deutlich, die in Rom landeten, und wie darauf reagiert wurde.

Zwischen Fachwissen und Langeweile

Obwohl Wolfs Funde für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert sind, enttäuscht das Werk in seiner Gesamtheit. Der Leser spürt, dass es sich hier zu großen Teilen um Vorlesungsskripte handelt, was dem Stil eine extreme Nüchternheit und Überfrachtung mit überflüssigen Details verleiht. Dies ist keine packende Geschichtserzählung. Wolfs schriftstellerischer Stil ist träge und langweilig, und die historischen Themen sind für ein breites Publikum nicht zeitgemäß.
Man vermisst schmerzlich eine Behandlung aktuellerer Korrespondenzen, etwa von Papst Johannes Paul II., der doch oft in hochbrisante politische und gesellschaftliche Situationen involviert war. Zudem werden die wirklich großen Fragestellungen nicht abschließend beantwortet; die Thesen bleiben oft Andeutungen, da sich der Vatikan seine Karten nicht gänzlich in die Hand schauen lassen will.

Fazit

Der eigentliche Wert des Buches liegt in der nüchternen Bestätigung, dass der „Glaube“ in der Geschichte der Katholischen Kirche immer wieder als Instrument für eigene Machtansprüche missbraucht wurde – sei es durch harte Urteile gegen Andersgläubige oder das Brandmarken von Wissenschaftlern und Astrologen als Ketzer.

Für den spezialisierten Vatikan-Experten mag Wolfs detaillierte Recherche neues Material bieten. Für den allgemeinen Leser jedoch bleibt das größte Manko: der extrem nüchterne, träge Stil und die fehlende Aktualität, die es zu keinem Zeitpunkt schafft, die brisanten Inhalte spannend und originell zu vermitteln. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für Archivare und Theologen, aber kein fesselndes Werk für Geschichtsinteressierte.

Michael Sterzik

Donnerstag, 9. April 2026

Hörst Du den Schrei - Jørn Lier Horst & Jan-Erik Fjell


Der literarische und gesellschaftliche Reiz von ungelösten Kriminalfällen – den sogenannten Cold Cases – ist ein Phänomen, das die Spannungsliteratur seit jeher verlässlich befeuert. Es ist die zutiefst menschliche Neugier und vielleicht auch das philosophische Bedürfnis nach später Gerechtigkeit, die uns faszinieren: Was geschieht, wenn die unaufhaltsame Entwicklung von Wissenschaft und forensischer Technik auf Verbrechen trifft, die längst in den Archiven verstauben? Oft ist es nur ein winziges Detail, ein fataler Fehler des Täters in der Vergangenheit oder das späte, von Gewissensbissen getriebene Geständnis eines jahrelang schweigenden Zeugen, das das Kartenhaus der Lügen zum Einsturz bringt.

Manchmal bedarf es aber auch einfach eines völlig unbeteiligten Beobachters, der mit unvoreingenommenem Blick und obsessiver Neugier alte Pfade verlässt. Genau dieses reizvolle erzählerische Fundament nutzt ein norwegisches Autorenduo für den Auftakt seiner neuen Kriminalreihe. Unter dem Titel „Hörst Du den Schrei“ haben hier zwei namhafte Vertreter ihres Fachs ihre schriftstellerische Expertise gebündelt, was man dem routinierten und stilistisch sicheren Tonfall des Werkes ab der ersten Seite anmerkt.

Die Handlung entfaltet sich in der rauen, abgeschiedenen Kulisse des norwegischen Ortes Fagernes und bedient sich eines überaus zeitgemäßen erzählerischen Vehikels: des True-Crime-Podcasts. Im Zentrum steht der Podcaster Markus Heger, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Schicksal der vor fünfzehn Jahren spurlos verschwundenen Leah zu beleuchten. Die offizielle Aktenlage scheint eindeutig, denn obwohl Leahs Leichnam nie gefunden wurde, sitzt ihr Vater Tobias für den vermeintlichen Mord an seiner eigenen Tochter hinter Gittern. Die trügerische Ruhe der abgeschlossenen Akte wird jedoch jäh erschüttert, als eine Journalistin, die sich ebenfalls für die Ungereimtheiten des alten Falles zu interessieren begann, plötzlich und ohne jede Spur verschwindet. Dieses Ereignis fungiert als Katalysator für Heger, der die passive Rolle des Beobachters ablegt und selbst in die aktive Ermittlung einsteigt. Seine Recherchen führen ihn tief in ein Geflecht aus langen gehüteten Geheimnissen und dunklen Abgründen, bis sich in ihm eine erschütternde Gewissheit formt: Der wahre Täter von damals wurde nie gefasst, er bewegt sich noch immer frei in der Gesellschaft – und sein mörderisches Werk ist noch lange nicht vollendet.

Was diesen Roman aus der breiten Masse der skandinavischen Spannungsliteratur heraushebt, ist eine überaus unkonventionelle und clevere Figurenkonstellation, die dem Geschehen eine völlig eigene erzählerische Ebene verleiht. Der Protagonist Markus Heger ist keineswegs der klassische, strahlende Held, sondern ein vielschichtiger Charakter mit Brüchen. Er wirkt in seinem Auftreten ruhig und besonnen, wird aber von einem rastlosen inneren Antrieb gesteuert. Seine Vergangenheit als Soldat in einem Kriegseinsatz sowie seine Zeit als hochbegabter Polizeischüler, der den Dienst jedoch unter bisher ungeklärten Umständen vorzeitig quittieren musste, umgeben ihn mit einer Aura des Geheimnisvollen. Es ist stark anzunehmen, dass dieses persönliche Mysterium als erzählerischer roter Faden für kommende Bände der Reihe angelegt ist.

Der wahre Geniestreich der beiden Autoren offenbart sich jedoch in der Ausgestaltung von Hegers Vater, Frank Drage. Dieser ist kein fürsorglicher Ratgeber im klassischen Sinne, sondern ein inhaftierter Schwerverbrecher. Seine eigene kriminelle Vergangenheit bietet genügend Stoff für zukünftige Enthüllungen, doch im vorliegenden Fall wird er zur paradoxen moralischen und strategischen Stütze seines Sohnes. Frank Drage nutzt die hermetisch abgeriegelte Welt des Gefängnisses als hochgradig effizientes Informationsnetzwerk. Aus der Zelle heraus zieht er Fäden und nutzt seine Kontakte in die Unterwelt, um Markus bei dessen Ermittlungen draußen entscheidend voranzubringen. Diese ambivalente Symbiose zwischen dem wahrheitssuchenden Sohn und dem kriminellen Vater verleiht dem Thriller eine außergewöhnliche Tiefe und Originalität, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht.

Fazit

Trotz dieser starken erzählerischen Prämisse erfordert das Werk an einigen Stellen eine gewisse Nachsicht und Durchhaltevermögen des Lesers. Wer komplexe gesellschaftliche Panoramen schätzt, wird an der immensen Vielzahl von Haupt- und Nebenfiguren durchaus Gefallen finden, auch wenn dieses dichte Personennetz gerade zu Beginn eine hohe Konzentration fordert, um die stetig wechselnden Perspektiven und Allianzen sauber voneinander trennen zu können. Handwerklich muss sich das Autorenduo den Vorwurf gefallen lassen, dass die äußerst verstrickte Handlung gelegentlich an Tempo verliert. Ausufernde erzählerische Längen und die Präsentation detaillierter Informationen, die sich retrospektiv als narrative Sackgassen oder schlichtweg überflüssig für den eigentlichen Fortgang der Geschichte erweisen, trüben den ansonsten guten Lesefluss ein wenig. 

Auch die Prämisse, dass ein einzelner Podcaster im Alleingang komplexe polizeiliche Ermittlungsarbeit übernimmt und scheinbar mühelos Strukturen aufbricht, an denen die Behörden gescheitert sind, verlangt ein gewisses Maß an Zugeständnissen an die Realitätstreue des Genres. Lässt man sich jedoch auf diese literarische Freiheit ein, belohnt der Roman mit einer atmosphärisch dichten und packenden Geschichte, deren komplexe Entwicklungen eine durchweg fesselnde Unterhaltung garantieren.


Michael Sterzik 

Mittwoch, 1. April 2026

Premiere Lesung - Eva Almstädt - Ostseehölle - in der Marienkirche in Lübeck am 31.03.2026

Premierenlesung in der Lübecker Marienkirche: Ein literarischer Abend zwischen historischer Macht und neuem Nervenkitzel



Es war ein rundum gelungener literarischer Abend: Die Premierenlesung von „Ostseehölle“, dem neuesten Kriminalroman der erfolgreichen und sympathischen Autorin Eva Almstädt, fand in der imposanten Lübecker Marienkirche statt. Vor ausverkauftem Haus las die Autorin aus ihrem frisch erschienenen Werk. Durch das gemeinsame Engagement des Literaturforums Lübeck und des Pastors der Marienkirche wurde die mittelalterliche Mutterkirche der Backsteingotik zu einer beeindruckenden Bühne für die Literatur.

Ein architektonisches Statement als Tatort Dass die Wahl auf diesen Ort fiel, ist überaus passend, denn die Marienkirche ist weit mehr als nur ein beeindruckendes sakrales Bauwerk. Sie ist ein steinernes Zeugnis des Machtanspruchs, des Reichtums und des diplomatischen Geschicks des mittelalterlichen Bürgertums. Im 13. und 14. Jahrhundert von den wohlhabenden Kaufleuten der Hanse

ganz bewusst in unmittelbarer Nähe zum Rathaus gebaut, war sie eine klare architektonische Unabhängigkeitserklärung der weltlichen Kaufmannschaft gegenüber der geistlichen Macht. Sie sollte den nahen Lübecker Dom – die Kirche des Bischofs – an Größe und Pracht schlichtweg übertreffen.

In genau dieser historisch und politisch aufgeladenen Kulisse entfaltete Almstädts Krimi eine ganz besondere Wirkung, denn die Handlung knüpft makaber an die Architektur der Kirche an: Während einer Führung durch die Marienkirche entdeckt eine Teilnehmerin beim Blick über die Brüstung tief unten am Boden eines Turms einen leblosen Körper. Offenbar wurde eine Frau in den Tod gestoßen. Kommissarin Pia Korittki wird zum Tatort gerufen und erfährt, dass die Ermordete zu einem Chor aus Ostholstein gehörte – und dessen Mitglieder allerhand Geheimnisse voreinander verbergen. Kommt der Täter oder die Täterin aus diesem Kreis? Ging es um Eifersucht? Oder gibt es noch ganz andere Motive? Die Ermittlungen nehmen eine unerwartete Wendung, als Pia und ihr Team unvermittelt von dem Fall abgezogen werden und ausgerechnet ihr Lebensgefährte Marten Unruh vom LKA die Leitung übernimmt.

Spannung, Glühwein und ein stilles Mahnmal Eva Almstädt entführte das Publikum für 90 spannende Minuten in diese Abgründe. Eingehüllt in warme Decken und mit heißem Glühwein versorgt, genossen die Zuhörer die dichte Atmosphäre. Unterstützt wurde die Aktion unter anderem von der Stiftung 7 Türme, die sich der Restaurierung der historischen Kirchtürme widmet.






Wie wichtig der Erhalt dieses Ortes ist, zeigt sich auf besonders berührende Weise in der Süderturmkapelle der Kirche. Dort ruhen bis heute die zerschmetterten Kirchenglocken, die in der Palmsonntagsnacht 1942 – beim ersten verheerenden Luftangriff der Royal Air Force auf eine deutsche Großstadt – aus dem brennenden Turm stürzten. Nach dem Krieg wurden sie nicht beseitigt, sondern in ihren Trümmern belassen. Bis heute dienen sie als tief bewegendes Mahnmal für den Frieden und gegen die Sinnlosigkeit des Krieges – ein nachdenklicher Kontrast zur fiktiven Spannung des Romans und ein eindrucksvoller Rahmen für diesen besonderen literarischen Abend.

Michael Sterzik






Mittwoch, 25. März 2026

Löwenherzen - Dan Jones


Was genau macht einen ganz gewöhnlichen Menschen zu einem „Löwen“? Ist es wirklich das waghalsige Risiko, die blinde Todesverachtung im Rausch einer Schlacht? Oder ist es nicht vielmehr jene stille, zähe Kraft, die uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen? Wahrer Mut hat viele Gesichter, doch am eindrucksvollsten zeigt er sich oft in der vollkommenen Selbstlosigkeit – in dem tiefen Drang, andere, vielleicht Schwächere, mit dem eigenen Leben zu schützen. Oft sind es paradoxerweise gerade die Menschen, die von der Gesellschaft als unbedeutend abgetan werden, die das größte Kämpferherz beweisen. Vielleicht rührt diese Stärke gerade daher, dass sie selbst vom Leben gezeichnet sind und bereits unzählige Schicksalsschläge und Herausforderungen meistern mussten.

Genau in dieser rohen, ungeschönten Menschlichkeit liegt der erzählerische Kern des dritten und abschließenden Romans über die Söldnertruppe der „Essex Dogs“. Mit diesem Buch liefert Dan Jones nicht nur einen grandiosen Abschluss seiner historischen Reihe, sondern ein tiefgründiges Epochenporträt, das aus vielerlei Gründen eine absolute Leseempfehlung ist.

Dan Jones entwirft das faszinierende Sittenbild einer Welt im radikalen Umbruch. England befindet sich in der unruhigen Zeit nach der Großen Pest. Die Gesellschaft ist von extremen, geradezu schmerzhaften Kontrasten geprägt: Auf der einen Seite steht das harte, entbehrungsreiche und doch von einer leisen Hoffnung getragene Leben der einfachen Bevölkerung, die versucht, aus den Trümmern eine neue Existenz aufzubauen. Auf der anderen Seite prallt diese Realität auf die schamlose Dekadenz und die ungenierte Feierwut des königlichen Hofes in Windsor.

Es ist eine Ära, in der moralische Grenzen verschwimmen. Das zwielichtige Milieu der Piraten und Kriegsgewinnler lockt mit schnellem, aber schmutzigem Geld. Gleichzeitig versuchen verarmte Ritter verzweifelt, ihren Status in einer Welt zu retten, die langsam, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegengeht. Und über all diesem gesellschaftlichen Chaos thront der englische König Edward III., der den Wirren seiner Zeit mit einem fast schon zynischen Fatalismus und seinem treuen Motto begegnet: "It is as it is."

Die Handlung des dritten Bandes setzt nur wenige Jahre nach den dramatischen Ereignissen des Vorgängers ein. Die einst so eingeschworene Truppe der Essex Dogs ist zerrissen und in alle Winde zerstreut. Die Zeiten sind unbarmherzig, und die alten Veteranen geben alles, um sich einen Neuanfang abseits der Schlachtfelder zu erkämpfen – doch die zivile Welt erweist sich als ebenso gnadenlos wie der Krieg: Millstone und Thorp müssen sich als Leibwächter einer Prinzessin verdingen, der Scotsman wird als bloßer Schaukämpfer zur Belustigung anderer schikaniert, und Romford schuftet für einen Ritter, der ihn schamlos ausbeutet.
Besonders tragisch ist das Schicksal von Loveday. Er versucht mit aller Macht, die Schrecken der vergangenen Schlachten aus seinem Gedächtnis zu streichen, um sich und seiner kleinen Familie den Traum von einem eigenen Gasthaus zu erfüllen. Er will diese friedliche Familienidylle um jeden Preis beschützen. Doch die Vergangenheit ist ein unerbittlicher Jäger. Schon bald muss Loveday ahnen, dass er ein letztes Mal in die Schlacht ziehen muss. Letztlich holt die alten Kameraden die bittere Erkenntnis ein: Das blutige Handwerk des Krieges ist womöglich das Einzige, was sie in dieser Welt wirklich beherrschen. Was sie in diesen dunklen Stunden aufrechterhält, ist ihre tiefe Verbundenheit. Immer wieder gedenken sie der gefallenen Gefährten, die an ihrer Seite kämpften und den Tod fanden.

Dan Jones ist nicht nur ein Autor; er ist ein renommierter Experte und Historiker. Bekannt durch seine viel gerühmten Dokumentationen, Podcasts und eine ganze Riege fundierter historischer Sachbücher, festigt er mit dieser Trilogie nun endgültig seine Position in der historischen Belletristik.

Fazit
Sein besonderes Talent zeigt sich in der mühelosen Verschmelzung von Fakten und Fiktion. Die fiktive kleine Söldnergruppe bewegt sich durch ein dichtes Netz historisch verbürgter Ereignisse. Jones beweist ein unglaubliches Fingerspitzengefühl dabei, reale historische Persönlichkeiten in seine Handlung einzubauen und sie atmen zu lassen. Es ist eine besondere erzählerische Freude, wenn überlieferte Zitate dieser Figuren ganz natürlich ihren Weg in das spannende Storytelling finden. Nüchterne, historische Fakten in eine derart packende, emotionale und zugleich informative Erzählung zu übersetzen, ist eine große Kunst – und Dan Jones beherrscht sie in diesem Finale meisterhaft.

Michael Sterzik

Sonntag, 1. März 2026

Im Schatten der Ruinen - Peter Klisa


Das Trauma der „Stunde Null“: Leben in einer Mondlandschaft. Das Jahr 1945 markierte für Deutschland nicht nur das Ende eines verheerenden Krieges, sondern einen völligen zivilisatorischen Zusammenbruch. Die einst pulsierenden Metropolen glichen apokalyptischen Mondlandschaften; allein in Berlin türmten sich Abermillionen Kubikmeter Schutt. In diesen Trümmerwüsten vegetierten die Überlebenden – desillusioniert, gezeichnet und unter ständiger Lebensgefahr, da beschädigte Gebäudereste jederzeit einzustürzen drohten. Die gesellschaftliche Ordnung lag sprichwörtlich in Schutt und Asche. Familien waren zerrissen, und der Alltag wurde bestimmt vom quälenden Warten auf ein Lebenszeichen der Väter, Söhne und Ehemänner. Oft brachte erst eine knappe Meldung des Deutschen Roten Kreuzes die bittere Gewissheit. Und wer tatsächlich aus der Gefangenschaft oder von den Fronten zurückkehrte, fand oft nichts weiter vor als die zertrümmerten Reste seiner früheren Existenz.

Die Wirtschaft der Verzweiflung und das Gesetz des Schwarzmarktes

In den Jahren nach der Kapitulation kostete die eklatante Unterversorgung zahllose weitere Leben. Die offizielle Währung, die Reichsmark, hatte faktisch ihren Wert verloren, und die ausgegebenen Lebensmittelkarten reichten bei Weitem nicht aus, um den täglichen Kalorienbedarf zu decken. Aus schierer Verzweiflung klammerten sich die Menschen an die nackte Existenzsicherung.

Es etablierte sich rasant eine neue, illegale Ökonomie: der Schwarzmarkt. Die amerikanische Zigarette wurde zur inoffiziellen Leitwährung. Alles, was noch einen Funken Wert besaß – der gerettete Schmuck der Großeltern, wertvolle Antiquitäten, aber auch simpler Stahl, Kohle oder Konservendosen aus den Ruinen –, wurde hier getauscht. In den Besatzungszonen Berlins gehörte dieses Treiben zum Alltag und wurde von den Behörden oft zähneknirschend toleriert, da es das Überleben der Massen sicherte. Doch wo staatliche Kontrolle fehlte, füllte die organisierte Kriminalität das Vakuum. Skrupellose Schieberbanden rissen den Handel an sich, bereicherten sich an der Not der Bevölkerung und etablierten das brutale Gesetz der Straße.

Berlin 1948: Pulverfass im Zentrum der Mächte Genau in dieses historische Pulverfass – ein gesetzloses Berlin kurz vor der Währungsreform und der sich abzeichnenden Blockade – entführt Peter Klisa mit seinem neuesten Roman „Im Schatten der Ruinen“.

Captain Matthew Wallet wird im Jahr 1948 ausgerechnet in den amerikanischen Sektor dieser zerstörten Stadt strafversetzt. Sein Auftrag ist so simpel wie lebensgefährlich: Er und seine Einheit sollen die ausufernde Bandenkriminalität unter Kontrolle bringen. Doch die Realität übertrifft Wallets schlimmste Erwartungen. Er stößt auf die „Brandenburger“, ein hochgefährliches Netzwerk ehemaliger Wehrmachtssoldaten, das in allen vier Sektoren Berlins sein Unwesen treibt. Als diese Bande bei einem Massaker in einem Schwarzmarktlager eine gegnerische Gruppierung skrupellos ausschaltet, weiß Wallet, dass ihm die Zeit davonläuft.

Um das Netzwerk zu infiltrieren, engagiert er einen Informanten aus der Szene: den erst zwölfjährigen Heiner, der in der Unterwelt bestens vernetzt ist. Ein riskantes Spiel beginnt, das bald außer Kontrolle gerät. Kurze Zeit später verschwindet der Junge spurlos. Gemeinsam mit Heiners Mutter, Klara, begibt sich Wallet auf eine verzweifelte Suche – und die beiden tappen prompt in einen tödlichen Hinterhalt.

Fazit: Eine schonungslose Zeitreise 

Peter Klisa liefert mit „Im Schatten der Ruinen“ weit mehr als nur einen spannenden Kriminalroman. Das Buch besticht durch eine profunde historische Recherchearbeit und fängt die düstere, moralische Grauzone der Nachkriegsjahre exzellent ein. Der Autor wirft uns regelrecht in eine Welt zurück, deren Härte heute kaum noch fassbar ist.

Für eine Generation, die fließendes Wasser, eine verlässliche Infrastruktur, Energie und ein sicheres Dach über dem Kopf als Selbstverständlichkeit erachtet, ist dieser Roman eine eindringliche Lektion. Er macht auf fesselnde Weise begreifbar, unter welchen unfassbaren Entbehrungen die Menschen damals nicht nur überlebten, sondern den unerschütterlichen Willen aufbrachten, eine neue Zukunft aufzubauen. Ein tiefgründiges Leseerlebnis, das den Horizont erweitert und lange nachhallt.

Michael Sterzik

Montag, 16. Februar 2026

Das Camp - Linus Geschke


Das Böse ist kein flüchtiger Gast, der höflich anklopft und wieder verschwindet. Es ist ein Sediment. Es lagert sich lautlos ab, schichtet sich über Jahrzehnte an Orten auf, an denen Grausamkeit zur ungesunden Routine wurde, bis die bloße Luft dort eine beklemmende Schwere annimmt. Linus Geschke beweist in der Fortsetzung seiner Trilogie eindrucksvoll, dass die Grenze zwischen Licht und Schatten niemals statisch ist. Motive verschwimmen im Nebel der Ardennen, Gut und Böse werden zur reinen Interpretationssache – und manchmal ist der Preis für die nackte Wahrheit schlichtweg lebensgefährlich.

Nach dem fulminanten Auftakt in „Der Trailer“ löst Geschke nun sein unbarmherziges Versprechen aus dem Nachwort ein: Niemand ist sicher. Wer glaubte, sich an liebgewonnene Figuren klammern zu können wie an einen Rettungsanker, wird schmerzhaft eines Besseren belehrt. In dieser Welt gibt es keine Plot-Armor; jeder Herzschlag könnte der letzte sein.

Im Zentrum der Finsternis steht das Camp Donkerbloem. Ein Ort mit einer Historie, die man besser tief unter Waldboden und Schweigen begraben hätte. Wout Meertens versucht hier gemeinsam mit dem Ex-Boxer Tayfun einen Neuanfang. Doch die Idylle der Ardennen ist so brüchig wie dünnes Eis. Während hunderte Kilometer entfernt ein verstörender Killer eine blutige Schneise durch das Land schlägt, flüchtet die Hamburger Kommissarin Frieda Stahnke ausgerechnet dorthin, wo sie Sicherheit vermutet. Ein fataler Irrtum. Denn mit ihr kehrt das Böse nicht nur zurück nach Donkerbloem – es bittet zum tödlichen Tanz.

Geschke beherrscht die seltene Kunst der „kleinlichen“ Charakterzeichnung. Seine Protagonisten sind keine glattgebügelten Reißbrett-Helden; sie haben Risse, Kanten und eine psychologische Tiefe, die sie erschreckend menschlich und gerade dadurch so verwundbar macht.

„Das Camp“ ist in seiner Konsequenz beinahe physisch spürbar. Wenn der Killer zuschlägt, lässt der Autor seine Leser den Atem anhalten – man meint, das Sterben der Opfer förmlich im Raum zu hören. Doch inmitten dieser nackten Brutalität findet Geschke immer wieder Momente der absoluten Stille. Sein „Spannungsorchester“ beherrscht auch die leisen, emotionalen Töne, die den Leser erst entwaffnen, bevor der nächste Schlag mit voller Wucht trifft.

Fazit

Die Story selbst agiert dabei wie eine hungrige Katze in einer überfüllten Hundeschule

Linus Geschke hat seinen Stil zur Perfektion getrieben. Er schreibt ohne überflüssigen Ballast, ohne künstliche Längen, dafür mit einer unbarmherzigen, nicht-linearen Charakterentwicklung. Man weiß nie, welche Abzweigung diese Figuren als Nächstes nehmen – oder ob sie das nächste Kapitel überhaupt überleben.

Wer Band 1 und 2 noch nicht kennt, sollte die eiserne Disziplin aufbringen und bis zum Finale „Die Schlucht“ im Juli warten. Dann steht einem kompromisslosen, schlaflosen Lesesommer nichts mehr im Wege.

Ein absoluter Pageturner. Das Böse ist längst salonfähig geworden, die Eskalation ist in vollem Gange – und ich kann es kaum erwarten, bis die Falle im finalen Band endgültig zuschnappt.

Michael Sterzik



Mittwoch, 4. Februar 2026

Tote Seelen singen nicht – Jussi Adler Olsen, Stine Bolther und Line Holm


Ein Schatten liegt über dem berühmten „Sonderdezernat Q“, und dieses Mal ist es kein ungelöster Cold Case, sondern die Realität selbst. Jussi Adler-Olsen, der literarische Vater des chronisch mürrischen Carl Mørck und Schöpfer einer der erfolgreichsten dänischen Thriller-Reihen überhaupt, ist schwer erkrankt. Seine Krebserkrankung markiert einen bitteren Wendepunkt, doch sie bedeutet nicht das Ende. Was ursprünglich als zehnbändiges Epos geplant war, transformiert sich nun unter dramatischen Umständen: Das literarische Zepter wird weitergereicht.

Ein gewagtes Erbe Die Aufgabe, in die Fußstapfen eines Giganten wie Adler-Olsen zu treten, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Doch die Autorinnen Stine Bolther und Line Holm stellen sich dieser Herausforderung. Die Verlagsbranche und die weltweite Fangemeinde blicken mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung auf diesen Titel. Kann der spezielle „Sound“ des Sonderdezernats – diese einzigartige Melange aus skurrilen Charakteren, beklemmender Spannung und nordischer Melancholie – ohne seinen ursprünglichen Dirigenten fortbestehen?
Carl Mørck zieht den Stecker Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Carl Mørck ist raus. Der Mann, der das Sonderdezernat Q definierte, hat nach einer traumatischen Zeit unschuldiger Inhaftierung den Dienst quittiert. Er hat genug. Doch die Natur (und das Verbrechen) verabscheut ein Vakuum. 

An Carls verwaistem Schreibtisch im Kopenhagener Polizeikeller macht sich eine neue Kraft breit – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Helena Henry. Die taffe Französin aus Lyon ist mehr als nur eine Nachfolgerin; sie ist eine Provokation. Sie ist geheimnisvoll, trägt dunkle Geheimnisse wie einen unsichtbaren Mantel und legt ihre Füße mit einer Selbstverständlichkeit auf Carls Tisch, die im Team für Schockwellen sorgt.

Krieg im Keller Die Dynamik der Kult-Truppe wird durch Helena komplett auf den Kopf gestellt. Rose, die Seele des Dezernats, reagiert mit offener Feindseligkeit auf die Eindringlingin. Assad, sonst der ruhende Pol, schwankt zwischen Verwirrung und Faszination. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände im Team verleihen der Geschichte eine psychologische Schärfe, die den bloßen Kriminalfall fast in den Schatten stellt. Doch das Verbrechen wartet nicht auf Teambuilding-Maßnahmen. Eine grausame Mordserie zwingt die ungleichen Ermittler zur Zusammenarbeit. Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit, in ein Internat für Sänger, wo vor Jahrzehnten Entsetzliches geschah.

Der Krimiautor wider Willen Und Carl? Der intelligente Sturkopf hat zwar den Dienst quittiert und versucht sich inzwischen – in einer fast ironischen Wendung des Schicksals – als Krimiautor, doch ganz kann er nicht loslassen. Er liefert seinem alten Team, nun geführt von Helena, die entscheidende heiße Spur. In dieser neuen Konstellation wird der ehemalige Protagonist zur Schlüsselfigur im Hintergrund, während Helena Henry das Rampenlicht für sich beansprucht. Sie erweist sich dabei als würdige Erbin: impulsiv, nachhaltig und genauso bockig, wie Carl es zu seinen besten Zeiten war.

Fazit: Ein gelungener Neuanfang „Tote Seelen singen nicht“ ist mehr als nur eine Fortsetzung; es ist eine Neuerfindung unter Bewahrung der Tradition. Das Autorentrio (bzw. die Nachfolgerinnen) schaffen es, die dichte Atmosphäre der Vorgängerromane zu konservieren. Besonders die wechselnden Erzählperspektiven tun dem Buch gut und verleihen der Handlung eine neue Tiefe, gerade in den Rückblenden.

Ohne Rose und Assad wäre ein Neuanfang undenkbar gewesen, doch die Einführung von Helena Henry injiziert der Reihe das notwendige frische Blut. Wer befürchtet hat, das Sonderdezernat Q würde ohne Adler-Olsens Alleinherrschaft untergehen, darf aufatmen: Der Keller lebt, und es ist dort unten ungemütlicher und spannender denn je.

Michael Sterzik

Montag, 19. Januar 2026

Mr. One - Jens Lapidus


Der Traum vom schnellen Geld verspricht Macht und grenzenlose Unabhängigkeit. Doch die Schattenwelt der Metropolen ist ein Malstrom, in dem Respekt nur durch Gewalt erkauft wird. Die Desperados an der Spitze von Kartellen und Clans mögen kurzzeitig unantastbar erscheinen, doch die Uhr tickt unerbittlich. Am Ende wartet oft die Justiz – oder ein noch härteres Gericht. Denn wer an der Spitze steht, hat nicht nur Reichtum, sondern zieht unzählige Feinde an: loyale Konkurrenten, Verräter, die als "Ratten" die Struktur aushöhlen, und rivalisierende Organisationen, die jede Schwäche als Einladung zum Angriff sehen. Der Preis für den Thron ist ewige Paranoia.

Doch was, wenn das Gewissen erwacht? Was, wenn der Boss aussteigen will, weil die Verantwortung für sich und andere das Gangsterleben überwiegt? Der Wunsch nach Legalität wird zum ultimativen Himmelfahrtskommando, denn die Gefahr, liquidiert zu werden und alles Verlorene endgültig zu begraben, ist omnipräsent. Der Ausstieg ist der seltenste Traum der Unterwelt.

Jens Lapidus, selbst Rechtsanwalt in Schweden, gewährt uns in seinem Roman „Mr. One“ einen tiefen Einblick in diese erbarmungslose Maschinerie. Seine Recherchen und Erfahrungen spiegeln sich in einer Authentizität wider, die unter die Haut geht.

Isak Nimrod will sich nach vielen Jahren als Boss der Unterwelt aus dem Gangsterleben zurückziehen und ein legales Leben führen. Sofort beginnt ein wilder Kampf um sein Erbe. Wer wird der neue Mr. One? Seinen Platz möchte Kerim Celali einnehmen, der anders als Isak, mit brutaler Gewalt regiert. Als Isaks Sohn Max verschwindet, setzt sich eine fürchterliche Spirale der Gewalt in Gang, in die auch der ehemalige Kleinganove Teddy hineingezogen wird, der als V-Mann ins Gangstermilieu eingeschleust wird. Der Krieg auf Stockholms Straßen hat längst die Vororte verlassen und hält Einzug in die schicken Viertel und Milieus der Stadt. Keiner ist mehr sicher, wenn es um die tödliche Frage geht, wer in dieser düsteren Welt die Oberhand behält. (Verlagsinfo)

„Mr. One“ ist ein kompromisslos realistischer, aber überraschend introspektiver Thriller. Er lebt nicht von überdrehten Action-Szenen, sondern von den leisen, schonungslosen Dialogen und den komplexen Perspektivwechseln seiner Figuren. Sie alle stehen vor demselben Schicksalsdilemma: Hinein in die Macht oder Raus in die Legalität. Beides ist ein Spiel auf Zeit, eine gefährliche Wette mit dem Tod.

Der Autor beleuchtet die feinen Linien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld, und zeigt die Ehefrauen, Partner und Kinder, die unweigerlich in den Strudel gerissen werden. Die vermeintlich durchdachten Ausstiegspläne können in Sekundenbruchteilen zu Asche zerfallen. Dann zählt nur noch die Improvisation – und die kennt noch weniger Gesetze.

Die wahre Stärke des Romans liegt in den brillanten Charakterstudien und den Achterbahnfahrten der Emotionen, die er beim Leser auslöst. Zudem bietet er faszinierende Einblicke in den "kriminellen Baukasten" – von der Manipulation einer Tatwaffe bis zur verschlüsselten Kommunikation im digitalen Zeitalter. Trotz einer gewissen tiefgründigen Langatmigkeit in Phasen, zahlt sich das geduldige Erzähltempo am Ende aus. Das überraschende Finale stellt die Weichen für einen vielversprechenden, weiteren Band. Ein intelligenter Thriller, der durch seinen Realismus und seine psychologische Tiefe überzeugt.


Michael Sterzik



Donnerstag, 1. Januar 2026

Felix Blom - Mord an der Spree - Alex Beer


Wir leben in einer Ära der allwissenden Forensik. Ein winziges Hautschüppchen, ein digitaler Fußabdruck, eine Überwachungskamera an der Straßenecke – heute ist der „perfekte Mord“ fast eine Unmöglichkeit geworden. Die Netze der Justiz sind eng gewebt, Daten rasen in Sekunden um den Globus. Doch was passiert, wenn wir diese technologischen Krücken wegnehmen? Wenn wir die Zeit zurückdrehen, in eine Welt aus Gaslicht, Pferdekutschen und tiefen Schatten?

Berlin, 1879. Die Stadt boomt, ist dreckig, laut und gefährlich. Und genau hierhin entführt uns Alex Beer in ihrem dritten Band um den Meisterdieb und Privatdetektiv Felix Blom.
Es ist eine Zeit, in der Mörder noch im Schutz der Dunkelheit verschwinden konnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Wie viele Verbrechen blieben damals ungesühnt, einfach weil den Ermittlern die Werkzeuge fehlten? Wie viele Täter entkamen, weil Intuition das Einzige war, was einem Detektiv zur Verfügung stand? In diesem Spannungsfeld zwischen archaischer Ermittlungsarbeit und menschlichen Abgründen entfaltet sich der neue Fall.

Bislang war Felix Blom, der charmante Gauner und „Schatten von Berlin“, oft derjenige, der die Fäden zog. Doch diesmal verschiebt sich der Fokus auf seine Partnerin, Mathilde Voss. Der Fall beginnt vermeintlich klassisch: Der Mord an einer ehemaligen Prostituierten soll aufgeklärt werden. Doch für Mathilde ist dies kein Auftrag wie jeder andere. Er ist ein Spiegel ihrer eigenen, schmerzhaften Vergangenheit.

Als ehemalige Edelprostituierte kennt Mathilde die plüschigen Salons und die brutale Realität dahinter. Sie hat überlebt, wo andere zerbrochen sind. Doch nun, neun Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden einer engen Freundin, scheinen sich die Ereignisse auf unheimliche Weise zu verknüpfen. Hinweise tauchen auf, die suggerieren, dass die Geister der Vergangenheit nicht ruhen. Jemand da draußen bewahrt ein düsteres Geheimnis und ist bereit, dafür sprichwörtlich über Leichen zu gehen.

Alex Beer gelingt es meisterhaft, die psychologische Bedrohung greifbar zu machen. Es geht nicht mehr nur um beruflichen Erfolg oder das Lösen eines Rätsels – es geht um Mathildes Existenz. Die Gefahr rückt näher, wird persönlich, bedrohlich intim.

Um diesen übermächtigen, unsichtbaren Gegner zu stellen, muss Felix Blom das Undenkbare tun. Er muss sich mit dem Mann verbünden, der ihn am liebsten hinter Gitter sehen würde: seinem alten Widersacher, Kommissar Bruno. Hier zeigt sich die große Stärke des Romans: Die „Beziehungskiste“ zwischen dem Meisterdieb und dem preußischen Polizisten. Beide glauben fest an die Unschuld Mathildes, und dieses gemeinsame Ziel zwingt sie in eine Zweckgemeinschaft, die so spannungsgeladen ist wie ein Pulverfass. Sie werden vielleicht keine Freunde fürs Leben, aber in den Gassen Berlins entsteht eine Form von Respekt, die auf der bloßen Notwendigkeit beruht.

Fazit

„Felix Blom – Mord an der Spree“ ist mehr als nur ein Krimi. Es ist eine atmosphärisch dichte Zeitreise. Alex Beer hat wie gewohnt exzellent recherchiert; man riecht förmlich den Ruß der Öfen und den Dunst der Spree. Sie zeigt uns, dass sich zwar die Methoden der Kriminalistik revolutioniert haben – von der simplen Beobachtung zur DNA-Analyse –, aber eines gleich geblieben ist: Der Mensch als größte Fehlerquelle und als gefährlichstes Raubtier.
Ein Roman für alle, die Spannung lieben, aber auch für jene, die verstehen wollen, wie sehr unsere Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmt. Man kann sich verstecken, man kann leugnen – doch am Ende holt einen die Wahrheit immer ein.

Michael Sterzik 

Samstag, 27. Dezember 2025

Lübecks Töchter - Der Traum von Bildung und Freiheit - Anna Husen


Der Roman führt uns in das Deutschland um 1870 – eine Ära, in der Bildung und geistige Selbstentfaltung für Frauen keineswegs vorgesehen waren. Das gesellschaftliche Korsett war eng geschnürt: Die Frau hatte im Haus zu dienen und Kinder zu erziehen; intellektuelle Ambitionen wurden systematisch unterdrückt. Eine echte berufliche Perspektive oder gar akademische Bildung existierte in deutschen Städten kaum, schon gar nicht unter städtischer Förderung. Zwar gab es den historischen Lichtblick mutiger Frauen aus dem Bürgertum, die gegen diese Missstände ankämpften, doch verlangt dieses ernste Thema eine differenzierte Auseinandersetzung, die über bloße Unterhaltungsliteratur hinausgeht.
Das historische Fundament wäre eigentlich solide: 1876 gründeten die Schwestern Clara und Amélie Roquette im historischen Lübeck tatsächlich ein Lehrerinnenseminar – ein Meilenstein preußischer Pädagogik mit einem für damals beachtlichen Fächerkanon von Physik bis Französisch. Doch Anna Husen nutzt in ihrem Auftaktband „Lübecks Töchter“ diese spannende historische Vorlage leider nur als loses Gerüst.

Die Geschichte setzt 1874 ein: Die Lehrerin Amélie kehrt mit dem Traum der Schulgründung zurück, um Frauen die Selbstbestimmung zu ermöglichen. Als Gegenspieler wird ihr der Beamte Ferdinand Rubens vorgesetzt – eine Figur, die leider weniger wie ein glaubwürdiger historischer Akteur, sondern mehr wie der stereotype Bösewicht einer Telenovela wirkt, dessen einziger Zweck es ist, den Heldinnen Steine in den Weg zu legen.

Statt sich auf den harten Kampf um Bildung zu fokussieren, gleitet die Handlung schnell in melodramatische Gefilde ab. In Amélies Jugendfreund Richard findet sich der obligatorische emotionale Anker. Die Annäherung an den jungen Witwer und dessen Tochter sowie der konstruierte Konflikt – die Wahl zwischen „Traum und Liebe“ – bedienen vorhersehbare Muster. Die historische Relevanz der Roquette-Schwestern droht hierbei völlig im Weichzeichner einer trivialen Romanze zu versinken.

Der Roman erfüllt bedauerlicherweise jedes Klischee einer seichten Liebesgeschichte. Zwar dient Lübeck, die einstige Königin der Hanse, als atmosphärische Bühne, und die Beschreibungen der Gassen und der Trave-Ufer mögen Lokalkolorit versprühen. Doch wirkt dies oft wie ein touristischer Stadtführer, der über die inhaltlichen Schwächen hinwegtäuschen soll. Für Lübeck-Kenner mag das Flanieren durch die Königsstraße reizvoll sein, für den anspruchsvollen Leser historischer Romane reicht eine hübsche Kulisse jedoch nicht aus.
Die Autorin bemüht sich zwar, den Drang nach Freiheit und Wissen darzustellen, scheitert jedoch an der historischen Authentizität. Außer den Namen der Protagonistinnen und ein paar Eckdaten bleibt wenig Historisches übrig. Der Rest ist Fantasie – und davon leider zu viel des Guten. Die Figuren handeln und denken oft erschreckend modern, als hätte man heutigen Menschen historische Kostüme angezogen. Wer einen fundierten Historischen Roman erwartet, wird enttäuscht: Es ist eine modern verklärte Liebesgeschichte, die das Etikett „historisch“ kaum verdient, da sie die komplexe, oft brutale Realität der Frauen jener Zeit zugunsten romantischer Verwicklungen vernachlässigt.

Michael Sterzik

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Schatten über dem Wald - Cilla und Rolf Börjlind


Dörfer im Nirgendwo sind wie geschlossene Austern – nur dass sie statt Perlen oft dunkle Geheimnisse bergen. In der Abgeschiedenheit der Berge und Wälder, weit weg vom Gesetz der Großstadt, ist die Gemeinschaft Schutzschild und Gefängnis zugleich. Ein perfektes Versteck für jene, die vor der Justiz oder ihrer eigenen Vergangenheit fliehen.

Der Fundort: Makaber und Einzigartig

Der neunte Fall für Olivia Rönning beginnt mit einem bizarren Paukenschlag: Inmitten eines riesigen Ameisenhaufens in den nordschwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Der Fundort liegt ausgerechnet an einer alten samischen Opferstätte – ein Ort, der bereits vor dem Mord von Blut und Mythen getränkt war.

In das beschauliche Dorf Slagtjärn, das eigentlich für seine Offenheit gegenüber Aussteigern und Exzentrikern bekannt ist, kriecht die Angst. Doch je tiefer Olivia in den sozialen Kosmos des Ortes eindringt, desto schneller schließen sich die Türen.
In einem großen Ameisenhaufen in den schwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Olivia Rönning soll die hiesige Polizei bei den Mordermittlungen unterstützen. Der Tatort liegt nicht weit von einer alten samischen Opferstätte, ausgerechnet dort finden Forensiker deutliche Blutspuren. Angst macht sich in dem nahe gelegenen Dorf Slagtjärn breit. Ist es noch sicher, in der Dämmerung allein spazieren zu gehen? Dank des Zustroms von Städtern und niederländischen Auswanderern erfreut sich der kleine Ort eines lebhaften Miteinanders. Die Akzeptanz von Außenseitern und Exzentrikern ist traditionell hoch, doch jetzt ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft bedroht. Je tiefer Olivia in diesen Kosmos eindringt, desto misstrauischer und verschlossener reagieren die Menschen. Um das Geheimnis des Dorfes zu lüften, muss sie schließlich Tom Stilton und Mette Olsäter um Hilfe bitten. (Verlagsinfo) 

Ein bizarres Ensemble ohne Tiefgang

Die Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner skurrilen Besetzung. Das Dorf gleicht einem menschlichen Kuriositätenkabinett:
Ein Hellseher mit beunruhigenden Visionen.
Eine Familie aus der rechten Szene.
Ein Prepper, bereit für den Weltuntergang.
Ein autistischer Junge als stiller Beobachter.
Diese Figurenkonstellation verspricht Hochspannung, doch hier liegt auch die Krux: Während die Beziehungen untereinander zwar für Reibung und kryptische Dialoge sorgen, fehlt es der Geschichte an erzählerischer Tiefe. Die Handlung plätschert solide dahin, lässt aber die großen Wendungen und die atmosphärische Verdichtung vermissen, die man von dem Autorenduo gewohnt ist.

Wo ist Tom Stilton?

Der größte Wermutstropfen für Fans der Reihe: Die gewohnte Dynamik fehlt. Olivia agiert fast bis zum Finale als Einzelkämpferin. Die einstigen Ankerfiguren Tom Stilton und Mette Olsäter verblassen zu bloßen Randnotizen oder fernen Mentoren.
Ohne das Gegengewicht von Stilton verliert die Erzählung an erzählerischer Qualität. Die exklusive Perspektive Olivias engt den Raum für die Charakterentwicklung der anderen Figuren spürbar ein. Erst im letzten Drittel blitzt das alte Potenzial auf, wenn sich die Abhängigkeiten und Geheimnisse der Dorfbewohner endlich entwirren.

Fazit: 

Ein handwerklich solider Krimi mit einem großartigen Setting, der jedoch unter der Abwesenheit seiner stärksten Charaktere leidet. Ein Muss für Komplettisten, aber ein eher blasserer Beitrag zur Serie.

Michael Sterzik

Montag, 8. Dezember 2025

Der Silberbaum - Das Ende der Welt - Sabine Ebert


Sabine Ebert, die Grande Dame der historischen Literatur, nimmt uns in "Der Silberbaum – Das Ende der Welt" erneut mit in die düstere, faszinierende Welt des Mittelalters. Es ist eine Epoche, in der der allgegenwärtige Glaube an Himmel und Höllenfeuer das tägliche Leben regiert und keinen Halt vor sozialen Schranken macht. Doch die wahre Macht entfaltet sich nur in den Händen von Kaiser, König und Papst, deren politisch-religiöse Konflikte sie ihre Bevölkerung leichtfertig dem Leid und dem Tod aussetzen lassen.

Der noch junge Meißner Fürst Markgraf Heinrich muss sich einer nie da gewesenen Bedrohung stellen. Doch als endlich bessere Zeiten anbrechen, er glänzende Turniere veranstaltet, die Aussicht bekommt, Thüringen zu erben und seinen Sohn mit einer Kaisertochter zu vermählen, trifft ihn ein schmerzlicher Verlust. Dann wird auch noch der Stauferkaiser Friedrich II. von der Kirche für abgesetzt erklärt. Heinrich muss viele Stufen von Verrat miterleben, als sogar enge Verwandte die Seiten wechseln. In diesen dunklen Zeiten stehen ihm vor allem Marthes Sohn Thomas, ihr Enkel Christian und ihre Enkelin Änne zur Seite. Die Dichterin Milena wird nicht nur zur Chronistin der Ereignisse, sie beweist auch die Kraft von erzählter Geschichte. (Verlagsinfo) 

Der eigentliche Fokus dieses historischen Romans, so stellt sich schnell heraus, liegt auf der erschreckend genauen Darstellung der Rolle der Frau. Fernab jeder Emanzipation werden wir Zeugen eines Lebens, das von Abhängigkeit, willkürlicher Brutalität und klar definierten Pflichten bestimmt wird. Ebert gelingt hier eine brillante, wenngleich oft schockierende Präsentation des weiblichen Alltags: Der Wert einer Frau war gering, die arrangierte Ehe diente als politisches Pfand, nicht der Romantik.

Schwache Handlung, starke Frauenporträts

Leider präsentiert sich der zweite Band der Reihe als spürbar schwächer und oberflächlicher als seine Vorgänger. Die großen politischen Auseinandersetzungen, der Streit der Könige auf dem Schlachtfeld oder die kirchliche Brandmarkung des Kaisers als Antichrist – alles, was die Epoche so brisant macht – wird viel zu wenig beleuchtet. Sekundär gestreift, aber nicht im Detail ausgeführt.

Stattdessen rücken die Schicksale der fiktiven weiblichen Protagonistinnen ins Zentrum, teils bis ins kleinste Detail beschrieben. Obwohl die historische Detailtreue in Bezug auf Bräuche und Alltagsgegenstände unbestreitbar ist, lässt die Romanhandlung in ihrer Erzählung um Markgraf Heinrich viele Handlungsstränge unbeachtet und Schicksale ungeklärt.

Besonders die Darstellung der Religion ist ernüchternd realistisch. Ebert spart nicht mit Kritik an der römisch-katholischen Kirche jener Zeit und karikiert humorvoll die Menschen, die in prophetischer Weltuntergangsfurcht Hab und Gut verschenken – um dann festzustellen, dass das Ende der Welt wieder einmal nicht eingetreten ist.

Fazit:

"Der Silberbaum – Das Ende der Welt" ist ein Roman für eine spezifische Zielgruppe. Wer sich tief in die historischen Details und die alltäglichen Dramen der Frauen des Mittelalters einlesen möchte, wird hier fündig. Wer jedoch ein fesselndes Epos mit starkem Fokus auf die politischen und militärischen Machtkämpfe des Adels erwartet, wird enttäuscht. Der Roman bietet zwar den gewohnt hohen Unterhaltungswert einer historischen Koryphäe, lässt aber in seiner Eindimensionalität viele Fragen offen und verharrt zu sehr an der Oberfläche der großen Geschichte. Schade.

Michael Sterzik


Dienstag, 25. November 2025

Eisland - Kim Faber und Janni Pedersen


Wenn das Fundament der Gerechtigkeit bröckelt: Ermittlungs- und Verfahrensfehler können Existenzen in Schutt und Asche legen. Solche Justizirrtümer zerstören unwiederbringlich – nicht nur die verurteilte Person. Auch für die Opfer und ihre Angehörigen ist es eine unerträgliche Bürde, wenn ein potenzieller Täter die Freiheit zurückerhält. Doch auch die Ermittler selbst bleiben von dieser moralischen Zerreißprobe nicht unberührt. Die quälende Frage, ob der Freigelassene erneut schwere Verbrechen, vielleicht sogar einen weiteren Mord begeht, lastet wie ein Mühlstein auf ihrem Gewissen und lässt den Kompass der Gerechtigkeit ins Trudeln geraten.

In diesem Spannungsfeld positioniert das dänische Autorenduo Faber und Pedersen den vorliegenden fünften Band ihrer Erfolgsserie. Sie tauchen tief in diese moralischen Grauzonen ein und verweben sie geschickt mit der Schattenwelt der organisierten Bandenkriminalität. Man spürt: Die Reihe stellt sich neu auf. Frische Gesichter betreten die Bühne des Verbrechens, was dem etablierten Ensemble eine neue Dynamik verleiht.

Die Handlung beginnt mit einem Paukenschlag: Nach sieben Jahren wird der Mörder eines elfjährigen Jungen freigelassen – die Schuld ist juristisch nicht mehr haltbar. Doch Signe Kristiansen und Martin Juncker von der Kopenhagener Polizei sind fest von seiner Täterschaft überzeugt. Entgegen aller Anweisungen ihrer Vorgesetzten nehmen die beiden Ermittler die Jagd wieder auf. Als kurz darauf ein Staatsanwalt spurlos verschwindet, entdeckt ihre Kollegin Nabiha Khalid eine explosive Verbindung, die alle Fälle in einem brisanten Licht erscheinen lässt … (Quelle: Verlagsinfo)

„Eisland“ ist mehr als nur ein Thriller – es ist ein Spiegelbild nordischer Realität. Die Autoren scheuen sich nicht, schmerzhafte, brisante Themen zu sezieren: Neben dem klassischen Mordfall beleuchten sie die finsteren Abgründe organisierten Kindesmissbrauchs und das Wirken internationaler Verbrechersyndikate, die auch in Skandinavien längst Fuß gefasst haben.

Um ihren Protagonisten eine greifbare Tiefe zu verleihen, gewähren uns Faber und Pedersen einen intimen Einblick in das Privatleben der Ermittler. Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Gesetzestreue und persönlicher Verzweiflung. Diese schonungslose Thematisierung des Privaten wirkt dabei nie aufgesetzt, sondern unterstreicht die absolute Realitätsnähe der gesamten Handlung.

Die architektonische Konstruktion der Geschichte ist schlichtweg formvollendet. Dies ist keine phantasievolle Räuberpistole mit unrealistischen Zufällen oder Figuren, die Klischees bedienen. Der erweiterte Cast ist eine gelungene Bereicherung, die das Spektrum von Signe Kristiansen und Martin Juncker zwar neu justiert, aber ihre Relevanz keineswegs schmälert.

Die Erzählgeschwindigkeit ist hervorragend getaktet, und der Wechsel der Perspektiven verschafft dem Leser nicht nur eine tiefere Charakterzeichnung, sondern auch Momente, um Atem zu holen. Die Autoren legen erkennbar Wert auf die konsistente und logische Weiterentwicklung ihrer Figuren; Brüche oder Widersprüche sind Fehlanzeige. Die Dialoge und Interaktionen wirken durchdacht und gehen weit über das Oberflächliche hinaus.

Unterm Strich kann man dem sechsten Teil dieser Dänen-Krimireihe mit großer Vorfreude entgegensehen. Ein Wiedersehen mit diesem brillanten Figuren-Ensemble ist garantiert. „Eisland“ markiert unbestreitbar einen der stärksten Titel innerhalb der Serie.

Fazit

Ein schonungslos realistischer Kriminalroman mit garantierter Sogwirkung und einem absolut authentischen Hintergrund. Die skandinavische Krimilandschaft beweist mit solchen Titeln ihre ungebrochene Hoftauglichkeit.


Michael Sterzik

Mittwoch, 12. November 2025

Rabens Rache - Christian von Ditfurth


Christian von Ditfurths vierter Band der Karl-Raben-Reihe ist weit mehr als ein historischer Kriminalfall: Es ist eine unbarmherzige Konfrontation mit dem Beginn des Vernichtungskrieges 1939 und dem allgegenwärtigen Terror des NS-Staates. Mit dem Überfall auf Polen beginnt nicht nur das lange Leiden der Zivilbevölkerung durch die Willkür der deutschen Besatzung, sondern auch die systematische Mordmaschinerie der SS nimmt Gestalt an. Während Kriegsverbrechen in Deutschland propagandistisch als "Heldentaten" verharmlost werden, zieht sich die Schlinge des Überwachungsstaates erbarmungslos zu – jede Kritik führt in die Fänge der Gestapo oder ins KZ. In dieser Atmosphäre der Angst, Denunziation und des geflüsterten Widerstands beginnt die Geschichte von Karl Raben.

Es ist der 1. September 1939. Hitler überfällt Polen. Kommissar Karl Raben wird in eine der Einsatzgruppen eingezogen, die hinter der Front Juden ermorden sollen. Doch als er sich weigert, an einer Massenerschießung teilzunehmen, wird er zur Kripo in Berlin zurückversetzt. Dort beschäftigt ihn der Mordfall eines Abteilungsleiters in Joseph Goebbels‘ Propagandaministerium. Einer der Verdächtigen steht bereits auf der Liste des Kommissars: Fred Wetterau, der Filme für die Nazi-Wochenschau dreht, ist auch einer der Mörder des Kommunisten Kurt Esser, die Raben seit 1932 verfolgt. Da Wetterau gerade in Posen dreht, muss Raben zurück ins besetzte Polen, um zu ermitteln. Währenddessen zählt SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich in Berlin eins und eins zusammen: Kann es Zufall sein, dass Essers Mörder einer nach dem anderen unter ungewöhnlichen Umständen sterben? (Verlagsinfo) 

Christian von Ditfurth, der sein historisches Wissen als Autor meisterhaft nutzt, erschafft einen Roman, der einem Anti-Kriegsbericht gleichkommt. Mit beklemmender Bildgewalt schildert Raben die Schrecken der Schlachtfelder in Polen: zerfetzte Körper von Frauen und Kindern, vollständig zerstörte Dörfer. Der Autor macht die Gräuel der Massenerschießungen erfahrbar.

Besonders erschütternd sind die Dialoge mit den Tätern, die sich im Dunstkreis von Alkoholexzessen über ihre psychischen Belastungen beklagen. Der Roman zeigt, wie junge Soldaten und Familienväter systematisch zu Mördern geformt werden. Auch die Nazi-Größen Goebbels, Himmler und Heydrich treten auf und verkörpern die irre, übermenschliche Ideologie des Regimes.

"Rabens Rache" ist eine schwere Kost, deren beklemmende Atmosphäre den Schrecken der Zeit nachhaltig widerspiegelt. Die Hauptfiguren agieren auf einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Ihr Widerstand ist mutig, aber nicht selbstmörderisch. Sie leisten Gegenwehr und töten, teils aus Selbstschutz, teils um Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Man mag die Methoden verurteilen, doch man wird unweigerlich zum Sympathisanten der Verzweiflung eines Karl Raben, der es durch Schläue und Raffinesse immer wieder schafft, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

Fazit

Dieser Roman nimmt Schrecken und Verzweiflung an die Hand der Spannung. "Rabens Rache" ist ein fesselnder, realistischer Band, der nicht nur unterhält, sondern zum Verständnis der komplexen Opfer- und Täterrollen in unserer Geschichte beiträgt. Man kann sich bereits auf die Fortsetzung der Reihe und das weitere Schicksal dieser liebgewonnenen Figuren freuen.

Michael Sterzik

Freitag, 31. Oktober 2025

Rabenthron - Rebecca Gable

 


Rebecca Gable, die unbestrittene Königin des historischen Romans, entführt uns in ihrem neuesten Werk „Rabenthron“ (Bastei Lübbe Verlag) in ein England, das von den gnadenlosen Raubzügen der Nordmänner – Dänen und Norweger – in seinen Grundfesten erschüttert wird. Was einst mit einzelnen Wikingerschiffen begann, die kleine Küstendörfer und Klöster plünderten, entwickelte sich zu einer professionell organisierten Invasion ganzer Flottenverbände. Ihr Ziel: nicht nur Raub und Zerstörung, sondern die dauerhafte Ansiedlung auf englischem und französischem Boden.

Die Küsten Englands und Frankreichs werden zu Brutstätten der Wikingersiedlungen, der Einfluss skandinavischer Adeliger in der Normandie wächst stetig, und mit ihm der unerbittliche Wille, England zu erobern. Das Land wird zu einem jahrzehntelangen Schlachtfeld, auf dem der Einfluss der Wikinger und später der Normannen immer stärker wird. Eine Eroberung, die weit über die Insel hinaus ganz Europa prägen sollte, indem sie die angelsächsische Sprache durch das anglonormannische ablöste und so den Grundstein für das moderne Englisch legte.

Im Herbst des Jahres 1013 reist der junge Engländer Ælfric of Helmsby nach London, um den dänischen Gefangenen Hakon bei Hofe abzuliefern. Doch die Stadt liegt in Trümmern, ein Spiegelbild des schwachen Königs Ethelred, der sein Reich nicht vor den ständigen Wikingerüberfällen schützen kann. Entgegen aller Erwartungen sind Ælfric und Hakon keine Feinde, sondern Freunde geworden, die sich auf ihrer gefährlichen Reise aufeinander verlassen mussten. Schon bald gehören sie zum inneren Kreis der machtbewussten Königin Emma. Doch der Widerstand der Engländer bröckelt, und mit dem Tod des dänischen Königs steht ein noch gefährlicherer Feind vor den Toren... (Verlagsinfo)

Die Wut der Wikinger, entfacht durch die blutige Nacht am 13. November 1002, als König Ethelred die dänischen Siedler in ganz England abschlachten ließ, ist der eigentliche Auslöser für die Eroberung Englands. An diesem schicksalhaften St.-Brice-Day wurde auch die Schwester des dänischen Königs ermordet, was die Rachegelüste der Nordmänner ins Unermessliche steigerte.

Die packende Geschichte erstreckt sich über die Jahre 1013 bis 1041 und rückt Königin Emma ins Zentrum des Geschehens. Als Normannin, die den englischen König heiratete, wird sie als kluge und machtbewusste Strategin dargestellt, die ihr eigenes „Game of Thrones“ spielt. Die Autorin zeichnet ein gnadenloses Bild von König Æthelred: zögernd, mutlos und fast depressiv, unfähig, sein Volk gegen die Wut und den Eroberungswillen der Dänen und Norweger zu verteidigen.

Rebecca Gable bleibt den historischen Quellen und Fakten treu, verwebt sie jedoch gekonnt zu einem spannenden Roman, der immer wieder auch als fesselnder „Geschichtsunterricht“ dient. Die Kriege werden nicht nur auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern auch durch geschickte Verhandlungen und trickreiche Intrigen. Wer Gables Romane kennt, wird ihr erzählerisches Muster wiedererkennen, das sich an ihren früheren Werken orientiert, ohne dabei in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Neben unangenehmen Figuren finden sich auch hier wieder starke, sympathische Charaktere.

Dieser unterhaltsame Band, ein Prequel, das die Helmsby-Reihe abschließt, besticht durch seine originelle und fesselnde Erzählweise des englischen Mittelalters. Auch wenn die Dramaturgie manchmal allzu offensichtlich ist, verzeiht man der Autorin diese schriftstellerische Freiheit, die uns ein „So könnte es gewesen sein“ präsentiert.

Fazit:

Faszinierende Geschichtsstunden mit einer starken Frau im Mittelpunkt, die die vernichtende Wirkung von Worten zu nutzen weiß.

Michael Sterzik

Montag, 6. Oktober 2025

Assassins Anonymous - Rob Hart


Der ernsteste Job der Welt trifft auf die absurdeste Therapiegruppe.
Das Genre ist bekannt für seine ernste Miene. Doch "Assassins Anonymous" bricht alle Regeln. Dieses Buch liefert nicht nur die spannenden Entwicklungen und raffinierten Täter, die Sie erwarten, sondern auch eine emotionale Tiefgründigkeit und einen unerwarteten Humor, der entwaffnet.


Im Mittelpunkt: die ultimative Sucht. Es geht nicht um Geld oder Rache – es geht um den Rausch des Tötens, der sich wie ein kurzfristiges Gottgefühl anfühlt. Die Täter jagen ihren nächsten Kick, aber sie jagen auch eine Lösung.
Und genau hier wird es verrückt: Statt Ermittlern, Zellen und Verhören gibt es nun... Gruppentherapie.


Kann tödliche Sucht geheilt werden? Ist der Mord zur Rettung vieler Leben eine Rechtfertigung oder nur eine Ausrede? Packend, provokant und brillant gemischt. Bereiten Sie sich auf einen Roman vor, der Sie lachen und nachdenken lässt, oft innerhalb derselben Seite.


Einst war Mark der gefährlichste Auftragskiller der Welt. Doch inzwischen hat er dieses Leben hinter sich gelassen und ist den Assassins Anonymous beigetreten, einer geheimen Selbsthilfegruppe für reumütige Auftragsmörder, und folgt deren Zwölf-Stufen-Programm.
Kurz vor seinem einjährigen Jubiläum wird Mark von einem mysteriösen Russen angegriffen, der ihn schwer verletzt und halbtot zurücklässt. Wissend, dass sein Angreifer zurückkehren wird, muss Mark schleunigst herausfinden, wer ihn umbringen wollte und warum. Aber wie soll er überleben, ohne rückfällig zu werden und selbst jemanden zu töten? (Verlagsinfo) 


Assassins Anonymous" ist ein Pageturner, der Ihre Erwartungen nicht erfüllen will.
Im Zentrum steht Mark, ein Mörder auf dem schmerzhaften Weg der Besserung. Sein verzweifelter Kampf, bei jeder körperlichen Auseinandersetzung nicht in die alten, tödlichen Muster zu verfallen, ist gleichzeitig amüsant und zutiefst rührend. Denn hinter der Fassade des Killers steckt ein Mann mit Empfindungen, der sich schmerzlich bewusst wird, was er getan hat.
Das Figurenensemble: Mörder, ja. Aber nicht Schwarz und Weiß.


Rob Hart verweigert die einfache Kategorisierung in Gut und Böse. Stattdessen beleuchtet er eine Selbsthilfegruppe voller Mörder – nette, vielschichtige Menschen, die alle vor dem gleichen Problem stehen: Der Drang zur Normalität ist ein endloser Maskenball, der ihre Seele zu zersplittern droht. Das überdimensionierte Puzzle dieser zerbrochenen Seelen wird zur Therapiestunde auf Lebenszeit mit ungeahnter Eigendynamik.


Philosophische Tiefe ersetzt den Betondeckel über die Taten.
Wer sind die Auftraggeber hinter den bestellten Tötungen? Sind sie nicht auch Handlanger des Todes, damit ebenso schuldig? Der Roman stellt die fundamentalen Fragen: Wann ist ein Mord gerechtfertigt? Die Antworten darauf gibt er uns nicht – die müssen wir uns selbst geben.
Mit Actioneinlagen von hervorragender Choreografie und dem konzentrierten Blick auf Marks persönliche Entwicklung (der Fokus liegt ausschließlich auf ihm und seiner prägenden Vergangenheit) zieht Hart Sie unwiderstehlich in die Geschichte. Am Ende werden Sie mit den Überlebenden sympathisieren und traurig sein, dass die Handlung zu Ende ist.


Fazit: Ein origineller Roman, der Spannung, eine Prise schwarzen Humors und tiefgreifende philosophische Gedankengänge vereint. Ein unterhaltsamer Pageturner, der anders ist – und gerade deshalb auf ganzer Linie überzeugt.

Michael Sterzik