Mittwoch, 25. März 2026

Löwenherzen - Dan Jones


Was genau macht einen ganz gewöhnlichen Menschen zu einem „Löwen“? Ist es wirklich das waghalsige Risiko, die blinde Todesverachtung im Rausch einer Schlacht? Oder ist es nicht vielmehr jene stille, zähe Kraft, die uns dazu bringt, über uns selbst hinauszuwachsen? Wahrer Mut hat viele Gesichter, doch am eindrucksvollsten zeigt er sich oft in der vollkommenen Selbstlosigkeit – in dem tiefen Drang, andere, vielleicht Schwächere, mit dem eigenen Leben zu schützen. Oft sind es paradoxerweise gerade die Menschen, die von der Gesellschaft als unbedeutend abgetan werden, die das größte Kämpferherz beweisen. Vielleicht rührt diese Stärke gerade daher, dass sie selbst vom Leben gezeichnet sind und bereits unzählige Schicksalsschläge und Herausforderungen meistern mussten.

Genau in dieser rohen, ungeschönten Menschlichkeit liegt der erzählerische Kern des dritten und abschließenden Romans über die Söldnertruppe der „Essex Dogs“. Mit diesem Buch liefert Dan Jones nicht nur einen grandiosen Abschluss seiner historischen Reihe, sondern ein tiefgründiges Epochenporträt, das aus vielerlei Gründen eine absolute Leseempfehlung ist.

Dan Jones entwirft das faszinierende Sittenbild einer Welt im radikalen Umbruch. England befindet sich in der unruhigen Zeit nach der Großen Pest. Die Gesellschaft ist von extremen, geradezu schmerzhaften Kontrasten geprägt: Auf der einen Seite steht das harte, entbehrungsreiche und doch von einer leisen Hoffnung getragene Leben der einfachen Bevölkerung, die versucht, aus den Trümmern eine neue Existenz aufzubauen. Auf der anderen Seite prallt diese Realität auf die schamlose Dekadenz und die ungenierte Feierwut des königlichen Hofes in Windsor.

Es ist eine Ära, in der moralische Grenzen verschwimmen. Das zwielichtige Milieu der Piraten und Kriegsgewinnler lockt mit schnellem, aber schmutzigem Geld. Gleichzeitig versuchen verarmte Ritter verzweifelt, ihren Status in einer Welt zu retten, die langsam, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegengeht. Und über all diesem gesellschaftlichen Chaos thront der englische König Edward III., der den Wirren seiner Zeit mit einem fast schon zynischen Fatalismus und seinem treuen Motto begegnet: "It is as it is."

Die Handlung des dritten Bandes setzt nur wenige Jahre nach den dramatischen Ereignissen des Vorgängers ein. Die einst so eingeschworene Truppe der Essex Dogs ist zerrissen und in alle Winde zerstreut. Die Zeiten sind unbarmherzig, und die alten Veteranen geben alles, um sich einen Neuanfang abseits der Schlachtfelder zu erkämpfen – doch die zivile Welt erweist sich als ebenso gnadenlos wie der Krieg: Millstone und Thorp müssen sich als Leibwächter einer Prinzessin verdingen, der Scotsman wird als bloßer Schaukämpfer zur Belustigung anderer schikaniert, und Romford schuftet für einen Ritter, der ihn schamlos ausbeutet.
Besonders tragisch ist das Schicksal von Loveday. Er versucht mit aller Macht, die Schrecken der vergangenen Schlachten aus seinem Gedächtnis zu streichen, um sich und seiner kleinen Familie den Traum von einem eigenen Gasthaus zu erfüllen. Er will diese friedliche Familienidylle um jeden Preis beschützen. Doch die Vergangenheit ist ein unerbittlicher Jäger. Schon bald muss Loveday ahnen, dass er ein letztes Mal in die Schlacht ziehen muss. Letztlich holt die alten Kameraden die bittere Erkenntnis ein: Das blutige Handwerk des Krieges ist womöglich das Einzige, was sie in dieser Welt wirklich beherrschen. Was sie in diesen dunklen Stunden aufrechterhält, ist ihre tiefe Verbundenheit. Immer wieder gedenken sie der gefallenen Gefährten, die an ihrer Seite kämpften und den Tod fanden.

Dan Jones ist nicht nur ein Autor; er ist ein renommierter Experte und Historiker. Bekannt durch seine viel gerühmten Dokumentationen, Podcasts und eine ganze Riege fundierter historischer Sachbücher, festigt er mit dieser Trilogie nun endgültig seine Position in der historischen Belletristik.

Fazit
Sein besonderes Talent zeigt sich in der mühelosen Verschmelzung von Fakten und Fiktion. Die fiktive kleine Söldnergruppe bewegt sich durch ein dichtes Netz historisch verbürgter Ereignisse. Jones beweist ein unglaubliches Fingerspitzengefühl dabei, reale historische Persönlichkeiten in seine Handlung einzubauen und sie atmen zu lassen. Es ist eine besondere erzählerische Freude, wenn überlieferte Zitate dieser Figuren ganz natürlich ihren Weg in das spannende Storytelling finden. Nüchterne, historische Fakten in eine derart packende, emotionale und zugleich informative Erzählung zu übersetzen, ist eine große Kunst – und Dan Jones beherrscht sie in diesem Finale meisterhaft.

Michael Sterzik

Sonntag, 1. März 2026

Im Schatten der Ruinen - Peter Klisa


Das Trauma der „Stunde Null“: Leben in einer Mondlandschaft. Das Jahr 1945 markierte für Deutschland nicht nur das Ende eines verheerenden Krieges, sondern einen völligen zivilisatorischen Zusammenbruch. Die einst pulsierenden Metropolen glichen apokalyptischen Mondlandschaften; allein in Berlin türmten sich Abermillionen Kubikmeter Schutt. In diesen Trümmerwüsten vegetierten die Überlebenden – desillusioniert, gezeichnet und unter ständiger Lebensgefahr, da beschädigte Gebäudereste jederzeit einzustürzen drohten. Die gesellschaftliche Ordnung lag sprichwörtlich in Schutt und Asche. Familien waren zerrissen, und der Alltag wurde bestimmt vom quälenden Warten auf ein Lebenszeichen der Väter, Söhne und Ehemänner. Oft brachte erst eine knappe Meldung des Deutschen Roten Kreuzes die bittere Gewissheit. Und wer tatsächlich aus der Gefangenschaft oder von den Fronten zurückkehrte, fand oft nichts weiter vor als die zertrümmerten Reste seiner früheren Existenz.

Die Wirtschaft der Verzweiflung und das Gesetz des Schwarzmarktes

In den Jahren nach der Kapitulation kostete die eklatante Unterversorgung zahllose weitere Leben. Die offizielle Währung, die Reichsmark, hatte faktisch ihren Wert verloren, und die ausgegebenen Lebensmittelkarten reichten bei Weitem nicht aus, um den täglichen Kalorienbedarf zu decken. Aus schierer Verzweiflung klammerten sich die Menschen an die nackte Existenzsicherung.

Es etablierte sich rasant eine neue, illegale Ökonomie: der Schwarzmarkt. Die amerikanische Zigarette wurde zur inoffiziellen Leitwährung. Alles, was noch einen Funken Wert besaß – der gerettete Schmuck der Großeltern, wertvolle Antiquitäten, aber auch simpler Stahl, Kohle oder Konservendosen aus den Ruinen –, wurde hier getauscht. In den Besatzungszonen Berlins gehörte dieses Treiben zum Alltag und wurde von den Behörden oft zähneknirschend toleriert, da es das Überleben der Massen sicherte. Doch wo staatliche Kontrolle fehlte, füllte die organisierte Kriminalität das Vakuum. Skrupellose Schieberbanden rissen den Handel an sich, bereicherten sich an der Not der Bevölkerung und etablierten das brutale Gesetz der Straße.

Berlin 1948: Pulverfass im Zentrum der Mächte Genau in dieses historische Pulverfass – ein gesetzloses Berlin kurz vor der Währungsreform und der sich abzeichnenden Blockade – entführt Peter Klisa mit seinem neuesten Roman „Im Schatten der Ruinen“.

Captain Matthew Wallet wird im Jahr 1948 ausgerechnet in den amerikanischen Sektor dieser zerstörten Stadt strafversetzt. Sein Auftrag ist so simpel wie lebensgefährlich: Er und seine Einheit sollen die ausufernde Bandenkriminalität unter Kontrolle bringen. Doch die Realität übertrifft Wallets schlimmste Erwartungen. Er stößt auf die „Brandenburger“, ein hochgefährliches Netzwerk ehemaliger Wehrmachtssoldaten, das in allen vier Sektoren Berlins sein Unwesen treibt. Als diese Bande bei einem Massaker in einem Schwarzmarktlager eine gegnerische Gruppierung skrupellos ausschaltet, weiß Wallet, dass ihm die Zeit davonläuft.

Um das Netzwerk zu infiltrieren, engagiert er einen Informanten aus der Szene: den erst zwölfjährigen Heiner, der in der Unterwelt bestens vernetzt ist. Ein riskantes Spiel beginnt, das bald außer Kontrolle gerät. Kurze Zeit später verschwindet der Junge spurlos. Gemeinsam mit Heiners Mutter, Klara, begibt sich Wallet auf eine verzweifelte Suche – und die beiden tappen prompt in einen tödlichen Hinterhalt.

Fazit: Eine schonungslose Zeitreise 

Peter Klisa liefert mit „Im Schatten der Ruinen“ weit mehr als nur einen spannenden Kriminalroman. Das Buch besticht durch eine profunde historische Recherchearbeit und fängt die düstere, moralische Grauzone der Nachkriegsjahre exzellent ein. Der Autor wirft uns regelrecht in eine Welt zurück, deren Härte heute kaum noch fassbar ist.

Für eine Generation, die fließendes Wasser, eine verlässliche Infrastruktur, Energie und ein sicheres Dach über dem Kopf als Selbstverständlichkeit erachtet, ist dieser Roman eine eindringliche Lektion. Er macht auf fesselnde Weise begreifbar, unter welchen unfassbaren Entbehrungen die Menschen damals nicht nur überlebten, sondern den unerschütterlichen Willen aufbrachten, eine neue Zukunft aufzubauen. Ein tiefgründiges Leseerlebnis, das den Horizont erweitert und lange nachhallt.

Michael Sterzik

Montag, 16. Februar 2026

Das Camp - Linus Geschke


Das Böse ist kein flüchtiger Gast, der höflich anklopft und wieder verschwindet. Es ist ein Sediment. Es lagert sich lautlos ab, schichtet sich über Jahrzehnte an Orten auf, an denen Grausamkeit zur ungesunden Routine wurde, bis die bloße Luft dort eine beklemmende Schwere annimmt. Linus Geschke beweist in der Fortsetzung seiner Trilogie eindrucksvoll, dass die Grenze zwischen Licht und Schatten niemals statisch ist. Motive verschwimmen im Nebel der Ardennen, Gut und Böse werden zur reinen Interpretationssache – und manchmal ist der Preis für die nackte Wahrheit schlichtweg lebensgefährlich.

Nach dem fulminanten Auftakt in „Der Trailer“ löst Geschke nun sein unbarmherziges Versprechen aus dem Nachwort ein: Niemand ist sicher. Wer glaubte, sich an liebgewonnene Figuren klammern zu können wie an einen Rettungsanker, wird schmerzhaft eines Besseren belehrt. In dieser Welt gibt es keine Plot-Armor; jeder Herzschlag könnte der letzte sein.

Im Zentrum der Finsternis steht das Camp Donkerbloem. Ein Ort mit einer Historie, die man besser tief unter Waldboden und Schweigen begraben hätte. Wout Meertens versucht hier gemeinsam mit dem Ex-Boxer Tayfun einen Neuanfang. Doch die Idylle der Ardennen ist so brüchig wie dünnes Eis. Während hunderte Kilometer entfernt ein verstörender Killer eine blutige Schneise durch das Land schlägt, flüchtet die Hamburger Kommissarin Frieda Stahnke ausgerechnet dorthin, wo sie Sicherheit vermutet. Ein fataler Irrtum. Denn mit ihr kehrt das Böse nicht nur zurück nach Donkerbloem – es bittet zum tödlichen Tanz.

Geschke beherrscht die seltene Kunst der „kleinlichen“ Charakterzeichnung. Seine Protagonisten sind keine glattgebügelten Reißbrett-Helden; sie haben Risse, Kanten und eine psychologische Tiefe, die sie erschreckend menschlich und gerade dadurch so verwundbar macht.

„Das Camp“ ist in seiner Konsequenz beinahe physisch spürbar. Wenn der Killer zuschlägt, lässt der Autor seine Leser den Atem anhalten – man meint, das Sterben der Opfer förmlich im Raum zu hören. Doch inmitten dieser nackten Brutalität findet Geschke immer wieder Momente der absoluten Stille. Sein „Spannungsorchester“ beherrscht auch die leisen, emotionalen Töne, die den Leser erst entwaffnen, bevor der nächste Schlag mit voller Wucht trifft.

Fazit

Die Story selbst agiert dabei wie eine hungrige Katze in einer überfüllten Hundeschule

Linus Geschke hat seinen Stil zur Perfektion getrieben. Er schreibt ohne überflüssigen Ballast, ohne künstliche Längen, dafür mit einer unbarmherzigen, nicht-linearen Charakterentwicklung. Man weiß nie, welche Abzweigung diese Figuren als Nächstes nehmen – oder ob sie das nächste Kapitel überhaupt überleben.

Wer Band 1 und 2 noch nicht kennt, sollte die eiserne Disziplin aufbringen und bis zum Finale „Die Schlucht“ im Juli warten. Dann steht einem kompromisslosen, schlaflosen Lesesommer nichts mehr im Wege.

Ein absoluter Pageturner. Das Böse ist längst salonfähig geworden, die Eskalation ist in vollem Gange – und ich kann es kaum erwarten, bis die Falle im finalen Band endgültig zuschnappt.

Michael Sterzik



Mittwoch, 4. Februar 2026

Tote Seelen singen nicht – Jussi Adler Olsen, Stine Bolther und Line Holm


Ein Schatten liegt über dem berühmten „Sonderdezernat Q“, und dieses Mal ist es kein ungelöster Cold Case, sondern die Realität selbst. Jussi Adler-Olsen, der literarische Vater des chronisch mürrischen Carl Mørck und Schöpfer einer der erfolgreichsten dänischen Thriller-Reihen überhaupt, ist schwer erkrankt. Seine Krebserkrankung markiert einen bitteren Wendepunkt, doch sie bedeutet nicht das Ende. Was ursprünglich als zehnbändiges Epos geplant war, transformiert sich nun unter dramatischen Umständen: Das literarische Zepter wird weitergereicht.

Ein gewagtes Erbe Die Aufgabe, in die Fußstapfen eines Giganten wie Adler-Olsen zu treten, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Doch die Autorinnen Stine Bolther und Line Holm stellen sich dieser Herausforderung. Die Verlagsbranche und die weltweite Fangemeinde blicken mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung auf diesen Titel. Kann der spezielle „Sound“ des Sonderdezernats – diese einzigartige Melange aus skurrilen Charakteren, beklemmender Spannung und nordischer Melancholie – ohne seinen ursprünglichen Dirigenten fortbestehen?
Carl Mørck zieht den Stecker Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Carl Mørck ist raus. Der Mann, der das Sonderdezernat Q definierte, hat nach einer traumatischen Zeit unschuldiger Inhaftierung den Dienst quittiert. Er hat genug. Doch die Natur (und das Verbrechen) verabscheut ein Vakuum. 

An Carls verwaistem Schreibtisch im Kopenhagener Polizeikeller macht sich eine neue Kraft breit – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Helena Henry. Die taffe Französin aus Lyon ist mehr als nur eine Nachfolgerin; sie ist eine Provokation. Sie ist geheimnisvoll, trägt dunkle Geheimnisse wie einen unsichtbaren Mantel und legt ihre Füße mit einer Selbstverständlichkeit auf Carls Tisch, die im Team für Schockwellen sorgt.

Krieg im Keller Die Dynamik der Kult-Truppe wird durch Helena komplett auf den Kopf gestellt. Rose, die Seele des Dezernats, reagiert mit offener Feindseligkeit auf die Eindringlingin. Assad, sonst der ruhende Pol, schwankt zwischen Verwirrung und Faszination. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände im Team verleihen der Geschichte eine psychologische Schärfe, die den bloßen Kriminalfall fast in den Schatten stellt. Doch das Verbrechen wartet nicht auf Teambuilding-Maßnahmen. Eine grausame Mordserie zwingt die ungleichen Ermittler zur Zusammenarbeit. Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit, in ein Internat für Sänger, wo vor Jahrzehnten Entsetzliches geschah.

Der Krimiautor wider Willen Und Carl? Der intelligente Sturkopf hat zwar den Dienst quittiert und versucht sich inzwischen – in einer fast ironischen Wendung des Schicksals – als Krimiautor, doch ganz kann er nicht loslassen. Er liefert seinem alten Team, nun geführt von Helena, die entscheidende heiße Spur. In dieser neuen Konstellation wird der ehemalige Protagonist zur Schlüsselfigur im Hintergrund, während Helena Henry das Rampenlicht für sich beansprucht. Sie erweist sich dabei als würdige Erbin: impulsiv, nachhaltig und genauso bockig, wie Carl es zu seinen besten Zeiten war.

Fazit: Ein gelungener Neuanfang „Tote Seelen singen nicht“ ist mehr als nur eine Fortsetzung; es ist eine Neuerfindung unter Bewahrung der Tradition. Das Autorentrio (bzw. die Nachfolgerinnen) schaffen es, die dichte Atmosphäre der Vorgängerromane zu konservieren. Besonders die wechselnden Erzählperspektiven tun dem Buch gut und verleihen der Handlung eine neue Tiefe, gerade in den Rückblenden.

Ohne Rose und Assad wäre ein Neuanfang undenkbar gewesen, doch die Einführung von Helena Henry injiziert der Reihe das notwendige frische Blut. Wer befürchtet hat, das Sonderdezernat Q würde ohne Adler-Olsens Alleinherrschaft untergehen, darf aufatmen: Der Keller lebt, und es ist dort unten ungemütlicher und spannender denn je.

Michael Sterzik

Montag, 19. Januar 2026

Mr. One - Jens Lapidus


Der Traum vom schnellen Geld verspricht Macht und grenzenlose Unabhängigkeit. Doch die Schattenwelt der Metropolen ist ein Malstrom, in dem Respekt nur durch Gewalt erkauft wird. Die Desperados an der Spitze von Kartellen und Clans mögen kurzzeitig unantastbar erscheinen, doch die Uhr tickt unerbittlich. Am Ende wartet oft die Justiz – oder ein noch härteres Gericht. Denn wer an der Spitze steht, hat nicht nur Reichtum, sondern zieht unzählige Feinde an: loyale Konkurrenten, Verräter, die als "Ratten" die Struktur aushöhlen, und rivalisierende Organisationen, die jede Schwäche als Einladung zum Angriff sehen. Der Preis für den Thron ist ewige Paranoia.

Doch was, wenn das Gewissen erwacht? Was, wenn der Boss aussteigen will, weil die Verantwortung für sich und andere das Gangsterleben überwiegt? Der Wunsch nach Legalität wird zum ultimativen Himmelfahrtskommando, denn die Gefahr, liquidiert zu werden und alles Verlorene endgültig zu begraben, ist omnipräsent. Der Ausstieg ist der seltenste Traum der Unterwelt.

Jens Lapidus, selbst Rechtsanwalt in Schweden, gewährt uns in seinem Roman „Mr. One“ einen tiefen Einblick in diese erbarmungslose Maschinerie. Seine Recherchen und Erfahrungen spiegeln sich in einer Authentizität wider, die unter die Haut geht.

Isak Nimrod will sich nach vielen Jahren als Boss der Unterwelt aus dem Gangsterleben zurückziehen und ein legales Leben führen. Sofort beginnt ein wilder Kampf um sein Erbe. Wer wird der neue Mr. One? Seinen Platz möchte Kerim Celali einnehmen, der anders als Isak, mit brutaler Gewalt regiert. Als Isaks Sohn Max verschwindet, setzt sich eine fürchterliche Spirale der Gewalt in Gang, in die auch der ehemalige Kleinganove Teddy hineingezogen wird, der als V-Mann ins Gangstermilieu eingeschleust wird. Der Krieg auf Stockholms Straßen hat längst die Vororte verlassen und hält Einzug in die schicken Viertel und Milieus der Stadt. Keiner ist mehr sicher, wenn es um die tödliche Frage geht, wer in dieser düsteren Welt die Oberhand behält. (Verlagsinfo)

„Mr. One“ ist ein kompromisslos realistischer, aber überraschend introspektiver Thriller. Er lebt nicht von überdrehten Action-Szenen, sondern von den leisen, schonungslosen Dialogen und den komplexen Perspektivwechseln seiner Figuren. Sie alle stehen vor demselben Schicksalsdilemma: Hinein in die Macht oder Raus in die Legalität. Beides ist ein Spiel auf Zeit, eine gefährliche Wette mit dem Tod.

Der Autor beleuchtet die feinen Linien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld, und zeigt die Ehefrauen, Partner und Kinder, die unweigerlich in den Strudel gerissen werden. Die vermeintlich durchdachten Ausstiegspläne können in Sekundenbruchteilen zu Asche zerfallen. Dann zählt nur noch die Improvisation – und die kennt noch weniger Gesetze.

Die wahre Stärke des Romans liegt in den brillanten Charakterstudien und den Achterbahnfahrten der Emotionen, die er beim Leser auslöst. Zudem bietet er faszinierende Einblicke in den "kriminellen Baukasten" – von der Manipulation einer Tatwaffe bis zur verschlüsselten Kommunikation im digitalen Zeitalter. Trotz einer gewissen tiefgründigen Langatmigkeit in Phasen, zahlt sich das geduldige Erzähltempo am Ende aus. Das überraschende Finale stellt die Weichen für einen vielversprechenden, weiteren Band. Ein intelligenter Thriller, der durch seinen Realismus und seine psychologische Tiefe überzeugt.


Michael Sterzik



Donnerstag, 1. Januar 2026

Felix Blom - Mord an der Spree - Alex Beer


Wir leben in einer Ära der allwissenden Forensik. Ein winziges Hautschüppchen, ein digitaler Fußabdruck, eine Überwachungskamera an der Straßenecke – heute ist der „perfekte Mord“ fast eine Unmöglichkeit geworden. Die Netze der Justiz sind eng gewebt, Daten rasen in Sekunden um den Globus. Doch was passiert, wenn wir diese technologischen Krücken wegnehmen? Wenn wir die Zeit zurückdrehen, in eine Welt aus Gaslicht, Pferdekutschen und tiefen Schatten?

Berlin, 1879. Die Stadt boomt, ist dreckig, laut und gefährlich. Und genau hierhin entführt uns Alex Beer in ihrem dritten Band um den Meisterdieb und Privatdetektiv Felix Blom.
Es ist eine Zeit, in der Mörder noch im Schutz der Dunkelheit verschwinden konnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Wie viele Verbrechen blieben damals ungesühnt, einfach weil den Ermittlern die Werkzeuge fehlten? Wie viele Täter entkamen, weil Intuition das Einzige war, was einem Detektiv zur Verfügung stand? In diesem Spannungsfeld zwischen archaischer Ermittlungsarbeit und menschlichen Abgründen entfaltet sich der neue Fall.

Bislang war Felix Blom, der charmante Gauner und „Schatten von Berlin“, oft derjenige, der die Fäden zog. Doch diesmal verschiebt sich der Fokus auf seine Partnerin, Mathilde Voss. Der Fall beginnt vermeintlich klassisch: Der Mord an einer ehemaligen Prostituierten soll aufgeklärt werden. Doch für Mathilde ist dies kein Auftrag wie jeder andere. Er ist ein Spiegel ihrer eigenen, schmerzhaften Vergangenheit.

Als ehemalige Edelprostituierte kennt Mathilde die plüschigen Salons und die brutale Realität dahinter. Sie hat überlebt, wo andere zerbrochen sind. Doch nun, neun Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden einer engen Freundin, scheinen sich die Ereignisse auf unheimliche Weise zu verknüpfen. Hinweise tauchen auf, die suggerieren, dass die Geister der Vergangenheit nicht ruhen. Jemand da draußen bewahrt ein düsteres Geheimnis und ist bereit, dafür sprichwörtlich über Leichen zu gehen.

Alex Beer gelingt es meisterhaft, die psychologische Bedrohung greifbar zu machen. Es geht nicht mehr nur um beruflichen Erfolg oder das Lösen eines Rätsels – es geht um Mathildes Existenz. Die Gefahr rückt näher, wird persönlich, bedrohlich intim.

Um diesen übermächtigen, unsichtbaren Gegner zu stellen, muss Felix Blom das Undenkbare tun. Er muss sich mit dem Mann verbünden, der ihn am liebsten hinter Gitter sehen würde: seinem alten Widersacher, Kommissar Bruno. Hier zeigt sich die große Stärke des Romans: Die „Beziehungskiste“ zwischen dem Meisterdieb und dem preußischen Polizisten. Beide glauben fest an die Unschuld Mathildes, und dieses gemeinsame Ziel zwingt sie in eine Zweckgemeinschaft, die so spannungsgeladen ist wie ein Pulverfass. Sie werden vielleicht keine Freunde fürs Leben, aber in den Gassen Berlins entsteht eine Form von Respekt, die auf der bloßen Notwendigkeit beruht.

Fazit

„Felix Blom – Mord an der Spree“ ist mehr als nur ein Krimi. Es ist eine atmosphärisch dichte Zeitreise. Alex Beer hat wie gewohnt exzellent recherchiert; man riecht förmlich den Ruß der Öfen und den Dunst der Spree. Sie zeigt uns, dass sich zwar die Methoden der Kriminalistik revolutioniert haben – von der simplen Beobachtung zur DNA-Analyse –, aber eines gleich geblieben ist: Der Mensch als größte Fehlerquelle und als gefährlichstes Raubtier.
Ein Roman für alle, die Spannung lieben, aber auch für jene, die verstehen wollen, wie sehr unsere Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmt. Man kann sich verstecken, man kann leugnen – doch am Ende holt einen die Wahrheit immer ein.

Michael Sterzik 

Samstag, 27. Dezember 2025

Lübecks Töchter - Der Traum von Bildung und Freiheit - Anna Husen


Der Roman führt uns in das Deutschland um 1870 – eine Ära, in der Bildung und geistige Selbstentfaltung für Frauen keineswegs vorgesehen waren. Das gesellschaftliche Korsett war eng geschnürt: Die Frau hatte im Haus zu dienen und Kinder zu erziehen; intellektuelle Ambitionen wurden systematisch unterdrückt. Eine echte berufliche Perspektive oder gar akademische Bildung existierte in deutschen Städten kaum, schon gar nicht unter städtischer Förderung. Zwar gab es den historischen Lichtblick mutiger Frauen aus dem Bürgertum, die gegen diese Missstände ankämpften, doch verlangt dieses ernste Thema eine differenzierte Auseinandersetzung, die über bloße Unterhaltungsliteratur hinausgeht.
Das historische Fundament wäre eigentlich solide: 1876 gründeten die Schwestern Clara und Amélie Roquette im historischen Lübeck tatsächlich ein Lehrerinnenseminar – ein Meilenstein preußischer Pädagogik mit einem für damals beachtlichen Fächerkanon von Physik bis Französisch. Doch Anna Husen nutzt in ihrem Auftaktband „Lübecks Töchter“ diese spannende historische Vorlage leider nur als loses Gerüst.

Die Geschichte setzt 1874 ein: Die Lehrerin Amélie kehrt mit dem Traum der Schulgründung zurück, um Frauen die Selbstbestimmung zu ermöglichen. Als Gegenspieler wird ihr der Beamte Ferdinand Rubens vorgesetzt – eine Figur, die leider weniger wie ein glaubwürdiger historischer Akteur, sondern mehr wie der stereotype Bösewicht einer Telenovela wirkt, dessen einziger Zweck es ist, den Heldinnen Steine in den Weg zu legen.

Statt sich auf den harten Kampf um Bildung zu fokussieren, gleitet die Handlung schnell in melodramatische Gefilde ab. In Amélies Jugendfreund Richard findet sich der obligatorische emotionale Anker. Die Annäherung an den jungen Witwer und dessen Tochter sowie der konstruierte Konflikt – die Wahl zwischen „Traum und Liebe“ – bedienen vorhersehbare Muster. Die historische Relevanz der Roquette-Schwestern droht hierbei völlig im Weichzeichner einer trivialen Romanze zu versinken.

Der Roman erfüllt bedauerlicherweise jedes Klischee einer seichten Liebesgeschichte. Zwar dient Lübeck, die einstige Königin der Hanse, als atmosphärische Bühne, und die Beschreibungen der Gassen und der Trave-Ufer mögen Lokalkolorit versprühen. Doch wirkt dies oft wie ein touristischer Stadtführer, der über die inhaltlichen Schwächen hinwegtäuschen soll. Für Lübeck-Kenner mag das Flanieren durch die Königsstraße reizvoll sein, für den anspruchsvollen Leser historischer Romane reicht eine hübsche Kulisse jedoch nicht aus.
Die Autorin bemüht sich zwar, den Drang nach Freiheit und Wissen darzustellen, scheitert jedoch an der historischen Authentizität. Außer den Namen der Protagonistinnen und ein paar Eckdaten bleibt wenig Historisches übrig. Der Rest ist Fantasie – und davon leider zu viel des Guten. Die Figuren handeln und denken oft erschreckend modern, als hätte man heutigen Menschen historische Kostüme angezogen. Wer einen fundierten Historischen Roman erwartet, wird enttäuscht: Es ist eine modern verklärte Liebesgeschichte, die das Etikett „historisch“ kaum verdient, da sie die komplexe, oft brutale Realität der Frauen jener Zeit zugunsten romantischer Verwicklungen vernachlässigt.

Michael Sterzik

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Schatten über dem Wald - Cilla und Rolf Börjlind


Dörfer im Nirgendwo sind wie geschlossene Austern – nur dass sie statt Perlen oft dunkle Geheimnisse bergen. In der Abgeschiedenheit der Berge und Wälder, weit weg vom Gesetz der Großstadt, ist die Gemeinschaft Schutzschild und Gefängnis zugleich. Ein perfektes Versteck für jene, die vor der Justiz oder ihrer eigenen Vergangenheit fliehen.

Der Fundort: Makaber und Einzigartig

Der neunte Fall für Olivia Rönning beginnt mit einem bizarren Paukenschlag: Inmitten eines riesigen Ameisenhaufens in den nordschwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Der Fundort liegt ausgerechnet an einer alten samischen Opferstätte – ein Ort, der bereits vor dem Mord von Blut und Mythen getränkt war.

In das beschauliche Dorf Slagtjärn, das eigentlich für seine Offenheit gegenüber Aussteigern und Exzentrikern bekannt ist, kriecht die Angst. Doch je tiefer Olivia in den sozialen Kosmos des Ortes eindringt, desto schneller schließen sich die Türen.
In einem großen Ameisenhaufen in den schwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Olivia Rönning soll die hiesige Polizei bei den Mordermittlungen unterstützen. Der Tatort liegt nicht weit von einer alten samischen Opferstätte, ausgerechnet dort finden Forensiker deutliche Blutspuren. Angst macht sich in dem nahe gelegenen Dorf Slagtjärn breit. Ist es noch sicher, in der Dämmerung allein spazieren zu gehen? Dank des Zustroms von Städtern und niederländischen Auswanderern erfreut sich der kleine Ort eines lebhaften Miteinanders. Die Akzeptanz von Außenseitern und Exzentrikern ist traditionell hoch, doch jetzt ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft bedroht. Je tiefer Olivia in diesen Kosmos eindringt, desto misstrauischer und verschlossener reagieren die Menschen. Um das Geheimnis des Dorfes zu lüften, muss sie schließlich Tom Stilton und Mette Olsäter um Hilfe bitten. (Verlagsinfo) 

Ein bizarres Ensemble ohne Tiefgang

Die Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner skurrilen Besetzung. Das Dorf gleicht einem menschlichen Kuriositätenkabinett:
Ein Hellseher mit beunruhigenden Visionen.
Eine Familie aus der rechten Szene.
Ein Prepper, bereit für den Weltuntergang.
Ein autistischer Junge als stiller Beobachter.
Diese Figurenkonstellation verspricht Hochspannung, doch hier liegt auch die Krux: Während die Beziehungen untereinander zwar für Reibung und kryptische Dialoge sorgen, fehlt es der Geschichte an erzählerischer Tiefe. Die Handlung plätschert solide dahin, lässt aber die großen Wendungen und die atmosphärische Verdichtung vermissen, die man von dem Autorenduo gewohnt ist.

Wo ist Tom Stilton?

Der größte Wermutstropfen für Fans der Reihe: Die gewohnte Dynamik fehlt. Olivia agiert fast bis zum Finale als Einzelkämpferin. Die einstigen Ankerfiguren Tom Stilton und Mette Olsäter verblassen zu bloßen Randnotizen oder fernen Mentoren.
Ohne das Gegengewicht von Stilton verliert die Erzählung an erzählerischer Qualität. Die exklusive Perspektive Olivias engt den Raum für die Charakterentwicklung der anderen Figuren spürbar ein. Erst im letzten Drittel blitzt das alte Potenzial auf, wenn sich die Abhängigkeiten und Geheimnisse der Dorfbewohner endlich entwirren.

Fazit: 

Ein handwerklich solider Krimi mit einem großartigen Setting, der jedoch unter der Abwesenheit seiner stärksten Charaktere leidet. Ein Muss für Komplettisten, aber ein eher blasserer Beitrag zur Serie.

Michael Sterzik

Montag, 8. Dezember 2025

Der Silberbaum - Das Ende der Welt - Sabine Ebert


Sabine Ebert, die Grande Dame der historischen Literatur, nimmt uns in "Der Silberbaum – Das Ende der Welt" erneut mit in die düstere, faszinierende Welt des Mittelalters. Es ist eine Epoche, in der der allgegenwärtige Glaube an Himmel und Höllenfeuer das tägliche Leben regiert und keinen Halt vor sozialen Schranken macht. Doch die wahre Macht entfaltet sich nur in den Händen von Kaiser, König und Papst, deren politisch-religiöse Konflikte sie ihre Bevölkerung leichtfertig dem Leid und dem Tod aussetzen lassen.

Der noch junge Meißner Fürst Markgraf Heinrich muss sich einer nie da gewesenen Bedrohung stellen. Doch als endlich bessere Zeiten anbrechen, er glänzende Turniere veranstaltet, die Aussicht bekommt, Thüringen zu erben und seinen Sohn mit einer Kaisertochter zu vermählen, trifft ihn ein schmerzlicher Verlust. Dann wird auch noch der Stauferkaiser Friedrich II. von der Kirche für abgesetzt erklärt. Heinrich muss viele Stufen von Verrat miterleben, als sogar enge Verwandte die Seiten wechseln. In diesen dunklen Zeiten stehen ihm vor allem Marthes Sohn Thomas, ihr Enkel Christian und ihre Enkelin Änne zur Seite. Die Dichterin Milena wird nicht nur zur Chronistin der Ereignisse, sie beweist auch die Kraft von erzählter Geschichte. (Verlagsinfo) 

Der eigentliche Fokus dieses historischen Romans, so stellt sich schnell heraus, liegt auf der erschreckend genauen Darstellung der Rolle der Frau. Fernab jeder Emanzipation werden wir Zeugen eines Lebens, das von Abhängigkeit, willkürlicher Brutalität und klar definierten Pflichten bestimmt wird. Ebert gelingt hier eine brillante, wenngleich oft schockierende Präsentation des weiblichen Alltags: Der Wert einer Frau war gering, die arrangierte Ehe diente als politisches Pfand, nicht der Romantik.

Schwache Handlung, starke Frauenporträts

Leider präsentiert sich der zweite Band der Reihe als spürbar schwächer und oberflächlicher als seine Vorgänger. Die großen politischen Auseinandersetzungen, der Streit der Könige auf dem Schlachtfeld oder die kirchliche Brandmarkung des Kaisers als Antichrist – alles, was die Epoche so brisant macht – wird viel zu wenig beleuchtet. Sekundär gestreift, aber nicht im Detail ausgeführt.

Stattdessen rücken die Schicksale der fiktiven weiblichen Protagonistinnen ins Zentrum, teils bis ins kleinste Detail beschrieben. Obwohl die historische Detailtreue in Bezug auf Bräuche und Alltagsgegenstände unbestreitbar ist, lässt die Romanhandlung in ihrer Erzählung um Markgraf Heinrich viele Handlungsstränge unbeachtet und Schicksale ungeklärt.

Besonders die Darstellung der Religion ist ernüchternd realistisch. Ebert spart nicht mit Kritik an der römisch-katholischen Kirche jener Zeit und karikiert humorvoll die Menschen, die in prophetischer Weltuntergangsfurcht Hab und Gut verschenken – um dann festzustellen, dass das Ende der Welt wieder einmal nicht eingetreten ist.

Fazit:

"Der Silberbaum – Das Ende der Welt" ist ein Roman für eine spezifische Zielgruppe. Wer sich tief in die historischen Details und die alltäglichen Dramen der Frauen des Mittelalters einlesen möchte, wird hier fündig. Wer jedoch ein fesselndes Epos mit starkem Fokus auf die politischen und militärischen Machtkämpfe des Adels erwartet, wird enttäuscht. Der Roman bietet zwar den gewohnt hohen Unterhaltungswert einer historischen Koryphäe, lässt aber in seiner Eindimensionalität viele Fragen offen und verharrt zu sehr an der Oberfläche der großen Geschichte. Schade.

Michael Sterzik


Dienstag, 25. November 2025

Eisland - Kim Faber und Janni Pedersen


Wenn das Fundament der Gerechtigkeit bröckelt: Ermittlungs- und Verfahrensfehler können Existenzen in Schutt und Asche legen. Solche Justizirrtümer zerstören unwiederbringlich – nicht nur die verurteilte Person. Auch für die Opfer und ihre Angehörigen ist es eine unerträgliche Bürde, wenn ein potenzieller Täter die Freiheit zurückerhält. Doch auch die Ermittler selbst bleiben von dieser moralischen Zerreißprobe nicht unberührt. Die quälende Frage, ob der Freigelassene erneut schwere Verbrechen, vielleicht sogar einen weiteren Mord begeht, lastet wie ein Mühlstein auf ihrem Gewissen und lässt den Kompass der Gerechtigkeit ins Trudeln geraten.

In diesem Spannungsfeld positioniert das dänische Autorenduo Faber und Pedersen den vorliegenden fünften Band ihrer Erfolgsserie. Sie tauchen tief in diese moralischen Grauzonen ein und verweben sie geschickt mit der Schattenwelt der organisierten Bandenkriminalität. Man spürt: Die Reihe stellt sich neu auf. Frische Gesichter betreten die Bühne des Verbrechens, was dem etablierten Ensemble eine neue Dynamik verleiht.

Die Handlung beginnt mit einem Paukenschlag: Nach sieben Jahren wird der Mörder eines elfjährigen Jungen freigelassen – die Schuld ist juristisch nicht mehr haltbar. Doch Signe Kristiansen und Martin Juncker von der Kopenhagener Polizei sind fest von seiner Täterschaft überzeugt. Entgegen aller Anweisungen ihrer Vorgesetzten nehmen die beiden Ermittler die Jagd wieder auf. Als kurz darauf ein Staatsanwalt spurlos verschwindet, entdeckt ihre Kollegin Nabiha Khalid eine explosive Verbindung, die alle Fälle in einem brisanten Licht erscheinen lässt … (Quelle: Verlagsinfo)

„Eisland“ ist mehr als nur ein Thriller – es ist ein Spiegelbild nordischer Realität. Die Autoren scheuen sich nicht, schmerzhafte, brisante Themen zu sezieren: Neben dem klassischen Mordfall beleuchten sie die finsteren Abgründe organisierten Kindesmissbrauchs und das Wirken internationaler Verbrechersyndikate, die auch in Skandinavien längst Fuß gefasst haben.

Um ihren Protagonisten eine greifbare Tiefe zu verleihen, gewähren uns Faber und Pedersen einen intimen Einblick in das Privatleben der Ermittler. Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Gesetzestreue und persönlicher Verzweiflung. Diese schonungslose Thematisierung des Privaten wirkt dabei nie aufgesetzt, sondern unterstreicht die absolute Realitätsnähe der gesamten Handlung.

Die architektonische Konstruktion der Geschichte ist schlichtweg formvollendet. Dies ist keine phantasievolle Räuberpistole mit unrealistischen Zufällen oder Figuren, die Klischees bedienen. Der erweiterte Cast ist eine gelungene Bereicherung, die das Spektrum von Signe Kristiansen und Martin Juncker zwar neu justiert, aber ihre Relevanz keineswegs schmälert.

Die Erzählgeschwindigkeit ist hervorragend getaktet, und der Wechsel der Perspektiven verschafft dem Leser nicht nur eine tiefere Charakterzeichnung, sondern auch Momente, um Atem zu holen. Die Autoren legen erkennbar Wert auf die konsistente und logische Weiterentwicklung ihrer Figuren; Brüche oder Widersprüche sind Fehlanzeige. Die Dialoge und Interaktionen wirken durchdacht und gehen weit über das Oberflächliche hinaus.

Unterm Strich kann man dem sechsten Teil dieser Dänen-Krimireihe mit großer Vorfreude entgegensehen. Ein Wiedersehen mit diesem brillanten Figuren-Ensemble ist garantiert. „Eisland“ markiert unbestreitbar einen der stärksten Titel innerhalb der Serie.

Fazit

Ein schonungslos realistischer Kriminalroman mit garantierter Sogwirkung und einem absolut authentischen Hintergrund. Die skandinavische Krimilandschaft beweist mit solchen Titeln ihre ungebrochene Hoftauglichkeit.


Michael Sterzik

Mittwoch, 12. November 2025

Rabens Rache - Christian von Ditfurth


Christian von Ditfurths vierter Band der Karl-Raben-Reihe ist weit mehr als ein historischer Kriminalfall: Es ist eine unbarmherzige Konfrontation mit dem Beginn des Vernichtungskrieges 1939 und dem allgegenwärtigen Terror des NS-Staates. Mit dem Überfall auf Polen beginnt nicht nur das lange Leiden der Zivilbevölkerung durch die Willkür der deutschen Besatzung, sondern auch die systematische Mordmaschinerie der SS nimmt Gestalt an. Während Kriegsverbrechen in Deutschland propagandistisch als "Heldentaten" verharmlost werden, zieht sich die Schlinge des Überwachungsstaates erbarmungslos zu – jede Kritik führt in die Fänge der Gestapo oder ins KZ. In dieser Atmosphäre der Angst, Denunziation und des geflüsterten Widerstands beginnt die Geschichte von Karl Raben.

Es ist der 1. September 1939. Hitler überfällt Polen. Kommissar Karl Raben wird in eine der Einsatzgruppen eingezogen, die hinter der Front Juden ermorden sollen. Doch als er sich weigert, an einer Massenerschießung teilzunehmen, wird er zur Kripo in Berlin zurückversetzt. Dort beschäftigt ihn der Mordfall eines Abteilungsleiters in Joseph Goebbels‘ Propagandaministerium. Einer der Verdächtigen steht bereits auf der Liste des Kommissars: Fred Wetterau, der Filme für die Nazi-Wochenschau dreht, ist auch einer der Mörder des Kommunisten Kurt Esser, die Raben seit 1932 verfolgt. Da Wetterau gerade in Posen dreht, muss Raben zurück ins besetzte Polen, um zu ermitteln. Währenddessen zählt SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich in Berlin eins und eins zusammen: Kann es Zufall sein, dass Essers Mörder einer nach dem anderen unter ungewöhnlichen Umständen sterben? (Verlagsinfo) 

Christian von Ditfurth, der sein historisches Wissen als Autor meisterhaft nutzt, erschafft einen Roman, der einem Anti-Kriegsbericht gleichkommt. Mit beklemmender Bildgewalt schildert Raben die Schrecken der Schlachtfelder in Polen: zerfetzte Körper von Frauen und Kindern, vollständig zerstörte Dörfer. Der Autor macht die Gräuel der Massenerschießungen erfahrbar.

Besonders erschütternd sind die Dialoge mit den Tätern, die sich im Dunstkreis von Alkoholexzessen über ihre psychischen Belastungen beklagen. Der Roman zeigt, wie junge Soldaten und Familienväter systematisch zu Mördern geformt werden. Auch die Nazi-Größen Goebbels, Himmler und Heydrich treten auf und verkörpern die irre, übermenschliche Ideologie des Regimes.

"Rabens Rache" ist eine schwere Kost, deren beklemmende Atmosphäre den Schrecken der Zeit nachhaltig widerspiegelt. Die Hauptfiguren agieren auf einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Ihr Widerstand ist mutig, aber nicht selbstmörderisch. Sie leisten Gegenwehr und töten, teils aus Selbstschutz, teils um Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Man mag die Methoden verurteilen, doch man wird unweigerlich zum Sympathisanten der Verzweiflung eines Karl Raben, der es durch Schläue und Raffinesse immer wieder schafft, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

Fazit

Dieser Roman nimmt Schrecken und Verzweiflung an die Hand der Spannung. "Rabens Rache" ist ein fesselnder, realistischer Band, der nicht nur unterhält, sondern zum Verständnis der komplexen Opfer- und Täterrollen in unserer Geschichte beiträgt. Man kann sich bereits auf die Fortsetzung der Reihe und das weitere Schicksal dieser liebgewonnenen Figuren freuen.

Michael Sterzik

Freitag, 31. Oktober 2025

Rabenthron - Rebecca Gable

 


Rebecca Gable, die unbestrittene Königin des historischen Romans, entführt uns in ihrem neuesten Werk „Rabenthron“ (Bastei Lübbe Verlag) in ein England, das von den gnadenlosen Raubzügen der Nordmänner – Dänen und Norweger – in seinen Grundfesten erschüttert wird. Was einst mit einzelnen Wikingerschiffen begann, die kleine Küstendörfer und Klöster plünderten, entwickelte sich zu einer professionell organisierten Invasion ganzer Flottenverbände. Ihr Ziel: nicht nur Raub und Zerstörung, sondern die dauerhafte Ansiedlung auf englischem und französischem Boden.

Die Küsten Englands und Frankreichs werden zu Brutstätten der Wikingersiedlungen, der Einfluss skandinavischer Adeliger in der Normandie wächst stetig, und mit ihm der unerbittliche Wille, England zu erobern. Das Land wird zu einem jahrzehntelangen Schlachtfeld, auf dem der Einfluss der Wikinger und später der Normannen immer stärker wird. Eine Eroberung, die weit über die Insel hinaus ganz Europa prägen sollte, indem sie die angelsächsische Sprache durch das anglonormannische ablöste und so den Grundstein für das moderne Englisch legte.

Im Herbst des Jahres 1013 reist der junge Engländer Ælfric of Helmsby nach London, um den dänischen Gefangenen Hakon bei Hofe abzuliefern. Doch die Stadt liegt in Trümmern, ein Spiegelbild des schwachen Königs Ethelred, der sein Reich nicht vor den ständigen Wikingerüberfällen schützen kann. Entgegen aller Erwartungen sind Ælfric und Hakon keine Feinde, sondern Freunde geworden, die sich auf ihrer gefährlichen Reise aufeinander verlassen mussten. Schon bald gehören sie zum inneren Kreis der machtbewussten Königin Emma. Doch der Widerstand der Engländer bröckelt, und mit dem Tod des dänischen Königs steht ein noch gefährlicherer Feind vor den Toren... (Verlagsinfo)

Die Wut der Wikinger, entfacht durch die blutige Nacht am 13. November 1002, als König Ethelred die dänischen Siedler in ganz England abschlachten ließ, ist der eigentliche Auslöser für die Eroberung Englands. An diesem schicksalhaften St.-Brice-Day wurde auch die Schwester des dänischen Königs ermordet, was die Rachegelüste der Nordmänner ins Unermessliche steigerte.

Die packende Geschichte erstreckt sich über die Jahre 1013 bis 1041 und rückt Königin Emma ins Zentrum des Geschehens. Als Normannin, die den englischen König heiratete, wird sie als kluge und machtbewusste Strategin dargestellt, die ihr eigenes „Game of Thrones“ spielt. Die Autorin zeichnet ein gnadenloses Bild von König Æthelred: zögernd, mutlos und fast depressiv, unfähig, sein Volk gegen die Wut und den Eroberungswillen der Dänen und Norweger zu verteidigen.

Rebecca Gable bleibt den historischen Quellen und Fakten treu, verwebt sie jedoch gekonnt zu einem spannenden Roman, der immer wieder auch als fesselnder „Geschichtsunterricht“ dient. Die Kriege werden nicht nur auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern auch durch geschickte Verhandlungen und trickreiche Intrigen. Wer Gables Romane kennt, wird ihr erzählerisches Muster wiedererkennen, das sich an ihren früheren Werken orientiert, ohne dabei in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Neben unangenehmen Figuren finden sich auch hier wieder starke, sympathische Charaktere.

Dieser unterhaltsame Band, ein Prequel, das die Helmsby-Reihe abschließt, besticht durch seine originelle und fesselnde Erzählweise des englischen Mittelalters. Auch wenn die Dramaturgie manchmal allzu offensichtlich ist, verzeiht man der Autorin diese schriftstellerische Freiheit, die uns ein „So könnte es gewesen sein“ präsentiert.

Fazit:

Faszinierende Geschichtsstunden mit einer starken Frau im Mittelpunkt, die die vernichtende Wirkung von Worten zu nutzen weiß.

Michael Sterzik

Montag, 6. Oktober 2025

Assassins Anonymous - Rob Hart


Der ernsteste Job der Welt trifft auf die absurdeste Therapiegruppe.
Das Genre ist bekannt für seine ernste Miene. Doch "Assassins Anonymous" bricht alle Regeln. Dieses Buch liefert nicht nur die spannenden Entwicklungen und raffinierten Täter, die Sie erwarten, sondern auch eine emotionale Tiefgründigkeit und einen unerwarteten Humor, der entwaffnet.


Im Mittelpunkt: die ultimative Sucht. Es geht nicht um Geld oder Rache – es geht um den Rausch des Tötens, der sich wie ein kurzfristiges Gottgefühl anfühlt. Die Täter jagen ihren nächsten Kick, aber sie jagen auch eine Lösung.
Und genau hier wird es verrückt: Statt Ermittlern, Zellen und Verhören gibt es nun... Gruppentherapie.


Kann tödliche Sucht geheilt werden? Ist der Mord zur Rettung vieler Leben eine Rechtfertigung oder nur eine Ausrede? Packend, provokant und brillant gemischt. Bereiten Sie sich auf einen Roman vor, der Sie lachen und nachdenken lässt, oft innerhalb derselben Seite.


Einst war Mark der gefährlichste Auftragskiller der Welt. Doch inzwischen hat er dieses Leben hinter sich gelassen und ist den Assassins Anonymous beigetreten, einer geheimen Selbsthilfegruppe für reumütige Auftragsmörder, und folgt deren Zwölf-Stufen-Programm.
Kurz vor seinem einjährigen Jubiläum wird Mark von einem mysteriösen Russen angegriffen, der ihn schwer verletzt und halbtot zurücklässt. Wissend, dass sein Angreifer zurückkehren wird, muss Mark schleunigst herausfinden, wer ihn umbringen wollte und warum. Aber wie soll er überleben, ohne rückfällig zu werden und selbst jemanden zu töten? (Verlagsinfo) 


Assassins Anonymous" ist ein Pageturner, der Ihre Erwartungen nicht erfüllen will.
Im Zentrum steht Mark, ein Mörder auf dem schmerzhaften Weg der Besserung. Sein verzweifelter Kampf, bei jeder körperlichen Auseinandersetzung nicht in die alten, tödlichen Muster zu verfallen, ist gleichzeitig amüsant und zutiefst rührend. Denn hinter der Fassade des Killers steckt ein Mann mit Empfindungen, der sich schmerzlich bewusst wird, was er getan hat.
Das Figurenensemble: Mörder, ja. Aber nicht Schwarz und Weiß.


Rob Hart verweigert die einfache Kategorisierung in Gut und Böse. Stattdessen beleuchtet er eine Selbsthilfegruppe voller Mörder – nette, vielschichtige Menschen, die alle vor dem gleichen Problem stehen: Der Drang zur Normalität ist ein endloser Maskenball, der ihre Seele zu zersplittern droht. Das überdimensionierte Puzzle dieser zerbrochenen Seelen wird zur Therapiestunde auf Lebenszeit mit ungeahnter Eigendynamik.


Philosophische Tiefe ersetzt den Betondeckel über die Taten.
Wer sind die Auftraggeber hinter den bestellten Tötungen? Sind sie nicht auch Handlanger des Todes, damit ebenso schuldig? Der Roman stellt die fundamentalen Fragen: Wann ist ein Mord gerechtfertigt? Die Antworten darauf gibt er uns nicht – die müssen wir uns selbst geben.
Mit Actioneinlagen von hervorragender Choreografie und dem konzentrierten Blick auf Marks persönliche Entwicklung (der Fokus liegt ausschließlich auf ihm und seiner prägenden Vergangenheit) zieht Hart Sie unwiderstehlich in die Geschichte. Am Ende werden Sie mit den Überlebenden sympathisieren und traurig sein, dass die Handlung zu Ende ist.


Fazit: Ein origineller Roman, der Spannung, eine Prise schwarzen Humors und tiefgreifende philosophische Gedankengänge vereint. Ein unterhaltsamer Pageturner, der anders ist – und gerade deshalb auf ganzer Linie überzeugt.

Michael Sterzik

Sonntag, 28. September 2025

Mörder unter uns - Hariett Drack


Hariett Drack entführt uns in ihrem neuesten Werk "Mörder unter uns" in eine Welt, in der das Böse oft ein vertrautes Gesicht trägt. Der nette Nachbar von nebenan, die langjährige Freundin, der eigene Partner – Menschen, die wir zu kennen glauben, entpuppen sich als Protagonisten düsterer Dramen. Drack beleuchtet die rätselhaften Facetten unserer Existenz, jene Momente emotionaler Überreaktion, die uns zu Taten treiben, die wir weder von uns selbst noch von anderen erwartet hätten.


Oft begegnen uns solche Individuen im Alltag, ohne dass wir ihre dunkle Seite erahnen. Wir neigen zu vorschnellen Urteilen, betrachten Taten als isolierte Momentaufnahmen und verurteilen, ohne die verborgene Vergangenheit zu kennen, die ein Verbrechen möglicherweise erklären könnte. Doch die Tat bleibt bestehen, während die Motive im Dunkeln verweilen.

Die vermeintliche Gleichheit vor Gericht und die Neutralität des Gesetzes entpuppen sich als Halbwahrheiten. Ebenso die Annahme, dass Verbrecher stets moralisch verkommene Individuen sind. Drack entlarvt diese Klischees und präsentiert uns Menschen, die wir alle kennen könnten – ob als Täter oder Opfer.

Als Gerichtsreporterin saß Harriett Drack in der ersten Reihe bei den bizarrsten und spektakulärsten Kriminalfällen, die vor dem Kölner Landgericht verhandelt wurden. Sie erzählt von einem rachesüchtigen Patienten, der seine Therapeutin entführt, einem Pädophilen, der seine Neigungen als Erzieher auslebt, und einer verzweifelten Mutter, die aus Angst vor ihrem rechtsradikalen Lebensgefährten ihr Kind tötet.

Mit prägnantem und klarem Blick erklärt sie, wie Täter ticken und warum nicht immer alle Motive einer Tat aufgedeckt werden können. Ihre Einblicke sind zugleich erschütternd und fesselnd, indem sie von wahren Verbrechen berichtet, die unweigerlich Fragen über Schuld und Verantwortung aufwerfen. (Verlagsinfo)

Die zwanzig Geschichten in diesem "True Crime"-Titel sind ein Wechselbad der Emotionen. Einige sind schwer zu ertragen, da die Motivation und Erklärung der Täter vor Gericht nicht mit unserem Empfinden von Gut und Böse in Einklang zu bringen sind. Andere wiederum lassen uns schmunzeln oder erstaunt nachdenken.

Dracks schriftstellerischer Stil ist packend, doch die Kürze mancher Fälle hinterlässt offene Fragen und den Wunsch nach mehr Tiefe. Einige Geschichten, die nur auf zwei Seiten beschrieben sind, hätten zugunsten ausführlicherer Darstellungen weggelassen werden können. Es sind leider zu kurz geratene Kurzgeschichten.

Fazit:

"Mörder unter uns" ist ein spannender und unterhaltsamer Titel – ideal für kurzweilige Leseerlebnisse. Es sind kleinere Gute-Nacht-Geschichten, die man auch zwischendurch genießen kann. Ich persönlich würde mir wünschen, einen umfangreichen Roman von Harriett Drack zu lesen, um noch tiefer in ihre faszinierende Welt der Kriminalfälle einzutauchen.

Michael Sterzik

Montag, 22. September 2025

Der Trailer - Linus Geschke


Das Böse zu definieren, gleicht dem Versuch, einen Schatten zu fassen. Obwohl es in jedem Leben seine Spuren hinterlässt, entzieht es sich einer klaren Kontur. Wir sind Mitschöpfer dieser Negativität, oft verfangen in ihrem Netz, manchmal suchen wir sogar ihre Unterstützung und nutzen sie als Versteck.

Es ist eine polarisierende, intelligente Kraft, die uns unaufhaltsam verändert, wie ein stiller Tsunami, dessen mörderische Wellen alles in seiner Umgebung zu verschlingen drohen. Und doch liegt in diesem Abgrund eine verlockende Faszination. Wir bewundern die scheinbare Unabhängigkeit, das unerschütterliche Selbstbewusstsein und die Stärke, die das Böse auszustrahlen scheint – Eigenschaften, die wir uns so sehr wünschen. So korrumpiert die Macht, und das Böse versteckt sich oft hinter der verführerischen Maske des Guten.

Besonders charismatische Menschen, die scheinbar grenzenlos ihren eigenen Weg gehen, üben dabei eine besondere Anziehung aus. Doch hinter der selbstbewussten Fassade, in den stillen Momenten der Selbstreflexion, zerfließen die klaren Grenzen. Dort, wo man sich selbst schonungslos analysiert, offenbart sich die wahre, unscharfe Wahrheit über das Grenzgebiet zwischen Gut und Böse.

Der vorliegende Roman von Linus Geschke: „Der Trailer“ thematisiert den Begriff „Böse“ und das auf einem hohem Spannungsniveau. 

Ein abgelegener Campingplatz in den Ardennen. Eine Studentin, die dort unter mysteriösen Umständen verschwindet. Als der Fall auch 15 Jahre später noch ungelöst ist, nimmt die Hamburger Kommissarin Frieda Stahnke an einem True-Crime-Podcast teil, um den Fokus der Öffentlichkeit erneut auf die Geschehnisse zu richten. Sie ahnt nicht, dass sie damit nur weitere Morde auslösen wird.

Wout Meertens, ein schmieriger Barbesitzer aus Köln, hört diesen Podcast. Er war zur selben Zeit wie die verschwundene Lisa Martin in Camp Donkerbloem, aber er redet nicht mit der Polizei. Verurteilte Stalker tun das nie. Nicht, wenn sie sich nicht selber verdächtig machen wollen.

Als sich die Wege von Frieda und Wout kreuzen, wird klar, dass sie nur gemeinsam herausfinden können, was mit Lisa Martin geschah. Dafür müssten sie sich jedoch vertrauen – ohne es später zu bereuen …(Verlagsinfo) 

Manche Krimis fesseln uns durch die bloße Wucht ihrer Handlung, eine Sogwirkung, die uns das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Doch dann gibt es Romane, in denen die Charaktere so vielschichtig sind, dass die eigentliche Handlung zur Nebensache wird. „Der Trailer“ von Linus Geschke ist genau so ein Buch.

Die Geschichte an sich ist nicht revolutionär, aber das ist hier auch nicht der Punkt. Geschke scheint bewusst auf stereotypische Muster zu verzichten. Stattdessen tauchen wir ein in ein komplexes Spiel, in dem die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge fließend und verdammt groß ist. Es gibt keine einfache Moral, die uns am Ende beruhigt.

Das Herzstück dieses Romans sind die Charaktere. Sie sind meisterhaft und tiefgründig gezeichnet. Geschke überlässt es uns, sie einzuordnen – ein scheinbar einfaches Gut-Böse-Schema, das sich jedoch schnell auflöst. Denn in dieser Welt ist das Böse salonfähig und raffiniert, fernab von klischeehaften Bösewichten. Es gibt keine klassische Rollenverteilung. Stattdessen begegnen wir fehlerhaften Menschen, deren Handlungen oft unvorhersehbar sind und nicht unseren Erwartungen entsprechen.

Die Verwandlung vom Guten ins Böse wird hier als ein Prozess dargestellt, der nicht immer eine bewusste Entscheidung ist, sondern eine Reaktion auf erlittenes Leid. Wenn man gezwungen oder tief verletzt wird, kann sich eine Eskalationsspirale in Gang setzen, die das Fundament der eigenen Seele erschüttert. Verbrechen ist eben kein erlernbarer Beruf, sondern oft eine Konsequenz menschlicher Abgründe.

Obwohl „Der Trailer“ der erste Teil einer Trilogie ist, bietet er einen in sich abgeschlossenen Handlungsstrang. Die Weichen für die Fortsetzungen sind jedoch subtil gestellt. Die Spannung entsteht nicht durch unglaubwürdige Zufälle oder überdrehte Räuberpistolen, sondern durch die beklemmende Realität der Figuren und ihrer Motive. Nach der Lektüre wird man unweigerlich über diese Charaktere nachdenken müssen – sie lassen einen nicht so schnell los.

Fazit:

Die Monster in „Der Trailer“ sind verdammt menschlich und das Böse ist salonfähig. Ein großartiger Pageturner, der lange nachwirkt.

Michael Sterzik

Sonntag, 14. September 2025

Die Dolmetscherin - Titus Müller

In einer Zeit, da Deutschland unter den Trümmern eines verlorenen Krieges begraben lag, schlug die Stunde der Gerechtigkeit in Nürnberg. 1945 hatte die bedingungslose Kapitulation nicht nur das Ende eines grausamen Krieges besiegelt, sondern auch die Flucht und den Freitod vieler Nazigrößen ausgelöst, die sich der Rechenschaftspflicht entziehen wollten. Doch die Sieger waren unerbittlich, und so standen im November 1945 die Hauptkriegsverbrecher vor einem internationalen Militärgerichtshof – die Augen einer gespannten Weltbevölkerung ruhten auf ihnen, sehnend nach Gerechtigkeit und vielleicht auch einem Hauch von Rache.


Nürnberg, einst die Stadt der Reichsparteitage, wurde zum Schauplatz eines historischen Prozesses, der nicht nur das Schicksal der Angeklagten besiegelte, sondern auch die Geburtsstunde des modernen Simultandolmetschens markierte. Ein Dutzend Dolmetscher, Frauen und Männer, standen unter enormem psychologischen Druck, als sie die unfassbaren Grausamkeiten der Vergangenheit in Echtzeit übersetzen mussten.


Asta arbeitet als Dolmetscherin im Kurhotel »Palace« in Mondorf-les-Bains, wo die US-Armee gefangengenommene Nazi-Größen interniert. Am 20. Mai 1945 reist ein neuer Gast an. Er bringt 16 Koffer, eine rote Hutschachtel und seinen Kammerdiener mit. Es ist Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Hitlers designierter Nachfolger. Asta übersetzt bei den Verhören, reist dann mit nach Nürnberg zu den Prozessen und wird jeden Tag im Gerichtssaal anwesend sein, die abscheulichsten Dinge zu hören bekommen und sie zudem ins Englische übertragen müssen. Umso empfänglicher ist sie für Leonhard, ein junger, sensibler Mann, der ihr sanft den Hof macht. Doch seine Vergangenheit ist undurchsichtig und er stellt verdächtig viele Fragen zu den Prozessen (Verlagsinfo) 


Titus Müller zeichnet ein erschütternd realistisches Bild des Deutschlands nach dem Krieg: Trümmerlandschaften, in denen Frauen und Kinder verzweifelt nach Überresten suchen, um auf dem Schwarzmarkt ein Überleben zu sichern. Die Überlebenden sind gebrochen, desillusioniert, ihre Zukunft düster. Sie haben Ehemänner, Brüder, Kinder verloren – auf den Schlachtfeldern Europas oder in den höllischen Bombennächten. Ihr Zuhause, ihre Zuversicht, ihr Glaube an einen „Führer“ sind zerbrochen. Sie fühlen sich betrogen, verlassen, gedemütigt – die glorreiche Zukunft, die ihnen einst prophezeit wurde, ist in Asche zerfallen.


Der Autor lässt uns teilhaben an den Sorgen und Ängsten der Menschen, die in den Ruinen von der Hand in den Mund leben. Er erzählt von heimkehrenden Kriegsgefangenen, die verzweifelt sind und sich nie wieder von den Schatten des Tötens und Sterbens lösen können. Müllers Recherchen sind beängstigend präzise, wenn er die Aussagen und Wortmeldungen der Kriegsgefangenen im Kreis Hermann Görings interpretiert. Alle plädierten auf „Nicht schuldig“, sahen sich als Opfer, als Befehlsempfänger, und beschuldigten sich gegenseitig.


In „Die Dolmetscherin“ wird Hermann Göring zum Sinnbild der Angeklagten: menschenverachtend, polarisierend, psychopathisch, selbstverliebt – eine realistische Aufarbeitung des Verbrechers, die unter die Haut geht. Müller beleuchtet zahlreiche historische Nebenfiguren und erschafft ein facettenreiches Panorama dieser dunklen Zeit.


Trotz der objektiven Betrachtung des Romans bleibt ein kritischer Punkt: die Plausibilität der Dolmetscherin Asta. Ihre Figur wirkt überzogen, mitunter völlig unrealistisch, und es fehlt ihr an menschlicher Tiefe. Sie erscheint eindimensional und unglaubwürdig. Eine Liebesgeschichte, die eine Prise Dramatik und Emotionalität in die Erzählstruktur bringt, ist zwar sympathisch und gut integriert, kann aber die Schwäche der Hauptfigur nicht ganz ausgleichen.


Dennoch ist dieser Roman als thematischer Auftakt großartig. Er fängt die Kernaussagen der Angeklagten ein und spiegelt die beklemmende Atmosphäre im Gerichtssaal wieder. Besonders gelungen ist die Darstellung der „Zerrissenheit“ der Besiegten, ihrer hohlen Entschuldigungen, des fehlenden Wissens und der fehlenden Reue. Ein moralischer und ethischer Kompass scheint bei diesen Menschen deinstalliert worden zu sein. Auch die Interessen und Motivationen der Siegermächte werden thematisiert, ebenso die provokante Frage, ob die Bombardierung der Alliierten nicht auch ein Kriegsverbrechen war – eine philosophisch und politisch tiefgründige Frage.


Fazit:

 Ein wichtiges Buch, das auf eindringliche Weise zeigt, dass Gerechtigkeit ihren Weg findet, nicht nur im Gerichtssaal. Titus Müller versteht es meisterhaft, emotionalen Geschichtsunterricht zu erteilen, dem man keine einzige Stunde missen möchte. Ein tief berührendes Werk, das lange nachwirkt und zum Nachdenken anregt.


Michael Sterzik 






Dienstag, 9. September 2025

Totenbuch - Alex Thomas


Der Totenkult im alten Ägypten war recht komplex. Durch eine Vielzahl von Ritualen wurden die sterblichen Menschen darauf vorbereitet, nach ihrem physischen Tod in ein anderes Leben einzutreten. Es war ein ausgesprochen wichtiges Ziel, sich auf diesen Übergang vorzubereiten.

Der Weg ins Jenseits war nicht für jeden garantiert. Die Ägypter glaubten an ein Totengericht, das über das Schicksal der Verstorbenen entschied. Die Göttin Maat: Maat war die altägyptische Göttin der Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung und kosmischen Harmonie. Sie wird oft als Frau mit einer Straußenfeder auf dem Kopf dargestellt. Diese Feder ist das Symbol für die Wahrheit und das Prinzip der Maat selbst.

Das alte Ägypten hält noch eine Menge ungelöster Geheimnisse und Fragen parat, auf die unsere moderne Wissenschaft noch keine abschließenden Ergebnisse vorweisen kann. Viele Thesen und Theorien unter Historikern und Ägyptologen gibt es zwar, und hier gibt es auch Ausflüge in populäre Spekulationen, dass beispielsweise die Pyramiden mithilfe von Außerirdischen gebaut worden seien. Eine interessante Theorie, die man hinsichtlich der modernen Forschung zwar nicht gänzlich ausschließen kann, die aber auch nicht unterstützt wird. Ein historischer, mystischer Gedanke wird sich also immer unter Verschwörungs- und paranormalen Hobbywissenschaftlern manifestieren.

In den spannenden Romanen des Autorenehepaares Alex Thomas spielt die Mystik immer wieder eine spannende Rolle.

Entsetzen auf der weltbekannten Berliner Museumsinsel: Im Kuppelsaal der Nofretete wird eine grausam verstümmelte Leiche entdeckt. Augen, Ohren und Zunge wurden entfernt. Kurz darauf wird ein zweites Opfer gefunden. Die ganze Stadt spricht schon bald von einem Pharaonenfluch. Kommissarin Annetta Niedlich und ihr pensionierter Ex-Chef Magnus Böhm stehen vor einem Rätsel, denn der Täter hinterlässt keine Spuren – nur ein mysteriöses Symbol aus dem Ägyptischen Totenbuch. Dann schlägt der Killer im Pergamonmuseum zu, und es wird klar: Die Opfer verbindet ein dunkles Geheimnis. Aber was hat es mit der „Waage der Maat“ auf sich? (Verlagsinfo)

Es ist der zweite Krimi mit der jungen Kommissarin Annetta Niedlich und ihrem nun pensionierten Kollegen. Der erzählerische Stil dieser Fortsetzung ist bekannt, ebenso die Verwendung eines kleineren, aber sehr guten Geschichtsunterrichts in Kombination mit mystischen Punkten. Wer hier allerdings einen Verschwörungsthriller/Krimi erwartet, wird diesen nicht finden. Trotzdem sind die Themen rund um Geschichte und Mystik der Fokus der Geschichte. Krimis gibt es viele auf dem Buchmarkt – leider zu wenige, die Legenden, Rituale, Traditionen usw. so geschichtlich gekonnt einbauen.

Die Bühne der Ereignisse ist natürlich die Museumsinsel in Berlin. Wer diese Museen schon besucht hat, wird nachvollziehen können, dass die Räumlichkeiten eine gewisse Atmosphäre vermitteln. Nicht unbedingt negativ, aber eine Aura voller Zeitzeugen der Geschichte und ihren Geheimnissen ist mehr als deutlich spürbar.

Die Charaktere werden gut in Szene gesetzt und bilden demnach auch muntere Nebengeschichten. Allerdings erfährt man von Böhm wesentlich mehr als von seiner Kollegin Niedlich. Letztere ist damit schwer einzuordnen.

Es gibt ein paar Punkte, die leider nicht näher erklärt worden sind. Warum diese Verstümmelungen bei den Opfern? Das wurde leider ausgeklammert. Der Erzählfluss und die Logik dahinter sind plausibel und solide. Spannend ist der Roman, wenn er inhaltlich auch manchmal kleinere Längen hat. Ich würde mir wieder einmal einen klerikalen Thriller wünschen: Wissenschaft, Glaube, Mythos – vielleicht ist das Thema auch übersättigt – die Autoren können das beide sehr gut. Also bitte Mut zur Lücke.

Vermisst habe ich in „Totenbuch“ die Originalität – das Besondere, das diesen Titel von der großen Masse der Kriminalromane hätte abheben können.

Fazit

Niedliche Ermittlungsmethoden ohne böhmische Dörfer. Solider Kriminalroman mit einem guten Unterhaltungswert.


Michael Sterzik

Sonntag, 31. August 2025

Die Sommergäste - Tess Gerritsen


Ferien und Urlaub – eine willkommene Auszeit und Gelegenheit zur Erholung, nach der wir uns alle sehnen. Es ist ein Ort der Ruhe und des Rückzugs, ein Zeitfenster, um mit der Familie zur Ruhe zu kommen, dem Alltag zu entfliehen und gemeinsam innezuhalten, um über zukünftige Wege nachzudenken oder den aktuellen Stand zu reflektieren.


Wenn man immer wieder an den gleichen Ort reist, trifft man natürlich auch immer die gleichen Menschen: Einheimische, die dort wohnen, wo andere Urlaub machen, und ganze Ortschaften, die von den Touristenströmen leben, in der Hoffnung, dass diese viel Geld in Restaurants, Geschäften, Hotels oder Pensionen ausgeben.


Diese Sommergäste werden oft polarisierend betrachtet. Es entstehen viele tiefe Freundschaften, aber auch Vorurteile und Abneigungen zwischen den Einheimischen und den Besuchern, die manchmal aus einer ganz anderen Welt kommen.


Tess Gerritsens zweiter Roman um den „geheimnisvollen Martini-Club“ greift dieses Thema im Titel „Die Sommergäste“ auf.


Jahr für Jahr kommen die Sommergäste nach Purity und beziehen die imposanten Ferienhäuser am Maiden Pond – misstrauisch beäugt von den Anwohnern, die den reichen Großstädtern nicht über den Weg trauen. Als eines Tages ein Mädchen aus einer der Urlauberfamilien verschwindet und kurz darauf menschliche Überreste aus dem See geborgen werden, spitzen sich die Ereignisse in der Kleinstadt zu. Die Polizei ermittelt erfolglos – bis Maggie Bird und der „Martini-Club“ ihre Expertise zur Verfügung stellen. Der Club mag zwar aus Spionen im Ruhestand bestehen – doch das Ermitteln verlernt man nie … (Verlagsinfo)


Der zweite Roman um den Bücher- und Kochclub der ehemaligen CIA-Agenten – dem „Martini-Club“ – ist ein unterhaltsamer Feel-Good-Roman. Er ist spannend, wenn auch etwas weniger actionreich als sein Vorgänger, bietet aber eine tolle Unterhaltung.


Die vertrackte Kombination von Vergangenheit und Zukunft bildet die Grundlage des Thrillers. Tess Gerritsen versucht immer wieder, den Leser durch Wendungen, neue Ereignisse und Szenen und mancherlei Überraschungen in der Geschichte zu fesseln – diese sind allerdings mehr oder minder abenteuerlich und auch vorhersehbar.


Dass die ehemaligen Spione also Profis in der Ermittlungsarbeit sind, liegt auf der Hand. Interessant ist allerdings, dass hier auch aufgezeigt wird, dass sie sich täuschen können, selbst wenn sie der ansässigen Polizei immer einen Schritt voraus sind. Wird also der Club der alternden Ex-Spione mit dem aktuellen Fall überfordert sein und sein unerschütterliches Selbstbewusstsein verlieren?


Es menschelt in dem Titel „Die Sommergäste“; man könnte fast meinen, dass die Protagonisten und ihre Schöpferin Tess Gerritsen ermüdet sind. Zu konstruiert wirkt manchmal die Handlung, und am Ende stellt sie sich als zu wenig originell heraus.


Das Zusammenspiel der Figuren ist allerdings toll aufgebaut – allein schon die Beziehungsebene zur jungen, ansässigen Polizeibeamtin Jo ist nicht ohne Humor. Eine Zweckgemeinschaft – wobei Jo wirklich alle Augen zudrückt, wenn es um die manchmal aufdringlichen Ermittlungsmethoden der ehemaligen Spione geht.


In diesem Roman erhält der Leser leider auch keine weiteren oder überhaupt neuen Informationen zu der Vergangenheit des “alten” Spionage-Clubs. Eigentlich hätte ich hier erwartet, dass man mehr aus deren aktiven Zeit erfährt. Aber vielleicht werden diese Themen in den nächsten Romanen aufgefasst. 


Fazit


Bei gutem Essen, mit einem guten alkoholischen Getränk und viel Konversation über Literatur – ja, genauso kann man diesen Roman genießen. Er ist nicht so spannend wie sein Vorgänger, aber eine Story, die jeden Sommer- und Feriengast in seiner ruhigen Komfortzone überzeugen kann.


Michael Sterzik